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Predigt 2. Sonntag nach Weihnachten

„Wunschlos glücklich?“ (Sven Johannsen, Lohr)

Liebe Schwestern und Brüder

Ich denke, dass mancher den folgenden Dialog so oder ähnlich kennt.

WÜnsche_2021.pdf

„Was wünscht Du Dir zu Weihnachten?“
„Nichts, ich hab‘ doch alles“

„Irgendeinen Wunsch wirst du doch haben?“
„Nein, ich bin wunschlos glücklich. Ich wünsche mir nur Gesundheit“

Kinder machen es einem leichter an solchen Tagen. Sie schreiben Wunschzettel. Da muss man höchstens manch überzogene Hoffnung mal ausbremsen. Aber dass ein Kind einmal vor Weihnachten sagt, es sei wunschlos glücklich, ist doch wohl eher die Ausnahme. Bei reiferen Eltern ist die Wunschlosigkeit dagegen Standartantwort und treibt Kinder mitunter in die Verzweiflung, v.a. wenn ein harter Lockdown auch noch die Zeit zum Überlegen rapid verkürzt. Was bleibt? Ins nächste Sanitätshaus und Stützstrümpfe oder eine Einstiegshilfe für die Badewanne kaufen. Garantierte Stimmungskiller für das Fest.

 

Was geht in Menschen vor, die sich nichts mehr wünschen?
Sind sie wirklich so gut mit allem ausgestattet, dass sie zufrieden und glücklich leben? Oder ist das auch Ausdruck einer gewissen Perspektivenlosigkeit: Was soll ich noch anschaffen, wenn meine Zeit begrenzt ist? Was gibt es noch Faszinierendes, wenn ich doch schon alles gesehen habe? Was soll ich noch erleben, wenn der schönste Platz meines Lebens die Eckbank geworden ist?

Meist steht das Haben ab einem gewissen Alter tatsächlich nicht mehr im Vordergrund. Und doch gibt es noch Wünsche. Sie sind eine Urkraft für das Leben und treiben den Menschen an. Wer wünscht, will noch etwas erreichen, sehen oder erleben.

Ich freue mich, wenn Menschen erzählen, dass sie auch im fortgeschrittenen Alter noch technische Entwicklungen begeistert verfolgen, oder den Wunsch haben, noch einmal eine Tour durch die Wüste zu machen. Vor einiger Zeit haben ich bei einem Mann beim Geburtstagsbesuch zum Achtzigsten sein Eisenbahnzimmer betreten dürfen, in dem er seit Jahrzehnten herumwerkelt und jetzt sich vorgenommen hat, alles umzubauen und neu zu elektrifizieren. Dafür hat er sich von seiner Familie und seinen Freunden Geschenke gewünscht. Ist das egoistisch? Ich glaube, dass uns Wünsche auch im Herzen jung erhalten. Sie fordern uns heraus und setzen uns ein Ziel. Der uralte Wunsch zu fliegen, hat uns seit Leonardo da Vinci den Luftraum geöffnet und uns nicht nur an den Ballermann, sondern sogar auf den Mond gebracht. Wünsche haben Menschen groß denken, Berge versetzen und große Erfindungen machen lassen. Ohne den Wunsch nach Erkenntnis gäbe es keine Philosophie und keine Naturwissenschaft. Ohne den Wunsch nach Fortschritt gäbe es kein Rad. Ohne den Wunsch zu überleben, hätten wir uns nie an die Umwelt angepasst und gelernt, auf zwei Füßen zu laufen. Der Wunsch, Indien auf dem Seeweg zu erreichen, hat Columbus nach Amerika gebracht. Der Wunsch des sächsischen Kurfürsten August des Starken, Gold herzustellen, hat Johann Friedrich Böttger ein Verfahren finden lassen, das „weiße Gold“, Porzellan, auch in Europa herzustellen. Sonst wären wir immer noch auf Importe aus China angewiesen. Der Wunsch Karls des Großen, Rhein und Donau zu verbinden, hat zum Bau der Fossa Carolina geführt, aus der über 1000 Jahre später eine schiffbare Wasserstraße von der Nordsee bis zum Schwarzen Meer wurde, der sog. Rhein-Main-Donau-Kanal.
Sich nichts zu wünschen, kann auch eine Warnung zu sein, nichts mehr zu erhoffen, stehen zu bleiben und aufs Ende warten.

Zweifelsohne sind Wünsche auch gefährlich. Sie können überzogen sein und Schaden anrichten. Kennen Sie das Märchen vom Fischer und seiner Frau? Die Gebrüder Grimm haben diese Erzählung von Philipp Otto Runge aufbewahrt. Der zufriedene Fischer, der einen Steinbutt, der sich als verwunschener Prinz erweist, das Leben schenkt, wird von seiner Frau gedrängt, doch vom Fisch eine Belohnung dafür einzufordern. Er teilt die Wünsche seiner Frau nicht, aber sie drängt ihn solange bis er sich immer neu aufmacht. Immer wieder muss der arme Mann zurück ans Wasser und noch mehr erbitten.

Und dann geht es los: Zunächst will sie eine Hütte. Dann soll die Hütte zum Palast werden. Schließlich wünscht sie sich, König, Kaiser und dann Papst zu werden. Der Zauberfisch erfüllt alle Wünsche. Aber die drohenden Vorzeichen ziehen bereits auf: Die See wird immer grüner und der Sturm nimmt zu. Am Ende eskaliert ihre Maßlosigkeit und sie wünscht sich, wie Gott zu sein. Da passiert es und sie sitzt wieder in ihrem alten „Pisspott“, wie es im Original heißt. Dahinter leuchtet natürlich die Warnung auf, dass der Bogen überspannt werden kann, nicht nur durch Einzelne, sondern auch durch die ganze Menschheit, wie wir es im Augenblick erleben. Unser Wunsch nach immer mehr Wohlstand, nach immer mehr Globalisierung und Fortschritt droht uns auf die Füße zu fallen, wie der sich im bedrohlichen Maße verschlechternde Zustand der Umwelt zeigt. Ohne Maßhalten unserer Wünsche werden wir bald wieder in Höhlen sitzen, so eine Furcht mit Blick auf die Zukunft.

Wünsche können uns enttäuschen. Es gibt ein Phänomen, das Sie vielleicht auch kennen. Solange man sich etwas wünscht, einen Gegenstand, ein Kleidungsstück, eine neue Position auf der Karriereleiter oder eine Partnerschaft ist das Ersehnte das Schönste und Wertvollste, was es in der Welt gibt. Hat man es, dann verfliegt der Zauber schnell. Der neue Mantel bereitet ein schlechtes Gewissen, weil er viel Geld gekostet hat und doch nicht so schön ist, wie man es beim ersten Betrachten in Erinnerung hatte. Die neue Position bringt Mehrarbeit und Scherereien, die auch mit einem besseren Verdienst nicht aufgewogen werden können. Wie konnten wir uns nur so täuschen? Die Psychologie geht davon aus, dass in der Regel nicht das, was wir ersehnen, unser eigentlicher Wunsch ist, sondern etwas ganz anderes: wahrgenommen, bewundert, respektiert oder sogar gefürchtet werden.

Wünsche können uns enttäuschen, blind und egoistisch machen, ja sogar zerstörerische Kräfte lostreten. Und dennoch kommt unser Leben ohne sie nicht voran, sogar im Glauben. Im Glauben nennen wir Wünsche Hoffnung, wenn sie aus unserem Herzen kommen und sich auf Gott beziehen, und Segen, wenn sie uns von anderen Menschen mit Gottes Hilfe zugesagt werden. Martin Luther hat das bestätigt, wenn er den Vers 4 des 37. Psalms übersetzt: „Habe deine Lust am HERRN; der wird dir geben, was dein Herz wünscht“

Zwei Wünsche können wir heute für uns aus den Lesungen heraushören:

Er erleuchte die Augen eures Herzens, so wünscht es uns der Apostel, damit ihr Hoffnung erkennt. Wir dürfen uns wünschen, Menschen der Hoffnung zu sein. Hoffnung heißt für Paulus, die Dinge mit den Augen des Herzens zu sehen. Wer nur mit den äußeren Sinnesorganen die Welt betrachtet, der bleibt beim „Augen-blick“ stehen. Daran kann man schnell in Verzweiflung geraten angesichts von Zahlen, Problemen und Bildern des Leids, die uns täglich vor Augen stehen. Hoffnung, so Paulus, lässt uns tiefer blicken und im Dunkel das Licht sehen. Menschen der Hoffnung verfallen nicht einer Utopie, die blendet, sie tragen aber im Herzen eine Zuversicht mit sich, dass unser Glaube stärker ist als die Verzweiflung. Das ist nicht frommer Selbstbetrug, es ist eine Kraft, nicht im Strudel der Sorgen unterzugehen. Wir verlieren nichts durch unseren Glauben, wir gewinnen nur: Perspektive, Weitsicht, Mut und Gelassenheit. Das dürfen wir uns am Beginn dieses Jahres wünschen.

 

Menschen wünschen sich, anders zu sein als sie sind: attraktiv, faszinierend, wohlhabend, stark u.v.m. Viele Menschen zerbrechen an der Spannung zwischen dem Idealbild, das sie von sich selbst haben, und der Selbstwahrnehmung, die so wenig diesem Ziel entspricht. Johannes wünscht uns etwas, das erreichbar ist, weil wir es bereits sind: Kinder Gottes sein. „Wer ihn aufnimmt, gibt er die Macht, Kinder Gottes zu sein.“ Dieser Titel beschreibt unsere Würde in diesem Leben: Wir sind als seine Kinder Abbild Gottes. In uns, so müde und einfallslos wir manchmal sind, steckt ein Funke dessen, der den Kosmos geschaffen hat. Wir müssen uns nicht rechtfertigen für unser Dasein.

Der Mensch ist heute selbstverständlich zu einem Teil des Marktes geworden. Er ist Inhalt von Angebot und Nachfrage. Manchmal staunen wir, welchen Wert ein Mensch hat. Nicht nur Fußballer werden nach Ablösesummen abgestuft. Auch Manager, Menschen im Finanzwesen, Ingenieure u.v.a. werden bei einer Bewerbung nach ihrer Gehaltsvorstellung gefragt. Sie sollen dem neuen Arbeitgeber benennen und beweisen, was sie wert sind. Das kann ich aber nur durch meine Leistung, mit der ich mir die Entlohnung verdiene. Mein eigentliches Dasein aber muss ich mir nicht verdienen. Ich habe die Würde eines Gotteskindes. Wert und Würde sind zwei sehr unterschiedliche Kategorien. Der Philosoph Immanuel Kant hat das klar auf den Punkt gebracht und formuliert: „Was einen Preis hat, an dessen Stelle kann auch etwas … gesetzt werden; was dagegen über allen Preis erhaben ist … das hat eine Würde.“ (zit: Franz Kamphaus; Sternstunde der Menschheit; Freiburg i. Br. 2009; S. 87)Wir sind Kinder Gottes. Wir haben eine Würde und nicht nur einen Wert, den man taxieren kann. Das uns das gerade dann bewusst wird, wenn wir das Gefühl haben, austauschbar, unnötig und übersehen zu sein, das dürfen wir uns am Anfang dieses Jahres wünschen lassen. Es möge eine Ermutigung sein auch im Wissen, dass in den kommenden Monaten sicher viele wirtschaftliche Probleme auf uns zukommen werden, die auch den Abbau von Arbeitsplätzen mit sich bringen  und so Menschen vor die Frage stellen, ob sie nutzlos und wertlos sind.

Es gibt Wünsche, auf deren Erfüllung eigentlich keiner von uns Einfluss hat. Wenn wir einander zum neuen Jahr Gesundheit und Glück wünschen, dann wissen wir, dass wir dafür nur sehr begrenzt etwas tun können. Wir können aber für den anderen beten, ihm Gottes Segen wünschen. So will ich Ihnen für das neue Jahr auch Wünsche mitgeben, ein angeblich aus irischer Tradition stammender Segen zu Weihnachten und dem Neuen Jahr:

Nicht, dass jedes Leid Dich verschonen möge,
noch dass Dein zukünftiger Weg stets Rosen trage,
keine bitt’re Träne über Deine Wange komme,
und dass kein Schmerz Dich quäle,
nein, dies alles wünsche ich Dir nicht.

Sondern:
Dass dankbar Du allzeit bewahrst
die Erinnerung an gute Tage,
dass mutig Du gehst durch alle Prüfungen,
auch wenn das Kreuz auf Deinen Schultern lastet,
auch wenn das Licht der Hoffnung schwindet.

Was ich Dir wünsche:
Dass jede Gabe Gottes in Dir wachse,
dass Du einen Freund hast,
der Deiner Freundschaft wert ist.
Und dass in Freud und Leid
das Lächeln des Mensch gewordenen Gotteskindes
Dich begleiten möge.
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