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Predigt 27. Sonntag im Jahreskreis

– 4.10.2020 – Erntedankfest

27_Franziskus_Erntedank.pdf

Liebe Schwestern und Brüder

„Hervorragende Qualität bei kleiner Menge“, so schätzen die Winzer in Franken den diesjährigen Jahrgang in ihren Weinbergen ein. Seit dem 10. September ist die Weinlese in unseren Lagen eröffnet. Und es bestätigt sich, was der Präsident des fränkischen Weinbauverbands, Arthur Steinman, erwartet hat:

 „Durch die kalten Nächte und die warmen Tage haben wir nicht nur sehr gesundes und qualitativ hochwertiges Lesegut, sondern können auch frische feinfruchtige Weine mit ausgeprägten Aromen- und Säurenspiel für den Jahrgang 2020 erwarten“

Zugleich aber muss er einschränken:

 „Der Klimawandel zeigt sich immer stärker. Die warmen Temperaturen lassen die Rebstöcke früher austreiben – eine einzige kalte Nacht mit Spätfrost genügt, um für immense Ausfälle zu sorgen, erklärt der Präsident des Fränkischen Weinbauverbands.“

Gerade über die Eisheiligen kamen noch einmal frostige Nächte. Verbunden mit dem dritten trockenen Sommer in Folge schmälert das den Ertrag immens.

Die Winzer sind 2020 nicht unzufrieden, aber natürlich auch nicht überschwänglich glücklich. Dann können wir das heute an Erntedank auch sein. Denn die Traubenlese ist ja für uns der Zeitpunkt, an dem wir in unserer Heimat traditionell Dank sagen für die Ernte, auch wenn Lohr heute kaum mehr mit dem Weinbau zu tun hat.

Es gibt wenig billigen Tafelwein, aber ausreichend wertvollen Qualitäts- und Prädikatswein. Alles gut?

Nein. Die Winzer warnen, dass es so nicht weitergehen kann. Denn mit den zunehmenden Folgen des Klimawandels wird sich unsere mehr als 1000-jährige Kulturlandschaft verändern. Es wird nicht mehr in allen Gegenden möglich sein, Wein anzubauen. Möglicherweise wird die Rhön künftig zum neuen Zentrum. Denn der Wein mag es zwar sonnig, aber nicht zu heiß und trocken. Bestimmte Rebsorten werden verschwinden: Der Bacchus, so eine Winzerin, wird in Franken kaum mehr Heimat haben. Schon in diesem Jahr hat uns der Silvaner, der klassische Franke, gerettet. Die Winzer sind bemüht, auf die Veränderungen zu reagieren, denn sie sind überzeugt, dass nicht nur Spitzenweine mit hoher Qualität das Ziel sein können, sondern auch die einfachen Trinkweine ihren Platz haben müssen.

U.a. haben wir bei unserer Fahrt mit den Senioren an die Mainschleife zwischen Sommerach und Nordheim eine Methode kennengelernt, die die unterfränkischen Winzer von Landwirtschaftsexperten aus den Wüsten Israels übernommen haben: Durch die Weinberge schlängeln sich kleine Schläuche mit vielen Öffnungen, die konstant kleine Mengen Wasser an den Boden abgegeben, die dann in den Untergrund eindringen und so für eine beständige Bewässerung sorgen. Man will zwar keinen Billigwein, aber doch wieder einen höheren Ertrag der Weinberge.

Was unsere Winzer beschäftigt, das übertragen die Lesungen des heutigen Sonntags auf unsere heutige Erfahrung im Glauben.

Der Prophet Jesaia erinnert uns in seinem Weinberglied daran, dass das Bild vom Weinberg für das Volk Israel steht und das Matthäusevangelium erweitert es auf die Kirche. Deutet man es auf der Grundlage der heutigen Situation im Weinbau, dann lässt sich schnell eine Parallele erkennen: Die „Menge“ wird weniger, aber die „Qualität“ steigt. Die Zahl der praktizierenden Christen nimmt stetig ab, aber zugleich merken wir, dass viele Getauften, auch gerade junge Menschen, ihren Glauben viel konsequenter und entschiedener leben als noch vor einigen Jahren. Die Selbstverständlichkeit des Kirchgangs, des Betens, des Mitmachen sind kirchlichen Vereinen nimmt beständig ab, Priesterzahlen, aber auch die junger Frauen und Männer in pastoralen Berufen, Ordensberufungen schwinden bedrohlich, aber wir erleben auch, dass neue geistliche Gemeinschaften und Initiativen aufbrechen, denken wir z.B. an „Night-Fever“ und ähnliche Gruppen. Sicher können wir damit nicht zufrieden sein, aber unglücklich doch auch nicht.
Es wird viel gejammert in unserer Kirche, aber hoffnungslos ist die Situation nicht. Sie entwickelt sich nur anders als mancher „Kirchenbeamter der 68ger Generation“ es gerne hätte: Statt den „modernen“ Christen, die auf der „Höhe der Zeit“ leben, nehmen die zu, die eher „konservativ“ eingeschätzt werden, die aber m.E. auch nahe am Puls der Zeit sein können.

Das wahrzunehmen und anzuerkennen, gehört auch zu einem sinnvollen Deuten der „Zeichen der Zeit“. Aber können wir uns damit abfinden?

Der Weg der Winzer, mit konstanten Tropfen in den Boden den Ertrag wieder zu steigern, ist für mich da ein sprechendes Bild. Wir dürfen uns nicht täuschen: Sicher steht der Untergang der Kirche nicht kurz bevor.

Aber sich auf die kleine, perfekte Herde zu freuen, die einmal entstehen wird, ist eine mindestens so fatale Versuchung, denn das würde die Kirche in Gegensatz zu ihrem Auftrag bringen, Menschen für Christus zu gewinnen, wenn sie die Messlatte an Perfektion so hoch setzt, dass es unerreichbar erscheint für „normale“ Christen.

Ganz sicher müssen wir „Frucht bringen“, das erwartet, so die Bilder der Lesung und des Evangeliums, Gott von uns, aber wir haben auch den Auftrag, Sauerteig zu sein und Menschen mit Christus in Verbindung zu bringen und dafür braucht es manchmal neue Methoden, die den Boden der Gesellschaft fruchtbar machen.

Es gibt Themen, mit denen wir Christen noch immer in unserer Zeit punkten können, die sogar unsere ureigensten Felder sind wie der Umgang mit der Schöpfung. Wir spüren einen Aufbruch in unserer Gesellschaft im Blick auf einen achtsamen Umgang mit der Natur, mit Klima, mit Wasser, Rohstoffen und einen Wunsch nach einem bewussteren Lebensstil. Gerade das Erntedankfest, das ja vielen fremd erscheint, weil wir kaum mehr Menschen haben, die noch mit der Landwirtschaft ihren Lebensunterhalt verdienen, schlägt da eine Brücke.

Erntedank feiern wir heute im Bewusstsein, dass wir die Schöpfung nicht unter Kontrolle haben wie wir es gerade mit Blick auf die großen Herausforderungen durch Klimawandel, knapper werdenden Rohstoffe, Zerstörung der Regenwälder immer mehr erkennen. Wir können Wachstum und den Erhalt der Natur nicht garantieren. Sie werden uns geschenkt. Aber auch dieser Segen ist keineswegs selbstverständlich. Deshalb denken wir heute auch an die Menschen, die Mangel leiden müssen und fragen uns nach unserer Verantwortung. Wir sehen immer mehr, dass Habsucht und Herrschsucht des Menschen, Geld und Fortschritt zu einer Gefahr für Gesellschaft und Schöpfung werden. Erntedank mahnt uns: Der Mensch soll sich nicht in babylonischer Selbstüberschätzung zum Juniorpartner des Schöpfers aufschwingen, sondern dem Schöpfer gegenüber, der Weltfamilien und den kommenden Generationen gegenüber verantwortlich wissen.

Das ist durchaus ein Denken, dass in unserer Zeit auf große Resonanz stoßen kann, wenn Christen die Sorge um die Schöpfung nicht zu einem Nebenanliegen zurückdrängen, sondern ihr selbstverständlich in ihrem Glaubensleben einräumen.

Dafür steht das Beispiel des Heiligen Franziskus, dessen die Kirche heute am 4. Oktober gedenkt. Er war ein tief frommer Mensch, ein Gottsucher und Christusjünger. Er wollte arm dem armen Christus folgen. Darum hat er mit seinem bisherigen Leben gebrochen, alles hinter sich gelassen und wurde radikal im besten Sinne, ging als an die Wurzel des Mensch- und Christseins, in dem er sich fragte, ob alles Besitzen und alle Sorge um den Erhalt seines Wohlstandes und seiner Stellung nicht zum Hindernis auf dem Weg der Nachfolge Jesu wird.

Er lebt für Christus im Bewusstsein, dass er Teil der Schöpfung ist, und sein Leben nur gelingen kann, wenn er den Weg zu Gott als Mitgeschöpf geht und nicht als Herrscher über alles, was lebt.

Papst Franziskus hat nicht nur mit seiner Namenswahl an diesen Weg des Poverello vor 800 Jahren erinnert, sondern ihn in seiner vor fünf Jahren erschienenen Enzyklika „Laudato si“ zum Vorbild eines neuen Lebensstiles erhoben. So schreibt er:

Ich glaube, dass Franziskus das Beispiel schlechthin für die Achtsamkeit gegenüber dem Schwachen und für eine froh und authentisch gelebte ganzheitliche Ökologie ist. Er ist der heilige Patron all derer, die im Bereich der Ökologie forschen und arbeiten, und wird auch von vielen Nichtchristen geliebt. Er zeigte eine besondere Aufmerksamkeit gegenüber der Schöpfung Gottes und gegenüber den Ärmsten und den Einsamsten. Er liebte die Fröhlichkeit und war wegen seines Frohsinns, seiner großzügigen Hingabe und seines weiten Herzens beliebt. Er war ein Mystiker und ein Pilger, der in Einfachheit und in einer wunderbaren Harmonie mit Gott, mit den anderen, mit der Natur und mit sich selbst lebte. An ihm wird man gewahr, bis zu welchem Punkt die Sorge um die Natur, die Gerechtigkeit gegenüber den Armen, das Engagement für die Gesellschaft und der innere Friede untrennbar miteinander verbunden sind.

Franziskus lehrt uns, die Schöpfung nicht nur als einen Gebrauchsgegenstand anzusehen, sondern sich verbunden zu wissen, mit allem, was geschaffen ist. Alles gehört zusammen und ist aufeinander bezogen, sagt Papst Franziskus. Der Heilige Franziskus hat das in seinem Sonnengesang, dem bekannten „Laudato si“, ausgedrückt, indem er alles, was geschaffen ist, Sonne, Wasser, Wind, Feuer, ja sogar den Tod als Geschwister verstand.

Wenn Christen dieses Bewusstsein erkennen lassen, dann werden sie auch Gehör finden bei den Menschen und möglicherweise, den einen oder anderen dazu bringen, sich wieder mit dem Glauben und Gott zu beschäftigen.

So bietet sich das Erntedankfest an, nicht nur eine schöne Tradition zu sein, sondern eine Brücke zu bilden, den Weinberg des Herrn neue Fruchtbarkeit zu schenken. Amen.

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