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Predigt 2. Sonntag im Jahreskreis 2022 C

Wir trinken heute noch davon“

2_Wir_trinken_heute_noch_daraus.pdf

Liebe Schwestern und Brüder

 ein kleiner Ort im Nordosten Schottlands. Der katholische Pfarrer der Gemeinde, Father Malachias, ist ein frommer und um das Seelenheil seiner Schäfchen sehr besorgter Hirte. Der schlimmste Stachel im Fleisch ist für ihn das Tanzlokal „Garden of Eden“ mitten in seiner kleinen Stadt. Er befürchtet, dass die leicht bekleideten Damen und der Alkohol der Moral seiner Gemeinde schweren Schaden zufügt. In seiner Not betet er lange und verkündet der Gemeinde, dass Gott das Tanzlokal zu einem bestimmten Zeitpunkt selbst schließen wird. Natürlich glaubt ihm keiner, nicht einmal seine Vorgesetzten. Aber es kommt ja grundsätzlich anders als man denkt. Gott versetzt bei Nacht und Nebel das berüchtigte Tanzlokal mitten aus dem Ort auf eine einsame, der Küste vorgelagerte, Insel in der Nordsee. Leider aber entwickeln sich die Dinge anders als es der fromme Priester sich erhofft hat. Das „Wunder“, das er erbeten hat, führt nicht zur Bekehrung seiner Gemeinde, sondern bringt im Gegenteil noch viel mehr Menschen dazu, das Tanzlokal aufzusuchen. Tänzerinnen werden Medienstarsund ein schlitzohriger Geschäftsmann sorgt für überregionale Bekanntheit der Lasterhöhle, so dass der Unglaube noch zunimmt. Enttäuscht fleht Father Malachias ein zweites Mal Gott an und bittet ihn, das Wunder wieder rückgängig zu machen. Als am nächsten Morgen das Tanzlokal wieder an seiner alten Stelle steht, ist jeder überzeugt, dass es sich die ganze Zeit über nur um eine kollektive Selbsttäuschung gehandelt hat. Diese köstliche Geschichte erzählt der englisch-katholische Autor Bruce Marshall in seinem Roman „Das Wunder des Malachias“ aus dem Jahr 1931. Hintersinnig karikiert er die Weigerung des modernen Menschen, Wunder anzuerkennen, ja sie überhaupt zur Kenntnis zu nehmen. Eine der geistreichsten Stellen findet sich in einem Gespräch unter Priestern im Vorfeld der Ereignisse erzählt. Er lässt den Kaplan sagen: “Überhaupt sind Wunder heute aus der Mode gekommen. Wenn sich eines im Schlafzimmer unseres hochwürdigen Herrn Bischofs ereignen würde, täte seine Gnaden alles, um den ungehörigen Vorfall zu vertuschen.“

Sicher hat sich an dieser Sicht bis heute nichts geändert. Selbst die Kirche tut sich mit Wundern sehr schwer. Solche außergewöhnlichen Ereignisse, die nicht mit Naturgesetzmäßigkeiten erklärbar sind, passen nicht in die Vorstellungswelt des modernen Menschen. Wenn die Kirche sich also nicht lächerlich machen will, dann schweigt sie besser über Wunder. Nicht zuletzt musste ja auch die Kirche einsehen, dass vieles, was früher als Wunder galt, heute selbstverständliche Vorgänge sind. Überlassen wir also die Wunder lieber den Schlagersängern und Filmemachern.

 

Aber wir können nicht übergehen, dass auch die Evangelien voller Wunder stecken: Heilungswunder, Dämonenaustreibungen, Totenauferweckungen, Naturüberwindungen und Geschenkwunder, in denen Jesu Brot und Wein vermehrt. Viele Wunderberichte gelten als sehr alte Überlieferungen, die also nicht später erfunden wurden, um Jesus etwas mehr das Charisma eines Wundertäters zu gehen.

Gerade das erstaunliche Wunder von der Verwandlung des Wassers in Wein macht deutlich, warum das „Wunder des Malachias“ nicht zur Überlieferung der Bibel passt, sondern rein fiktiv bleibt.

Es fallen zwei rätselhafte Besonderheiten auf: Zum einen schweigt Johannes über das Brautpaar. Wir erfahren keine Namen, die ja für eine Beweisführung äußerst wichtig sind. Zum anderen fehlt dem Evangelium mit Ausnahme der Reaktion des Speisemeisters jegliches Erstaunen. Jesus weist seine Mutter zurück und erklärt, dass es nicht seine Stunde ist. Dennoch rettet er das Fest. Beide Beobachtungen weisen auf charakteristische Merkmale für das biblische Verständnis von Wundern hin. Johannes will hier nicht in erster Linie einen historischen Bericht abliefern, auch wenn wir seiner Überlieferung nicht misstrauen sollten, er will eine Hoffnungsgeschichte für Menschen aller Zeiten überliefern. Mit der Nennung des Namens des Brautpaares würde er das Wunder auf diese beide Menschen begrenzen als eindrucksvolle Erfahrung, die aber für andere Menschen nicht weiter interessant ist. Es geht ihm aber darum, dieses Wunder als Zeichen für die Gottheit Jesu zu nutzen. Er verweigert einen ausführlichen Bericht über Jesu Handeln, weil es nicht darum geht, an das Wunder zu glauben, sondern im Vertrauen auf Gott stärker zu werden. Wunder im Verständnis der Bibel sind keine Sensationsberichte, sondern Hoffnungs-geschichte. Sie gelten immer dem Wohl der Menschen und sind nie gegen jemanden gerichtet. Sie sind zeitlos, weil sie den Leser ermutigen wollen, an den Gott zu glauben, der sich mit allen Möglichkeiten einsetzt für seine Geschöpfe. Wunder kann man nicht planen, aber man sollte mit ihnen rechnen. Gilbert Keith Chesterton hat einmal das Bonmot formuliert: „An Wunder ist nie Mangel in der Welt, nur am Sich-wundern-können.“ Wie wahr. Die Wundergeschichten der Evangelien sind Reden gegen die Hoffnungslosigkeit. Sie provozieren uns, herauszutreten aus der Enge der Aussichtslosigkeit, mit der wir manchmal unser Leben und auch die Kirche sehen.

 

Viele erinnern sich daran, dass zur Krippe in der Kapuzinerkirche die Darstellung der Hochzeit zu Kana gehörte. Das geht auf die lange Tradition zurück, das Weinwunder zu Kana wie die Taufe Jesu noch zur Weihnachtsgeschichte zu zählen. Der Leitgedanke, der die Geburt, die Taufe und das Wunder verbindet, ist die Offenbarung Gottes in der Welt und vor den Menschen. In der Antiphon zum Magnificat am Hochfest der Erscheinung des Herrn, also am 6. Januar, beten wir: „Drei Wunder heiligen diesen Tag: Heute führte der Stern die Weisen zum Kind in der Krippe. Heute wurde Wasser zu Wein bei der Hochzeit. Heute wurde Christus im Jordan getauft, uns zum Heil. Halleluja.“

Die Liturgie fügt also die Anbetung der Könige, das Hinabsteigen in den Jordan und die Erfüllung der Bitte Mariens zusammen, weil sich in diesen Momenten Gott zu erkennen gibt, der Mensch in Jesus Gott finden kann. Die Wunder Jesu stellen immer das Heil der Menschen in die Mitte des Interesses, nie den Vorgang, weil ihre Absicht nicht auf das Staunen über die Sensation, sondern auf den Glauben an Jesus abzielt.

Wunder bestätigen, dass Gott sich zu erkennen gibt, manchmal auch zu unpassenden Zeiten, wie die barsche Reaktion Jesu gegenüber seiner Mutter andeutet. Immer wieder bietet unser Alltag Möglichkeiten, das Wunder der Freude am Leben zu erleben. Es gibt die eindrucksvollen Erfahrungen, die mancher gemacht hat, wenn ein geliebter Mensch nach langer und schwerer Krankheit sich wieder erholt und zurückkehren kann in die Normalität. Es gibt die stillen Wunder der Liebe, wenn man Hilfe und Ermutigung durch einen anderen Menschen erleben darf.

Auch die Kirche kann noch Wunder erleben, auch wenn die meisten in verantwortlichen Positionen nicht mehr daran glauben. Es ist ihre Aufgabe, die Lebensfreude, die Gott schenkt, an die Menschen weiterzugeben und sich nicht in der Rolle des Spaßverderbers einzuigeln, der den anderen Menschen ständig ein schlechtes Gewissen einredet. Paulus formuliert seinen Auftrag einmal gegenüber der Gemeinde in Korinth: „Wir sind ja nicht Herren über euren Glauben, sondern Helfer zu eurer Freude; denn im Glauben seid ihr stark.“ Eine Kirche, die sich so versteht, erlebt das Wunder, dass sie auch heute noch den Menschen, die sich leer und ausgebrannt fühlen, etwas zu geben hat. Es ist ihr eigentlicher Auftrag, nicht die Menschen auf die Ewigkeit zu vertrösten, sondern ihnen hier und jetzt Geschmack zu machen auf das Reich Gottes, das schon angebrochen ist.

Die Hochzeit zu Kana lässt uns Gott nicht mehr im süßen Knaben mit lockigem Haar sehen, sondern im erwachsenen Mann, der sehr selbstbewusst auftritt. Es ist ein Zeichen, das helfen soll, in ihm Gott zu erkennen. Zugleich ist es eine Hoffnungsgeschichte, die ihren Genuss bis zum heutigen Tag ausgießt. Vom heiligen Hieronymus, dem großen Bibelgelehrten des vierten Jahrhunderts, wird eine kluge Einsicht überliefert. Zu ihm kam ein aufgeklärter Mann und hegte große Zweifel an der Echtheit dieses Wunders. Als Hieronymus ihn nach dem Grund für seine Zweifel fragte, meinte der Mann spöttisch: „Nun, das war ja eine unglaubliche Menge Wein.“ Und Hieronymus, der natürlich merkte, dass diese Frage als sarkastische Spitze gemeint war, antwortete nachdenklich: „Ja, das ist wahr. Wir trinken ja heute noch davon.“

 

Sven Johannsen, Lohr

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