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Predigt 19. Sonntag im Jahreskreis C - „Besteuert mich“

18_Beseuert_mich_2022.pdf

 Liebe Schwestern und Brüder

 Marlene Engelhorn ist 30 Jahre jung, studiert Germanistik und wird bald eine der reichsten Frauen Österreichs bzw. Deutschlands sein.

Sie ist eine direkte Nachfahrin des BASF-Gründers Friedrich Engelhorn. Marlene Engelhorn wuchs in einer reichen Familien auf und musste sich nie große Sorgen machen. Vor zwei Jahren hat ihre Großmutter, Traudel Engelhorn-Vechiatto, den Nachkommen mitgeteilt, wie sie einmal ihr Vermögen unter den Erben aufteilen will. Ihre Enkeltochter, Marlene, soll einen zweistelligen Millionenbetrag bekommen. Das ist eben der Lauf der Welt: Die Reichen werden immer noch reicher und Geld kommt immer zu Geld. Es gehört zu unserer „Lesekultur“, dass uns bunte Illustrierte mit wunderbaren Artikel voller Neid und Glamour über das Luxusleben von „faulen“ Erben mit großen Bilderserien unterhalten. Aber in diesem Fall ist es anders. Marlene Engelhorn will das Geld nicht. Sie gründete eine Initiative „Taxmenow“, „Besteuere mich jetzt“. 90 Prozent ihres Erbes will sie abgeben, aber nicht als Spende, sondern als Steuer. Ist die junge Frau verrückt geworden?

In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung macht sie ihre Motive deutlich: „Warum erlauben wir, dass große Vermögen einfach so vererbt werden? Was macht eine Person, die einen bestimmten Nachnamen per Geburt erhält, so viel besser als eine andere? Es ist doch kein natürliches Recht, dass meine Familie reich ist.“ (https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/marlene-engelhorn-erbe-oesterreich-tax-me-now-1.5494716) Ihre Familie ist durchaus großzügig. Sowohl ihre Großeltern als auch ihre Eltern haben kulturelle und soziale Stiftungen ins Leben gerufen, fördern Projekte der Kunst und der Wissenschaften und sind sicher auch sonst freigebige Spender. Marlene Engelhorn will aber das Geld, das sie erben wird, nicht spenden, sondern an den Staat abgeben, weil sie überzeugt ist, dass die Allgemeinheit ein Recht darauf hat, über die Verwendung des Vermögens zu bestimmen, weil es nach ihrer Auffassung letztlich der Gemeinschaft gehört. Die junge Frau ist keine verträumte Marxistin, die es sich leisten kann, großzügig in Geldfragen zu denken. Ich habe aus den Interviews den Eindruck, dass sie sehr genau nachgedacht hat. So lehnt sie z.B. eine stärkere Besteuerung von höheren Einkommen ab, weil das die Leistung in Frage stellt. Ihr geht es um „unverdientes“ Vermögen. Sie kritisiert, dass in Deutschland bzw. Österreich ein Prozent der Bevölkerung 35 bis 40 Prozent des gesamten Vermögens hält und dieses Vermögen zum größten Teil nicht erarbeitet, sondern ererbt ist. Dass sie da durchaus einen wunden Punkt in unserer Gesellschaft trifft, erleben wir, wenn Politiker mit der Idee der Wiedereinführung einer Vermögenssteuer in die Öffentlichkeit treten. Obwohl sie nur einen ganz kleinen Teil der Bevölkerung (Personen mit einem Nettovermögen von 2 Millionen Euro) treffen würde, der dadurch nicht ärmer, sondern nur etwas langsamer reicher würde, ist sie kaum realisierbar. Die SPD ist damit in den Bundestagswahlkampf gezogen. Bis heute ist nichts passiert.

Wenn es um Vermögen geht, ist die Stimmung schnell gereizt unter Lobbyisten und Wirtschaftspolitikern. In der Regel wird gesagt, dass es Unrecht ist, den Menschen wegzunehmen, was sie oder ihre Vorfahren erarbeitet haben. Das entspricht auch meinem Denken: Man darf Menschen nicht wegnehmen, wofür sie gearbeitet haben. Zugleich aber gibt es eine Verpflichtung zur Solidarität. Jeder hat ein Recht auf Eigentum und Eigentum verpflichtet, so einer der grundlegenden Pfeiler der katholischen Soziallehre und ein Basissatz unseres Grundgesetzes. Aber es gilt auch: Kein Mensch kann etwas für die Familie, in die er hineingeboren wurde. Unternehmensgründer vor 100 Jahren warem keine einzelnen Abenteurer und Goldgräber, sondern profitierten von politischen und wirtschaftlichen Umständen, also von der Gesellschaft. Von daher gibt es bei Vermögen neben dem Recht des Besitzes auch die Verpflichtung zum Einsatz für das Gemeinwohl. Dazu braucht es eine Sicht von Vermögen, die ich aus den Worten der jungen Frau, die ihr Erbe hergeben will, heraushöre und die sehr dem entspricht, was wir heute beim Prediger Kohelet hören: Das Leben ist vergänglich und unverfügbar, mit keinem Vermögen der Welt kann ich mir die Macht kaufen, es zu verlängern oder mein Glück ewig zu machen.

Kohelet geht in seinen sehr modern wirkenden Gedanken einen für die Bibel eher ungewöhnlichen Weg. Er formuliert seine Überlegungen nicht von Gott und seinem Gebot her, also in dem Sinn: „Gott will, dass ihr teilt. Wenn ihr es nicht tut, dann verstoßt ihr gegen seinen Willen.“ So haben es die großen Sozialpropheten wie Amos und Micha formuliert. Kohelet beginnt von „unten;. „Ich habe mir das Leben der Menschen angeschaut“. Aus dem Leben des Menschen, aus seiner Suche nach Glück, Lebenssinn und Freude, bezieht er seine Erkenntnisse über die Vorläufigkeit des Besitzen und sein Frage nach dem, was bleibt. In einer Zeit des Umbruchs des Denkens, der Kultur, des Glaubens und auch der sozialen Verhältnisse sieht Kohelet die Lebensläufe der Menschen an und kommt immer mehr zur Gewissheit, dass der Mensch sich selbst nicht das Glück des Lebens schaffen kann. Es wird ihm geschenkt und unterliegt dem Wandel. Wir wissen von Kohelet, dass er wohl ein sehr nüchterner Betrachter der Wirklichkeit, aber kein Pessimist war. Seine berühmten Verse „Alles hat seine Zeit…“ erinnern uns ja auch an glückliche und freudige Phasen des Lebens, an das Tanzen, Aufbauen, Lieben, Freuen u.v.m, aber eben immer im Horizont ihrer Vorläufigkeit. Dass kein von Menschen gemachtes Glück ewig ist, lässt ihn heute entscheidende Fragen stellen: Was ist der Mensch? Wozu lebt er? Nur um Reichtum anzuhäufen? Was nützt ihm sein Besitz? Fragen, die gut 2300 Jahre alt sind, aber noch immer nach Antworten rufen. Die Gedanken des Kohelet sind zeitlos, weil der Mensch immer wieder erlebt, wie er am Versuch, sich das ewige Glück zu schaffen, scheitert und gezwungen ist, über sich und sein Leben hinaus zu denken. In den letzten Versen der heutigen Lesung verlässt Kohelet die Enge der Verzweiflung darüber, dass alles, was der Mensch erarbeitet hat, einem anderen als Erbe zufällt, und sieht doch eine beständige Quelle des Glücks:

Nicht im Menschen selbst gründet das Glück, dass er essen und trinken und durch seinen Besitz das Glück selbst kennenlernen kann. Ich habe vielmehr beobachtet, dass dies von Gottes Verfügung abhängt. Denn wer hat zu essen, wer weiß zu genießen, wenn nicht ich?“

 

Für mich offenbart sich hinter dem Wissen, in rechter Weise die Güter der Welt zu genießen, eine Spiritualität der Dankbarkeit. Ich bekomme ein gelasseneres Verhältnis zu den Dingen, wenn ich sie als Geschenk ansehe, für das ich dankbar sein kann und das ich genießen darf, nicht aber verteidigen und sichern muss. Selbst das Leben ist eine Art Darlehen Gottes, das er uns gibt, es gut zu nützen und freudig zu leben, nicht zum ewigen Besitzen. Erben werden wir einmal als Gottes Kinder das ewige Leben, das uns keiner mehr nehmen kann.

 

Ich denke, dass es genau diese demütige und vernünftige Einstellung ist, die dem reichen Mann im Gleichnis Jesu fehlt. Jesus beginnt sein Gleichnis recht neutral in der Bewertung. Der Mann hat eine ungewöhnliche große Ernte. Das wird nur geschildert, nicht positiv oder negativ beurteilt. Irdisches Glück ist für Jesus nicht von vornherein etwas, das er ablehnt. Er kann sich mit Menschen freuen und mit ihnen frohe Zeiten genießen. Die Radikalität seiner Armut wird keineswegs zum Maßstab für alle, wohl aber seine Einstellung zu irdischen Besitztümern. Wir treten dann aber ein in ein Selbstgespräch des Mannes. Scheinbar gehen ihm angesichts des unverhofften Wohlstands mehrere alternative Überlegungen durch den Kopf, möglicherweise sogar die Idee, den überzähligen Besitz abzugeben. Er aber entscheidet sich, Platz zu schaffen für neue Lagerhallen mit Raum für den größer gewordenen Besitz. In dieser Moment begeht er den grundlegenden Fehler in seiner Selbsteinschätzung. Er sieht sich nicht mehr zum Danken dem gegenüber verpflichtet, der ihm das alles geschenkt hat, sondern nur noch zum Bewahren dessen, was er als sein Eigentum ansieht. Wäre es anders, dann hätte er von sich aus verzichten und abgeben, weil er weiß, dass er genug zum Leben hat. Mit dem steigenden Besitz wächst auch die Selbstsicherheit und Selbsttäuschung, dass er allein seines Glückes Schmied ist. Nicht das wachsende Vermögen wird von Jesus kritisiert, sondern die Haltung der Habsucht, die den Blick über den Horizont des eigenen Egoismus verstellt.

Gott missgönnt uns nicht, dass wir Glück und auch eine Sicherheit zum Leben haben, aber er warnt uns davor, die Dankbarkeit und damit auch die Gelassenheit im Umgang mit Besitz zu vergessen. Die Berichte über Menschen, die niemals genug bekommen und mit allen Tricks versuchen, immer reicher zu werden, sind uns tägliche Wegbegleiter geworden. Wenn es um den eigenen Vorteil geht, gibt es oft keine Schamgrenzen mehr. Ein erschütterndes Beispiel dafür bilden die Politiker und Geschäftsleute, die am Anfang der Pandemie zynisch versucht haben, mit Maskendeals das Gemeinwohl zu schädigen. Wir lesen täglich von ähnlichen Dreistigkeiten und Verbrechen. Darüber kann man sich „herrlich“ aufregen und allen Menschen unterstellen, dass sie nur an sich denken und alles für ihren eigenen Vorteil tun. Diese routinierte Empörung nützt nur leider nichts als Beitrag für eine gute Zukunft der Menschheit. Wichtiger scheint es mir Menschen in den Blick zu nehmen, die ausbrechen aus der vorgegebenen Gesetzmäßigkeit, immer mehr haben zu müssen und immer reicher zu werden. Es gibt Menschen, die zeigen, dass es auch anders gehen kann und dass ein gerechtere Welt möglich ist. Dazu rechnen ich auch junge Menschen, voller Idealismus und neuem Denken, die ganz bewusst nicht mehr darauf fixiert sind, immer mehr im Beruf und auf der Karriereleiter zu erreichen und immer mehr zu besitzen, sondern die deutlich machen, dass ihnen Zeit für ihre Familie und Lebensfreude wichtiger sind.

 

Aus dem sehr konkreten formulierten Evangelium vom heutigen Sonntag hat Papst Franziskus in seiner Enzyklika „Laudato si“ den Gedanken eines neuen Lebensstils entwickelt und eine ökologische Spiritualität angemahnt. Er wendet die Frage, „wozu kann ich die Erde nutzen?“ in die Frage um wozu braucht mich die Schöpfung“? In seinen Augen kann der christliche Glaube hierfür als Quelle dienen, weil das Wort Jesu ein anderes, bescheideneres Verständnis von Lebensqualität“ vorschlägt und zu Genügsamkeit und Demut“ (LS 224) führt: zu einem  Weniger ist mehr“ (LS 222). Es geht für uns nicht um „Alles“ oder „Nichts“, sondern um eine Lebenshaltung, die dankbar ist für all das, was dem Menschen geschenkt wird, und gelassen angesichts der Vorläufigkeit allen Irdischen. Was bleibt, ist das Glück, das wir hier erlebt haben und das uns Geschmack macht auf das Leben in Fülle in Gottes Ewigkeit. Unser Leben wird einmal vor Gott bestehen können, nicht aufgrund des Reichtums, den wir anhäufen, sondern aufgrund der Dankbarkeit ihm gegenüber für das, was wir schon hier aus seiner Güte genießen durften. Amen.

Sven Johannsen, Pfarrer

 

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