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"Verzeihen ist Selbstheilung"

Predigt zum 24. Sonntag im Lesejahr A - 13.9.2020 

Pfarrer Sven Johannsen

 24._Verzeihen_ist_Selbstheilung.pdf

Liebe Schwestern und Brüder

„Verzeihen ist Selbstheilung“, so erklärt die Psychotherapeutin Doris Wolf in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung, warum Menschen zufriedener und gesünder leben, wenn man anderen verzeiht. („Verzeihen ist Selbstheilung“: SZ-Magazin vom 20.7.2020 https://sz-magazin.sueddeutsche.de/leben-und-gesellschaft/verzeihen-psychologie-gesundheit-88945)

Sie ist überzeugt, dass Menschen jede Verletzung vergeben können. Es hängt nicht von der Schwere des Schadens ab, sondern davon ob man sich entschieden hat, zu verzeihen oder nicht. Ein Mann kann dem Fahrer vergeben, der bei einem Unfall seine Tochter tödlich verletzte. Dagegen kann ein Mitarbeiter seinem Chef nicht vergeben, weil der einem Kollegen bei der Beförderung den Vorzug gab. Wolf ist überzeugt: „Es hängt von jedem einzelnen Menschen ab, ob und was er oder sie verzeiht. Oder eben nicht.“ Wenn mir die Beziehung zu einem anderen Menschen wichtiger ist als das, was mir an Verwundung zugefügt wird, dann werde ich auch vergeben. Das ist wahrscheinlich eine Erfahrung, die viele von uns gerade in Partnerschaft, Familie und Freundschaft gemacht haben: In der Regel können Familienangehörige einander das verzeihen, was zwischen Menschen ohne größere Nähe nie verzeihen würden. Aber auch ganze Völker können vergeben: Wie viele Verletzungen haben sich Deutschland und Frankreich zugefügt und doch sind wir nach der Eskalation des zweiten Weltkrieges zur Überzeugung gekommen, dass Freundschaft zwischen den Nachbarn den Menschen mehr dient als ständige Konkurrenz. Am Freitag haben wir uns an die Selbstmordanschläge der Terrorgruppe „al-Qaida“ am 11. September 2001 auf Menschen und Gebäude in den USA erinnert. Die Reaktion der US-Regierung war der Krieg in Afghanistan gegen die Taliban. Aber wie die Angehörigen der fast 3000 Opfer mit der Erinnerung an diesen Tag umgehen, ist die Entscheidung jedes Einzelne: Ich kann in Dauerhass auf eine Religion leben und mich fixieren auf den Wunsch nach Rache. Oder ich kann versuchen, mit der Erfahrung und der Wunde zu leben und eine neue Perspektive für die Zukunft zu finden. Aber das geht nicht ohne zumindest ansatzweise auch zu vergeben.
Für das richtige Verzeihen scheinen mir drei Momente wichtig:

„Vergeben“ heißt nicht „Vergessen“

Wer die Geschichte vergisst, lernt nicht aus ihr. Das gilt sowohl für Völker als auch für den einzelnen Menschen. Aber seinen Blick auf die Geschichte und erlittenes Unrecht versteifen, lässt nur die Vergangenheit als Lebensraum zu und gibt der Zukunft keine Chance.

„Vergeben“ heißt nicht „Gut heißen“- Wenn ich dem anderen vergebe oder wenn mir vergeben wird, heißt das nicht, dass die Tat im Nachhinein gerechtfertigt wird. Schuld bleibt Schuld und es gilt Verantwortung für sie zu übernehmen, wenn ich sie tragen muss. Wer vergibt, signalisiert dem anderen trotzdem, dass sein Verhalten falsch war. Aber Vergeben heißt, dass ich nicht auf das Tun, sondern auf die Person schaue und sie für wichtiger halte.

„Verzeihen ist kein einzelner großer Schritt. Es ist ein langer Weg mit vielen kleinen Schritten.“ Das haben viele schon erfahren. Es geht nicht von einem Moment auf den anderen. Da muss in mir erst ein Prozess anlaufen. Nach grenzenloser Wut und Zorngefühlen braucht es erst auch einen Weg, innerlich zur Ruhe zu kommen, vielleicht auch verbunden mit dem Gefühl der Trauer, bis mir klar wird, was wirklich zählt. Manchmal dauert das ein Leben lang bis ich vergeben kann.

Um wirklich vergeben zu können, kann ich nicht einfach sagen: „Vergeben und Vergessen. Reden wir nicht mehr davon“ Vergebung braucht auch die unangenehmen Fragen: „Was genau ist denn passiert?“ „Was könnte den anderen bewegt haben, so zu handeln oder zu reden?“ „Was verletzt mich wirklich? Die Tat oder der Vertrauensbruch?“

Ich kann der Psychotherapeutin Doris Wolf nur zustimmen, wenn sie sagt:

„Wenn Sie sich einmal grundsätzlich dazu entschieden haben, anderen zu verzeihen, dann leben Sie anders. Gelassener, friedvoller. Verzeihen bedeutet, Ärger und Enttäuschung zu überwinden und das Verhalten der anderen Person als geschehen zu akzeptieren. Wer verzeiht, lässt los.“

Vergebung ist tatsächlich auch Selbstheilung. Sie heilt mich von dem Gefühl, im Innersten zerfressen zu werden von quälenden Fragen und vom Wunsch, es dem anderen heimzuzahlen.

Ich glaube aber, dass das christliche Verständnis von Vergebung noch einen Schritt über alle psychologischen Erkenntnisse hinausgeht.

Die Psychotherapeutin sagt: „Beim Verzeihen geht es nicht um denjenigen, der mir Böses getan hat. Es geht um mich ganz allein.“
Ich denke auch, dass Vergebung zunächst ein Prozess ist, der in mir heranreift. Es ist nicht einmal nötig, dass ich meine Vergebung dem anderen Menschen sage. Manchmal sehe ich die Person, die mich verletzt hat, ja niemals wieder. Aber ich glaube, dass es nicht nur darum geht, dass ich mich besser fühle, sondern dass ich, gemäß der Weisung Jesu, auch zur Vergebung verpflichtet bin.

Liest man das Evangelium vom Schluss her, dann gerät zunächst der zweite Schuldner in den Blick. Er hat sich etwa mit der Hälfte seines Jahreseinkommens in Schulden gebracht, die er nicht mehr bezahlen kann. Das passiert auch heute: ein teures Auto, ein Kredit, den ich nicht bedienen kann. Auch in unseren Tagen ist das eine Realität. Dann greifen die Mechanismen, mit denen Schulden eingetrieben werden, Mahnungen, Rechtsanwälte bis hin zur Einschaltung der Gerichte. Nur so funktioniert ja unser Wirtschaftssystem. Gäbe es keine Möglichkeit, Schulden einzutreiben, dann bräche unser Markt zusammen, weil es ja niemand mehr nötig hätte, seine Käufe zu bezahlen. Insoweit wird der zweite Schuldner zurecht bestraft

Diese alltägliche Situation ist aber eingerahmt durch eine Erfahrung von Vergebung, die jede Vorstellungskraft eigentlich überschreitet. Die Schuld, die der erste Diener gegenüber dem König hat, umfasst ungefähr eine Summe von 300 Jahresgehältern, also eine unvorstellbar hohe Schuld. Aber genau die wird ihm erlassen. Daraus resultiert zwar nicht juristisch, aber moralisch die Verpflichtung, selbst zu vergeben. Das leuchtet jedem ein. Natürlich sieht uns Jesus in der Rolle des ersten Schuldners und der, der über allen Maßen vergibt, lässt den barmherzigen Gott erkennen. Wir leben also aus der Erfahrung, dass uns in unendlichem Masse vergeben wird. Damit haben wir in der Welt immer noch das Recht, gegenüber denen, die an uns schuldig werden, mit Härte zu reagieren. Aber letztlich widerspricht es unserem Glauben und unserem Menschsein. Wir können darauf vertrauen, dass Gott uns gegen nicht aufrechnet.

Das entscheidende am christlichen Glauben ist unsere Verpflichtung zur grenzenlosen Vergebung, weil nur sie auch dem entspricht, was unser Menschsein vor Gott auszeichnet. Wir heilen uns nicht nur selbst, wir werden auch unserem Menschsein gerecht.

Mahatma Ghandi hat gesagt: „Der Schwache kann nicht verzeihen. Verzeihen ist eine Eigenschaft des Starken.“ Diese Einsicht abgewandelt können wir mit Blick auf das Evangelium sagen: „Vergeben ist nicht ein Zeichen unserer Schwäche, sondern ein Zeichen der Stärke unseres Glaubens, dass Gott letztlich alles zum Guten führen wird und auch das Verwundungen heilt, die mir zugefügt wurden.“ Amen.

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