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Predigt 12. Sonntag im Jahreskreis B -

20. Juni 2021 / Pfarrer Sven Johannsen

 Kommt die vierte Welle?

12._Sonntag_2021_die_vierte_Welle2284.pdf

„Die Frage ist nicht, ob, sondern wann die Delta-Variante dominierend ist“, so Bundesgesundheitsminister Jens Spahn am vergangenen Freitag. Die neue Mutante aus Indien und Großbritannien gilt als schneller ansteckend als alle bisherigen Corona-Virus-Mutationen und damit steigt die Angst, dass wir im Herbst in eine vierte Welle geraten, die dann möglicherweise v.a. Kinder und Jugendliche treffen wird, weil sie wahrscheinlich zu diesem Zeitpunkt noch nicht geimpft sind. Kommt die Welle? Wie verhalten wir uns angesichts der drohenden Gefahr?

Die Erfahrungen aus den vorausgegangenen Phasen der Pandemie lassen ja durchaus Schlüsse zu auf das, was kommt. Wir wissen, dass wir das Virus nicht loswerden und ganz schnell, wenn z.B. eine gegen bisherige Impfstoffe resistente Mutante auftaucht, die Inzidenzzahlen wieder in die Höhe schnellen. Also an der Tatsache, dass es eine Gefahr weiterhin geben wird, ist kaum ernsthaft zu zweifeln. Aber ich kann mich unterschiedlich dazu verhalten. Lassen wir einmal die beiden Extremreaktionen „Leichtsinn“ und „Panik“ außen vor, dann bleibt doch noch aus dem Rückblick auf die vergangenen Monate eine große Spanne von möglichen Verhaltensmustern für die augenblickliche Situation und die bleibende Gefährdung.

Ich kann mich nur auf die Warnungen von einschlägigen Experten und Politikern, allen voran Karl Lauterbach, fixieren, dann werde ich gegen jede Öffnung sein und weiterhin sehr restriktive Vorgaben für alle Bereiche, Handel, Gastronomie, Tourismus und auch Gottesdienste fordern.

Ich kann auf die augenblickliche Entwicklung verweisen und daran erinnern, dass auch im letzten Sommer die Zahlen niedrig waren, und so viele Bereiche wie nur möglich öffnen, damit wieder ein „normales“ Leben, nach dem sich alle sehnen, möglich wird.

Irgendwo dazwischen werden die meisten von uns hin- und hergerissen sein. Natürlich möchte man Freiheit und Genuss, aber in keinem Fall wollen wir noch einmal die Bedrohung erleben mit all ihren Auswirkungen, die den Herbst und Winter überschattet haben.Wir bewegen uns wohl größtenteils zwischen Hoffnung und Angst, Zuversicht und Sorge. Aus dem Erleben der Krise, dem Durchleiden genauso wie dem Bewältigen erwächst die eine oder die andere Haltung. Haben uns die Leidensbilder der letzten Monate so viel Angst gemacht, dass wir keine Hoffnung auf eine wirkliche Besserung haben, oder bestärken uns die Kompetenz unserer Medizin und Politik zu vertrauen, dass wir auch durch einen mögliche neue Welle hindurch kommen? Aus dem Rückblick auf eine Krise erwachsen immer Angst und Zuversicht. Welches Gefühl aber die Oberhand behält, das hängt an uns.

Wir erleben die Jünger heute in der Krise. Der Seesturm, den sie im heutigen Evangelium erleben, übersteigt alle Turbulenzen, denen sie als erfahrene Fischer auf dem See Genezareth schon getrotzt haben.

Es ist sicher nicht das erste Mal, dass sie unterwegs auf dem See von einem Wetterumschwung oder einem Sturm überrascht werden. Durch die Fallwind, die die meteorologische Lage am See prägen, kommt es bis heute häufig zu solchen spontanen Bedrohungen. Im Umgang damit haben sie Erfahrung. Heute aber zeigen sie sich völlig hilflos. Sie werden von dem gerettet, der Herr ist über alle Naturgewalten. In Jesus offenbart sich nicht ein launischer Wettergott, sondern der Vater, der am Anfang der Schöpfung allem Geschaffenen eine Ordnung gab, die erst ein lebensfreundliches Umfeld ermöglicht, das aber bedroht bleibt von Chaoserfahrungen. Jesus reißt sie zwar raus aus einer Krise, aber sein Wunder stellt die „normale“ Ordnung des Lebens wieder her. Sein Befehl an Sturm und Wind ist eine Wiederholung des Ursprungs, von dem das Buch Genesis überliefert: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war Tohuwabohu“ (Gen 1,1f), also ein heilloses Durcheinander, ein Chaos. Die Jünger erfahren auf dem See, dass Gott in Jesus den roten Faden der Schöpfungsordnung wieder aufnimmt und allem Aufbegehren der Ur-Chaosmächte einen Riegel vorschiebt.

So weit, so gut, oder besser eine erbauliche Geschichte. Spannend wird die Frage,  wie sie künftig in Krisen reagieren nach dieser Erfahrung? Haben sie Glauben, Vertrauen, Zuversicht und Stärke gewonnen?

Jesus stellt ihnen ja mit seinem Wort „habt ihr noch immer keinen Glauben“ letztlich die Frage, was sie daraus mitnehmen? Aber es fällt auf, dass sie sich gar nicht in Frage stellen lassen, sondern nur wundern  nur, wer dieser Mensch ist, dem sogar Wind und Meer gehorchen. Die Jünger werden im Rückblick auf die Stillung des Seesturms keinen tiefgreifenden Impuls für ihren Glauben gewinnen. Markus wird weiterhin von ihnen berichten, dass sie nicht wirklich verstehen und zu einem tragfähigen Glauben finden. Sie werden in ähnliche Situationen geraten, z.B. beim Wandel Jesu über den See. Die nächsten Krisen werden sie wieder durcheinander bringen, v.a. die letzte große Krise des Karfreitags. Es ist nicht so, dass sie gar keinen Glauben haben, aber im Moment der Anfechtung verlieren sie schnell den Mut und die Zuversicht, die aus diesem Glauben an Jesus Christus kommen sollen. Markus zeigt hier nicht mit dem Finger auf historische Personen und will schon gar nicht die Apostel lächerlich machen. Sie stehen, v.a. Petrus, als Gradmesser für die Stärke des Glaubens der Christen zu allen Zeiten. In den Jüngern, die einerseits wie Petrus bekennen können, dass Jesus der Messias ist, aber andererseits wie heute alles an Sicherheit in ihrem Bekenntnis über Bord werfen, spiegelt Markus den glaubenden Menschen mit seiner Stärke und Schwäche, letztlich also auch uns.

Stürme toben in einem Leben. Es gibt Umbrüche, die so heftig sind, dass sie alles, was bisher sicher war, in Frage stellen. Das sind Schicksalsschläge, Krankheiten, aber auch die Enttäuschung und Verwirrung, die aus den immer neuen Enthüllungen über abartige Verbrechen in der Kirche schwelen. Das Erleben solcher Krisen lässt im Blick auf die Zukunft zugleich Ängste steigen und Hoffnungen aufkeimen. Im Letzten geht es auch für den glaubenden Menschen nicht darum, keine Angst zu haben, sondern die Furcht nicht über die lebensbejahenden Kräfte siegen zu lassen, so dass wir gelähmt werden und aus der Bahn geraten.

Es gibt eine wunderbare Erzählung aus der Hebräischen Bibel, die ein ähnliches Schicksal erzählt: die Flucht des Jona. Um sich Gottes Auftrag zu entziehen, schleicht sich Jona auf ein Schiff. Gott lässt es in Seenot geraten. Die Seeleute ergreifen die Initiative und werfen Jona über Bord. Das ist nicht gerade charmant, aber sie werden aktiv, anders als die Jünger im Evangelium, die obwohl sie mit Jesus schon Wunder erlebt haben, nur schreien: „Kümmert es dich nicht, dass wir untergehen?“

Sie wissen sich nicht zu helfen und überlassen alles Gott. Das ist sicher eine fromme Haltung, aber nicht ganz im Sinne Gottes. Ohne Zweifel ist Gott der alleinige Herr über alle guten und bösen Mächte der Schöpfung, aber er lässt dem Menschen Spielraum in diesem Lebensraum aktiv zu werden und mitzuwirken, dass sich alles zum Guten wendet. Er ist nicht eine Schicksalsmacht, der wir ausgeliefert sind, sondern ein Gott, der will, dass wir unsere Ängste beherrschen und die Initiative ergreifen, unser Leben selbst in Ordnung zu bringen.

Markus überliefert uns die Erzählung vom Seesturm vor allem, damit wir etwas daraus lernen. Zwei Impulse scheinen mir dabei im Blick auf das eigene Leben und die Gemeinschaft der Kirche besonders wichtig:

1) Wer offen bleibt und beten kann, der wird auch erleben, dass Gott Stürme besänftigt. Diese Gewissheit aber gewinnen wir nur, wenn wir die Momente nicht vergessen, in denen wir seine Hilfe erfahren haben. Es wird schnell erkennbar, dass die wahre Gefahr aus dem Boot selbst kommt, das voll läuft und zu sinken droht. Die Angst blockiert das aktive Vorbeugen. Eine trügerische Hoffnung im Sinne von „Es wird schon nicht so schlimm werden“ entspringt meist der Angst, rechtzeitig zu verändern, was zu einem bedrohlichen Leck werden kann, im eigenen Leben und in der Kirche. Aus Stürmen lernen heißt auch, sich für den nächsten zu rüsten und nicht nur froh zu sein, dass er vorbei ist. Es geht um die Frage nach ständigen Veränderungen, die nottun in der Kirche und in unserem Leben. Wir agieren zu oft aus dem Augenblick heraus und vergessen, die Weichen schon im Vorfeld richtig zu stellen.

2.) Jesus ist nicht von Bord gegangen. Er ist noch im schwankenden Rumpf. Das Chaos, das wir erleben, auch in der Kirche unserer Tage, ist kein Beleg dafür, dass Gott aus der Kirche ausgetreten ist oder uns im Stich lässt. Er hat mich auch nicht verlassen, wenn ich persönlich in das dunkle Loch des Leids, der Ängste und der Gottesferne abstürze. Es scheint manchmal als würde er schlafen, aber er hört unser Rufen. Die Jünger verfallen in eine selbstbezogene Furcht, die sie hilflos macht. Glaube aber heißt Gott ernst nehmen und seiner Bereitschaft, uns etwas zuzutrauen. Er lässt nicht allein, aber er nimmt uns auch die Verantwortung für unser Leben und unsere Kirche nicht ab.

Die Geschichte vom Seesturm ist nicht ein erbauliches Wunder. Sie ist hochaktuell. In unserer Zeit sind mehr Menschen von Angsterkrankungen betroffen als von jeder anderen seelischen Erkrankung. Psychologen raten als ersten Schritt der Therapie zur Fähigkeit, sich daran zu erinnern, was in vorherigen Krisen geholfen hat.  Und wie Jesus dem Sturm Einhalt gebietet, so empfehlen sie einen „Grübelstopp“, also das gezielte Unterbrechen der negativen Gedanken, um sie so in ihre Schranken zu weisen und beherrschbar zu machen.

Markus geht noch tiefer und verschreibt uns ein Grundvertrauen, das uns Geborgenheit schenkt, und uns so hilft, frei zu leben und alle Ängste vor dem Untergang zu beherrschen.

Nicht die Angst vor einer neuen Welle, sondern die Zuversicht, in ihr nicht unterzugehen, schafft uns Raum für die Zukunft. Dazu will uns Gottes Kraft ermutigen. Amen.

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