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„Hagia Sophia“

16_Hagia_Sophia_2020.pdf

Liebe Schwestern und Brüder

Der internationale Protest war vorprogrammiert und wohl auch gewollt als am vergangenen Freitag das oberste Verwaltungsgericht den Status der Hagia Sophia, des berühmtesten Bauwerks der Hauptstadt Istanbul, als Museum aufhob und der türkische Präsident Erdogan umgehend ein Dekret unterschrieb, dass sie als Moschee genutzt werden kann. Eigentlich hatte man schon für den 15. Juli das erste Gebet erwartet, spekuliert war sogar darüber, ob Erdogan selbst predigen würde. Noch aber ist es nicht so weit.

Aber von allen Seiten kam Protest gegen die erneute Nutzung einer der berühmtesten Kirchen der Welt als Moschee. Der Papst bekannte, dass ihn dieses Urteil sehr schmerze. Politiker aller Couleur haben das Vorgehen der türkischen Regierung massiv kritisiert und teilweise mit heftigen Konsequenzen gedroht, u.a. dem Abbruch aller Verhandlungen über einen möglichen Beitritt zur EU. V.a. russische und griechische Kirchenvertreter und Politiker haben sehr heftig reagiert. Der Erzbischof von Athen und Oberhaupt der griechischen Kirche bezeichnete die Umwandlung als "Beleidigung" nicht nur für die gesamte Christenheit, sondern die "ganze zivilisierte Menschheit, für jeden denkenden Menschen unabhängig von seiner Religion."

Warum hängt die Welt so sehr am Status der Hagia Sophia als Museum? Blicken wir kurz in die Geschichte:

Die Hagia Sophia (griechisch: "Heilige Weisheit") ist eines der berühmtesten Gebäude der christlichen und auch der islamischen Religionsgeschichte. Unter Kaiser Justinian wurde sie von 532 bis 537 erbaut. Das Werk der Architekten Isidoros von Milet und Anthemios von Tralleis wurde zum grundlegenden Modell späterer religiöser Bauwerke. Sie war 900 Jahre lang die Hauptkirche der orthodoxen Christenheit und gilt als eines der einzigartigsten Bauwerke der letzten 2000 Jahre, v.a. wegen ihrer monumentalen Kuppel. Die Geschichte des byzantinischen Reiches ist eng mit ihr verknüpft. Wenn je von einer Kirche gesagt wurde, dass sie den Himmel auf Erden abbildet, dann galt das in besonderer Weise von der Hagia Sophia.

Nach dem Fall von Konstantinopel 1453 wandelte Sultan Mehmet II. die damalige Hauptkirche des orthodoxen Christentums in eine Moschee um. Im Innenraum ersetzten muslimische Insignien die christlichen; Ikonen wurden entfernt und Mosaike mit Putz bedeckt. Diese wurden erst im 20. Jahrhundert wieder freigelegt.

Nach dem Ende des Osmanischen Reiches und der Ausrufung der Türkischen Republik wandelte der Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk die Moschee 1934 in ein Museum um. Bis heute fordern muslimische Fundamentalisten und Nationalisten, sie wieder zur Moschee zu machen. Damit haben sie sich nun durchgesetzt.

Die Hagia Sophia war also 900 Jahre Kirche, dann 500 Jahre Moschee, schließlich rund 80 Jahre Museum, für das man 13 Euro Eintritt bezahlte. Jetzt soll sie wieder frei zugänglich sein als Moschee.
Eine Provokation der Welt, eine Beleidigung der Christenheit, eine Explosion islamistischen Fundamentalisten – die Kritik ist äußerst heftig, klar und weit gespannt
Erst langsam kommen auch im christlichen Kulturkreis Stimmen auf, die ausscheren und die erneute Umwandlung nicht in Bausch und Bogen verurteilen, sondern sogar positive Aspekte erkennen wollen, und zwar nicht nur, dass damit der Eintrittspreis wegfällt.

Es verwundert, dass wortführend zwei katholische Geistliche aus dem Chor der Kritiker ausbrechen und andere Töne anschlagen.

So hat der sicher uneingeschränkt als herausragender Islamexperte anerkannte Jesuit Felix Körner in einem Interview mit Domradio.de die Kritik teilweise als „heuchlerisch“ bezeichnet. Er selbst steht der Umwandlung gelassen gegenüber und meint: "Dann wird sie eben, wie die Sultan Ahmet Moschee, die sogenannte Blaue Moschee, wieder zugänglich für alle, ohne dass die Menschen Eintritt zahlen müssen. Und man kann dann eben auch beten. Ich weiß nicht, ob Sie schon mal – ich jedenfalls sehr gerne – in einer Moschee gebetet haben."

Er ist überzeugt, dass man als gläubiger Mensch diesen nun wieder geistlichen Ort wahrnehmen und annehmen könne. Seiner Meinung folgend, hat die Hagia Sophia, die jetzt wieder ein Gotteshaus ist, damit gewonnen, wenn der Muezzin zum Gebet ruft.

In ähnlicher Weise hat auch der apostolische Vikar für Anatolien, Paolo Bizetti, Verständnis für die Umwandlung in eine Moschee geäußert und gemeint, dass es sich nicht um eine Kurzschlusshandlung des türkischen Präsidenten handle. Er verweist darauf, dass den Gläubigen Menschen die Hagia Sophia mit der Umwandlung in eine Moschee 1934 weggenommen wurde. Bischof Bizzeti hofft sogar, dass auch Christen künftig eine Gebetsmöglichkeit in dem als kaiserliche Kirche errichteten Gotteshaus eingeräumt wird. 

Zwei gänzlich andere Sichtweisen als die harte Polemik, aber vielleicht mehr am heutigen Evangelium orientiert als eine Verschärfung des christlich-islamischen Gegensatzes. Das Evangelium heute kenne kennt „Schwarz-Weiß“- Denken. Alles wachsen lassen, denn erst bei der Ernte entscheidet sich, ob es gut oder schlecht ist. Kann das auch für die Hagia Sophia gelten?

Vielleicht schon.

Sicher schmerzt es uns, dass einer der berühmtesten Kirchenbauten nicht mehr für den christlichen Gottesdienst dient, aber das gilt nun schon seit 1453. Die bessere Alternative ist doch nicht automatisch, dass dann auch die anderen den Raum nicht als Gebetsraum nutzen dürfen, sondern die Säkularisierung zum Museum.

Es hängt jetzt viel davon ab, welche Weichen die türkische Regierung für die künftige Nutzung stellt. An einem Ort des muslimischen Gebetes werden die christlichen Ikonen und Symbole, die die Wände zieren, stören. Was wird geschehen? Werden sie zerstört, überputzt und übermalt? Das wäre tatsächlich eine gewaltige Provokation. Oder aber werden sie „lediglich“ mit Tüchern überhängt beim Gebet. Auch die Hoffnung der beiden Jesuiten Körner und Bizetti nach der Möglichkeit des Gebetes für Christen ist noch ein entscheidendes Kriterium für ein richtiges Urteil. Durchaus erleben wir in muslimischen Gotteshäusern eine große Gastfreundschaft. Ich erinnere mich gern an die Besuche von Moscheen in Jordanien, aber auch in Deutschland. Wir waren immer willkommen. Wird man uns dort auch das Beten gewähren? Wird es sogar möglich sein, dass es in der Hagia Sophia, in einem so gewaltigen Raum, eine eigene christliche Gebetsstätte geben wird? Das ist nicht völlig ausgeschlossen. An anderen Orten gibt es die Praxis einer Nutzung einer Heiligen Stätte durch zwei Religionen durchaus, auch wenn, wie z.B. am Davidgrab in Jerusalem nicht ohne Konflikte. Aber gerade in Jerusalem haben wir auch das Beispiel des Abendmahlssaales, der zwar in muslimischen Besitz steht, aber jetzt auch wieder gelegentlich für Gottesdienste genutzt werden kann, wie z.B. beim Besuch Papst Franziskus 2014 im Heiligen Land.

Es gibt also noch alle Möglichkeiten, die Umwandlung der Hagia Sophia als einen Gewinn für alle „gläubigen“ Menschen zu erleben. Das hängt jetzt von den weiteren Entscheidungen der türkischen Regierung ab.
Ich schließe mich, ausnahmsweise, der Meinung des Präsidenten des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken, Thomas Sternberg an, der schon früh sagte:

 "Dass man in der Hagia Sophia beten darf, ist richtig, sie ist kein Museum, der Säkularismus Atatürks war gegen jede Religion. Könnte diese großartige Kirche nicht ihre 900 christliche und 500 Jahre islamische Geschichte dadurch spiegeln, dass Muslime und Christen darin beten?",

Wenn das Wirklichkeit würde, hätten wir im Sinne des Evangeliums alles richtig gemacht, wenn wir nicht schon zu diesem Zeitpunkt vorschnell urteilen. Amen.

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