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Predigt 23. Sonntag C - 25. Todestag Mutter Teresa

"Bedarfst du meiner Hände?
Ich gebe dir mein Herz"

23._Mutter_Teresa_25._Todestag_2022.pdf

Von kleiner Gestalt, zierlicher, ja zerbrechlich wirkender Körperbau, zerfurchtes Gesicht und gebückter Gang - äußerlich hat sie nicht wirklich etwas hergemacht und doch war ihre Unscheinbarkeit ein wichtiges Element ihrer menschlichen Übergröße. Die Mächtigen, Gekrönten und Eleganten dieser Welt haben sich vor der kleinen Ordensschwester in ihrem blauen Sari regelmäßig bücken müssen, um mit ihr auf Augenhöhe reden zu können und dennoch war sie unter ihnen eine Gigantin. Wahrscheinlich ahnen manche Ältere schon von wem ich rede: Mutter Teresa, Gründerin der Missionarinnen der Nächstenliebe und Engel der Armen von Kalkutta. Ob Ronald Reagan, Prinzessin Diana, Papst Johannes Paul II, alle bedeutenden Menschen haben ihre Nähe gesucht, weil sie von kleiner Statur war, aber ein riesiges Herz hatte. Vor genau 25 Jahren ist sie gestorben, am 5.9.1997. wenige Tage nach Lady Diana, der Königin der Herzen, die bei einem Autounfall verunglückte. Manche hatten Angst, dass der Tod der schillernden Prinzessin den Tod der alten Nonne überlagern würde, aber die Welt nahm Anteil an der Staatstrauer Indiens und den Feierlichkeiten in Kalkutta. Sie war tatsächlich ein Mensch, der anders als viele Könige und Feldherren den Namen „die Große“ verdient hat.

Ich kann mir kaum einen Menschen vorstellen, der idealer die Forderungen des heutigen Evangeliums erfüllte als Mutter Teresa.

Die Gruppe, die Jesus auf seinem Weg begleitete, war wohl sehr bunt. Neben dem engsten Kreis der Zwölf waren es sehr entschiedene Frauen, die uns noch unter dem Kreuz und am Ostermorgen begegnen. Um diese Kerngruppe aber sammelten sich viele Interessierte und Suchende, die fasziniert waren von der Predigt Jesu, aber auch vom alternativen Lebensstil der Bewegung um ihn. Ein Anflug von   Aussteigerromantik mag da schon beim einen oder anderen Mitgänger Motivation gewesen sein, sich Jesus anzuschließen. Die Freiheit von alltäglichen Sorgen, die Konzentration auf die Frage nach dem Sinn des Lebens und die Bindungslosigkeit gegenüber allem Besitz ist heute noch für viele Menschen verlockend. Aber Jesus weiß, dass dieses religiöse Abenteurertum wenig Bestand hat. Irgendwann wird es  langweilig und unbequem und dann sind die Hobby-Apostel weg. Seine Forderungen heute sind daher keine ethischen Spitzenleistungen für eine Elite, sondern Grundvoraussetzungen für die Nachfolge aller Jünger zu seinen Lebzeiten und zur Zeit der Entstehung des Evangeliums. Nachfolge geht nicht im Nebenjob oder zu festgesetzten Urlaubszeiten, sie beansprucht den ganzen Menschen. Unabdingbar gehören zu ihr die völlige Verfügbarkeit und die Freiheit von allem Materiellen. Wer sich noch in anderen Verpflichtungen befindet, wird priorisieren und abwägen müssen. Dann aber stellt sich schnell Bequemlichkeit und Lustlosigkeit ein. Im Gleichnis vergleicht das Jesus  mit dem unüberlegten Beginn eines Baus, der nie fertig werden kann und am Ende als Bauruine als ewiges Spottdenkmal überdauert. Jesus will seine Zuhörer nicht überfordern, aber er steckt ab, was selbstverständlich zu seiner Nachfolge gehört: Entschiedenheit in der Orientierung auf das Ziel und in der Lebensführung, konkret kein Umfallen bei auftretenden Schwierigkeiten und völlige Besitzlosigkeit. Genau diese Voraussetzungen hat Mutter Teresa erfüllt wie nur wenige Menschen.

Anjezë Gonxha Bojaxhiu stammte aus einer albanischen katholischen Familie. Sie erlebte eine frohe Kindheit, doch als sie neun Jahre alt war, starb der Vater. Agnes besuchte das Gymnasium der Jesuiten und wollte bereits mit zwölf Jahren Missionarin werden. Mit 18 Jahren schloss sie sich in Dublin den Loreto-Schwestern an, einem irischen Zweig der Englischen Fräulein, die sie umgehend ins Noviziat nach Indien schickten, wo sie in Kalkutta als Lehrerin und später auch als Direktorin der höheren Mädchenschule tätig war. 1931 legte sie dort ihre Gelübde ab und nahm aus Verehrung für die heilige Therese von Lisieux, der Patronin der Missionare, den Ordensnamen Teresa an.

Am 10. September 1946 hörte sie bei einer Fahrt durch Kalkutta den Ruf Christi „Mich dürstet“ und verstand ihn als Aufforderung, sich um die Ärmsten zu kümmern. Sie erhielt vom Bischof und der Ordensleitung die Erlaubnis, das Kloster zu verlassen und in den Slums zu arbeiten und zu leben. Wie die Menschen dort trug sie nur noch einen schlichten Sari mit blauer Borte. Schwester Teresa eröffnete eine Schule, kümmerte sich um die Kranken und pflegte obdachlose Leprakranke. Ehemalige Schülerinnen und Helferinnen kamen, um sie bei ihrer Arbeit zu unterstützen. So entstand 1950 die Kongregation der Missionarinnen der Nächstenliebe. Aus Schwester Teresa wurde Mutter Teresa – ein Name, der um die Welt ging.

Einmal fand Mutter Teresa eine Frau, die elend auf der Straße starb. Daraufhin gründete sie Sterbehospize für die Ärmsten. Zu den Schwestern kamen bald die Missionsbrüder der Nächstenliebe hinzu. Mutter Teresas Lebenswerk war es, Christus in den Armen zu dienen, wofür sie zahlreiche Ehrungen erhielt, darunter 1979 den Friedensnobelpreis. Ihre Nobelpreisrede nutzte sie für ein flammendes Plädoyer gegen die Abtreibung: „Der größte Zerstörer des Friedens ist heute der Schrei des unschuldigen, ungeborenen Kindes. Wenn eine Mutter ihr eigenes Kind in ihrem eigenen Schoß ermorden kann, was für ein schlimmeres Verbrechen gibt es dann noch, als wenn wir uns gegenseitig umbringen? … Aber heute werden Millionen ungeborener Kinder getötet, und wir sagen nichts.“ Der „Engel der Armen“ erhielt nach seinem Tod ein Staatsbegräbnis, an dem die ganze Welt Anteil nahm.“ (vgl. https://bistum-augsburg.de/Heilige-des-Tages/Heilige/MUTTER-TERESA)

Kritik an ihrem Werk blieb nicht aus. Man warf ihr vor, zu missionieren und kritisierte die hygienischen Zustände in ihren Einrichtungen. Dennoch beeindruckt ihr Leben bis heute. Die Zeitzeugen haben noch gute Erinnerungen an sie. Schülerinnen und Schüler unserer Tage hören von ihr bereits im Religionsunterricht der Grundschule. Sie ist eine der ganz Großen unter den Menschen.

Aber ist Bewunderung für den Engel der Armen schon genug? Fordert das Evangelium nicht auch uns heraus. Die Gefahr der Heiligenverehrung ist zweifach: Sie kann überfordern, wenn ich das Leben des oder der Heiligen zum Vorbild nehme, das ich selbst erreichen will und doch nicht kann. Es kann mich auch lau machen, wenn ich eh der Meinung bin, dass ich nie solch „ein Held“ werde und mich mit weniger begnüge, als mir möglich ist. Oft hat man einseitig das Wort des Evangeliums vom Kreuz auf Leiden und Tod hingedeutet. „Sein Kreuz auf sich nehmen“, heißt dann  verfolgt und geschmäht zu werden oder zumindest auf alle Freuden der Welt verzichten zu müssen. Das ist zu kurz gedacht. „Sein Kreuz auf sich nehmen“, meint zunächst, der Herausforderung des Christseins nicht aus dem Weg zu gehen. Das Kreuz ist der Markierungspunkt für den Platz, an dem ich stehe und gerufen bin, das Evangelium zu bezeugen. Das muss nicht automatisch Leid bedeuten, aber wohl Standfestigkeit und Ausdauer. Das Kreuzwort gilt also nicht nur für einzelne „Helden“, sondern ist  Grundvoraussetzung für jedes ehrliche Christsein. Es findet sich im heutigen Evangelium kein Wort, dass denen, die den Weg Jesu nicht so radikal gehen können, der Weg in den Himmel verschlossen bleibt.

Gerade Mutter Teresa hat sich und ihre Schwestern nie als isolierte Elite der Barmherzigkeit verstanden, sondern wollte zum Anstoß für alle Glaubenden werden, mit Entschiedenheit unter ihren jeweiligen Bedingungen das Evangelium  zu leben. Sie war in diesem Anliegen sehr nüchtern. So rät sie: „Wenn du keine 100 Menschen füttern kannst, dann füttere einen“ Und sie warnt vor der Erwartung, dass man durch Barmherzigkeit besondere Aufmerksamkeit bekommt: „Das Gute, das du heute tust, werden die Menschen morgen oft schon wieder vergessen haben. Tu weiterhin Gutes.“

In seiner Predigt zur Heiligsprechung von Mutter Teresa hat Papst Franziskus in seinen Schlussworten sie v.a. den ehrenamtlich Engagierten der ganzen Welt als Patronin anvertraut:

„ Möge sie euer Vorbild an Heiligkeit sein! Ich denke, dass wir vielleicht ein bisschen Schwierigkeiten haben werden, sie heilige Teresa zu nennen. Ihre Heiligkeit ist uns so nah, so zärtlich und fruchtbar, dass wir wohl spontan weiter „Mutter Teresa“ sagen werden. Diese unermüdliche Arbeiterin der Barmherzigkeit helfe uns, immer besser zu begreifen, dass das einzige Kriterium für unser Handeln die gegenleistungsfreie Liebe ist, die unabhängig von jeder Ideologie und jeder Bindung ist und sich über alle ergießt, ohne Unterscheidung der Sprache, der Kultur, der Ethnie oder der Religion.“

Mutter Teresa hat sich immer bemüht, Impulse zu geben für ein Leben gemäß dem Willen Jesu auch für Menschen, die nicht zur gleichen Radikalität in der Nachfolge fähig sind wie sie. Für sie war es der einfache Weg, der keine großen Worte braucht, der Menschen zu Zeugen der Liebe Gottes macht. Eines ihrer Gebete dürfen wir uns zu eigen machen, wenn wir in ihrem Geist den Weg der Nachfolge Jesu gehen:

Bedarfst du meiner Hände, Herr,
damit sie an diesem Tag den Kranken
und Armen helfen, die sie brauchen?
Herr, dir gebe ich heute meine Hände.

 

Bedarfst du meiner Füße, Herr,
damit sie an diesem Tag
mich zu jenen tragen,
die einen Freund brauchen?

Herr, dir gebe ich heute meine Füße.

Bedarfst du meiner Stimme, Herr,
damit ich an diesem Tag zu allen spreche,
die dein Wort der Liebe brauchen?

Herr, dir gebe ich heute meine Stimme.

Bedarfst du meines Herzens, Herr,
damit ich an diesem Tag
einen jeden, ohne Ausnahme, liebe?
Herr, dir gebe ich heute mein Herz.

Mutter Teresa (aus: Roswitha Kornprobst (Hrsg.), Beten mit Mutter Teresa, © 2005 Butzon & Bercker)

 Christsein ist in den Augen Mutter Teresas ziemlich einfach. Der Mensch, der glauben und lieben will, braucht keine große Anleitung, er braucht zunächst Stille, in der er in sich hineinhört, nachdenkt, zu sich kommt und dann spürt, dass er allein sich nie genügen kann, sondern an Gott gebunden ist. Aus der Stille, die mich zur Selbsterkenntnis führt, streckt sich der Mensch im Gebet zu Gott aus und hört, was Christus zu ihm spricht. Dann aber weiß ich, dass ich die Welt nicht retten muss, sondern einfach offen werden dafür, dass Christus etwas durch mich für die Menschen bewirken will. Dafür gilt es, ihm mein Herz zu geben.

Am Ende seiner Predigt zur Heiligsprechung zitiert Papst Franziskus Mutter Teresa mit einem kurzen Wort, das ihr Verständnis vom Dienst an den Armen wunderbar beschreibt und einen Weg zeigt, bei aller Begrenztheit unserer Möglichkeiten doch in der Nachfolge Jesu zu bestehen:

 

„Vielleicht spreche ich nicht ihre Sprache, aber ich kann lächeln.“  Amen.

                                                                                                                     

Sven Johannsen, Pfr. Lohr

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