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Predigt 21. Sonntag im Jahreskreis C - Altarsegnung Elisabethenzell

„Ist Jesus ein Brandstifter?“

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Liebe Schwestern und Brüder

 „Die heiteren Spiele“ nannte man die Olympischen Sommerspiele, die vor fünfzig Jahren, im August 1972 in München begannen. Die XX. Olympischen Sommerspiele in der bayerischen Landeshauptstadt sollten eine leuchtende Werbung für die moderne Bundesrepublik sein. Sie waren perfekt organisiert, kulturell auf höchstem Niveau, die Architektur der Sportanlagen waren beeindruckend. Noch nie waren so viele Athleten am Start.  Die Welt war damals wirklich zu Gast bei Freunden und durfte auf ein neues und unbeschwertes Deutschland treffen, das so ganz anders war als das Nazi-Deutschland 1936, in dem letztmals auf deutschen Boden die Spiele stattfanden. Der Auftakt ließ die Erwartungen steigen, dass es fröhliche Spiele der Superlative werden: 121 Nationen und 7.200 Athletinnen und Athleten, ein neuer Rekord, erstmals spricht eine Frau, Heidi Schüller, den olympischen Eid, die Weitspringerin Heide Rosendahl und die noch junge Ulrike Meyfahrt lassen Deutschland von goldenen Zeiten träumen und der amerikanische Schwimmer Mark Spitz wird mit sieben Goldmedaillen unsterblich. Dann plötzlich der Schock: Mitglieder des palästinensischen Terror-Kommonados „Schwarzer September“ dringen am Morgen des 5. September in das Quartier der israelischen Mannschaft ein. Am Abend werden auf  dem Flughafen Fürstenfeldbruck in einem unkontrollierten Feuergefecht 11 israelische Sportler, ein Polizist und fünf Terroristen im Kugelhagel umkommen. Für einen Tag sind die Spiele unterbrochen, dann spricht der IOC-Präsident Avery Brundage den berühmten Satz: „The games must go on!“ Die Spiele gehen weiter, aber die unbeschwerte Atmosphäre der ersten Tage ist im Kugelhagel des Terrors wie in Flammen aufgegangen. Vielleicht waren die Spiel damals schon eine Illusion, fanden sie doch mitten in der ersten Phase des blutigen Terrors der RAF statt. Es werden schlimme Jahre des Terrors in unserem Land folgen.

Immer wieder können wir in der Geschichte nachverfolgen, wie Momente der Freude und der Freiheit sich auflösen in einem Brand von Gewalt und Hass. Niemals werden wir die Bilder des 11. September 2001 vergessen, als die Türmer des World Trade Centers in New York brannten und ein Jahrtausend, das voller Hoffnung auf mehr Frieden zwischen den Menschen begonnen hatte, zurückgeworfen wurde in eine Welt, die in Flammen steht. Es brennt überall: Kriege, Leid, Unrecht, Ausbeutung, Umweltzerstörung. Das Bild von der Welt in Flammen trifft wohl das Empfinden vieler Menschen. Und die Brandstifter haben ganz konkrete Gesichter: Es sind fanatisierte Terroristen, die ihre Ideologie der Menschheit aufdrängen wollen, es sind religiöse Fanatiker, die alle Menschen, die anders glauben, auslöschen wollen, und es sind Männer in Nadelstreifen, die aus skrupelloser Machtgier über Leichen und verbrannte Erde gehen, nicht nur in der Ukraine.

Gehört auch Jesus zu diesen Brandstiftern, die die Welt in Flammen der Zerstörung untergehen sehen will?  Aus seinen Worten im heutigen Evangelium könnte man das hören wollen: „Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. Wie froh wäre ich, es würde schon brennen!“

Die Taliban in Afghanistan, die Mullahs im Iran, Donald Trump, Xi Jinping und natürlich Wladimir Putin - Ich bräuchte, ganz ehrlich, nicht noch einen weiteren Brandstifter auf dieser Erde. Wie nahe die Menschheit dem Moment ist, in dem alles in Flammen aufgeht, belegen die selbstmörderischen Angriffe auf das Atomkraftwerk Saporischschja  in der Ukraine. Die Menschheit tanzt schon auf dem Kraterrand des Vulkans des Untergangs, sie braucht nicht noch einen religiösen Führer, der zusätzlich Feuer an die Lunte legt.

Ist das Wort Jesu nicht unerträglich?

Es gab oft genug fanatische Menschen, die daraus das Recht ableiten wollten, für die „gute Sache“ des Glaubens Gewalt, Leid und Tod über andere zu bringen. Es passt aber gar nicht in das Bild, das wir von Jesus haben. Dass er nicht der „liebe Alle-Versteher und Alles-Verzeiher“ ist, das sollte aufmerksamen Bibellesern schon längst klar sein, aber als religiöser Fanatiker mit dem Flammenschwert wird er uns an keiner Stelle des Neuen Testaments vorgestellt. Jesus reiht sich nicht zu irren Terroristen oder skrupellosen Despoten, die als Brandstifter die Menschheit in Angst und Schrecken versetzen. Wenn er vom „Feuer“ spricht, das er auf die Erde bringt, dann bewegt er sich ganz in der biblischen Vorstellungswelt. „Feuer“ ist Symbol der Gegenwart Gottes. Er spricht zu Mose aus dem brennenden Dornbusch. Aber es ist auch der Inbegriff für die Folge der Gegenwart Gottes, sein Gericht. Das „Feuer“, das Jesus auf die Erde bringt, ist nicht sinnlose Zerstörung, sondern der Moment der Entscheidung für Gott oder gegen ihn.  Johannes hatte zu Beginn des Lukas-evangelium angekündigt, dass nach ihm einer kommt, der die Mensch mit Heiligem Geist und mit Feuer taufen wird, also mit der Kraft Gottes und dem Wissen um seine Gegenwart im Leben. Das Kommen Jesu, v.a. sein Kreuz und seine Auferstehung, werden für Menschen zum Augenblick der Entscheidung, aber auch der Scheidung: Hat es irgendeine Bedeutung für mich und folgen daraus Konsequenzen, dass Jesus so radikal seinen Weg geht und als Zeichen für einen neue Art zu Leben bereit ist, sich aufs Kreuz legen zu lassen? Feuer ist hier nicht die Androhung von Gewalt gegen Andersdenkenden, sondern zielt auf eine Gegenbewegung ab zu einem selbst-zerstörerischen Amoklauf, in dem die Menschheit sich zu verlieren droht. Diese Entscheidung ist ein ganz persönlicher Akt, denn in ihr lege ich fest, wie ich leben will. Damit wirkt sie sich aber auch auf mein nächsten Umfeld aus. Es gibt auch in der Familie, im Freundeskreis oder in der Nachbarschaft Menschen, die nicht verstehen werden, wenn ich gegen den Strom schwimme. So eng wir in einer Familie verbunden sind, oft genug trennt uns die Vorstellung, wie unser Leben erfüllend und gelingend an sein Ziel kommt. Unverständnis, Streit und mitunter so gar völliges Schweigen kann dann zwischen Menschen treten, die eigentlich in Liebe verbunden sein möchten. Jesus zielt nicht darauf ab, uns von Menschen, die wir mögen, zu entfremden, aber er weiß, dass der Mensch, der konsequent seinen Weg geht, auf Ablehnung stößt. In diesem Sinn ist das Feuer, von dem er redet, keine sinnlose Gewalt, sondern eine reinigende Unterscheidung. Das ist zweifelsohne schmerzlich, aber manchmal unausweichlich. Dennoch ist das Christentum keine fanatische Religion, die einen heiligen Rest von perfekten Gläubigen sammelt, sondern Einladung an jeden Menschen zu jeder Zeit den Weg Jesu auszuprobieren.
Manche Waldbrände sind nur mit einem Gegenfeuer zu bekämpfen, das den Flammen die Nahrungsgrundlage entzieht und sie ersticken lässt. Vielleicht ist das das treffende Bild vom „Feuer“, das Jesus auf die Erde bringen will, eine Brandbekämpfung angesichts der scheinbar unaufhaltsamen Lust der Menschheit am Untergang.

Nein, wir brauchen keinen strafenden Gottessohn, der Flammen der Zerstörung auf die Erde werfen will, davon brennen schon genug. Was wir brauchen, sind Frauen und Männer, die sich vom Geist Jesu, der an Pfingsten in Feuerzungen auf die Jünger herabkam, ergreifen lassen, mutig sich einem allgemeinen Trend der  Resignation entgegenstellen und mit einem radikal anderen Art zu  leben die Zwangslogik des Egoismus und des Recht des Stärkeren durchbrechen. Es gibt viele Menschen, bei denen dieser Funke Jesu übergesprungen ist. Nie haben sie Leid und Tod gebracht, sondern sich in Liebe für die Menschen hingegeben und Gutes getan, auch wenn es ihnen oft mit Ungerechtigkeit beantwortet wurde: die Märtyrerinnen und Märtyrer der frühen Kirche, Franziskus, Rochus, Mutter Teresa und natürlich die Namensgeberin unserer Klosteranlage: Die heilige Elisabeth von Thüringen.
Elisabeth war die „Princess Diana“ des Mittelalters. Sie stammte aus den höchsten Adelskreisen. Ihre Familie, das Haus Andechs-Meran, stellte Fürsten  in ganz Europa. In ihrer Verwandtschaft sammelte sich alle Schattierungen des Menschseins: fromme und vorbildliche Heilige wie ihre Tante Hedwig von Schlesien, mächtige und einflussreiche Kirchenmänner wie ihr Onkel Ekbert, der mehr als 30 Jahre das Bistum Bamberg leitete, und skrupellose Charaktere wie ihre eigene Mutter, deren Macht-hunger das eigene Volk gegen sie aufbrachte und schließlich zum Opfer eines heimtückischen Überfalls ungarischer Adeliger werden ließ. Oft genug stand das Streben nach Macht, Besitz und Titel an erster Stelle.

Elisabeth war ein Gegenentwurf. Sie hatte gerade 24 Lebensjahre, auch für das 13. Jahrhundert nicht gerade viel. Aber es wird von ihr berichtet, dass sie gerade die letzten Monate in großer kindlicher Heiterkeit verbrachte, obwohl sie wusste, dass sie krank war und ihr Leben sich dem Ende zuneigte. In ihrem Leben war sie zuvor oft voller Angst. Gerade der Einfluss ihres geistlichen Begleiters, Konrad von Marburg, ließ sie oft in panische Furcht vor dem Gericht Gottes verfallen. Sie, die junge, schöne Landgräfin, glücklich verheiratet mit Ludwig von Thüringen, deren Hof zu den Glanzpunkten der Kultur gehörte, legte sich so schwere asketische Übungen auf, dass bis heute mancher Historiker die Frage stellt, ob ihr Verhalten nicht auch krankhafte Züge hatte. Ich denke, dass psychologische Debatten ihr nicht gerecht werden. Sie lebte konsequent, was sie vom Evangelium verstanden hatte. Dazu gehörte die erste Regel, dass sie als Fürstin keine Güter für die Hofhaltung nutzte, die unrechtmäßig erworben waren. Für diese Haltung wurde sie in der Fürsten-familie oft angefeindet. Man wollte sie noch vor der Heirat mit Ludwig wieder nach Ungarn heimschicken und so Platz schaffen für eine Ehefrau, die eher dem Mainstream am Hof entsprach. Aber die Liebe zwischen beiden war so stark, dass Ludwig sich widersetzte und Elisabeth den Freiraum schuf, ein Leben zu führen, das geprägt war von der Liebe zu Christus und den Armen, in denen sie ihn erkannte.

Elisabeth war ein Mensch des Mittelalters, mit all seinen Ängsten, aber kein skrupulöser Mensch. Ihren Gehilfinnen gab sie immer mit: „Wir müssen die Menschen froh machen.“ Gerade die Legende vom Brot und den Rosen, die ja nicht ursprünglich mit ihrem Leben verbunden war, zeigt, dass sie mehr war als eine große Spenderin von materiellen Gütern. Sie wusste, dass der Mensch nicht nur Brot und finanzielle Hilfe braucht, sondern Zuwendung und menschliche Wärme, die Rosen eben. Als man sie nur wenige Jahre nach ihrem Tod heiligsprach, sollen zwei Millionen Menschen, und das am Ende des 13. Jahrhunderts, nach Marburg gekommen sein, unter ihnen Kaiser Friedrich II. Ein irdisches Zeichen, dass sie wohl richtig erkannt hat, worauf es ankommt im Leben.

„Wie eine Kerze, die von zwei Enden brennt“, so hat sie ein Biograph beschrieben. Ein Mensch, der im Extrem lebte, alles gab, aber der um so heller leuchtete, der sein Leben lang nicht im Trüben fischte, sondern bis heute über die Jahrhunderte hinweg hinaus strahlt. Sie ist ein Mensch, der uns Mut macht, keine Angst zu haben, dass wir etwas verpassen und uns auf den Weg Jesu einzulassen.

Bei aller persönlichen Strenge, die uns heute verwirren, hat Elisabeth aus ihrem Glauben ein Leitmotiv geschöpft, das sie auch ihren Helferinnen als Motto mitgab: „Wir müssen die Menschen fröhlich machen.“ Christen sind in dieser Welt nicht da, um zu drohen, wohl aber um Gegenfeuer zu sein gegen ein Versinken in Leid und Ausweglosigkeit, in der die Menschheit manchmal zu versinken droht. Jesu Feuer ist die Leidenschaft für Gottes Gegenwart, in der der Mensch sich mit Leidenschaft und Entschiedenheit einsetzt für das Gute. Amen.

Sven Johannsen, Pfarrer

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