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Predigt 21. Sonntag im Jahreskreis „Nicht ohne Hoffnung“

Pfarrer Sven Johannsen, Lohr - 23.8.2020

21_Sonntag_Glaube_und_Hoffnung.pdf

Liebe Schwestern und Brüder

Ganz sicher ist Bertolt Brecht kein wirklicher Kronzeuge für den Glauben an Gott. Aber, obwohl Ikone der DDR-Literatur und Bezugsgröße für viele Atheisten, die das Heil in der Welt suchen, konnte Bertolt Brecht auf die Frage, welches sein Lieblingsbuch sei, sagen: „Sie werden lachen, die Bibel.“ Getauft und konfirmiert stellt er den christlichen Glauben schon früh in Frage. Und dennoch stehen in seinem Arbeitszimmer bis zum Schluss eine Figur der Gottesmutter und des Heiligen Johannes. Ihm ging es eigentlich nie um die Frage, ob es Gott gibt, vielmehr interessierte ihn, wer Gott ist.

In einer seiner kurzen Geschichten von Herrn Keuner, in denen er in wenigen Zeilen sehr hintergründig wichtige Frage aus zentralen Bereichen menschlichen Lebens aufgreift, erzählt er:

"Einer fragte Herrn K., ob es einen Gott gäbe.
Herr K. sagte: "Ich rate dir, nachzudenken,
ob dein Verhalten je nach der Antwort auf diese Frage sich ändern würde.
Würde es sich nicht ändern, dann können wir die Frage fallen lassen.
Würde es sich ändern, dann kann ich dir wenigstens noch so weit
behilflich sein, dass ich dir sage, du hast dich schon entschieden:
Du brauchst einen Gott."

„Du hast dich schon entschieden: Du brauchst einen Gott“ Allein die Frage nach Gott birgt schon die Antwort, so könnte man folgern. Aber klingt das nicht ein wenig subjektivistisch, ein wenig wie „Gott gibt es nur, weil du ihn brauchst“? Ist Gott damit nicht nur eine Vorstellung meiner Wünsche, meiner Sehnsucht? Träume ich mir mit dem Begriff „Gott“ nicht eine Wirklichkeit, die es vielleicht real nicht gibt?

Ich glaube, dass es so nicht gemeint ist. Gott ist nicht ein Produkt meines Wünschens, aber die Frage nach ihm lässt sich nicht von meiner Person und von meiner Sicht vom Leben trennen. Die Frage nach Gott ist mehr als das Ergebnis einer Erörterung von Theorien, von Argumenten und Gegenargumenten, an deren Ende ich sage: So, jetzt habe ich Gott bewiesen oder widerlegt, dass es ihn nicht gibt. Die Geschichte von Herrn K. offenbart die Sinnlosigkeit von solchen theoretischen Gedankenspielen.

Gott hat immer auch mit meinem Menschsein zu tun.
Vielleicht ist das der Hintergrund, auf dem sich die spontane Antowrt des Petrus auf Jesu Frage verstehen und vertiefen lässt.

Er bekennt Jesus als Sohn Gottes, weil er es auch glaubt.
Er bekennt Jesus als Sohn Gottes, weil er auf ihn hofft und von ihm etwas erhofft.

Das Bekenntnis des Petrus im heutigen Evangelium ist wohl beides: Es ist das Fundament unseres christlichen Glaubens, auf dem die ganze Kirche und jeder einzelne Getaufte steht. Und es ist Ausdruck einer Hoffnung auf den Sohn Gottes, der meinem Leben erst einen Sinn gibt.

Ausdruck unseres Glaubens:

In meterhohen Lettern steht das Felsenwort Jesu in Latein in der Innenseite der Kuppel des Petersdoms. Es zeichnet den Petrus als vorbildlich Glaubenden aus und umschreibt zugleich das unumstößliche Fundament des christlichen Bekenntnisses: Unser Glaube erkennt nicht nur eine höhere Schicksalsmacht, eine die Welt überschreitende Wirklichkeit, ein Gesetz, das allem, was lebt, zugrunde liegt, sondern es gipfelt im Erkennen, dass in Jesus wirklich der Sohn Gottes uns gegenübertritt. Unser Glaube kann nicht anders als persönliches Bekenntnis zu ihm sein. Dafür steht die Person des Jünger Petrus heute: Aus all seiner Erfahrungen mit Jesus kann er nicht anders als zum Schluss kommen „Ich glaube, dass du der Messias bist“. Er hat erlebt, wie Jesus Menschen am Ufer des Sees in einer neuen Sprache für Gottes Reich geöffnet hat, wie er Menschen durch Heilung und Vergebung der Schuld neue Perspektiven für das Leben aufgetan hat und er hat sich selbst rufen lassen aus dem Boot seines Alltags, um nun Menschenfischer zu werden. In ähnlicher Weise wird im Johannesevangelium Martha, die Schwester des toten Lazarus, das gleiche Bekenntnis sprechen.

Es gibt einen allgemein gültigen Schatz des Glaubens, der unabhängig ist von Zeit, Ort und Person. Aber unser eigenes Glaubensbekenntnis ist nicht lösbar von unserem Leben. Der Glaube gibt einem Leben Form, in dem er es mit Gott verbindet: Ich bin gewiss, dass ich von Gott kommen und zu Gott gehe, dass Gott mein Leben begleitet und hält, so formuliert der Theologe Michael Diener den Kern unserer Glaubensüberzeugung.

Glaube ist niemals eine Art Besitzanspruch auf Gott. Wer an ihn glaubt, hat Gott nicht wie einen Fetisch. Daran erinnert uns die Lesung aus dem Römerbrief: Gott bleibt für uns unverfügbar. Wir haben kein letztes, unfehlbares Wissen über ihn. Denn dann wäre er ja nur eine Lehre, die wir beweisen oder widerlegen könnten und somit ein Produkt unseres Denkens. Nein, Glaube ist immer Sicherheit und Bindung, aber eben auch Herzenssache und Entscheidung. Wenn ich mich für Gott entschieden habe, wenn ich glaube, dann binde ich mich an ihn, so dass er auf mich bauen kann wie auf den Petrus. Aber Gott hat nicht gewollt, dass unser Glaube zur Ideologie, zum Fanatismus wird. Schon im 19. Jahrhundert hat ein Theologe, Franz von Bader, formuliert: „Wenn Christus seine Kirche auf einen Felsen bauten, so wollte er doch nicht, dass sie selber zu Stein würde.“

Wie klug: sicher stehen auf dem Fundament des Glaubens, aber den eigenen Glauben nicht tragen wie einen Panzer. Der Glaube hat einen Bruder, den Zweifel, davon werden wir in der nächsten Woche hören, wenn der gleiche Petrus, den wir heute ob seinen Bekenntnisses loben, von Jesus als „Satan“ geschmäht wird, weil er den Tod am Kreuz nicht akzeptieren will. Und doch bleibt die felsenfeste Grundüberzeugung des Petrus „Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes“ das Fundament, auf dem er und wir stehen. Wenn Petrus heute diesen Glauben formuliert „Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes“ dann rezitiert er keine dogmatische Formel wie sie ein Student der Theologie vor seinem Professor aufsagen muss, um eine gute Note zu bekommen, er bekennt sich zu Jesus und gibt zugleich Antwort auf die eigentliche Frage Jesu „Wer bin ich für euch.“ Erinnern wir uns an die Geschichte von Herrn K., der antwortet: „du hast dich schon entschieden: Du brauchst einen Gott."

Das dürfen wir nicht falsch verstehen: Gott gibt es nicht, weil wir ihn brauchen. Es gibt ihn auch nicht, weil ihn so und so viele Menschen brauchen. Es geht vielmehr darum, dass die Frage nach Gott sich nie im luftleeren Raum stellt, sondern immer mit unserem Leben zu tun hat. Hier kommt nun die Hoffnung ins Spiel, die wir allein auf Gott setzen können.

2. Ausdruck unserer Hoffnung

Die Menschen haben viele Ideen von der Zukunft, Wünsche, Theorien wie den Sozialismus, die auf einem Optimismus aufbauen, dass wir alles gut machen können. Aber die Hoffnung ist weder ein Zweckoptimismus noch eine Fortschrittsgläubigkeit, die beide nach den Worten des tschechischen Religionsphilosophen Thomas Halik „Falschmünzer“ sind. Die Hoffnung ist kein Wunschkonzert, sie ist neben der Liebe und dem Glauben die dritte göttliche Tugend. Papst Benedikt hat ihr seine erste theologische Enzyklika gewidmet und deutlich gemacht, dass Hoffnung weder eine Utopie, noch eine Einbildung ist, die die Wirklichkeit betrügen wollen. Hoffnung streckt sich in der Wirklichkeit aus nach einem Kommenden. Sie ist gleichsam der Flügel des Glaubens, mit dem aus dem Bekenntnis das Vertrauen wird. Wir können nicht ohne die Hoffnung glauben

Wenn wir in der Heiligen Messe das Glaubensbekenntnis sprechen, dann können wir das doch nur, weil wir an wichtigen Stellen in unserem Amen „Das hoffe ich“ mitsprechen:
Ich habe nicht automatisch die Vergebung der Schuld. Ich hoffe auf sie so wie Petrus nach seiner Verleugnung Jesu am Karfreitag als er den Auferstandenen am Ufer des See Tiberias trifft.

Ich habe nicht die letzte Sicherheit über die Auferstehung der Toten. Keine Nah-Tod-Forschung gibt mir letzte Gewissheit. Ich hoffe für meine Verstorbenen auf sie.

Ich sehe noch ein begrenztes, endliches Leben vor mir. Aber ich hoffe auf das ewige Leben, das jetzt schon in meinem Leben begonnen hat.

Thomas Halik hat einmal darauf hingewiesen, dass Gott, an den ich jetzt glaube, immer noch eine Geheimnis bleibt, dass aber die Ewigkeit, die Biosphäre Gottes, für uns jetzt als Zukunft und Hoffnung gegenwärtig ist. So befreit uns die Hoffnung auf Gott von der Last der Vergangenheit der Schuld und des Todes, wie wir in der Präfation beten. Die Hoffnung bewahrt den Glauben vor der Ideologie, nicht vor dem Zweifel. Sie gibt ihm die Kraft, sich auszustrecken nach der Ewigkeit Gottes, in der wir einmal leben dürfen.
Diese Hoffnung, in der Petrus alles hinter sich gelassen hat und mit seinem alten Leben gebrochen hat, klingt in seinem Bekenntnis mit. Diese Hoffnung, für die wir uns entscheiden wenn wir an Gott glauben, klingt in unserem Bekenntnis mit.

Glaube und Hoffnung sind die beiden Schlüssel für das Himmelreich, die Jesus heute dem Petrus gibt. Thomas Halik erinnert in einem kleinen Buch an die Szene am Ostermorgen, wie sie der Evangelist Johannes beschreibt: Nachdem Maria von Magdala das leere Grab gefunden hat, holt sie Petrus und Johannes, die beide eilends zum Grab laufen. Johannes ist schneller und kommt als erster an, aber er wartet bis Petrus kommt und lässt ihm den Vortritt beim Betreten des Grabes. Halik deutet die beiden Apostel auf die Geschwister Glaube und Hoffnung und schreibt:

Der Glaube und die Hoffnung sollten immer zusammen gehen, so wie die Apostel Petrus und Johannes am Ostermorgen zusammen zum leeren Grab gelaufen sind; die Hoffnung lässt vielleicht dem Glauben den Vortritt, damit er hinschaue und sage, was er sieht. Die Hoffnung jedoch - erinnern wir uns - läuft schneller und ist als Erste am Ziel. Es gibt Momente, in denen der Glaube schwerfällig ist, wie es sicher in jener Nacht nach dem Karfreitag der Fall war, doch wie damals wird er von der Hoffnung vorangetrieben, die ihm den Weg weist. (Nicht ohne Hoffnung S. 9)

„Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes“, so sprechen wir heute mit Petrus: An dich glaube ich und von dir erhoffe ich alles. Amen „So sei es“.

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