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Predigt 2. Advent 2021

Was kommt nach der Religion?“

 

Liebe Schwestern und Brüder

2._Advent_2021_Geht_es_auch_ohne_Religion.pdf

Alle Jahre wieder, kurz vor Weihnachten kommen die Deutschen Presseerzeugnisse von „Bild“ bis zur „FAZ“ irgendwann auf das Thema Religion, Glaube, Christentum usw. Beliebt sind v.a. beim „Spiegel“ eher sensationsgierige Reportagen über angeblich gefunden Beweise, dass die Geschichte. die die Bibel erzählt, eigentlich ganz anders war. Zuletzt ging man sogar so weit, nicht nur die Existenz Jesu anzuzweifeln, sondern sogar die des Paulus, den man ja ansonsten als den „Erfinder“ des Christentums ausmacht. In diesem Jahr ist der „ZEIT“ wohl der Eröffnungscoup gelungen, denn sie fragte vor einer Woche „Was nach dem Glauben kommt“? Der Autor Thomas Assheuer, lange Jahre Redakteur im Feuilleton der Zeit, macht sich Gedanken, über die Frage „ob es nicht auch ohne Religion geht?“

Unbegründet ist die Frage nicht. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Im Augenblick sind in unserem Land noch 44,9 Millionen Menschen Christen, doch bald werden wir weniger als die Hälfte der Bevölkerung ausmachen. Auch Juden und Muslime haben, nicht nur in Deutschland Probleme, ihre Anhänger zum Mitleben in einer Gemeinde zu motivieren. Zwar sind rund 85% der Weltbevölkerung gläubig, aber die Kluft zwischen den westlichen Ländern, in denen der Glauben rapid in Erosion geraten ist, und dem Rest der Welt, v.a. muslimischen Ländern, klafft immer weiter auseinander. (Thomas Assheuer, „Was nach dem Glauben kommt“, in: DIE ZEIT 48./2021)

Schuld an dieser Fluchtbewegung sind nicht nur die Aufklärung und die Konsumorientierung, die von Vertretern der Kirchen kritisiert werden. Im Gegenteil haben die Kirchen selbst sehr viel dazu beigetragen, dass eine immer größere Anzahl von Menschen ihnen den Rücken kehrt. Die Gründe liegen offen: Skandale, lustfeindliche Theologie, überholte Strukturen, Ausgrenzung von Frauen usw.

Assheuer gibt zu: „Nach all dem Blut, das im Namen Gottes vergossen wurde und wird, versteht man jeden, der die Religionen zum Teufel wünscht.“ (ebd.) Für die einen Kritiker ist Religion der Urgrund allen Hasses und Streites, für andere ein Hirngespinst, mit dem sich der Mensch selbst betrügt, oder ein Gefängnis für das Denken, aus dem der Mensch ausbrechen muss, um endlich frei zu werden.

Es ist müßig zu fragen, wie die Religionen es so weit haben kommen lassen können, dass ihnen ein solches Misstrauen entgegengebracht wird. Spannender ist die Frage dagegen: Geht es auch ohne Religion.

Vor 50 Jahren erreichte John Lennon mit seinem Song „Imagine“ einen visionären Kultstatus und spricht bis heute Millionen Menschen aus dem Herzen, wenn er am Anfang seines Songs zur Vision einer anderen Welt auffordert:

Imagine there's no heaven

It's easy if you try

No hell below us

Above us only sky

Imagine all the people living for today

 

Stell dir vor, dass es keinen Himmel gibt. Es ist einfach, wenn du es versuchst. Keine Hölle unter uns. Über uns nur das Firmament. Stell dir all die Menschen vor, die nur für das Heute leben.

 

In der zweiten Strophe streicht er Nation und Religion aus der Ideenwelt der Menschheit und kann so von einer friedlichen Welt träumen.

 

2008 kurvten Busse durch Europa, auf denen Atheisten warben: „Es gibt wahrscheinlich keinen Gott. Hört auf euch Sorgen zu machen. Genießt euer Leben!“ Ist das so? Wie wäre die Welt ohne Religion? Wirklich friedlicher, gerechter, menschlicher und freudvoller?

 

Assheuer ist davon nicht überzeugt. Er warnt, dass dann die moderne Gesellschaft völlig mit sich allein gelassen wäre. Für ihn bedeutet diese Vorstellung, dass „auch der Glutkern des abendländischen Geistes erkalten würde“. Aus dem Erbe der Religionen leben bis heute die Vorstellungen von der Würde des Menschen, seinem Recht auf Freiheit, der Katalog der Menschenrechte. Ohne Religion, ohne ein Fenster, das über die Welt hinausweist, säße die Menschheit in einer selbst gebauten Höhle. Sie könnte ihre Ethik und Moral nur aus eigenen Quellen schöpfen. Es gibt dann keine bedingungslose Instanz, die wie Gott nicht vom Menschen abgelöst werden kann, außer vielleicht der „Fußballgott“. Und so fürchtet er dass, dann schnell die Dreifaltigkeit des Kapitalismus als neue Gottheit sich breit macht: „Wachstum, Wohlstand, Fortschritt“. Er macht die Konsequenzen an einem Beispiel deutlich: In einer nächsten Pandemie könnten Politiker dann die Rede von der Heiligkeit des Lebens als einen metaphysischen Taschenspielertrick abtun und fordern, dass Alte, Schwache und andere Minderleister für das Funktionieren der Wirtschaft ein „freiwilliges“ Opfer bringen müssten, denn wir müssen ja alle mal sterben. (ebd.) Assheuer sieht am Horizont eine neue Religion aufsteigen, die die Macht heiligspricht und den Status quo anbetet. Zum Beleg verweist er auf die Vorgänge in Russland, China, Brasilien und zur Trump-Zeit in den USA. Wir haben erlebt, wie unter dem letzten US-Präsidenten eine gnadenlose Machtreligion den Kampf jedes gegen jeden zum Ritus erklärte. Diese Gefahr droht weltweit, wenn nicht der Glaube an den einen und allmächtigen Gott zum Korrektiv wird.

 

Auch wenn ich manche Kritik des Autors nicht teile, kann ich diesem Gedankenexperiment voll zustimmen, aber frage mich: Kann ich das Dasein von Religion nur begründen mit dem Verweis, welchen Nutzen sie der Welt und dem Menschen bringt? Ist Religion nur deshalb sinnvoll, weil sie den Menschen davor bewahrt, dem anderen Menschen zum Wolf zu werden? Kann Nutzen überhaupt ein Kriterium für Religion sein?

 

Die Lesungen des heutigen Tages sprechen eine andere Sprache. Wohl fordert Johannes seine Zuhörer auf, ihr Verhalten zu ändern, glaubwürdiger ihr Bekenntnis zu Gott zu leben und sozialer und verantwortlicher zu handeln, aber im Vordergrund steht ein anderer Gedanke, der auch in der Lesung aus dem Buch des Propheten Jesaja aufleuchtet: Der ewige Bund Gottes mit den Menschen. Geschlossen schon mit Adam und Eva, erneuert in Noah und Abraham, verwirklicht in der Gesetzgebung am Sinai durch Mose und vollendet in der Menschwerdung, dem Leiden, Sterben und Auferstehen Jesu, bezeugt der Bund die Treue Gottes zu seinem Ebenbild dem Menschen. Auch wenn der Mensch von Anfang an den Bund bricht, bleibt Gott ihm treu: Er hat versprochen für sein Volk da zu sein und hält sich daran. Auch wenn der Mensch sich oft genug durch das Brechen des Bundes in katastrophale Situationen bringt, z.B. in der Zeit des babylonischen Exils, wird Gott auf das Rufen seiner Auserwählten hören und sie retten. Der tiefste Sinn von Religion besteht schließlich im Erinnern und Festhalten am Bund zwischen Gott und den Menschen. Der Kirchenvater Augustinus (354-430 n. Chr) greift das in seiner Schrift ''De vera religione'' auf und definiert „Religion“: ''Religion verbindet uns mit dem einen allmächtigen Gott (religet ergo nos religio uni omnipotenti deo)''

 

Moderne Menschen schließen keinen Bund, sie schließen Verträge, die beiden Seiten nützlich sind und dann, wenn man keinen Vorteil mehr erkennt, gekündigt werden. Gott aber schließt mit den Menschen einen Bund, der nicht beendet werden kann, der beide Seiten aneinander bindet und verpflichtet. Der tiefste Sinn von Religion besteht darin, den Menschen daran zu erinnern, dass er einem Größeren verpflichtet ist, von dem er kommt und zu dem er zurückkehrt.
Seinen Bund hat er bestätigt, als er in seinem Sohn seiner „Bündnispflicht“ sogar so weit nachkommt, dass er für den Menschen den letzten Feind, den Tod, besiegt.

Daran erinnert uns die Religion. Darum wird sie auch nicht verschwinden. Institutionen, Riten und Lehren werden sich verändern, aber nicht der Bund zwischen Gott und den Menschen, denn es gibt keine Klauseln, Kleingedrucktes oder gar ein Vertragsende. „Sind wir untreu“, sagt Paulus im Timotheusbrief, „bleibt Gott doch treu, denn er kann sich selbst nicht verleugnen.“ (2 Tim 2,13)

 

Sven Johannsen, Lohr

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