headeroben

Predigt 15. August 2021

Mariä Himmelfahrt“ oder „Aufnahme Mariens in den Himmel“

Sven Johannsen, Pfarrer (Lohr)

2021_Himmelfahrt_oder_Aufnahme.pdf

 

Liebe Schwestern und Brüder

 

Für 28 Million US-Dollar, umgerechnet etwa 23,7 Million Euro, können Sie in den Himmel fahren. Genau diese Summe hat ein unbekannter Bieter für den Flug ins Weltall mit dem Amazon-Gründer Jeff Bezos hingelegt und ist dann doch nicht mitgeflogen. Es war ein etwas skurriles Wettrennen, das sich Mitte Juli der britische Milliardär Richard Branson und Jeff Bezos geliefert haben. Branson war schneller und flog schon am 11. Juli in den Weltraum, Bezos drang dafür 16 km tiefer in den Kosmos ein, nämlich genau 106 Kilometer. Dort blieb sein Raumfahrzeug „New Shepard“ 10 Minuten schwerelos stehen und kehrte wieder zurück. An Bord waren der jüngste Raumfahrer, ein 18jähriger Student und die älteste Raumfahrerin, die 82jährige Astronautin Wally Funk. Klingt alles ein wenig aberwitzig, aber wir ahnen, dass ein Mensch wie Jeff Bezos so eine Aktion nicht aus purem Spaß unternimmt. Sicher hat er sich auch einen Kindheitstraum erfüllt, aber bereits seit Jahren arbeitet er wie Elon Musk mit Space X und Richard Branson mit seiner Firma Virgin Galactic daran, den Weltraum zum Ausflugsziel für breite Massen zu machen. Noch in diesem Jahr werden mindestens zwei Flüge ins Weltall mit zahlenden Touristen starten. Wir werden bald in den Himmel fahren und dort Sommerurlaub verbringen wie wir heute an den Strand von Rimini fahren oder auf Phuket reisen. Die Himmelfahrt ist das kommende Urlaubserlebnis, vorerst für wenige, die es sich leisten können, wahrscheinlich irgendwann auch für die breiten Massen. Und sicher wird dann Jeff Bezos und die anderen Pioniere des Weltraumtourismus gut daran verdienen. Himmelfahrt ist bald ein Produkt aus dem Reisekatalog und nicht mehr ein Fest im Kirchenjahr.

Feiern wir an Mariä Himmelfahrt also nichts Besonderes?

Es ist tatsächlich nicht die erste Himmelfahrt. Die Bibel berichtet von Elija, der auf einem feurigen Wagen in den Himmel fährt, und vierzig Tage nach Ostern feiern wir Christi Himmelfahrt, also die Rückkehr des auferstandenen Christus zum Vater und seine Erhöhung zu dessen Rechten. Heute erobert der Mensch den Weltraum und entzaubert die Fahrt in den Himmel von einem unglaublichen Wunder zu einer herausragenden Leistung menschlicher Forschung und Entwicklung. Wie retten wir da noch den heutigen Feiertag? Zunächst geht es ja heute nicht um den Himmel als Weltraum, sondern als Ort des ewigen Lebens. Zum anderen müssen wir den Inhalt gar nicht retten, denn wir feiern genau genommen nicht Mariä Himmelfahrt, sondern die Aufnahme Mariens in den Himmel. Sie merken, dass da schon eine andere Nuance in der Bedeutung anklingt. Das heutige Fest unterscheidet Maria deutlich von Christus. Von ihm bekennen wir im Credo: „Aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes des Vaters.“ Es ist seine eigene, göttliche Vollmacht, die seinen Weg der Auferstehung ans Ziel führt. Er kehrt dorthin zurück, woher er kam. Jesu Himmelfahrt ist letztlich kein Wunder des Vaters an ihm, sondern Konsequenz des österlichen Heiles.

Bei Maria ist das anders. Sie fährt nicht in den Himmel auf, bahnt sich keinen Weg durch den Weltraum, sondern wird nach einem erfüllten Leben auf Erden aufgenommen in den Himmel. Sie bekommt den Himmel geschenkt. Er kostet sie nichts und sie könnte ihn sich auch gar nicht leisten. Das ist die entscheidende Sicht des Glaubens auf unser Leben. Wir reden es nicht schlecht, aber wir überhöhen auch nicht seine Möglichkeiten. Wir schieben wohl unsere Begrenzungen immer weiter hinaus, aber aufheben können wir sie nicht. Unser Glauben verdrängt nicht, dass es eine Endlichkeit gibt, die im Tod mündet und der wir nicht entfliehen können.

Die letzten 1 ½ Jahre haben das Vertrauen vieler Menschen erschüttert, den Tod einfach ausblenden zu können. In dieser Zeit der Pandemie wird vielen Menschen die Angst vor der Begrenztheit des eigenen Lebens existentiell bewusst und erschüttert sie. Wir müssen erleben, wie hilflos wir dem tödlichen Feind ausgeliefert sind und wie überraschend er über uns herfallen kann, nicht nur in der Pandemie, sondern auch in Flutkatastrophen, Unfällen und Terrorakten wie in Würzburg. Wir haben fast alles in der Natur in den Griff bekommen und leider fast auch zerstört, nur der Tod, obwohl doch auch gänzlich natürlich, entzieht sich. Der Mensch ist heute versucht das Geheimnis des Lebens zu entschlüsseln, Wunschkinder zu produzieren und den Tod auszuschalten, aber gelungen ist es ihm nicht. Es gibt keine Garantie auf perfektes Leben ohne Schäden und Krankheiten. Und es gibt schon gar keine Perspektive, dem Tod zu entkommen. Wir können uns weder das Leben nehmen, es wird uns in der Geburt geschenkt, noch den Himmel erkaufen, wir werden in ihn aufgenommen, so die Botschaft des heutigen Festes. Mariens Leben endet auf Erden, aber es ist hier nicht abgeschlossen, sondern wird im Himmel erfüllt durch das ewige Leben.

Der Apostel Paulus nimmt in seiner Argumentation im ersten Korintherbrief die Todessicherheit der Erde auf und verweist auf das österliche Grundbekenntnis, dass Jesus von den Toten auferweckt wurde. Das ist das Fundament, ohne den es keinen Glauben geben kann. Alles andere ist zweitrangig. Seinen Gegnern, die an einer Auferstehung des Menschen zweifeln, hält er nun entgegen, dass die Auferstehung des Menschen die logische Konsequenz aus der Auferstehung Jesu ist. Gott hat ihn von den Toten auferweckt, doch nur, damit wir die sichere Hoffnung haben, dass sich auch an uns das österliche Geheimnis vollendet, so beten wir in einer Präfation der Messe für Verstorbene. Bei Paulus heißt es pointiert: „Wenn es keine Auferstehung gibt, dann ist auch Christus nicht auferstanden.“ Dann aber, so der Paulus, ist unser Glaube nichts und wir erbärmlicher dran als jeder andere Mensch, weil wir einer falschen Hoffnung nachlaufen. Wenn aber Christus auferstanden ist, dann ist er der Erste von vielen Entschlafenen, dann also hat er einen Stein ins Rollen gebracht, der die Gräber aller Toten öffnet, auch das seiner Mutter Maria.

Nicht Maria hat das Wunder vollbracht, in den Himmel aufzufahren, vielmehr wurde sie von ihrem Sohn in den Himmel erhöht als Vorbild für alle Menschen. Es ist nicht ihre Leistung, es ist ein Geschenk der göttlichen Liebe, die den Menschen ins irdische Leben und einmal ins ewige Leben ruft.

Wir erleben gerade, dass der Tod sich nicht bestechen lässt. Wir können uns mit allem Geld der Welt den Himmel nicht kaufen, höchstens kurz in ihn fliehen. Wir bleiben konfrontiert mit unserer Begrenztheit und unserer Hilflosigkeit. Dieser Einsicht stellt das heutige Fest die Hoffnung des glaubenden Menschen entgegen, dass wir darauf nicht festgelegt sind, sondern Anteil erhalten am unbegrenzten Leben des ewigen Gottes. So wie er Maria mit Leib und Seele,also mit ihrem ganzen Leben vollendet hat, so wird er uns einmal mit unserer ganzen Persönlichkeit, unserer Lebensgeschichte, unseren Erfolgen, Niederlagen, unseren glücklichen und traurigen Erlebnissen in das Leben in Fülle aufnehmen, das er allein schenken kann. Dazu bekennen wir uns und das feiern wir heute. Amen.

­