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Predigt 24. Sonntag im Jahreskreis

Siehe, Gott, der HERR, wird mir helfen“ (Jes 50,9)

24_Gott_der_Herr_wird_mir_helfen.pdf

Es gibt Tage, Bilder und Ereignisse, die wir nie vergessen werden. Der 11. September 2001 ist für alle, die diese Zeit bewusst erlebt haben, sicher so ein Tag. Wahrscheinlich wissen viele noch ganz genau, wo sie waren und was sie getan haben, als uns am Nachmittag dieses an sich schönen Herbsttages, übrigens ein ganz normaler Dienstag, die ersten Nachrichten erreichten von den Terroranschlägen in den USA. Ich war zu diesem Zeitpunkt in Würzburg und habe einen ehemaligen Pfarrer meiner Heimatgemeinde besucht. als dessen Haushälterin ins Zimmer kam und sagte, dass etwas Schlimmes in Amerika geschehen sei. Dann saßen wir vor dem Fernseher und haben die erschreckenden Bilder vom brennenden World Trade Center in New York und dem Pentagon in Virginia gesehen, in denen 3000 Menschen starben. Als wir am nächsten Tag aufstanden, da war wohl jedem klar, dass sich etwas verändert hat, weil die Amerikaner darauf reagieren mussten. Wenige Tage später waren wir im Krieg, im sog. „war on terror“, im „Krieg gegen den Terror“, der bis heute andauert. Nach dem Angriff auf das Herz der Demokratie und der Freiheit kündigte US-Präsident George W. Bush den Terroristen und allen, die ihnen Unterschlupf gewähren, Vergeltung an. Kein US-Präsident ist aus dieser Linie ausgeschert. Die Bilanz ist verheerend. Nach dem Abzug der Amerikaner aus Afghanistan haben sich viele Hoffnung zerschlagen, dass die großen Opfer, die in diesen Jahren gebracht wurden, irgendeine Veränderung zum Guten hin bewirkt hätten. Madrid, Paris, London, Berlin - keine der großen Hauptstädte Europas blieb von Terroranschlägen verschont, die oft hunderten Menschen das Leben kostete oder verwundete. Mali, Syrien, Irak - der Krieg gegen der Terror hat in der Wahrnehmung vieler Menschen in den Ländern Afrikas und des Nahen Ostens sich zum Eroberungskrieg der westlichen Zivilisation über ihre Kultur entwickelt. Die Forschungsgruppe Costs oft War an der Brown-Universität in Providence hat berechnet, dass dieser Krieg ca. 800.000 Tote durch Selbstmordanschläge, Bombenattentate, aber auch durch Anti-Terror-Operationen forderte. Unter ihnen waren etwa 335.000 Zivilisten. Die Amerikaner haben 7000 Soldaten, die Briten 500 Soldaten und wir mehr als 50 Bundeswehrsoldaten verloren. (https://www.zeit.de/2021/37/11-september-terror-anschlag-krieg-al-kaida-militaer)

Eine einzige Abgeordnete im Kongress, Barbara Lee, stimmte damals gegen den völlig entgrenzten Kriegseinsatz. Sie fürchtete, dass man damit dem Präsidenten einen Blankoscheck ausstelle für Militäroperationen auf der ganzen Welt. Was dann in der Folge auch so kam. Sie wurde als Kommunistin und Verräterin diffamiert. (https://de.wikipedia.org/wiki/Barbara_Lee)

Aber auch Papst Johannes Paul II stellte sich gegen die Versuchung, den Islam und ganze Völker als generell gefährlich und verdächtig zu brandmarken. Wenige Monate vor dem Ausbruch des Irakkriegs, den er deutlich ablehnte, und im Blick auf den immer größer werdenden Graben zwischen den westlichen Ländern und den Ländern Afrikas und des Nahen Osten, warnte er vor einen Krieg zwischen Christen und Muslimen. Stattdessen lud er die Religionen der Menschheit zu einem gemeinsamen Gebet um Frieden in die Stadt des Heiligen Franziskus, nach Assisi, ein. Umgeben von 200 Führern der Weltreligionen rief das sichtlich geschwächte Kirchenoberhaupt der Welt über die Medien zu: „Nie wieder Gewalt! Nie wieder Krieg! Nie wieder Terrorismus!“

Es war ein deutlicher Widerspruch zu den Plänen, die in den Regierungssitzen in Washington, London, Paris oder Berlin entwickelt wurden. Heute wissen wir, dass Johannes Paul II. Recht behalten sollte: Der Krieg kann niemals dauerhaft die Welt zum Guten verändern. Seine Stimme wurde zwar gehört, aber er konnte nichts mehr verändern. Er war ein Prophet gegen das Unheil, der zu Hoffnung und zum Mut eines Neuanfangs aufrief, während alle Zeichen auf Rache und Vergeltung standen.

Das ist das Schicksal von Propheten in der Bibel. Davon gibt die heutige Lesung aus dem Buch Jesaja Zeugnis.
Das Jesaja-Buch ist ein sehr vielschichtiges Werk und entstand wohl in mehreren Epochen politischer Krisenzeiten im Südreich Juda. Der Prophet Jesaja stammte aus einer vornehmen Familie und hatte Zugang zu den wichtigsten Stellen. Wahrscheinlich wirkte er um 722 v. Chr., als die Assyrer das Nordreich Israel endgültig eroberten. Unter seinem Namen entstanden dann Hoffnungstexte in der Zeit des Babylonischen Exils und der Traum von Jerusalem als Wallfahrtsort für alle Völker in der Zeit nach dem Ende des Exils. Unser Text der heutigen Lesung ist aus dem sog. dritten Gottesknechtslied, in dem der Autor das Schicksal derer beschreibt, die sich gegen die Mehrheit in der Bevölkerung stellen und für eine Offenheit für andere Menschen und Kulturen eintreten. Es wird dieser Minderheit übel mitgespielt. Die drastischen Beschreibungen vom Ausreißen des Bartes und die Schläge ins Gesicht sind Hinweise auf öffentliche Demütigungen und Ausgrenzung. Nach der Katastrophe der Zerstörung Israels und dem langsamen Wiederaufbau von Tempel und Kultur will die Mehrheit der Bevölkerung und ihre Führer eine Abgrenzung von Fremden und ein neues Wir-Gefühl. V.a. der Tempel sollte wieder zum Ort jüdischer Identität werden. Die Gruppe um den Autor aber plädiert für Öffnung und den Mut, mit anderen in den Austausch zu treten. Sie haben die Vision von der Wallfahrt aller Völker nach Jerusalem zum Gott aller Menschen. Die Mehrheit sieht darin einen Angriff auf die Nation, die Religion und den Glauben, und geht wohl sehr rigide mit dieser Gruppe um. Aber sie bleiben treu. Sie sind sich sicher, dass Gott auf ihrer Seite steht und für sie eintritt. Sie trotzen allen Schikanen und Widerständen und bleiben standhaft in ihrer Verkündigung des Wortes Gottes. Es wird sich zeigen, dass immer dann, wenn Israel sich abschottet, die größten Gefahren entstehen, von anderen Völkern besiegt zu werden. Das ist nicht Besserwisserei im Nachhinein, vielmehr steht der Prophet Jesaja für eine Grundaufgabe biblischer Verkündigung. Er verstärkt nicht die Hoffnungslosigkeit, sondern verweist auf Gott, auf den man sich immer verlassen kann. Er ist ein Prophet gegen die Resignation, der Vertrauen wecken will auf eine gute Zukunft und auf eine Verständigung zwischen den Menschen verschiedenster Kulturen und Religionen. Der Philosoph Max Horkheimer hat 1968 in einem Interview mit dem Spiegel gesagt: „Theologie ist ... die Hoffnung, dass es bei diesem Unrecht, durch das die Welt gekennzeichnet ist, nicht bleibe, dass das Unrecht nicht das letzte Wort sein möge, ... sondern Ausdruck einer Sehnsucht, einer Sehnsucht danach, dass der Mörder nicht über das unschuldige Opfer triumphieren möge.“ (Zit.: https://www.bibelwerk.de/fileadmin/sonntagslesung/b_jahreskreis.24_l1_jes.50.pdf)

Sicher haben Christen zu oft auf Gewalt und Waffen gesetzt. Aber bei allen Fehlern, die Christen gemacht haben im Umgang mit anderen Menschen, bin ich froh, dass gerade die Päpste der vergangenen Jahrzehnte diese Hoffnung konsequent verkündet haben und für sie eingestanden sind. Christen sind nicht Scharfmacher, die die Grenzen erhöhen, sondern Brückenbauer in Zeiten, wo andere Waffen sprechen lassen wollen. In seiner Rede vor der UNO am 4. Oktober 1965 hat Papst Paul VI. es in die einfachen Worte gebracht, die auch heute noch, zwanzig Jahre nach den furchtbaren Anschlägen und den vielen Opfer, die der Kampf gegen den Terror, kosteten, Gültigkeit haben: „Nie wieder Krieg, niemals mehr Krieg! Es ist der Friede, der Friede, der die Geschicke der Völker und der ganzen Menschheit leiten muss!“ Sven Johannsen, Lohr

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