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Liebe Schwestern und Brüder

 29_Auch_Leithammel_sind_nur_Schafe.pdf

Ein Machtwechsel steht an!

Es ist zu erwarten, dass am Ende der Koalitionsverhandlungen zwischen SPD, Grüne und FDP das meiste Interesse der Öffentlichkeit nicht den politischen Inhalten geschenkt wird, sondern den Personen, die jetzt mächtige Positionen übernehmen werden. Jetzt werden Frauen und Männer Macht gewinnen, die bisher nur als Opposition ohnmächtig zuschauen und ggf. kritisieren konnten, was die Regierenden beschlossen haben. Mancher wird glücklich sein, seine / ihre Ministeramt behalten zu können und so auch die damit verbundene Macht. Viele aber, die es gewohnt waren, Macht zu haben, verlieren sie jetzt. Nach 16 Jahren geht eine der mächtigsten Frauen der Welt in den Ruhestand und gibt damit einen großen Einfluss auf das Leben der Menschen in Deutschland und die Geschicke der ganzen Welt ab. Einige Minister werden jetzt nach der verlorenen Wahl zu Hinterbänklern, andere, wie Annegret Kramp-Karrenbauer und Peter Altmaier, treten ganz von der politischen Bühne ab. Ich denke, dass wir alle uns vorstellen können, was da in einigen Politikerherzen jetzt vorgeht: Machtverlust ist für viele identisch mit Bedeutungsverlust. Viele Ehrbezeichnungen und Hofierungen, die Lobbyisten einem Minister zuteil werden ließen, fallen plötzlich weg. Man / Frau ist jetzt einer von 735 Abgeordneten oder sogar nur Privatperson. Ganz sicher wird keiner jetzt finanziell in Schwierigkeiten kommen oder nicht wissen, wie er oder sie sich beschäftigen soll. Beraterverträge, Buchangebote oder Aufsichtsratsposten wird es in reichlichem Maße geben. Dennoch ist es ein Einschnitt. Die Medien werden deutlich weniger Interesse an ihnen zeigen und ihre Äußerungen werden nur noch unter vielen anderen wahrgenommen, v.a. fehlt die Möglichkeit, weitreichende Entscheidungen zu treffen. Macht gehört zu menschlichen Beziehungen, zu Gruppen und Völkern. Ohne sie geht es nicht. Keine Regierung kann etwas bewirken, wenn sie nicht auch die Macht hat, ihre Ziele durchzusetzen. Macht ist nicht identisch mit Herrschaft oder Hierarchie, also das Gefälle von oben nach unten. Macht ist vielmehr ein möglichst großer Spielraum, auf andere Menschen, auf Gruppen, Völker oder Entwicklungen Einfluss zu nehmen ohne von anderen dabei behindert oder ausgebremst zu werden. In Büros gibt es zwar Chefs, aber oft sind die Sekretärinnen viel mächtiger, weil sie mehr Informationen haben, die Termine ihrer „Vorgesetzten“ planen und entscheiden, wer Zugang hat oder wem er verwehrt wird. In Familien sind nicht immer die Eltern die „Mächtigen“, oft sind sie auch den Launen ihrer Kinder ohnmächtig ausgeliefert. Macht hat nicht automatisch mit Stellung oder Beruf zu tun, sondern mit der Befähigung, andere zu lenken und zu führen.
Es entstehen Abhängigkeiten, die Menschen das Gefühl geben, auf einen anderen angewiesen zu sein oder - im umgekehrten Fall - für jemanden Entscheidungen treffen zu können. Daran können „Mächtige“ Gefallen finden und sich sogar berauschen. Dann kann Macht im schlimmsten Fall zur Unterdrückung werden, wie sie von Jesus im Evangelium kritisiert wird. Selbst wenn man heute sich bemüht, Hierarchien flach zu halten, bleibt es doch unumstößlich, dass kein menschliches Zusammenleben ohne Macht auskommt, in Familien, in Unternehmen, in der Politik und in der Kirche.

Es wäre absurd eine „machtfreie“ Kirche zu fordern. Das gäbe schnell keine Nachfolge mehr, sondern ein chaotisches Durcheinander. Dennoch gibt es in der Kirche ein Spezifikum der Macht, das der Magdeburger Bischof Gerhard Feige in einem Artikel für die ZEIT so ausgedrückt hat: „Leithammel sind auch nur Schafe.“ Wirklich unbegrenzte Macht, Allmacht, schreiben wir nur Gott zu. Bischöfe, die oft so entzogen wirken und immer traurig schauen, weil sie so schwer an der Last ihrer Verantwortung tragen, haben nur begrenzte Macht, selbst der Papst. Das gilt theologisch, kirchenrechtlich, aber auch einfach faktisch durch die Umstände. Wir erleben heute, dass es keine große Freude mehr ist, Bischof zu sein. Kein Bischof kann einfach befehlen, was er für richtig hält. Die Oberhirten der katholischen Kirche in unserem Land sitzen in unserer Zeit vielmehr zwischen allen Stühlen. Bedauern werde ich keinen der Herren, aber beneiden werde ich sie auch nicht. Der Heilige Papst Johannes Paul II schreibt dem Bischof viele Aufgaben zu: Er soll Diener des Evangeliums, Prophet, Hirte, Zeuge der Hoffnung, Trostspender, Vater, Bruder und Freund sein (pastores gregis von 2003). Kein Mensch wird dieser Fülle an Anforderungen je gerecht werden. Von daher verbietet sich jegliche bischöfliche Überheblichkeit. Jeder, der in der Kirche ein Amt ausübt, ist nicht zuerst mächtig, sondern unvollkommen und abhängig von der Hilfe Gottes. Dieser Gott aber ist den Menschen zugewandt. Er ist in Jesus Christus zum Diener aller geworden. Das gehört zu seinem Wesen. Er setzt die Schöpfung in Gang für den Menschen und er sorgt für alles, was lebt. Im Psalm 23 sagen wir sogar: „Er deckt mir den Tisch“. Wer den Tisch deckt, ist nicht unbedingt einer, der glaubt, dass man ihm immer zu Diensten sein muss.

Genau daran erinnert Jesus seine Jünger dreimal auf dem Weg nach Jerusalem: Er wird den Menschen so dienen, dass er sogar bereit ist, den Weg zum Kreuz zu gehen. Wie aber reagieren die Jünger? Nach jeder Leidensankündigung zeigen sie ein geradezu ärgerliches Unverständnis. Auf einer Seite kann man Jakobus und Johannes verstehen. Sie sind nicht unbedeutend. Alle Evangelien überliefern, dass sie mit Simon und Andreas zu den Erstberufenen gehören. Sie sind bei wichtigen Ereignissen dabei, für die Jesus immer nur eine kleine Gruppe auswählt. Sie werden auch den Kelch trinken, den Jesus trinkt. Jakobus zumindest wird das Martyrium annehmen. Aber haben sie sich so den besten Platz neben Jesus verdient? Können sie mit ihrer Treue und Leistung Einfluss auf Jesus ausüben, letztlich Macht gewinnen, dass sie diese Forderung stellen können? Jesus hat den Jüngern zugestanden, dass jeder, der sich ehrlich in seiner Nachfolge bemüht, die Gebote hält und sich einsetzt für die Schwachen, von Gott auch belohnt wird, aber er verspricht keine Spitzenplätze. Es muss genügen, wenn ich weiß, dass ich dem Vertrauen, das Gott in mich hat, gerecht werde.

Jede Macht in der Kirche geht mit Verantwortung gegenüber dem Allmächtigen einher. Wer ein Amt hat, muss sich selbst prüfen, ob er dem Beispiel Jesu gerecht wird, und er muss sich prüfen lassen vom Volk Gottes, das er leitet und zu dem er immer noch gehört.

Wenn zur Zeit über Gewaltenteilung in unserer Kirche debattiert wird, dann sollte man vorsichtig sein mit schneller Abwehr. Es geht nicht in jedem Fall darum, die katholische Kirche auf den Kopf zu stellen. Die Lehre, dass die Bischöfe Nachfolger der Apostel sind, heißt aber auch nicht, dass sie ihre Diözesen als One-Man-Show führen müssen. Vielleicht ist manchem Bischof ja auch geholfen, wenn er Männer und Frauen zur Seite hat, die ihn auf Augenhöhe beraten und korrigieren können und mit ihm die getroffenen Entscheidungen verantworten. Sicher wird die katholische Kirche keine Basisdemokratie. Das widerspricht dem Neuen Testament. Aber sie ist auch nicht Sache von wenigen Mächtigen, denen wir zumindest besten Willen unterstellen dürfen. In diesem Sinne hat der Papst den Prozess angestoßen, über mehr Synodalität in der Kirche nachzudenken. Im Hören auf das Evangelium dürfen wir das ohne Angst tun. Ein Wort des Heiligen Bischofs Augustinus, der an der Wende vom vierten zum fünften Jahrhundert lebte, mag uns ermutigen, auch den Mächtigen in unserer Kirche durch eine eigene Meinung zu helfen. Augustinus fasst seine Aufgabe als Bischof einmal zusammen mit den Worten: "Wo mich erschreckt, was ich für euch bin, tröstet mich, was ich mit euch bin. Für euch bin ich Bischof, mit euch bin ich Christ. Jenes bezeichnet das Amt, dieses die Gnade, jenes die Gefahr, dieses das Heil." Oder eben kurz gefasst: „Leithammel sind auch nur Schafe.“ Amen

 

Sven Johannsen, Pfarrer

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