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Liebe Schwestern und Brüder

Wer ist denn nun schuld? Kardinal Woelki? Oder die rebellischen Laien in der Kirche? Oder vielleicht doch nur die böse Welt, die nichts mehr glaubt?

Irgendwer muss doch schuld sein an der katastrophalen Situation der katholischen Kirche in Deutschland: Die Austrittszahlen im letzten Jahr von über 360.000 lassen schon an Fluchtbewegungen denken. Die Angst in vielen Gemeinden wächst, dass sie noch ein solches Jahr der Absetzbewegung nicht mehr überleben werden. Irgendwer muss doch die Verantwortung tragen für die Misere, die sich in den letzten Jahren ja schon in einem exponentiellen Wachstum gesteigert hat? Auf allen Ebenen der Kirche wird darüber leidenschaftlich und heftig diskutiert.

Es scheint sich eine Mehrheitsmeinung herauszukristallisieren, die die Hauptlast den aktuellen Bischöfen und ihren Vorgängern zuschieben, die fast ausnahmslos  angesichts von  Missbrauchsverbrechen versagt haben. Der unglücklich agierende Erzbischof von Köln ist dabei in besonderer Weise in die Schusslinie geraten, steht aber nicht allein: entfremdet vom Gottesvolk, verhaftet in veralteten Moral-vorstellungen, Repräsentanten einer aus der Zeit gefallenen „Männerkirche“ und unfähig, die Skandale zu beseitigen und wirkliche Reformen anzugehen - das „gängige“ Urteil über die Nachfolger der Apostel in unserem Land ist verheerend. Man kann schon verstehen, wenn der vor Kurzem emeritierte Oberhirte von Bamberg, Ludwig Schick,  meinte, dass das Bischofsamt nicht vergnügungs-steuerpflichtig ist. Ich will kein Mitleid für Bischöfe wecken. Mancher Priester findet das Amt immer noch sehr verlockend und sich selbst bestens für die Übernahme geeignet. Aber es könnte doch sein, dass das als Begründung nicht ausreicht.

Vielleicht haben diejenigen Recht, die meinen, dass die Katastrophe ihren Anfang nahm, als das Zweite Vatikanische Konzil eine „Verheutigung“ der Kirche und ihrer Lehre anging. Damals hat der Glaube seine Zähne verloren. Disziplin in Glaubens-fragen kann man seither nicht mehr durchsetzen. „Gott hat seine Zähne verloren“, weil sein Gericht niemanden mehr Angst macht und er zum himmlischen Allesversteher und  Wünscheerfüller degradiert wurde. Die Kirche hat ihre Autorität verloren, weil man sich der Welt angepasst und der Rauch Satans in sie eingedrungen ist.

Oder aber war es einfach der Sturmlauf von außen durch Naturwissenschaftler, Philosophen und sozialistische Politiker, die die Mauern endgültig zum Einsturz gebracht haben? Die Kirche hat sich gegen die Angriffe nicht genügend verteidigt und muss jetzt erleben, wie die säkulare Kultur, Wissenschaft, Politik und Philosophie sie als die Beute des Modernismus erlegt und ihr Erbe verteilt.

Wer ist also schuld an der Erosion von Glaube, Religion und Kirche? Wenn wir es wüssten, könnten wir alle Kraft darauf konzentrieren, uns gegen den Hauptfeind zu stemmen. Leider ist es keiner dieser Faktoren. Sie alle befördern den Abbruch, aber sie haben das Schwinden der Bedeutung von Religion und Glaube nicht verursacht.

Der Gegner kommt auf leisen Sohlen daher: die Säkularisierung, die seit der „gefühlten“ Blütezeit von Kirche und Glaube in den fünfziger Jahren immer weiter voranschreitet und Europa verändert. In Frankreich gehörten in den fünfziger Jahren noch 90 Prozent der Einwohner der katholischen Kirche an. Heute sind es rund ein Drittel. In manchen Städten unseres Nachbars werden sich bald so viele Menschen von der Kirche getrennt haben, dass der Islam die größte Glaubensgemeinschaft darstellen wird. Das ist keine Angstmache vor Muslimen. Sie erleben in Europa den Prozess der Verweltlichung nur anders, weil sie hier in einer Diaspora-Situation leben, die klassisch dazu führt, dass man sich mit der Religion seiner Heimat mehr identifiziert.
Der Rückzug des Religiösen, den wir im Augenblick in früher christlich geprägten Ländern erleben, wird nicht beendet, wenn wir unser Führungspersonal auswechseln oder wieder zum Kirchenbild der Zeit vor dem Konzil zurückkehren. Er wird sich fortsetzen, ohne dass Religionen wirksam gegensteuern können. Er findet seine Motoren in viel subtileren Prozessen als dem offenen Konflikt zwischen Glaubenden und Atheisten. Die letzte Gruppe spielt kaum eine große Rolle in westlichen Gesellschaft. Zu den treibenden Kräften gehört die Bildung. Für westliche Gesellschaften gilt: „Gebildete, Reiche und Gesunde sind weniger religiös.“ (vgl. Helmut Zander, die nächste Stufe der Säkularisierung, in: Herder Korrespondenz 1/2023, 36-39) Bildung schafft die Voraussetzung, dass wir überhaupt über unseren Glauben nachdenken und ihn rechtfertigen können, aber eben auch die Grundlage, ihn zu kritisieren und abzulehnen. Bildung macht eigenständig. Sie gibt dem Menschen die Fähigkeit, eine eigene Einstellung zur Welt und zu Gott zu entwickeln. Das ist auch im Sinne des Glaubens. Letztlich aber vereinzelt sie den Menschen auch und raubt der Gemeinschaft ihre Verbindlichkeit. Das wirkt sich besonders auf den christlichen Glauben aus, denn anders als im Islam und im Judentum werden wir nicht in unsere Religion hineingeboren, sondern durch die Taufe aufgenommen. Unser größtes Problem sind möglicherweise gar nicht die Austrittszahlen, sondern die Stagnation der Taufzahlen auf sehr niedrigen Niveau. Glaube wird immer noch weitgehend über die Familien weitergegeben. Wenn also bereits in der Generation der Großeltern und Eltern die Distanzierung von Glaube, Kirche und Gott eingesetzt hat, wird es sehr schwer, die Kinder dafür zu gewinnen. Eltern wollen wohl, dass noch christliche Werte weitergegeben werden, aber die Begeisterung für Gott ist recht verhalten.

Dazu kommt, dass die Erde ihre Kraft verloren hat, auf den geheimnisvollen Gott als ihren Schöpfer hinzuweisen. Sie ist als Wunder entzaubert worden. Vielmehr ist sie zum Rettungsfall geworden, nicht mehr zum Erfahrungsort des guten Gottes.

Ebenso heftig wirkt sich eine Erfahrung auf viele Menschen aus, die man kurz so beschreiben kann: „Man kann Lustigeres tun als beten“ Ein Soziologe, Detlef Pollack, hat dafür den Begriff „Distraktion“ geprägt: Es gibt Beschäftigungen, die sind weitaus attraktiver als der Kirchgang am Sonntagmorgen: Grillen, Brunchen, Ausschlafen, Ausflüge ….

Die erneute Einführung der Sonntagspflicht vor einigen Wochen durch den Generalvikar hat auch bei praktizierenden Katholiken eher zur Belustigung als zu einem inneren Druck geführt. Staat und Gesellschaft garantieren mir die Freiheit, das zu tun, was ich am Sonntagvormittag als die für mich passende Beschäftigung sehe. Die höhere Attraktivität von Freizeitangeboten am Sonntagvormittag, ob im Bett oder auf dem Sportplatz, wirkt nachhaltiger als Kirchengebote.

Liebe Schwestern und Brüder

ich will nicht bestreiten, dass die innerkirchlichen Probleme und die Angriffe von außen auf die Kirche die augenblicklichen Prozesse befördern, aber die eigentlichen Gründe für den Zusammenbruch der großen Volkskirchen liegt im Lebensgefühl der Menschen und in der freiheitlichen Verfassung unserer westlichen Staaten. Das kritisiere ich nicht, sondern stelle es fest. Damit aber komme ich auch zu der Überzeugung, dass wir den Trend nicht einfach umkehren oder stoppen können, weil die Beweggründe dieser Entwicklung fest im Lebensgefühl der Menschen und in seinem Verständnis von Freiheit verwurzelt sind.

Heißt das jetzt, dass irgendwann Religion verschwindet und Kirche sich auflöst? Nein, das heißt es nicht. Denn wie ich den Glauben als unwichtig ignorieren oder mich gegen ihn entscheiden kann, so geht es auch in umgekehrter Weise. Die Religion wird nicht verschwinden und der Glaube wird nicht erlöschen. Es wird auch künftig viele Menschen geben, denen der Bezug zu Gott wichtig ist, die versuchen, nach seinem Willen zu leben, und die Gemeinschaft mit anderen Glaubenden suchen und lebendig gestalten. Aber sicher wird Kirche anders sein als heute. Viele Strukturen und Ämter werden sich überleben und hoffentlich in vielen Ordinariaten  die Lichter ausgehen. So sehr für ein Leben ohne Gott die persönliche Einstellung eines Menschen und v.a. das Beispiel anderer Menschen entscheidend ist, so sehr wird das auch für den Glauben und das Leben mit Gott gelten.

Das heutige Evangelium nimmt noch einmal das Thema des Festes „Taufe des Herrn auf“ und stellt dabei die Person des Täufers Johannes in den Mittelpunkt. Der Evangelist Johannes verzichtet auf die Stimme Gottes, die wir bei Matthäus, Markus und Lukas hören. Johannes der Täufer ist es selbst, der auf Jesus als das „Lamm Gottes“ verweist. Er wird damit seinem Auftrag gerecht, Israel mit ihm bekannt zu machen. In seinem Verweis deutet er Jesus schon als den siegreichen Gekreuzigten und stellt einen Bezug zwischen dem Kommen Jesu und dem Leben seiner Zuhörer her. Zunächst sammelt Johannes Menschen um sich, dann aber sendet er sie Jesus nach, denn ihn suchen sie in Wirklichkeit. M.E. wird darin der Auftrag einer christlichen Gemeinde erkennbar. Es geht nicht darum, möglichst hohe Mitglieder-zahlen auszuweisen, sondern darum die Menschen, die durch die Taufe zu Christus gehören, auf ihn zu verweisen. Möglicherweise weiß der eine oder andere noch gar, wozu er Christus brauchen könnte. Die Erkenntnis kann reifen, wenn er erlebt, wie andere Menschen offen und vertrauensvoll ihr Leben in Gottes Hände legen und so wahrhaft frei von Lebensangst sein können. Ich bin überzeugt, dass Menschen, denen der Faden des intensiven Glaubens in einer bestimmten Lebensspanne verloren gegangen ist oder die nie wirklich in die Spur gekommen sind, durch das Beispiel und den Verweis derer, die zeigen, dass ihnen der Glaube im Leben Halt gibt, selbst zu Christus finden können. Das werden keine Massenbewegungen sein. Vielleicht ist es eine Familie, deren Kinder zur Erstkommunion geht, die Witwe oder der Witwer, der Trost gefunden hat im Wort Gottes, oder auch ein junger Mensch, der neue Formen der Liturgie als Ort größerer Tiefe im Leben erfährt. Zu all diesen Verweisen haben christliche Gemeinden noch die Kraft. Wir sind nicht verurteilt, den Untergang zu verwalten, sondern gesandt, unter den jeweiligen gesellschaftlichen Bedingungen Menschen mit Christus bekannt zu machen. Ich traue uns das zu. Dazu braucht es aber auch den Mut, sich der Frage zu stellen, wie heutige Menschen glauben, und gegebenenfalls neue Wege zu gehen, auf Liebgewordenes zu verzichten und neue Formen des Gebetes auszuprobieren. Im September 2011 forderte Papst Benedikt XVI in einer Rede in Freiburg die deutsche Kirche zur „Entweltlichung“ auf. Das Wort ist so hart, wie es klingt. Letztlich hat der Papst damals schon vorausgesehen, dass der bisherige Weg als eine Art „staatliche Religions- und Wertebehörde“ ein Ende finden wird. „Reich und mit Privilegien abgesichert“ wird die Zukunft der Kirche nicht gelingen. Damals hat man seine Mahnung zurückgewiesen und auf das große weltweite Engagement der deutschen Kirche hingewiesen. Vielleicht war es auch zu diesem Zeitpunkt nicht berechtigt. Heute aber steht die Kirche in unserem Land an diesem Punkt. Wir können nicht mehr der verlängerte Arm des Staates sein, um seinen sozialen Auftrag zu erfüllen. Da gibt es viele andere Anbieter. Wir müssen uns auf unseren Auftrag konzentrieren, Gott in unserer Mitte bekannt zu machen. Ich wehre mich gegen ein Elitedenken in der Kirche, aber wir kommen nicht an der Tatsache vorbei, dass es Kerngemeinden gibt, die das Leben in der Kirche vor Ort tragen und durch ihren Glauben und ihr Engagement andere auf Christus verweisen wie es Johannes, Paulus oder auch der Prophet Jesaja getan haben.

„Auf solche authentische Zeugen warten die Menschen. Auch heute. Sie sind es, die Evangelisierung leben. Seien es Männer oder Frauen. Wichtig allein ist das Ja zur Berufung und die Einwilligung in die eigene Sendung.“ (Philippa Rath in CiG 3/2023)

Glaube, Religion und Kirche werden nicht verschwinden, aber sie werden immer mehr zu einer Frage des authentischen Zeugnisses durch uns. Amen.

Sven Johannsen, Pfarrer

2_Wer_ist_schuld_2023.pdf

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