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Predigt 22. Sonntag im Jahreskreis A

Ein Freund, ein guter Freund…“

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Liebe Schwester und Brüder,

 „Ein Freund, ein guter Freund, das ist das Beste, was es gibt auf der Welt Ein Freund bleibt immer Freund und wenn die ganze Welt zusammenfällt“- Wer will den Comedian Harmonists und den „Drei von der Tankstelle“ um Heinz Rühmann, die mit diesem Lied 1930 unsterblich wurden, in dieser Ansicht widersprechen?

Echte Freundschaft gehört zu den wertvollsten Erfahrungen unseres Lebens. Oft beginnt sie schon im Kindergarten oder der Schulzeit und hält mitunter länger als manche Ehe. Natürlich ist echte Freundschaft nicht das wilde Sammeln von Freunden auf Facebook, von denen man oft nur den Namen weiß, sondern eine gewachsene Beziehung, die von Vertrauen, Solidarität und Verstehen geprägt ist. Das beschränkt sich meist nur auf einzelne Personen oder einen kleinen Kreis. Echte Freunde erleben miteinander Abenteuer, ermutigen und trösten einander, freuen sich miteinander, v.a. stehen sie einander bei, wenn es schwierig wird. Oder sollen es wenigstens tun.

Denn Freundschaft bewährt sich ja gerade in Krisen oder Notzeiten unseres Lebens.

Freunde können einander auch überfordern und enttäuschen. Da der Mensch ja zum Selbstmitleid neigt und gerne der Versuchung erliegt, sich von allen im Stich gelassen zu fühlen, geraten gerade Freunde unter den schweren Verdacht zu versagen und uns allein zu lassen. Mitunter sind es aber auch einfach überzogene Erwartungen, denen auch ein guter Freund nicht gerecht werden kann, die dann im eigenen Selbstmitleid erhoben werden. Aber natürlich können wir auch als Freunde versagen, weil wir nicht erkennen, wie schlecht es einem Freund wirklich geht oder wir nicht wissen, was in einer bestimmten Situation das Richtige ist, was wir tun sollen. Manchmal wollen wir helfen und werden zurückgewiesen. Manchmal werden wir uns zurückhalten und der andere erwartet aber von uns konkreten Einsatz. Auch Freunde, die einander gut kennen, werden immer wieder erleben, dass sie einander doch fremd bleiben, falsch einschätzen, einander überfordern oder etwas schuldig bleiben. Wir sind Menschen, die aus dem Herzen handeln, und keine Computer, die Algorithmen analysieren und entsprechend ihr Tun planen.

Vielleicht ist diese menschliche Grunderfahrung ein guter Hintergrund, auf dem wir das heutige Evangelium hören sollten. Petrus und Jesus sind Freunde. Letzte Woche haben wir gehört: Sie bekennen sich zueinander und sie bauen aufeinander. Petrus spricht das große Wort „Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes“ und Jesus antwortet auf sein Bekenntnis mit der Zusage seines Vertrauens „Auf dich baue ich meine Kirche“. Wenn uns ein Mensch sagt, dass er auf uns baut, dann ist das mehr als Wertschätzung und Lob, das ist die Grundlage echter Freundschaft.
Die Evangelien bringen zwar selten das Wort „Freundschaft“ ins Spiel, aber wir wissen, dass alles, was zur Freundschaft gehört, Vertrauen, Offenheit, Einsatz, Akzeptanz und Verlässlichkeit, auch die wertvollsten Erfahrungen des Menschen Jesu bildete. Das wird ihm nicht nur von Petrus geschenkt, sondern auch von anderen „Freunden“: An erster Stelle stehen da die Geschwister von Bethanien Martha, Maria und Lazarus, aber natürlich auch Maria von Magdala und wohl jüdische Autoritäten wie Nikodemus und Josef von Arimathäa, die bis über das Grab hin die Treue halten und die letzten Liebesdienste vollziehen.

Jesus ist kein einsamer Wolf. Es sind tragfähige Freundschaften, die seinem Leben Halt geben. Aber auch sie kommen ins Wanken. Das erleben wir heute. Zum einen glaube ich, dass der plötzliche Wechsel in der Rede Jesu den Petrus völlig überfordert. Gerade noch geht es um große Zukunftspläne: „Wir bauen eine neue Gemeinde, ja eine Kirche, also ein neues Israel.“ Das ist alles, wovon Petrus geträumt hat und für das er mit seinem alten Leben gebrochen hat. Und er wird in diesem Plan Jesu eine zentrale Rolle einnehmen, die er gerne bereit ist, anzunehmen. Jesus soll sich auf ihn verlassen können. Und im nächsten Moment spricht Jesus von der absoluten Katastrophe: Er wird ihnen genommen.

Verhält sich Petrus nicht, wie man es von jemand erwarten kann, der miterlebt, wie der beste Freund in einem düsteren, ja fast schon depressiv wirkenden Strudel von Gedanken über Hass, Leid und Tod zu versinken droht? Wer wenn nicht Petrus hätte das Recht und die Pflicht, der Führungsgestalt Jesus zu widersprechen und ihn aus diesem dunklen Sumpf herauszuholen?

Zugleich müssen die Worte Jesu den Petrus noch auf einer anderen Ebene schockieren. Sein Tadel „Das möge Gott verhüten“ nutzt ein Wort, das aus dem Alten Testament bekannt ist. Dort wird „Verhüten“ immer dann ins Spiel gebracht, wenn Gott seinen Zorn gegen Israel, das sich versündigt hat, besänftigt. Gott bereut seinen berechtigten Ärger auf sein treuloses Volk, das die Strafe verdient hätte. Gerade hat Petrus Jesus als den Messias bekannt. Jetzt muss er plötzlich mit dem Gedanken ringen, dass Gott auf diesen Retter zornig geworden sein muss. Das Kreuz wäre dann nur die gerechte Strafe für einen Sünder, auf den Petrus seine ganze Hoffnung setzt. Das kann er nicht verstehen. Schon gleich gar nicht kann er so weit denken, dass sich hinter dem Kreuz nicht der Zorn Gottes, sondern ein Beweis seiner Liebe offenbart. Da verlangt Jesus zu viel von ihm und von den Jüngern.

 

Jesus überfordert Petrus und Petrus versteht nicht richtig. Das lässt die Situation eskalieren bis hin zu dem harten Wort „Weg mit dir Satan, du hast nicht im Sinn, was Gott will.“ Das klingt wie ein absoluter Bruch. Einen Freund als Satan bezeichnen, das ist schon eine Wunde, die nicht so schnell heilt. Im Hebräischen bezeichnet aber dieses Wort „Satan“ nicht das personifizierte Böse, wie wir es heute verstehen. Es meint „sich jemanden entgegenstellen, jemanden anfeinden“ und wird nur in ganz seltenen Fällen personal verstanden. Petrus wird nicht als „Teufel“ abgestempelt, sondern kritisiert als jemand, der sich Gott entgegenstellt. In einem Kommentar zum heutigen Evangelium wird das näher ausgeführt: „Wie sieht dieses Anfeinden des Petrus aus? Er glaubt letztlich, dass alles gut ausgehen muss, weil Gott eben gut ist und Jesus auch. Petrus rechnet nicht mit der für uns völlig unbegreiflichen Größe und Liebe Gottes, mit dem quälend tiefen unverständlichen Geheimnis Gottes. Diese Haltung weist Jesus zurück.“ (Damit sich die Schrift erfüllt. Lesejahr A. Paulusverlag 2016)

Die Freundschaft zwischen Jesus und Petrus wird bedroht, weil Petrus das Kreuz nicht mit Gott und Jesus in Verbindung bringen kann. Gott verstört ihn. Er möchte ihn nach seinen Vorstellungen, in der alles glatt gehen muss. Aber das ist letztlich der Versuch, den Vater und Jesus unter Kontrolle zu bringen.

Diese Freundschaft ist nicht zerbrochen, hat aber eine tiefe Wunde erlitten. Petrus wird versuchen, alles wieder gut zu machen, sich mutig an Jesu Seite zu stellen, aber letztlich versteht er bis Ostern das Geheimnis hinter der Notwendigkeit des Kreuzes nicht und wird daran auch noch mehrfach scheitern. Aber dennoch übersteht ihre Freundschaft Versagen, Überforderung und Nichtverstehen. Petrus Bekenntnis und Jesu Felsenwort lassen sich nicht erschüttern durch die Brüche und werden an Ostern das Fundament einer neuen Zukunft.

Das ist nicht nur eine persönliche Erfahrung des Petrus. Er ist für das Matthäusevangelium immer auch die Identifikationsfigur für alle Jünger, v.a. für diejenigen, welche nicht mehr Augenzeugen und Begleiter des irdischen Jesu ist, also letztlich auch für uns.

Können wir unsere Beziehung zu Jesu überhaupt mit dem Wort „Freundschaft“ bezeichnen? Zieht ihn das nicht auf eine Ebene der Verharmlosung seiner Größe als Gott herab? Ist er für uns nicht zuerst der Herr und somit mehr als ein Freund?

Zwei große Theologen unserer Zeit, Eugen Biser und Rudolf Schnackenburg, haben sehr darauf gedrängt, die wahre Menschheit Jesu nicht zu vernachlässigen und ihn einseitig als den wahren Gott zu verehren. Als Gottes Sohn bleibt er eine irdische Realität. So wenig ich nur einen guten Menschen in ihm sehen darf, so wenig darf ich seine menschliche Geschichte als eine Art Schauspiel sehen, dessen letzter Vorhang schon gefallen ist: Er hat unser Leben geteilt, er ist gestorben und begraben worden, wie wir es im Credo bekennen. So ist die Begrifflichkeit vom „Freund“ genauso berechtigt wie seine Verehrung als „Herr“.

Eugen Biser hat in seiner Schrift „Der Freund. Annäherung an Jesus“ (München/ Zürich 1989) festgestellt, dass weder der „Christus von oben“, also allein der vergöttlichte Herr, noch der „Christus von unten“, also allein das menschliche Vorbild, Zukunft haben werden. Eine tragfähige Annäherung an den Sohn Gottes gelingt allein über den „Christus von innen“, also über die Möglichkeit ihm in der Tiefe unseres Herzens zu begegnen. Dafür ist das Wort von der „Freundschaft mit Jesus“ der entscheidende Schlüssel. Wir verharmlosen Gott nicht, wenn wir vom Freund Jesu sprechen, sondern suchen den richtigen Ort, ihm wirklich zu begegnen: Er ist nicht nur das allmächtige Geheimnis und auch nicht nur der vorbildliche Mensch, er ist der Gott, der uns näher ist, als wir es uns selbst manchmal sind. Die Ostkirche kennt das Herzensgebet, in dem man gar nicht viel Worte macht, sondern lediglich das kurze Wort „Jesus“ mit dem Ein- bzw. Ausatmen häufig wiederholend spricht und so ins Herz einlässt.

„Jesus, unser Freund“, darin offenbart sich die Sicherheit unseres Glaubens. Gott spielt nicht mit uns, lässt uns nicht hängen oder ins Leere laufen. Aber zugleich bleibt er uns auch geheimnisvoll entzogen. Wir haben ihn nicht unter Kontrolle. Wir werden an ihm noch zweifeln, uns stoßen. Er wird uns manchmal verwirren und überfordern, gerade wenn wir Erfahrungen machen, die wir nicht zusammenbringen können mit der Vorstellung eines liebenden Gottes. Aber zugleich bewahrt uns diese Lebendigkeit im Verhältnis zu ihm davor, dass unser Glaube eine Ideologie wird, ein Aufsagen von leeren Bekenntnisformeln. Auch wenn wir wie Petrus manchmal mit Jesus Christus ringen, am Ende, so dürfen wir es am Petrus des Evangeliums ablesen, hat unser Glaube die Kraft, treu zu bleiben, wenn wir uns daran erinnern, dass Gott auch auf uns baut und uns einmal wie seinen Sohn durch die Nacht zum Tag des Lebens führt.
Rudolf Schnackenburg fasst im hohen Alter die Erfahrung seines Lebens so zusammen:

„Dieses Vorbild Jesu allein ist schon eine große Ermutigung und ein Trost, weil Gott den Gekreuzigten gerettet und zu einem neuen Leben auferweckt hat. Dieser uns vertraute Gedanke leuchtet in einem neuen Licht auf, wenn wir Jesus als unseren Freund sehen, der den Weg des Leidens und Sterbens mit uns teilt. Ich kann mich in Stunden der Not und der Bitternis an ihn wenden und ihn um Kraft und Vergebung bitten. Er ist uns nahe und führt uns durch alle Dunkelheit und Verzweiflung hindurch. Er ist ein guter Freund, der uns versteht und stützt. Wie oft habe ich das am Lager eines gläubigen, mit Christus verbundenen Menschen gespürt! Doch sollten wir selbst auch aus Freundschaft mit Jesus anderen im Leiden und Sterben beistehen und ihnen Wärme, Liebe und Freundschaft zu spüren geben. Jesus, mein Freund, ist ein Helfer in allen Situationen des Lebens und besonders dann, wenn Menschen keinen Rat und Ausweg mehr wissen.“ (Rudolf Schnackenburg, Freundschaft mit Jesus, Freiburg i Brg. 1995 S.98) Amen

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