headeroben

Liebe Schwestern und Brüder

23._Wasser_in_der_Wüste.pdf

Ende Juni besuchte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier Israel. Es war mehr als ein Staatsbesuch, es war eine Abschiedstour mit einem guten Freund, dem langjährigen Staatspräsidenten Reuven Riflin, der dann eine Woche später aus dem Amt schied: Steinmeier war sein letzter Gast und er begleitete ihn zu zahlreichen wichtigen Stationen im Staat Israel. Am Ende stand ein Abstecher in die Wüste Negev, die sich im Süden Israels bis zum Roten Meer hinzieht. Ziel war ein kleiner, aber sehr symbolträchtiger Ort: Sde Boker und das Jacob Blaustein-Institut der Ben-Gurion-Universität. Dieser kleine Kibbuz in der Wüste beherbergt das Haus, in dem der Staatsgründer David Ben Gurion seine letzten Lebensjahre verbrachte. 1970 trat er von allen politischen Ämter zurück und zog sich zurück nach Sde Boker, dem Kibbuz mitten in der Wüste, in dem er auch nach seinem Tod 1973 an der Seite seiner Frau Paula beigesetzt wurde. Aber dem Ort kommt mehr als eine historische Bedeutung zu. Es war seit seinem Betreten des Heiligen Landes Gurions großer Traum, dass Wirklichkeit wird, was der Prophet Jesaia im 35. Kapitel verheißt und wir heute als Lesung hören: „Dann springt der Lahme wie ein Hirsch und die Zunge des Stummen frohlockt, denn in der Wüste sind Wasser hervorgebrochen und Flüsse in der Steppe.“ (Jes 35,6)

Hier, mitten im Negev, ist diese Verheißung wahr geworden. Gurions Vision von der Wüste, die zum Garten wird, hat sich hier erfüllt, davon konnte sich der Bundespräsident überzeugen. Gemeinsam erforschen auf dem Campus Wissenschaftler aus aller Welt. wie man aus Wüstenböden und unwirtlichen Bedingungen dennoch Nahrung und auch Energie gewinnen kann. In den drei „Institutes for Desert Research“ präsentieren junge Forscher neue Erkenntnisse zu Energienutzung, besonders der Solarenergie, der Reinhaltung von Wasser und zur Landwirtschaft unter den Bedingungen des Klimawandels. Die Wüste, das Synonym für einen Ort ohne Leben, wird zur Quelle von Strömen neuer Lebensmöglichkeiten. So hat es sich der Staatsgründer Israels einmal vorgestellt und so konnte es Bundespräsident Steinmeier erleben. Die Verheißungen des Propheten Jesaia sind keine fantastischen Utopien. Sie haben Menschen angespornt, das scheinbar Unmögliche möglich zu machen und Leben dort eine Heimat zu gegen, wo alles lebensfeindlich erscheint.

Leben ermöglichen für die Menschheit, aber auch für jeden Einzelnen, dessen Entfaltungsspielraum eingeschränkt ist durch Armut, Krieg, Krankheit oder seelischen Belastungen, wird zur Hauptaufgabe unserer Zeit. An so vielen Stellen kommt das Leben zum erliegen und wartet auf eine Quelle neuer Kraft. Aber, so die Botschaft des Propheten Jesaia, wenn wir den Mut haben, Gottes Wort zu folgen und so ausgetretene Bahnen der Vorurteile zu verlassen, dann kann ein neuer Strom des Lebens fließen. Der Mensch hat die Fähigkeit, Gutes und Schlechtes in Perfektion zu schaffen. Wir sehen im Augenblick oft Ereignisse und menschliches Versagen, das uns entmutigt und verzagt macht, Kriege, die Unfähigkeit, gerechte Strukturen zwischen Nord und Süd zu schaffen, die fast schon amokläuferische Überhöhung der Wirtschaft zulasten der Schöpfung, die uns verzweifeln lässt an der Rettungslosigkeit menschlicher Verblendung, die scheinbar ungebremst in die Katastrophe führt. Gerade in solchen Tiefs des Pessimismus ist es wichtig zu sehen, dass der Mensch auch andere Möglichkeiten hat und sie zu nutzen versteht, wenn z.B. eine junge, deutsche Wissenschaftlerin in der Wüsten-Uni im Negev Steinmeier und Riflin berichtet, „wie sie untersucht, was mit dem Mikroplastik in Flüssen passiert. Eine Solarexpertin aus Israel zeigt, wie man die Kraft der Sonne hundertfach bündeln und so um ein Vielfaches mehr Effizienz bei der Energiegewinnung erzeugen kann. Und ein Agrarexperte aus Südtirol demonstriert, was er über den Weinanbau in der Wüste alles herausfinden kann.“ (SZ v. 2.7.2021) Der Mensch ist nicht verurteilt, sich selbst in die Wüste zu schicken, sondern hat alle Möglichkeiten, Ströme von Ideen und Projekten Wirklichkeit werden zu lassen, die eine blühende Zukunft ermöglichen.
Das gilt für die Menschheit als Gruppe, aber auch für jeden einzelnen Menschen.

Das Evangelium bricht die große Verheißung für das Volk Israel herunter auf einen Mann, der nicht hören und nur wenig sprechen kann. Es ist mehr als eine erbauliche Wundergeschichte, es ist eine Lehrerzählung, dass Hoffnung nicht durch das Verleugnen der Beschwernis geweckt wird, sondern nur durch das Benennen der Not. Es fällt auf, dass die griechischen Worte, die verwendet werden zur Beschreibung des Leids des Mannes, ihn nicht als einen Taubstummen festlegen. Das Wort „kophos“ kann tatsächlich „taub“, aber auch genauso „stumpf“, „kraftlos“ oder „unempfindlich“ heißen. Das Wort „mogilalos“ meint dagegen nicht „stumm“, sondern „mit schwerer Zunge sprechend“. (Vgl. Schweizerisches Katholisches Bibelwerk „Damit sich die Schrift erfüllt…“ Die Sonntagstexte als jüdische Texte lesen, Lesejahr B; Paulusverlag Trier, 2017, S 316). Es geht also nicht so sehr um ein körperliches Defizit als vielmehr um eine innere Blockade, die den Mann dazu gebracht hat, sich in sich zu verschließen.

Diese Richtung der Auslegung wird auch durch die etwas skurril wirkenden Handlungen Jesu bestätigt. Einem Tauben würde man doch wohl nicht die Finger in die Ohren stecken, denn er hört ja eh schon nichts. Will Jesus vielleicht damit ihm etwas anderes zeigen? Durch das Herausziehen macht er dem Mann, der seine Ohren verschlossen hat für jedes gute Wort, deutlich, was er zu tun hat: „Effata, lass dich öffnen.“ Er kann nun wieder auf die anderen Menschen hören und findet damit in die Gemeinschaft zurück.

Ähnlich die etwas ekelhaft wirkende Handlung der Berührung der Zunge des Mannes mit Speichel. Im Deutschen kennen wir die Erfahrung, dass einem die Spucke wegbleibt und die Stimmer verschlägt, wenn man etwas Erstaunliches oder Erschreckendes erlebt hat. Jesus gibt dem Mann wieder die Kraft zum Sprechen und löst so seine Zunge, dass er richtig, also wahr spricht. Er befreit ihn von einer verengte Wahrnehmung der Wirklichkeit, die ihn entsetzt und dazu bringt, sich ganz in sich zurückzuziehen. Er kann jetzt alles wieder hören, die schlechten wie die guten Nachrichten, und ist in seinem Sprechen nicht mehr fixiert auf das Jammern und Klagen, sondern kann ermutigt werden und selbst anderen gut zureden.

Vielleicht hat den Mann das Entsetzen über Leid und das Erschrecken darüber, was Menschen einander antun können, dazu gebracht, sich zu verschließen und abgestumpft zu werden gegen alles, was ihn berühren könnte. Aber nur wenn ich diese Verletzlichkeit zulasse, kann ich vom Guten und Schönen belebt werden. Oft genug gibt es Anlässe, Nachrichten, Schicksalsschläge, die einen verleiten, es den drei berühmten Affen gleich zu tun: nichts mehr sehen, nichts mehr hören, nichts mehr sagen. Oft überfordern uns Nachrichten wie aus Afghanistan oder von der Flutkatastrophe. Ich kann nicht mehr hinschauen, kann es nicht mehr hören und weiß auch nicht, was ich dazu sagen soll. Aber Wegschauen, Abstumpfen und Schweigen machen den Menschen krank und die Welt eisiger.

Nur wer sich öffnen lässt, entdeckt die Quelle, aus der Hoffnung und Kraft für die Zukunft entspringen. In einem modernen Lied heiß es: „Ein Mensch mit dem ich rede, ist eine Quelle für mich.“ Das Grundvertrauen, dass Reden immer noch hilft, dass Hören auf den anderen Menschen uns nicht abstumpfen lässt und Wahrnehmen der erste Schritt zur Veränderung ist, bringt das Leben voran und gibt mir Perspektive.

Effata, öffne dich“, nur so kann das Leben, das Gott gegeben hat, gelingen. Amen.

.

­