headeroben

17_Aarpsalm.pdf

Predigt 17. Sonntag C (24. Juli 2022) - „Schreien will ich zu dir, Gott“

(Grundlage ist der Ahr-Psalm von Stephan Wahl 

https://www.bistum-trier.de/fileadmin/user_upload/Ahr-Psalm_-_Stephan-Wahl_-_Hochwasser_2021.pdf)

 

Schreien will ich zu dir, Gott, mit verwundeter Seele,/

doch meine Worte gefrieren mir auf der Zunge…

Wo warst du Gott, Ewiger, /

hast du uns endgültig verlassen? …

Ist dir das alles völlig egal, Unbegreiflicher? /

Du bist doch allmächtig, dein Fingerschnippen hätte genügt….

Meine gewohnten Gebete verstummen /

meine Hände zu falten gelingt mir nicht.

So werfe ich meine Tränen in den Himmel /

meine Wut schleudere ich dir vor die Füße.

Hörst du mein Klagen, mein verzweifeltes Stammeln, /

ist das auch ein Beten in deinen Augen?

Dann bin ich so fromm wie nie,/

mein Herz quillt über von solchen Gebeten.“

 

Liebe Schwestern und Brüder

 

Ist das auch ein Beten in deinen Augen?“, fragt Stephan Wahl in seinem Ahr-Psalm, den er vor einem Jahr nach der schrecklichen Flutkatastrophe, die allein in den Bundesländern Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen 160 Menschen das Leben kostete und ganze Städte und Dörfer verwüstete, geschrieben hat. Der Autor ist Priester des Bistums Trier und stammt aus dem von der Katastrophe schwer betroffenen Landkreis Bad Neuenahr-Ahrweiler. Auch wenn er seit einigen Jahren in Jerusalem lebt, sind ihm die Menschen und die Landschaft vertraut und immer noch Heimat. Sein Erschrecken als Mensch, aber auch seine Fragen und Zweifel an Gott als Glaubender, hat er in seinem sog. „Ahr-Psalm“ verarbeitet und harte Worte gefunden für das Gespräch mit Gott. In eindringlichen Bildern schildert er das Entsetzen darüber, wie der Bach, an dem er selbst seit Kindertagen spielte, spazieren ging und ausruhte, zum reißenden Strom, zum todbringenden Ungeheuer mutierte, Menschen das Leben raubte und die Landschaft verwüstete. Wahl setzt sich auch auseinander mit der kruden Erklärungstheorie, dass Gott solche Unglücke als Strafe bzw. Warnung schickt. V.a aber muss er sich als Christ und Priester der Frage stellen, warum Gott so eine Katastrophe zulässt, ohne dass er zu einer Lösung kommt. Er greift zurück auf das Vorbild der Psalmen der hebräischen Bibel, in der sich neben kunstvollen liturgischen Hymnen, die für den Gottesdienst am Tempel gedacht waren, sehr persönliche Klagen, Bitten, Vorwürfe und Dankgesänge finden. Oft wird Gott in den Psalmen konfrontiert mit dem Vorwurf, dass er nicht auf den Menschen achtet und sich durch den Tod des Menschen selbst schadet. Denn im Tode gedenkt man deiner nicht; wer wird dir bei den Toten danken? (Ps 6,6) Schon vor über 2000 Jahren wurde Gott von Betern nicht geschont und mit unangenehmen Fragen und Angriffen bedrängt. Ist das Gebet oder einfach nur ins Wort gebrachter Trotz, ja schon fast „Glaubensabfall“?

Es gibt notwendigerweise einen Unterschied zwischen den feierlichen und wohl formulierten Gebeten in der Liturgie, deren Aufgabe v.a. der Lobpreis, die Anerkennung und Anbetung Gottes durch die ganze Gemeinde ist, und dem persönlichen Beten des einzelnen Menschen in den verschiedenen Lebenslagen. Dass beide Formen eng aufeinander bezogen sind, wird besonders deutlich am wichtigsten Gebet der Christenheit, dem Vaterunser. Es ist zugleich das zentrale Gebet jeder christliche Versammlung und Ausdruck der Grundhaltung, in der der einzelne Mensch vor seinem Gott steht. Das flehentliche Bitten im privaten Gebet durchwirkt auch das gemeinsame Beten des Vaterunsers im Gottesdienst, das oft genug feierlich und gleichzeitig achtlos aufgesagt wirkt. Gott will zudringlich angerufen werden, so dürfen wir es aus den Worten Jesu und dem Gleichnis, das er bei Lukas dem Vaterunser anfügt, herauslesen. Versetzen wir uns in die Situation der Jünger, die Jesus bitten, sie das Beten zu lehren. Sie sind glaubenstreue Juden, aufgewachsen in einem zutiefst religiösen Umfeld mit allen Gebeten und Worten der jüdischen Bibel. Sie brauchen keinen neuen Gebetstext. Es geht auch bei Lukas weniger darum, zu den bekannten Gebetsformeln noch eine neue hinzuzufügen, sondern um die Grundfrage des Betens: an wen wende ich ich mich im Gebet? Wer ist dieser Gott? Natürlich ist er für Jesus der treusorgende Vater, aber auch der Freund, der bedrängt werden will. Im Gebet kann ich Gott nicht bestechen oder zwingen, aber wohl „belästigen“. Seit jeher unterscheidet sich das Beten Israels von dem der anderen Kulturen. Immer war den Gläubigen klar, dass Beten kein Geschäft mit Gott ist. Wenn in anderen Tempeln Opfer dargebracht wurden, dann ging es darum, die Götter gnädig zu stimmen und ihnen etwas anzubieten, damit sie sich wohlwollend verhalten: „Du bekommst Fleisch, ich das, was ich mir wünsche.“ So ein Denken war in Israel niemals offizielle Theologie. Beten wurde immer als Annäherung an Gott verstanden. Das hebräische Worte für „Beten“ hat nichts mit „Bitten um“ zu tun, wie es im Deutschen sich nahelegt. Das Wort, das hier gebraucht wird, ist »lehitpalel« und bedeutet: „sich selbst prüfen.“ Es geht bei dem hebräischen Wort für das klassische Beten also gar nicht darum, Gott zu einem bestimmten Verhalten zu bewegen, sondern sich selbst in Augenschein zu nehmen und zu prüfen. Ziel ist es nicht, Gott zu ändern, sondern sich zu ändern. Und die Veränderung heißt: Gott näher kommen.

Der italienische Rabbiner Leone da Modena erklärte das jüdische Verständnis des Gebetes einmal so: Stellen Sie sich einen Mann in einem Boot vor, der sich selbst ans Ufer zieht. Wenn wir es nicht besser wüssten und die Gesetze der Physik außer Acht lassen würden, dann könnten wir durchaus glauben, dass der Mann versucht, das Ufer zum Boot zu ziehen. Tatsächlich ist das Ufer natürlich unbeweglich, während es der Mann in dem Boot ist, der sich auf das Ufer zubewegt.“ (s. David Neumann, werden unsere Gebete erhört in: Jüdische Allgemeine v. 21.7.22)

Wenn unser Beten v.a. darauf abzielt, näher zu Gott zu kommen, dann kann es sicher nicht ein andauernder Vorwurf gegen Gott sein, dass ich mich grundsätzlich schlecht behandelt fühle, aber es kann auch nicht als durchgängig euphorischer Lobpreis daherkommen, denn das entspricht in der Regel nicht unserem Leben und unserem Wesen. Wir nähern uns Gott mit allem, was uns bewegt: Dank, Freude, Glück, aber auch Erschrecken, Fragen und Ängsten.

Im Ahr-Psalm von Stephan Wahl kommt für mich die Vielschichtigkeit unseres Betens in einer Sprache zum Ausdruck, die dem Empfinden moderner Menschen entspricht: Zerrissen zwischen Urvertrauen in Gott und der quälenden Frage, ob ihn unser Leben überhaupt interessiert. Stephan Wahl löst nicht einfach alles zum Guten auf. Er lässt Fragen stehen, aber er bringt auch die Hoffnung ins Wort. In den letzten Zeilen kommt sie zaghaft und doch klar zum Ausdruckt:

Sollen die Spötter mich zynisch belächeln, / ich will hoffen auf deine Nähe an meiner Seite.
Würdest du doch nur endlich dein Schweigen beenden, / doch ich halte es aus und halte dich aus, oh Gott.
Halte du mich aus! / Und halte mich, Ewiger! Halte mich!“

Unser Beten wird keine Früchte tragen, wenn es die Wirklichkeit des Lebens ignoriert oder Gott Forderungen stellt. Darauf lässt er sich nicht ein. Beten heißt, unser Leben vor den Augen Gottes anschauen und uns ihm nähern, uns gleichsam an ihn heranziehen, so schwer es auch ist.

Eine kleine Anekdote erzählt: „Ein amerikanischer Reporter fliegt nach Israel, um einen Juden zu interviewen, der seit 60 Jahren jeden Tag an der Kotel (Anmerkung: die Klagemauer) in Jerusalem betet. Als er den alten Juden schließlich trifft, fragt er ihn fasziniert, wie es sich anfühlt, seit so vielen Jahrzehnten täglich an der Klagemauer zu beten, woraufhin der Jude antwortet: »Wie es sich anfühlt? Als würde ich gegen eine Wand reden!« (s.o.)

Manchmal stoßen wir im Gebet gegen eine Mauer des Schweigens und quälender Fragen. Aber die Klagemauer öffnet kleine Schlitze, die Platz bieten für unsere Gebete, die dort gut aufgehoben sind. Wir können Gott nicht bestechen, kaufen oder manipulieren, aber wir können gegen die Mauer der Hoffnungslosigkeit anrennen und so kleine Spalten der Zuversicht finden, weil wir Gott näher gekommen sind. Amen. Sven Johannsen, Pfarrer Lohr

­