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Predigt 28.6.2020 (13. Sonntag im Jahreskreis A)

Gastfreundschaft – "Herzlich willkommen"

 13_Willkommen.pdf

Liebe Schwestern und Brüder

„Guten Morgen, Herzlich willkommen“ – seit einigen Wochen hört man ungewohnte Töne, wenn man unsere Kirche zum Gottesdienst betritt. Die Vorschriften der Corona-Krise haben es mit sich gebracht, dass in unseren Kirchen Ehrenamtlichen den Empfang der Gottesdienstbesucher übernommen haben. Sie notieren Namen, weisen auf das Desinfektionsmittel hin und zeigen ggf. den vorreservierten Platz, wenn in einer Kirche, wie z.B. Sackenbach die reduzierten Plätze genau nach Plan vergeben werden müssen.

Anfangs hatte ich die Befürchtung, dass viele sich ärgern und lieber zuhause bleiben, wenn sie vor dem Gottesdienst noch Kontaktdaten abgeben müssen. Es ist nicht zu leugnen, dass es Gottesdienstbesucher gab, die sich gesträubt haben oder sogar lieber nicht zum Gottesdienst kamen. Aber mittlerweile haben wir uns daran gewöhnt und die Ordner wissen oft schon die Namen, so dass es ohne großen Aufwand geht. Aber mitunter höre ich auch eine ganz andere Reaktion. Einige Gottesdienstbesucher, v.a. aus dem Kreis derer, die zur Frühmesse kommen, freuen sich, dass sie so freundlich begrüßt werden, wenn sie die Kirche begrüßen. Natürlich gehört das erste Wort in der Kirche immer Gott und jeder Gottesdienst beginnt mit Eröffnungslied und Kreuzzeichen als unserem Gruß an Gott, der am Anfang steht. Aber es tut Menschen auch gut, wenn die freundlichen Damen und Herren am Eingang Ihnen einen guten Morgen wünschen und sie willkommen heißen. Eine neue Erfahrung: Die Gemeinde freut sich, dass ich da bin. Das haben wir natürlich schon immer getan, aber explizit gesagt haben wir es nicht. Jeder kam, hat seinen Platz eingenommen und das erste persönliche Wort war meist der Gruß des Pfarrers am Beginn der Heiligen Messe.

Ist das jetzt einfach der Not geschuldete Höflichkeit?

Ich glaube, dass es mehr ist: Der Gruß ist ein Zeichen der Gastfreundschaft und eine Zusage, du bist hier willkommen. Wobei man gleich sagen muss, dass jeder Getaufte in unserer Kirche nicht nur Gastfreundschaft, sondern Heimrecht genießt. Aber dennoch ist es oft wichtiger als eine noch so kunstvolle Predigt, wenn ich als Teilnehmer des Gottesdienstes das Gefühl habe, dass ich willkommen bin und hierhin gehöre.

Das entspricht auch unserem Lebensgefühl in unserer Gesellschaft.
Wenn Sie die Werbung beobachten, die im Augenblick um Urlauber in den verschiedenen Teilen unseres Landes sich bemüht, dann steht das Versprechen von „Gastfreundschaft“ und „Gastlichkeit“ fast immer im Vordergrund. Die wenigsten Anbieter werben mit besonders günstigen Preisen. Selbst die Freizeitmöglichkeiten sind zwar wichtig, aber stehen hinter dem Versprechen, dass man in der Pension, im Hotel, auf dem Hotelplatz und am Urlaubsort herzlich willkommen ist und gerne gesehen ist als Gast.

Schon seit den achtziger Jahren wissen wir, dass das für den modernen Menschen eine wichtige Erfahrung und ein tiefer Wunsch ist. Viele fühlen sich fremd, weil sie ihre Wurzeln im Heimatdorf oder der Familie nicht mehr haben, weil das Singledasein immer mehr zunimmt, Partnerschaften und Beziehungen oft nicht mehr auf Dauer das Leben prägen, man sich durch den Wechsel des Wohnortes, des Arbeitsplatzes oder des Berufes immer wieder neu entwerfen muss. Der Mensch, der sich in der Welt oft als Wanderer oder gar als Fremder fühlt, prägt stärker das Lebensgefühl als die feste Verwurzelung mit der Scholle. Für dieses Gefühl ist nicht mal ein Ortswechsel von Nöten. Die Welt und die Gesellschaft verändern sich in unseren Tagen so schnell, dass viele Menschen sich fremd fühlen, nur noch Gäste in einer Welt, die nach Regeln läuft, die sie aus ihrem Aufwachsen nicht kennen, konfrontiert mit Begriffen und Verhaltensweisen, die ihnen fremd bleiben.

Es ist also eine zutiefst menschliche Sehnsucht, irgendwo wenigstens für eine Zeit lang daheim zu sein. Diese Vorstellung verbinden wir mit dem Begriff „Gastfreundschaft“: Auch wenn ich hier nicht zuhause bin, mich wie zuhause fühlen, jemand zu sein, der willkommen und geachtet ist, für den sich andere Zeit nehmen und da sind. Das ist ein Gegenentwurf zur wachsenden Vereinzelung in unserer Gesellschaft.

Gastfreundschaft ist aber mehr als eine menschliche Haltung gegen die Gefahr der Entfremdung. Sie ist auch eine biblische Grundforderung.

Die hebräische Bibel erinnert das Volk Israel immer wieder daran, dass es selbst fremd in Ägypten war und deshalb verpflichtet ist, dem Fremden, der in seinen Mauern lebt, Gastrecht zukommen zu lassen und ihn nicht auszubeuten oder schlechter zu behandeln als die geborenen Israeliten. Eine Verpflichtung, die bis heute für jeden Menschen, der sich der Biblischen Überlieferung verpflichtet weiß, im Umgang mit Flüchtlingen und Hilfesuchenden gilt.

Gastfreundschaft ist aber auch eine Gotteserfahrung. Abraham beherbergt bei den Eichen von Mamre drei Männer, die sich als Engel Gottes offenbaren, und ihm und seiner Frau Sara den ersehnten Nachkommen verheißen. Die erste Lesung aus dem zweiten Buch der Könige erzählt von so einer Erfahrung. Der Prophet Elischa, der Schüler des großen Einzelkämpfers Elija, gilt als der Prophet, mit dem sich die meisten Wundergeschichten verbinden. Er hilft gerne und gibt die Zuwendung Gottes in Wundern an Menschen in Not weiter, v.a. Witwen und Leidenden stehen im Fokus. Heute begegnen wir ihm in Schunem in der Nähe des Verklärungsberges Tabor. Elija hat keinen festen Wohnsitz. Er ist also darauf angewiesen, dass die Menschen an den Orten, wo er verkündigt, ihm Unterkunft geben. Eine wohlhabende Frau im Ort tut das, ohne zu fragen von sich aus. Sie richtet ein Zimmer ein, das für den Propheten reserviert ist. Elischa erfährt Gastfreundschaft ohne Zwang oder Drängen. Er ist willkommen und will sich revanchieren. Gastfreundschaft in der Bibel ist immer von Gegenseitigkeit geprägt. Der Frau, der es materiell an nichts fehlt, wird das versprochen, wonach sie sich am meisten sehnt, aber nicht zu bitten traut: Ein Kind. Ihr Mann ist alt. Ein Nachkomme ist ihre Zukunft. Und Elischa kündigt im Namen Gottes an, dass sie einen Sohn bekommen wird. Und auch später noch wird er sich um die Frau und ihr Kind kümmern. Ja, er wird sogar Gott bitten, den Sohn, der plötzlich verstirbt, von den Toten aufzuerwecken. Gastfreundschaft ist zwar immer eine begrenzte Erfahrung, aber über Gott bleiben Gastgeber und Gast verbunden. Jesus wird heute im Evangelium sagen: „Wer euch aufnimmt, nimmt mich auf. Und wer mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat“ Gastfreundschaft als menschliche Zuwendung gilt schließlich Gott.

Getragen wird es von der biblischen Grundeinsicht, dass der eigentliche Gastgeber unseres Lebens Gott ist. Die Propheten verhießen, dass Gott am Ende der Zeiten als der große ewige Gastgeber auftreten wird und ein Festmahl bereitet für alle Treuen wie es sich die Menschen nicht vorstellen können. In Jesus wird dieser rote Faden weitergesponnen. Er ist nicht nur gerne Gast bei Zöllner, Sündern und Ausgegrenzten. Er ist selbst Gastgeber für das Leben in Fülle. Die Menschen am See erfahren es bei der wunderbaren Brotvermehrung. Die Apostel werden zu Gästen am Abendmahlstisch. So sehr wir als Getaufte Heimrecht in allen Kirchen haben so sehr sind wir immer Gäste am Tisch Jesu in der Eucharistie.

Wir sind nur Gast auf Erden und wandern ohne Ruh der ew’gen Heimat zu“, singen wir in einem bekannten Lied, wenn einer der unseren geht. Von Anfang an haben sich Christen in dieser Welt als Gäste auf dem zur ewigen Heimat empfunden. Davon sprechen auch die Worte, mit denen Jesus seine Jünger aussendet, um die Frohe Botschaft in die Welt zu tragen und die wir heute als Evangelium gehört haben. Sie haben keine festen Pfarrhäuser, keine Büros, keine Einsatzzentralen. Sie sind auf Aufnahme und Gastfreundschaft angewiesen. Und die Gastgeber sind die ersten, an die sich ihre Verkündigung richtet. Sie sollen als erstes die Möglichkeit haben, die Frohe Botschaft zu hören, gleichsam als Gastgeschenk. Auch später, als sich erste christliche Gemeinden in Häusern bilden, ist die Gastfreundschaft das entscheidende Zeichen geschwisterlichen Verbundenheit im Glauben.

Im Grunde hat sich diese Überzeugung im Christentum immer gehalten. Das Wort „Pfarrei“ kommt im griechischen Ursprung vom Wort „Parochia“, „Fremdsein“. Der Theologe Romano Guardini konnte deshalb sagen: „Das ist der Gastfreundschaft tiefster Sinn, dass ein Mensch dem anderen Mensch Rast gebe auf der großen Wanderschaft zum ewigen Zuhause“

Wie aber praktizieren wir Gastfreundschaft in unseren Gemeinden und Kirchen?

Selbstverständlich ist das Interesse am Anderen. Wenn uns das Leben der Menschen, die mit uns Gemeinde bilden, egal ist, nützen uns auch besten Werbestrategien nichts. Die Menschen werden merken, dass sie nicht willkommen sind.

Dann aber ist Gastfreundschaft in einer Kirche als dem Haus Gottes in einem Ort wahrnehmbar:

Es ist der äußere Eindruck, den unser Gotteshaus macht. Ist es gepflegt, bemüht man sich um den Blumenschmuck, die Kerzen, die Kleinigkeiten oder ist es einfach ein Zweckbau, in dem man seine Sonntagspflicht erfüllt? Ein Dank allen, die sich um den Blumenschmuck kümmern, den Küstern, die ein achtsames Auge haben auf den Kirchenraum und viele Kleinigkeiten auch erledigen, die gar nicht gesehen werden, denen, die putzen und dafür sorgen, dass die Kirchen täglich geöffnet werden, den Ehrenamtlichen, die Reparaturen selbst vornehmen oder veranlassen, den Spendern, die helfen, dass wir den Unterhalt der Kirche stemmen können.

Dann aber gehört dazu auch die Präsentation der Gemeinde. Wenn wir Besucher und Gäste nicht als Eindringlinge wahrnehmen, sondern als Gäste, die mit uns ein wenig Lebens- und Glaubensweg teilen, dann ist es auch wichtig, dass sie etwas über uns erfahren. Meist sind es nur die Kommunionkinder, die sich vorstellen. Aber eigentlich haben wir viel mehr von uns zu erzählen. Was kann jemand über uns erfahren, der als Gast in unsere Kirche kommt? Über das Leben in unserer Gemeinde und über das, was uns wichtig ist? Ich glaube, dass auch Schaukästen, Schautafeln mit Fotos, Pfarrbriefe und andere Medien eine sehr wichtige Funktion haben. Erinnern Sie sich an die Besuche in Kirchen an Orten an Urlaubsorten. Neben den Kunstwerken war es doch meist der Schriftenstand, der die Aufmerksamkeit auf sich zog. Und je kreativer sich eine Gemeinde zeigte, z.B. auch durch moderne Präsentationen, um so mehr bleibt es uns auch in Erinnerung.

Es ist aber auch genau das, was ich am Anfang geschildert habe: der Eindruck, willkommen zu sein und begrüßt zu werden. Zurzeit ist das ein notwendiger Verwaltungsakt. Aber irgendwann wird diese Vorschrift auslaufen. Wäre es dann nicht sinnvoll eine Art „Willkommenskultur“ zu etablieren? Ich erinnere mich an die Besuche in englischen und schottischen Kirchen, in denen meist ältere Damen mit Tee und Plätzchen am Eingang standen und so schon einmal das Gefühl genommen haben, dass man allein ist. Ich sehe darin eine Anregung zum Nachdenken, was in unseren Kirchen möglich und sinnvoll ist, dass Menschen, wenn sie unser Gotteshaus betreten, nicht einfach nur die Kunstwerke bestaunen, sondern für eine Zeit hier ein Obdach für ihre Seele finden.

Der ehemalige Würzburger Pastoraltheologe Rolf Zerfass zitiert in seinem Buch „Menschliche Seelsorge“ die Begrüßungstafel an der St. Peter Church in der City von New York. Dort stehen nicht an erster Stelle Verhaltensregel und Kleidungsvorschriften, sondern eine Einladung. Dort heißt es:

Dies ist Gottes Haus. Komm herein, mach es zu deinem! Die Leute von St. Peter laden dich herzlich ein, hier zu verweilen, um zu beten und nachzudenken. Du bist auf der Suche nach einem erfüllteren Leben, verbünde deinen Glauben mit dem unseren.“

(R. Zerfaß, Menschliche Seelsorge, Freiburg 1985, S. 23)

Diese Einladung Menschen weiterzugeben ist eine Herausforderung und Chance für eine Gemeinde. Sie macht Gastfreundschaft tatsächlich zu einem Kennzeichen christlicher Gemeinde und verwirklicht die Zusage, die der Orden der Zisterzienser seit langer Zeit über seine Kirchen schreibt und gleichsam eine Definition christlicher Gemeinschaft ist: Zisterzienser: „Porta patet – magis cor“ „Das Tor steht offen, noch mehr das Herz.“ Amen

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