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Predigt 28. Sonntag im Jahreskreis „Was Gott gehört“ (Sven Johannsen, Lohr)

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„Frag nicht, was dein Land für dich tun kann, frag, was du für dein Land tun kannst“ – Diese Worte des jungen Präsidenten John F. Kennedy aus seiner Antrittsrede sind in die Geschichte eingegangen. Heute wissen wir, dass er sie von einem seiner Lehrer „ausgeliehen“ hat und einfach „Deine Schule“ durch „Dein Staat“ ersetzte. Aber in jedem Fall gehören die Sätze heute zu den großen Worten der Geschichte. Der junge Präsident stand vor gewaltigen Herausforderungen: Die gesellschaftlichen Umbrüche in den USA zu Beginn der 60ger Jahren, die drohende Eskalation der Spannungen zum Ostblock, die dann mit der Invasion in der Schweinebucht fast in den dritten Weltkrieg mündeten.

In diesem Moment steht eine charismatischer Führergestalt auf und fordert die Menschen auf, nicht in eine Versorgungsmentalität gegenüber dem Staat zu verfallen, sondern sich für das Gemeinwohl und den Staat in Dienst nehmen zu lassen. Die Frage „Was kannst du für den Staat tun“ wird zum höchsten Ziel bürgerlicher Mentalität. Das ist sicher der Wunschtraum mancher Politiker, aber die Wirklichkeit sieht anders aus.

Wir erleben eine Mentalität des Forderns und des Anspruchs an den Staat. Zum Teil ist das durchaus berechtigt: Ein Staat, der Steuern kassiert, muss sie auch für das Gemeinwohl, v.a. für die Unterstützung der Schwächsten einsetzen. Renten und weitere soziale Hilfen sind keine Almosen des Staates. Ein Mensch in Not hat Anspruch auf sie. Das kann der Staat nicht nur für ihn tun, das muss er tun. Aber gibt es auch etwas, was wir für unseren Staat tun sollten? Überhöht der Satz des US-Präsidenten nicht den Staat und gibt ihm eine falschereligiöse Autorität, die mich zu Gehorsam, Opfern oder gar unrechtem Handeln verpflichtet, denken wir nur an die dunkle Zeit zwischen 1933 und 1945.

Und weitergedacht: Ermutigt uns das Evangelium nicht sogar zu so einer Haltung? Im Hintergrund klingt ein Wort des Paulus im Römerbrief mit, in dem so ein Denken sogar noch auf die Spitze getrieben wird: Jeder Mensch soll sich den staatlichen Behörden unterordnen. Denn es gibt keine staatliche Behörde, die nicht von Gott gegeben ist.

Dass Jesus hier keine staatsrechtlichen Betrachtungen anstellt, erschließt sich aus der Situation. Die Frage nach der Rechtfertigung von Steuern ist nicht „sein“ Thema. Es wird als hinterhältige Fangfrage an ihn herangetragen. Eine eigenartige Koalition erscheint da vor ihm: Pharisäer, die am liebsten eine alleinige Herrschaft Gottes über sein Volk sehen würden, und die Anhänger des Herodes Antipas, des von Rom eingesetzte Marionetten-Herrscher über die Heimat Jesu, also Kollaborateure mit der römischen Besatzungsmacht. Ihre Frage ist tatsächlich clever: Jesus kann nur Ja oder Nein antworten und schafft sich in jedem Fall mit Feinde. Weist er den Anspruch des Kaisers auf Steuern zurück, stellt er sich gegen Rom und wird zum Staatsfeind. Bestätigt er die Rechtmäßigkeit der Steuern, macht er sich beim einfachen Volk unbeliebt, das unter der Willkür der Steuereintreiber litt. Es geht also nicht um eine theologische Frage, es geht um eine Falle. Letztlich ist es eine ärgerliche Unterbrechung für Jesus in seiner Verkündigung der Herrschaft Gottes, die schon in der Welt angebrochen ist. So „bügelt“ er gleichsam mit seiner genialen Entgegnung die lästigen Frager ab: „Gebt dem Kaiser zurück, was ihr vom Kaiser habt, und gebt Gott zurück, was ihr von Gott habt“ Natürlich ist die Münze zum Bezahlen Eigentum des Kaisers Tiberius. Sein Bild findet sich auf der einen Seite, umkränzt von Lorbeer als Zeichen, dass er sich um das Wohl der Menschen im Römischen Reich verdient gemacht hat. Ähnlich verleiht heute der eine Politiker dem anderen Politiker Orden und Ehrungen. Aber der zweite Satz lässt erkennen, dass es Jesus um mehr geht als nur ein möglichst schnelles Ende einer Diskussion, die eh zu nichts führt und ihn nur aufhält. Die Münze des Kaisers war mit einem Anspruch verbunden. Sie durfte nicht benutzt werden, um z.B. die Benutzung der öffentlichen Toiletten oder den Besuch in einem anrüchigen Etablissement zu bezahlen. Darauf stand die Todesstrafe. Die Münze mit seinem Konterfei verkörperte auch die Macht und die Göttlichkeit des Kaisers und sie in so einer Weise zu nutzen, bedeutete, den Eigentümer in den Schmutz zu ziehen. Die Münze kommt vom Kaiser und damit ist es einsichtig, dass sie auch dem Kaiser zurückzugeben ist. Geld ist für Jesus belanglos. Aber er weist mit seiner Antwort auch überzogene Ansprüche der Herrscher und der Politik zurück. Was Gott gegeben hat, darüber hat keine menschliche Regierung Verfügungsgewalt.

Aber was hat Gott gegeben? Das ist ja dann die entscheidende Frage.

Er hat der Schöpfung das Leben geschenkt. Er hat den Menschen nach seinem Abbild unverwechselbar und einmalig geschaffen und ihm so eine Würde gegeben, die allein von ihm kommt. Damit wird aller Irdischen Regierung Schranken gesetzt:

Kein Mensch ist Herr über Leben und Tod des anderen Menschen. Das Leben ist immer zu achten, weil es allein Gott gehört. Das hat Auswirkungen auf die Politik im Bereich des Schutzes von jedem Leben am Anfang und am Ende. Papst Franziskus hat daraus auch geschlossen, dass Krieg, der auch unschuldigen Menschen das Leben kostet, in unserer Zeit niemals gerechtfertigt sein kann. Er erkennt auch dem Menschen, der ein furchtbares Verbrechen begangen hat, die Unantastbarkeit seines Lebens zu und unterstreicht, dass die Todesstrafe niemals angemessen sein kann.

Aber es weitet sich auch auf den Umgang mit der ganzen Schöpfung aus, in der die „vestigia Dei“, die Fußspuren Gottes, dem vernunftbegabten Menschen erkennbar sind. Sich aus wirtschaftlichen Gründen Initiativen zur Bewahrung der Schöpfung entgegenzustellen oder gar Raubbau an der Schöpfung zu betreiben, wie es z.B. bei der Zerstörung der Regenwälder geschieht, aber auch bei uns vor Ort im Blick auf manche Auswüchse in der Fleischherstellung erkennbar ist, ist ein Bruch mit Gott, also letztlich Sünde.

Schließlich bindet diese Sicht Jesu auch alle Regierenden an eine letzte Verantwortung gegenüber Gott als dem Hirten seines Volkes zurück. Steuern zu nehmen, die das Gemeinwohl fördern, die Menschen am Rande unterstützen oder Familien helfen, ihren Kindern eine angemessene Schulausbildung zu ermöglichen, sind durchaus im Sinne Gottes. Aber sich zu bereichern oder Projekte zu finanzieren, die ethisch nicht vertretbar sind, stellt sich in Widerspruch zum wahren Herrn der Welt.

Für uns persönlich heißt es aber auch, immer wieder zu fragen, wie mein Leben ausdrückt, dass ich Gott zurückgeben will, was ich von ihm bekommen haben. Es geht also um eine Haltungsfrage der Dankbarkeit und der Solidarität. Diese Haltung findet ihren Ausdruck im Gebet, der Suche, sich mit Christus immer neu zu verbinden wie mit einem Freund. Denken wir an das Beispiel der heiligen Teresa von Avila in dieser Woche, die uns das vorgelebt hat.

Muss ich also fragen „Was kann ich für mein Land tun“? Ja, wenn es nicht um Nationalismus und Egoismus einer kleinen Gruppe geht. Wenn es aber darum geht, dass ich mich verpflichtet fühle gegenüber den Menschen, die mit mir leben, dann ist das durchaus eine Verpflichtung, die ernst zu nehmen ist.

Vor wenigen Tagen waren wir in Dresden an einem Montagabend. Ich mag die Stadt. In den letzten dreißig Jahren ist sie wirklich wieder als das Elbflorenz aufgeblüht, das August der Starke und sein Sohn visionär geplant haben: Zwinger, Hofkirche, Frauenkirche, Semperoper, Johanneum, Altmarkt, Brühlsche Terrassen gehören zu den berühmtesten und schönsten Sehenswürdigkeiten, die unser Land zu bieten hat. Eine pulsierende Stadt mit einem eleganten Ambiente. Und dann am Montagabend ziehen einige hundert, eher ältere Menschen durch die Straßen im Rahmen einer Pegida-Demonstration und skandieren unterbrochen „Widerstand! Widerstand!“ Wogegen wird nicht weiterbenannt. Aber es ist klar: Es geht um Widerstand gegen die Regierung, gegen Gesetze, gegen angebliche Beschneidung der Freiheit durch die Corona-Bestimmungen, gegen die Bundeskanzlerin, gegen den Staat überhaupt.

Das sind nicht undankbare Ostdeutsche. Sie stehen eher für eine breite Haltung, die nicht nur Querdenker und Spinner sammelt, sondern viele Menschen in unserem Land, die vom Staat viel verlangen, aber nicht bereit sind, etwas einzubringen. Immer mehr Menschen sehen jede Verpflichtung als Unrecht und Angriff des Staates auf ihre Freiheit

Kein Staat, keine Partei, kein Machthaber hat für uns Menschen in jüdisch-christlicher Tradition jemals eine quasi „göttliche“ Stellung. Der Staat ist keine Religion, die mich aus einer höheren Idee heraus verpflichtet. Er erhebt da berechtigte Forderungen, wo sie dem Menschen als Abbild Gottes und seiner Würde dienen, auch wenn es Einschränkungen meiner persönlichen Freiheit darstellen, wie wir es im Augenblick erleben. Wir haben das Recht, Entscheidungen zu hinterfragen, das tun Gastwirte, wenn sie im Blick auf das wirklich eher als unüberlegt zu betrachtende Beherbergungsverbot vor Gericht ziehen oder fragen, wie klug es ist, den öffentlichen Gaststätten den Alkoholausschank nach 22.00 Uhr zu verbieten und die Leute damit in private Feiern hineinzutreiben. Nicht jede Vorgabe der Politik ist kritiklos hinzunehmen. Aber zugleich kann der Staat, als die rechtliche Verkörperung der Gemeinschaft aller Menschen, die in unserem Land leben, von mir erwarten, dass ich nicht egoistisch meinen eigenen Willen durchführen, sondern Rücksicht nehme auf die Interessen anderer und niemanden unnötig in Gefahr bringe.

Der Glaube an Gott macht uns nicht zum Sklaven einer durch ihn aller kritischen Betrachtungen enthobenen staatlichen Ordnung, aber er verpflichtet uns zum Dienst am Gemeinwohl und zur Rücksichtnahme, auf denen jede menschliche Gemeinschaft aufbaut.

Dann geben wir dem Staat zurück, was dem Staat gehört, und geben Gott zurück, was Gott gehört. Amen.

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