headeroben

Predigt 10. Sonntag im Jahreskreis B

„Kirche am toten Punkt?“

 10._Die_Kirche_ist_ihre_größte_Bedrohung2143.pdf

Einführung_Interview_2145.pdf

Liebe Schwestern und Brüder

„Die Kirche wird sich selbst zur größten Bedrohung“, so titelte die Süddeutsche nach dem Rücktrittsangebot von Kardinal Reinhard Marx am Freitag. Es war der Paukenschlag der vergangenen Woche. Damit hatte wohl niemand gerechnet. Schon vor Pfingsten hatte Kardinal Marx Papst Franziskus seinen Rücktritt als Erzbischof von München angeboten mit der Begründung, dass die katholische Kirche in Deutschland an einem toten Punkt angekommen ist und es jetzt deutliche Zeichen der Veränderung braucht. Es geht nicht um Schuld, sondern um Verantwortung, die er als Erzbischof für sein Bistum und für die Kirche in Deutschland trägt. Von seinen Gegnern wird jetzt spekuliert, ob Marx damit Untersuchungen aus seiner Zeit als Bischof von Trier zuvorkommen will. Das ist ungehörig und zeugt von einem bösen Geist, der sich hinter anscheinend frommen Gesichtern versteckt. Der Schritt von Kardinal Marx hat viele Reaktionen hervorgerufen. Einige jubeln, weil sie in ihm ihr liberales Feindbild gefunden haben. Betroffene und Vertreter von Missbrauchsopfern in der Kirche haben Marx gelobt für diesen mutigen Schritt, der zeigt, dass in der Kirche doch noch Einfühlungsvermögen und das Gespür für das Verantwortung über den Willen der Machterhaltung siegen können. Andere haben sich entsetzt gezeigt, so Bischof Georg Bätzing und der Präsident des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken, Thomas Sternberg. Ihnen merkte man die Spannung deutlich an zwischen Achtung vor dem Schritt des Münchner Kardinals und der Meinung, dass er eigentlich der Falsche ist. Das kann ich nicht beurteilen, aber es steht außer Frage, dass es hier nicht um eine Entscheidung geht, die nur die Einzelperson Reinhard Marx betrifft. In einem Atemzug mit Marx wird schon lange und jetzt noch intensiver der Kölner Kardinal, Rainer Maria Woelki, genannt. Der Kommentator der FAZ, Daniel Deckers, hat die Unterschiede zwischen beiden in der öffentlichen Wahrnehmung treffend beschrieben:

„Kein Papst, kein Kardinal, kein Bischof weltweit hat die Verstrickungen auch der heutigen Amtsträger in die institutionellen Pathologien der Kirche derart schonungslos offengelegt wie Marx. Damit könnte in der Tat ein Wendepunkt markiert sein. Denn anstatt sich wie sein Kölner Gegenspieler Rainer Maria Woelki durch versierte Strafverteidiger von jeder Verantwortung freisprechen zu lassen, geht Marx mit der Heuchelei von seinesgleichen hart ins Gericht.“

Marx übernimmt Mitverantwortung für die Katastrophe des sexuellen Missbrauchs durch Amtsträger der Kirche in den vergangenen Jahrzehnten und die Folgen für die Kirche in Deutschland, die in einer Lähmung erstarrt ist und ständig an Glaubwürdigkeit verliert. Woelki dagegen ist überzeugt, dass ein Neuanfang in Köln nur mit ihm möglich ist. Nach Worten von Kardinal Marx ist die Kirche in Deutschland an einem „gewissen toten Punkt“ angekommen, der auch zum „Wendepunkt“ werden kann. Das aber, so ist der Kardinal überzeugt, wird nur gelingen, wenn er und andere Bischöfe persönliche Konsequenzen ziehen, die deutlich machen, dass sie sich bewusst sind, welche Mitschuld sie am Versagen der Kirche tragen. Es geht nicht um Schuld im juristischen Sinn, die nachgewiesen werden muss, sondern um moralische Schuld, die jeder nur persönlich für sich anerkennen kann. Das setzt natürlich den Mitbruder in Köln unter Druck, der juristisch von jeder Schuld freigesprochen ist, aber im moralischen Sinn möglicherweise versagt hat. Die für diese Wochen angesetzte Apostolische Visitation im Erzbistum Köln legt nahe, dass das auch der Papst so sieht. Eine apostolische Visitation ist eine schwerwiegende Entscheidung des Papstes. Man zieht dafür als Beispiel die Vorgänge im Bistum Limburg heran, als die Vorwürfe gegen Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst wegen Verschwendung so massiv wurden, dass der Papst eingriff. Aber damals war es keine apostolische Visitation. Kardinal Giovanni Lajolo wurde vom Papst zu einem „brüderlichen Besuch“ geschickt. Das ist deutlich unter einer apostolischen Visitation angesiedelt, die den betroffenen Erzbischof zumindest teilweise entmachtet. Das Erzbistum Köln ist in Aufruhr. Noch immer verlassen Menschen in Scharen die Kirche. Eltern und Ehrenamtlichen in Düsseldorf zeigen dem Erzbischof die rote Karte und wollen nicht, dass er den Jugendlichen ihrer Gemeinde das Sakrament der Firmung spendet. Solche Vorgänge wären in der deutschen Kirche vor wenigen Jahren noch undenkbar gewesen. Jetzt scheint alles im Chaos zu versinken und die Kirche verliert sich in einem Prozess der Selbstauflösung. Vor allem aber verhärten sich die Fronten. Um Woelki sammeln sich Bewahrer, um Marx, Bätzing und andere Bischöfe die Reformer.

Man meint geradezu, dass die katholische Kirche in Deutschland der lebende Beweis werden will, wie richtig Jesus mit seiner Warnung im heutigen Evangelium liegt: „Wenn ein Reich in sich gespalten ist, kann es keinen Bestand haben. Wenn eine Familie in sich gespalten ist, kann sie keinen Bestand haben.

Was wir schnell auf das Reich des Bösen verengen, ist eine grundsätzliche Regel für alle Gemeinschaften. Auch für die Kirche gilt, dass wir nur gemeinsam stark sind.

Das braucht keine lange Begründung, das erleben wir hautnah. Die Streitigkeiten in der Kirche blockieren. Die schleppende Aufklärung des Missbrauchsskandals treibt Menschen aus der Kirche. Es werden Kräfte gebunden und Glaubwürdigkeit verspielt, die wir dringend bräuchten für unseren missionarischen Auftrag in der Welt. Die innerkirchliche Nabelschau, die wir gerade erleben, verstellt uns den Blick auf unseren Auftrag, das Evangelium überzeugend zu verkünden, Sauerteig in der Welt zu sein und die Menschen mit Christus in Berührung zu bringen. Kardinal Marx hat Recht, wenn er vom „toten Punkt“ spricht. Und wenn der nur so überwunden werden kann, dann braucht es auch die persönlichen Entscheidungen von Amtsträgern, wenn sie spüren, dass sie mehr Hindernis als Motor der Evangelisierung sind. Wenn ein Neuanfang nicht mit den „alten“ Gesichtern gelingen will, dann, selbst wenn es weder zivil-, straf- oder kirchenrechtlich erzwingbar ist, muss es auch Schritte wie die von Kardinal Marx geben, die den Weg wieder frei machen können, weil Bischöfe zeigen, dass sie nicht an ihrem Stuhl kleben und um ihre Mitverantwortung wissen. Bischof Bätzing hat treffend gesagt, dass es bei personellen Konsequenzen nicht bleiben kann. Ich bin mir sicher, ob wir es wollen oder nicht, in absehbarer Zeit wird die katholische Kirche in Deutschland entweder völlig neu sich aufgestellt haben in ihren Strukturen, in ihrem Personal und in ihrem Umgang mit Frauen und den immer wieder gleichen Gruppen von Menschen, die zur Achillesverse der Kirche geworden sind, wiederverheiratet Geschiedene, Gleichgeschlechtliche Paare, Ausgetretene, oder sie wird ein Randphänomen werden.

Das heißt nicht, dass Einigkeit in allen Fragen herrschen muss. Die gab es noch nie in der Kirche. Aber Kirche muss aus ihrer Selbstfixierung heraustreten und fragen, was die Menschen in ihr suchen, auf was sie hoffen, was sie ihnen für ihr Leben als Hilfe und Orientierung anbieten kann? Das kommt im Augenblick zu kurz.

Die letzten Monate der Pandemie haben definitiv schwere Einbußen bedeutet für die Mitgliederzahlen, die Gottesdienstbesucher und das gemeindliche Leben. Wir dürfen uns nicht die Zukunft schönreden und meinen, dass möglicherweise im Herbst schon wieder alles gut und wie früher sein wird. Das wird es nicht. Menschen haben sich endgültig von der Kirche verabschiedet. Mancher hat für sich entschieden, dass er den Gottesdienst nicht mehr braucht. Aber diese Verluste sind nur das halbe Bild von Kirche heute. In den vergangenen Monaten haben wir auch erlebt, dass unsere Gemeinden einen festen Kern haben, der sie auch in Krisenzeiten trägt. Als Pfarrer habe ich festgestellt, dass Menschen, die vorher vielleicht gar nicht oder nur sporadisch zur Kirche kamen, zu verlässlichen Trägern der Gottesdienste wurden. Das lässt mich ahnen, dass sie etwas in unseren Gottesdiensten, im persönlichen Beten und in unseren Gemeinden finden, was ihnen Halt gibt in dieser schweren Zeit. Es sind nicht nur Menschen gegangen, es sind auch Menschen gekommen und haben vielleicht neu oder wieder zum Glauben gefunden, den sie in Gemeinschaft leben wollen. Vielleicht finden ja Menschen doch noch bei uns ein „Obdach der Seele“, wie es einmal der Pastoraltheologe Paul Zulehner formuliert hat. Bei all dem, was wir jetzt an Verwirrung erleben, dürfen wir das nicht aus dem Blick verlieren. Viele Menschen leben ihren Glauben noch bewusster oder haben in dieser Zeit erfahren, welcher Halt der Gottesdienst und das Gebet sein können. Wir wollen nicht einfach abwarten, was geschieht, sondern uns auch in der Seelsorge einstellen auf die veränderten Einstellungen und Erwartungen zu Gottesdienst und Gemeinde.

Aus diesem Grund möchten wir mit Ihnen ins Gespräch kommen. Drei Fragen leiten uns:

  • Was bewegt die Menschen dazu, in die Kirche zu gehen?
  • Was suchen Sie dort, inwiefern profitieren Sie von den Angeboten?
  • Was wünschen Sie sich vielleicht noch für die Zukunft, was soll auf jeden Fall erhalten bleiben?

Mit Frau Andrea Grundke aus unserer Gemeinde haben wir deshalb einen Interviewleitfaden entwickelt, mit dem wir mit Ihnen diese Fragen vertiefen wollen. Frau Grundke wird Ihnen nun die  die Methode vorstellen.      

 

Vorstellen des Leitfadens durch Fr. Grundke (s. Anhang)

 

Es geht uns nicht um eine Werbeveranstaltung und nicht um psychologische Tests mit unseren Gottesdienstbesuchern. Es ist ein Ausdruck unseres Interesses an dem, was Sie bewegt, verbunden mit der Frage, wie wir Angebote schaffen können, die der  heutigen Art zu glauben, entgegenkommen.

Ich bilde mir nicht ein, dass wir eine Insel sein können, die von den mächtigen Fluten, die über die Kirche in unserem Land hereinbrechen, schadlos verschont bleiben. Das Evangelium, in dem Jesus mit der eigenen Familie in Konflikt gerät, zeigt auch, dass Kirche niemals Einigkeit erzwingen kann durch eine absolute Übereinstimmung im Denken und in der Art, den Glauben zu leben. Aber ich glaube, dass wir den Stürmen besser widerstehen, wenn wir wissen, wozu wir da sind und wofür die Menschen uns heute brauchen.

Das wird natürlich im Kern der immer gleiche Auftrag Jesu an seine Kirche sein, aber den Weg, wie Menschen heute den Zuspruch aus dem Evangelium, die Orientierung aus dem Wort Gottes und die Begegnung mit ihm im Sakrament erfahren, müssen wir überprüfen oder sogar neu suchen.

Ich zolle Kardinal Marx hohen Respekt, dass er mit seinem Schritt einen Versuch unternimmt, die Kirche in unserem Land aus den Ketten ihrer Selbstbefangenheit zu befreien. Aber wir können nicht erwarten, dass durch möglichst viele Rücktritte von Bischöfen, alles wieder gut wird. Wir müssen in unserer kleinen Kirche vor Ort versuchen, immer ein Ort zu sein, an dem sich die „Familie Gottes“ findet und Menschen die Einladung Jesu erleben können: Das hier sind meine Mutter und meine Brüder. Wer den Willen Gottes tut, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.

­