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Predigt Kiliani 2021

Wenn ich schwach bin, bin ich stark“

14_Starke_Schwäche.pdf

 

Liebe Schwestern und Brüder

Verspätete Meldungen von Weihnachtsgeld-Bezügen, unklare Angaben im Lebenslauf, die man durchaus auch Übertreibungen nennen könnte, leise und doch vernehmliche Schimpfworte auf dem Parteitag, Plagiatvorwürfe gegen ihr neues Buch - momentan läuft es nicht gerade rund für die Kanzlerkandidatin der Grünen, Anna-Lena Baerbock. Manche werfen ihr politische Naivität vor, andere vermuten Intrige und gezielte Demontage ihrer Glaubwürdigkeit als Gründe für die Serie von Pleiten, Pech und Pannen. Es ist anzunehmen, dass sich beide Elemente vermischen. Zweifelsohne geht es den Fahndern und Anklägern nicht nur um die reine Liebe zur Wahrheit, da versteckt sich schon viel politisches Kalkül und der Versuch des Desavouierens des politischen Gegner hinter der Fassade der Empörung. Andererseits kann man die Kandidatin nicht allein an den Pranger stellen. Hinter den Übertreibungen und dem Übersehen eigener Fehler offenbart sich eine urmenschliche Versuchung, die Selbsttäuschung, die einem sagt, dass Dinge, die man bei anderen kritisiert, bei einem selbst in Ordnung sind. Es ist tatsächlich nicht der Fehler einzelner, Selbsttäuschung gehört zur menschlichen Psyche. Wir sehen uns gerne besser und stärker als wir in Wirklichkeit sind. Diese Fähigkeit zur Selbsttäuschung brauchen wir sogar manchmal. Wenn eine Situation eigentlich ziemlich aussichtslos ist, dann hilft uns die Fähigkeit, uns mehr zuzutrauen als anderen, sie doch zu meistern. Andererseits kann die Selbstüberschätzung auch sehr gefährlich sein. Psychologen sagen uns, dass wir von uns als Autofahrer ein sehr übertriebenes Bild von unseren Fähigkeiten haben. Eine legendäre Befragung von Autofahrern, bereits aus den sechziger Jahren, ergab, dass die meisten glaubten, besser als der Durchschnitt fahren zu können – sogar wenn sie gerade einen Unfall verursacht hatten (Journal of Applied Psychology, Preston & Harris, 1965). (https://www.zeit.de/wissen/2020-10/selbsttaeuschung-psychologie-einschatzung-staerken-leiden/komplettansicht)

Unser Gehirn kann ein guter Verbündeter sein im Kampf gegen Selbstzweifel, weil es uns bestätigt, dass wir gut sind und die Dinge richtig machen, auch wenn es nicht wirklich so ist. „Das menschliche Gehirn ist ein Meister darin, unliebsame Informationen auszublenden. Ob im Job, in der Liebe oder Kindererziehung – wir lassen uns selbst gern glauben, genau das Richtige zu tun. Und biegen die Sicht der Dinge so hin, dass wir im Reinen mit uns sind. Das hilft in einer Welt voller unbequemer Wahrheiten, in der wir unentwegt hadern und an uns selbst zweifeln könnten.“ ( Die Zeit 10/2020, s.o.)

In einer Gesellschaft voller Menschen, die gerne ihre eigenen Stärken überschätzen und ihre eigenen Schwächen übersehen, ist es konsequent, dass die Politikerinnen und Politiker, die aus ihrer Mitte kommen, eher ihre Stärken betonen und nicht ihre Schwächen in den Vordergrund stellen. Das Letztere machen ja gerne die anderen, die einem dann vorwerfen, dass man „schlumpfig“ grinst. In dieser Welt, die einer Showbühne immer ähnlicher wird, auf der Supertalente und Superstars gesucht werden, fällt man durch, wenn man sich seiner Schwächen rühmt. Aber genauso tritt Paulus uns heute entgegen. „Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark“, offenbart sich heute der Apostel vor der Gemeinde in Korinth. Die Worte der Lesung sind einem der eigentümlichsten Texte des Neuen Testaments entnommen, der sog. „Narrenrede“ des Apostels Paulus im 2. Korintherbrief. Korinth war für Paulus kein leichtes Pflaster. Auf seiner zweiten Missionsreise, als er zum ersten mal europäischen Boden betritt, kommt Paulus in die Hafenstadt am Übergang zwischen griechischem Festland und der Insel Peloponnes, berühmt geworden durch die Wasserstraße, den Isthmus von Korinth. Wohl im Jahr 50 betritt er diesen Schmelztiegel von Kulturen, Religionen, Sprachen, Lebensentwürfen und Denkrichtungen. Er gründet in dieser „multikulturellen“ Stadt eine kleine Gemeinde, wohl jenseits der jüdischen Synagoge, mit vielen Lebenskünstlern und Individualisten. 18 Monate bleibt er dort. Keine Gemeinde wird ihm mehr Kopfzerbrechen bereiten. Was Paulus und Korinth verbindet ist schon fast eine zerstörerische Liebe. Nach seiner Abreise kommen neue Missionare, die die Gemeinde durch ihr starkes Auftreten und ihre eindrucksvollen Predigten faszinieren. Sie sind so ganz anders als der nüchterne und manchmal langatmige Paulus. Ihre Erzählungen, natürlich von sich selbst und ihren Heldentaten, sind spannend, fast schon abenteuerlich. Ihre Ansprüche an Glauben und Leben sind so idealistische, dass sie kaum haltbar, aber um so attraktiver wirken. Das ist ja bis heute so. Mittelmäßigkeit, die man leben kann, ist nie so spannend wie Überforderung, die einem die Idee von Heiligkeit und Perfektion einredet Paulus steht plötzlich im Abseits. Kritik wird laut: Er tritt nicht überzeugend auf, bleibt blass in seinem Reden, ist oft schwächlich in seiner Erscheinung. Die „Neuen“ aber treten mit Eloquenz, Strenge, Eleganz und Stärke auf. Sie berichten gerne von ihrem mutigen Ertragen von Leiden, ihren Visionen und Eingebungen. Paulus sieht dagegen ziemlich langweilig aus. Er kann ganz offensichtlich nicht mithalten. Da holt Paulus zum Gegenschlag aus. Wenn die Korinther auf solche Übertreibungen und Überheblichkeiten stehen, dann muss er sich nicht verstecken. Er kann immer noch ein „Mehr“ bieten. Er hat mehr Schläge erduldet. Er hat mehr Gemeinden gegründet. Er hat mehr Visionen gehabt. Für ihn ist diese Prahlerei Narretei, aber die Korinther wollen es so. Also macht er sich selbst zum Narren und prahlt in seiner Narrenrede mit seinen Leistungen und Schmerzen. Aber letztlich ist für ihn die Zurschaustellung von Stärken nicht wirklich sinnvoll. Denn Paulus hat einen Stachel im Fleisch, der ihn aus den höchsten Wolken der Prahlerei schnell wieder zurückholt auf das Normalmaß. Ihn plagt eine chronische Krankheit, die mit stechenden Schmerzen einhergeht. Wir haben leider keine medizinische Diagnose, möglicherweise war es Augenleiden oder chronische Kopfschmerzen, in jeden Fall wird er dadurch oft außer Gefecht gesetzt in seinem Tatendrang. Im Nachdenken über diese Einschränkung kommt er zur Erkenntnis, dass in dieser Schwäche die Gnade Gottes ihre Kraft freisetzen kann. Wenn Paulus schwach ist, dann kann die Kraft Gottes in ihm stark sein. Das macht echtes Zeugnis für Christus aus: nicht strahlende Stärke, sondern die Annahme der eigenen Schwächen und Einschränkungen im Glauben und das Vertrauen, dass Gott darin Raum findet, stark zu sein.

Es fällt auf, dass die Bibel Menschen ohne Schwächen sehr kritisch gegenüber steht. Ihre Helden sind starke Frauen und Männer, Abraham, Mose, David, Sara, Ester, Judith, aber ihre Schwächen werden auch schonungslos offengelegt. Sie können feig, eifersüchtig, neidisch und ängstlich sein. Aber gerade dann, wenn diese Schwächen offensichtlich werden, folgt im nächsten Moment das Eingreifen Gottes, der die Situation rettet und das Scheitern seiner Helden abwendet. Selbst im Blick auf Jesus verschweigen die Evangelisten nicht, dass auch er erfolglos sein kann. Heilungswunder führen nicht automatisch zum Glauben. Menschen hören seine Predigt, sind schnell begeistert, aber auch schnell wieder lasch und fallen zurück in den alten Trott. Seine Jünger werden von Markus oft als Modell des Glaubenden dargestellt, der sich nie auf seine Kraft und Stärke berufen kann, sondern immer auf die Vergebung und Rettung durch Jesus angewiesen ist. Heute erleben wir sogar, dass Jesus in einem Umfeld komplett abgelehnt wird, wo es besonders verletzt, in seiner Heimatstadt Nazaret. Hier geht gar nichts. Die Predigt ist wie ein Leuchtfeuer, das schnell aufflackert, aber ganz schnell gelöscht wird durch zersetzende Fragen „Wo hat denn der, der doch einer von uns ist, diese Macht her?“ Was Jesus in seiner Heimatstadt erlebt ist ein Vorgeschmack auf sein Ziel Jerusalem, wo man ihn mit Hosanna-Rufen empfängt und mit Schreien „Kreuzigt ihn“ zum „Teufel“ jagen will. Auch Jesus hat Schwächen. Er, der immer so souverän wirkt, wird außer sich geraten im Tempel, bügelt Gegner mit Sarkasmus ab und schwitzt Blut vor Angst in seiner letzten Lebensnacht.

Mit Selbsttäuschung und Überheblichkeit kommen Boten des Evangeliums nicht weit. Das gilt heute auch für die Wandermissionare aus Irland, deren unser Bistum heute als ihrer Frankenapostel gedenkt. Nie werden sie als Superhelden dargestellt. Sie bringen Stärken mit, neues Wissen in der Landwirtschaft, Stärke im Glauben und Mut, einzustehen für, das was sie als Kern der christlichen Botschaft erkannt haben, aber spätestens ihr Tod macht ihre Verletzlichkeit und Ohnmacht offenbar. Sie sind angreifbar, weil sie außer Christus und das Evangelium unbewaffnet sich auf den Weg gemacht haben.

Ich habe manchmal den Eindruck, dass unserer Kirche die unangreifbaren, smarten Typen, die augenblicklich vorrangig die Leitungsämter in ihr besetzen, nicht gut tun. Sie sehen aus wie bei Amazon bestellt, reden als wüssten sie alles, zeigen sich immer ausgeglichen und freundlich und stellen sich vor die Menschen als wäre ihr Glaube unerschütterlich. Um so schlimmer wird es, wenn dann diese Stärke als Fassade demaskiert wird, und offenbar wird, dass sie auch nur Menschen mit Schwächen sind.

Aber gerade die dürfen wir vor Jesus sein: Wir brauchen keine „Superapostel“, die wie damals in Korinth die Menschen blenden, sondern Seelsorger wie Paulus, die mit Eifer an die Sache gehen, aber manchmal über das Ziel hinausschießen, verletzlich und angegriffen wirken. Ich jedenfalls finde mich eher in ihm wieder als in dieser Parade von Laufsteg-Klerikern und Soutane-Modells, die so fotogen, abgeklärt und elegant auftreten, wie aus einem Katalog des Vatikans entsprungen. Wir brauchen keine klerikalen Shooting-Stars, sondern Menschen aus Fleisch und Blut, die sich wie Paulus ihrer Schwächen bewusst sind, und sich dennoch mit Eifer, aber nicht mit Überheblichkeit, für das Reich Gottes einsetzen.

Sie werden mitunter Menschen vor den Kopf stoßen, aber immer mehr Verständnis für deren Leben haben als diejenigen, welche sich selbst und andere täuschen, in dem sich nur auf die äußere Wirkung schauen.

Beten wir am Fest der Frankenapostel Kilian, Kolonat und Totnan um Seelsorgerinnen und Seelsorger, um Verantwortliche in unserem Bistum, die starke Persönlichkeiten sind und gerade deshalb auch schwach sein können. Denn dann kann die Gnade Gottes in ihnen und durch sie stark werden. Amen.

Sven Johannsen, Pfarrer

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