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12_Jesus_mit_dem_Sturmgewehr.pdf

Liebe Schwestern und Brüder

 Mit einem AR-15 wäre das nicht passiert“, davon ist die Abgeordnete der Republikaner, Lauren Boebert aus Colorado, überzeugt.

Ein AR-15 ist ein Sturmgewehr, wie es in den USA bei den letzten Amokläufen öfters verwendet wurde. Geraten hatte die Politikerin zum Besitz dieser halbautomatischen Angriffswaffe niemand anderen als Jesus und seinen Jüngern. In einer Rede im Repräsentantenhaus, also dem Parlament der USA, meinte sie, dass, wenn Jesus genügend solcher Waffen gehabt hätte, die Regierung seines Volkes ihn nie hätte kreuzigen können. Ein billiger Scherz? Oder eine ironische Spitze gegen Waffenbesitz in den USA? Wohl eher nicht. Die junge Abgeordnete gehört zu den eifrigen Vertretern der Waffenlobby in den amerikanischen Politik. Sie besitzt ein Lokal, das den Namen „Shooters Grill“ in Rifle/Colorado, in dem alle Mitarbeiter Waffen tragen. Ihr zentrales Thema ist das Recht aller US-Bürger, Waffen zu besitzen und sie auch einzusetzen. Für sie ist Jesu Sache daran gescheitert, dass er und die Jünger im Garten Gethsemane nicht ausreichend bewaffnet waren. Mit schweren und schnellen Sturmgewehren hätten sie sich problemlos den Soldaten und Tempeldienern widersetzen können. (FAZ vom 16.6.2022).

Man mag so eine Meinung für äußerst schräg halten und tatsächlich ist diese Sicht auch für die USA eher eine Außenseiterposition, aber sie entspricht wohl doch wesentlich der Haltung, die auch viele gute Christen in den USA haben: Das Bekenntnis zu Jesus erlaubt den Besitz von Waffen und notfalls auch deren Einsatz gegen andere Menschen.

Wahrscheinlich werden wir unter uns wohl kaum jemanden finden, der so dezidiert die Position der jungen Abgeordneten teilt, aber Einigkeit, dass der Glaube an Jesus jeglichen Waffenbesitz verbietet, werden wir auch nicht erreichen.

Was glauben die denn, wer ich bin?“, so fragen wir manchmal, wenn wir den Eindruck haben, dass andere Menschen uns mit ihren Erwartungen und Wünschen überfordern oder falsch einordnen. Die Formel klingt dann eher vorwurfsvoll. 2000 Jahre nach seinem Tod und seiner Auferstehung könnte Jesus ähnlich fragen: „Für wen halten die mich eigentlich?“ Menschen aller Schichten, politischer Anschauungen, religiöser Standpunkte, Geschlechter haben immer wieder Sichtweisen von Jesus entwickelt, die entweder gänzlich seinem Wesen widersprechen oder zumindest nur verkürzt und einseitig seiner Botschaft wiedergeben.

  • Für Fürsten und Reiche wurde er zum Partykönig, weil er ja gerne Einladung in die Häuser der Reichen angenommen hat. Natürlich sollte man sich auch ein bisschen sozial eingestellt zeigen und ab und an Almosen an die Armen verteilen.

  • Für Päpste, Bischöfe, Priester und andere Privilegierte in der Kirche wurde er zum Garanten ihrer Macht und Stellung, weil sie ja in der Nachfolge seiner Apostel stehen. Damit hatte man immer auch gute Gründe, zumindest die andere Hälfte der Menschheit von jeder Mitentscheidung fern zu halten.

  • Für politische Reformer wurde er zum Revolutionär, weil er auf Seiten der Armen stand, und letztlich auch mit seiner Botschaft vom Reich Gottes, das spürbar werden soll, zur Rechtfertigung von Gewalt beim Erreichen ihrer Ziele.

Jesus kann alles sein: Frauenversteher, Birkenstock-Aktivist, Aussteiger, Sozialreformer, Softie, Friedensprophet, der neue Mann und notfalls auch das „Eichhörnchen, in dem ich den lieben Gott erkennen will.“

Zu allen Zeiten hing die Antwort auf die Frage „Für wen halten mich die Menschen“ auch davon ab, wen die Menschen in ihm sehen wollten.

Auch dem Petrus gingen wohl viele Erwartungen und Hoffnungen durch den Kopf, als er damals am See Genezareth alles stehen und liegen ließ und mit Andreas, Jakobus und Johannes Jesus folgte. Hat er vielleicht von einem schnellen Ende der Welt geträumt? Oder hatte er die stille Hoffnung, dass sich mit Jesus eine Bewegung in Gang setzt, die letztlich die Römer aus dem Land treibt und einen jüdischen König wieder auf den Thron bringt? Können wir aus seinem vollgültigen Bekenntnis heute „Du bist der Messias, der Sohn Gottes“ heraushören, was er sich unter diesem Titel vorstellt? Vielleicht wusste er es zu diesem Zeitpunkt selbst nicht so genau, aber, das ist seine Größe, er hat den Kern des Wesens Jesu erkannt und für uns alle auch bekannt: „Du bist Gottes Sohn.“ In Jesus kommt Gott uns nahe, geht auf unseren Wegen und tritt in unser Leben ein. Petrus macht sich nicht einen Jesus nach seinen Wünschen und Vorstellungen, sondern stellt sich der geheimen Wirklichkeit, dass er da mit einem auf dem Weg ist, der größer und vielschichtiger ist als der klügste Denker, der genialste Stratege, der charmanteste Entertainer oder der frömmste Priester. Petrus kann noch nicht sagen, was sein eigenes Bekenntnis für Konsequenzen haben wird. Es ist an Jesus, die Wirkungen dieses Glaubens zu konkretisieren: „Wer mein Jünger sein will, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“ Dieses Wort Jesu hat Lukas schon beim älteren Evangelisten gefunden, aber er ergänzt es um das Wort „täglich“, das sich bei Markus nicht findet. Ich verstehe das so, dass das Bekenntnis zu Jesus als dem „Sohn Gottes“ nicht nur große Opfer oder gar Heldentaten verlangt, sondern eine tägliche Bereitschaft, den manchmal unbequemen Weg der Nachfolge Jesu als Christ auf sich zu nehmen. Es geht also Lukas also nicht nur um die großen Bewährungsproben, die Christen in der Verfolgung auf sich nehmen müssen, sondern auch um ein konsequentes Leben als Christ in unserem Alltag, das auch von uns verlangt, sich an Jesu Beispiel und Maßstab auszurichten. Das ist auch nicht immer einfach. Wenn ich Jesus als „Gottes Sohn“ anerkenne, dann kann ich nicht leben als gäbe es Gott nicht, als wäre ich niemand am Ende darüber Verantwortung schuldig wie ich gelebt habe. Diese kleine Wort „täglich“ verlangt von mir als Christ, dass ich mich einmische und widerspreche, wenn Menschen aufs Kreuz gelegt werden, weil andere reicher und politisch einflussreicher sind, wenn Menschen zu Sündenböcken gestempelt werden, weil sie hier bei uns als Flüchtlinge Hilfe suchen, wenn Menschen unter Druck geraten, weil sie krank oder gebrechlich geworden sind und die Gesellschaft ihnen vorrechnet, dass sie nur noch Kosten verursachen, wenn der Schutz von geborenen und ungeborenen Leben auf dem Altar der Freiheit und des Individualismus geopfert werden sollen. Keiner will gerne ein Spielverderber sein. Lieber hat man seine Ruhe, wird von allen gemocht und mischt sich nirgends ein. Das gibt sonst nur Unruhe und schafft Ärger. Aber was bleibt, wenn wir nicht mehr einstehen für das, was uns uns wirklich wichtig ist? Wozu braucht es dann noch Glaube, Kirche, Werte, wenn es doch nur darum geht, den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen? Christsein verlangt auch Rückgrat in der Familie, im Freundeskreis, in der Stadt, in unserer Gesellschaft und in der Welt.

Vor allem verlangt es von uns, sich „täglichen“ Fragen zu stellen, die uns noch sicher sein lassen, ob wir in den Fußspuren Jesu gehen. Das Bekenntnis zu Jesus ist keine Theorie, es ruht auf den großen Fragen unseres Lebens:

  • Was sind meine Ziele? Wofür mühe ich mich?

  • Für wen lebe ich? Was heißt „Leben“ überhaupt?

Papst Franziskus hat auf die Frage, was es heißt in der Nachfolge Jesu sein Kreuz auf sich zu nehmen, geantwortet, dass jeder von uns sein Kreuz trägt, aber für alle Getauften gilt: „Es geht darum, jener weltlichen Denkart eine eindeutige Absage zu erteilen, die das „Ich“ und die eigenen Interessen in den Mittelpunkt des Daseins stellt: das ist nicht das, was Jesus von uns will! Jesus dagegen lädt uns ein, das eigene Leben für ihn, für das Evangelium zu verlieren, um es erneuert, verwirklicht und wahrhaft zu empfangen.“ Darum, Schwestern und Brüder, hätte Jesus wohl kein Sturmgewehr in die Hand genommen, sondern jat das Kreuz getragen, weil er den Sinn menschlichen Lebens in der Hingabe für andere sah. Und darum gehören auch in unsere Hände nicht die Waffen eines skrupellosen Egoismus, sondern das Kreuz der Nächstenliebe und Großzügigkeit gegenüber allen Menschen, die wie wir Kinder Gottes sind. Amen.

(Sven Johannsen, Lohr)

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