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"Sind unsere Netze voll oder fischen wir im Trüben?"

 

Liebe Schwestern und Brüder

Werfen Sie mit mir einen kleinen Blick zwei Jahre zurück: Der 1. Mai 2020.

 

Vor drei Tagen hat die Bayerische Staatsregierung entschieden, dass am kommenden Montag, 4. Mai, wieder öffentliche Gottesdienste gefeiert werden dürfen. Dieser Sonntag wird also zum letzten Mal ohne Gemeinde in der Kirche nur via Internet stattfinden. Die Auflagen sind enorm: Abstände müssen ausgewiesen, Bänke gesperrt und Wege markiert werden. Ein kleiner Schlag in den Magen war die Entscheidung des Bischofs von Würzburg, dass zunächst nur Wortgottesdienste möglich sind. Dennoch sind die Ehrenamtlichen in den Gremien und unsere Küster hoch motiviert, desinfizieren regelmäßig die Bänke und übernehmen Ordnerdienste. Aber wie ein Damoklesschwert hängt die bange Frage in der Luft: „Werden am nächsten Sonntag überhaupt Menschen zum Gottesdienst kommen oder haben noch viele Gemeindemitglieder so große Angst, dass sie lieber zuhause bleiben? Gelesen wird am Sonntag vor dem Öffnungstag das heutige Evangelium von der Begegnung mit dem Auferstandenen am See Tiberias, vom gemeinsamen Essen und v.a. vom großen Fischfang. Wir werden Eucharistie feiern, Christus wird in unserer Mitte sein, aber wird es auch zahlenmäßig ein Erfolg oder sind vielleicht sogar so viele Menschen jetzt endgültig weggebrochen, dass sie sich für immer verabschiedet haben? Natürlich kommt es nicht auf die Zahlen an, aber ein wenig Sorge, dass möglicherweise die Gemeinde sich zerstreut hat, schwingt schon in allen Köpfen mit. Der folgenden Sonntag, der Sonntag des guten Hirten, wird zu einem eindrucksvollen Erlebnis: in den vielen Gottesdiensten, die wir anbieten, kommen zahlreiche Gläubige zusammen. In den Wochen danach lichten sich die Nebel der Euphorie und wir schauen genauer hin: Mancher bleibt bis heute lieber zuhause und nimmt am Sonntagsgottesdienst im Fernsehen oder über Streaming teil, andere beschränken sich auf das eifrige Lesen der Predigten des Pfarrers, v.a. hochbetagte Gemeindemitglieder bleiben lieber im sicheren Wohnzimmer, haben sich aber nicht von der Gemeinde getrennt. Es fällt aber auch auf, dass neue Gesichter da sind, mancher Katholik, der vorher sporadisch da war, wird von nun an zur festen Stütze des Gemeinde gehören und junge Menschen finden sich bereit, sich in die Gremienarbeit einzubringen. Nein, volle Netze wären eine Übertreibung, aber auch kein Fischen im Trüben, prägen die Zeit seit dem bösen Einschnitt der Aussetzung der Gottesdienste. Natürlich dürfen wir nie selbstzufrieden sein, aber spätestens die Rückmeldungen auf den Fernsehgottesdienst haben uns bestätigt, dass es doch ganz gut läuft im Umgang mit der ständigen Herausforderung, eine lebendige Gemeinde zu gestalten. Wir legen uns bestimmt nicht selbstzufrieden zurück und legen die Hände in den Schoss, aber wir müssen nicht in Panik geraten, dass bald alles zusammenbricht.
Keine vergebliche Mühe, aber auch keine 153 Fische, also Netze, die zerreißen. Oder doch? Die Kirchenväter haben der Zahl 153 in ihren Überlegungen bei der Auslegung des Evangeliums immer besondere Aufmerksamkeit geschenkt und versucht die Zahl zu deuten. (Vgl. für das Folgende: Jürgen Werlitz; Das Geheimnis der Heiligen Zahlen; Wiesbaden 2003; S. 73f.) Der Heilige Hieronymus verweist darauf, dass die griechischen Zoologen 153 Fischarten kennen, also, so der Kirchenvater, die Vollständigkeit der Menschheit und die universale Adressaten des Evangeliums erkennen lassen. Aber im Evangelium ist von 153 Fischen, nicht Fischarten die Rede. So überzeugt die Deutung nicht wirklich.

Augustinus bietet eine andere Lösung an: 153 ist eine Dreieckszahl. Sie ist die Summe aller Zahlen von Eins bis 17. Siebzehn wiederum ist die Summe von sieben und zehn. also den sieben Gaben des Heiligen Geistes und den zehn Geboten, gleichsam die beiden Pole österlichen Lebens: Göttliche Inspiration und göttliche Weisung für den Alltag. Die Quersumme von 17 ist acht, der Hinweis auf den achten Tag, in dem Augustinus den letzten Tag, die Vollendung, das ewige Ostern erkennt. Er schreibt von diesem Tag in seinem Gottesstaat“, dass es der Sabbat ohne Abend ist, „Dann“ – so lässt der Kirchenvater sein Werk über den Gottesstaat ausklingen –, „dann werden wir feiern und schauen, schauen und lieben, lieben und preisen. Das ist’s, was dereinst sein wird an jenem Ende ohne Ende.“

Schließlich gibt es in der jüdischen Mystik noch die sog. Gematria, die „Wort-Zahlen-Berechnung“, in der jedem Buchstaben eine Zahl zugeordnet wird. Auf deren Grundlage kann die „153“ als das hebräische Wort „qhl“, „Gemeinde“ gelesen werden. Was also bei der Osterbegegnung mit dem Auferstanden auf den „Tisch“, auf die „mensa Christi“, an die man heute noch in der sog. Primatskapelle am See Tiberias erinnert, kommt, ist die österliche, lebendige und vielfältige Gemeinde des Auferstandenen.

Nicht die Zahl, sondern die Qualität bildet die österliche Erfolgsbilanz im Blick auf Kirche. Das ist kein Votum für eine kleine Herde von Perfekten, aber entlastet von der Fixierung auf Mitgliedszahlen und das Zählen von Gottesdienstbesuchern. Es geht stärker um die Frage, ob sich in unserer Gemeinde das Leben der Menschen und die Gegenwart des Auferstandenen berühren. Das ist kein Automatismus, sondern eine Erfahrung, die auf Tiefgang beruht.

 

Drei Kriterien markieren für mich die Frage, ob diese Vertiefung des Lebens aus dem Glauben gelingen kann:

  • Die Wertschätzung des Gottesdienstes: Es war lange erst einmal nichts anderes möglich außer Gottesdienst. Es gab keine Gremiensitzungen, keine Altennachmittage, Feste, Katechesen etc. Der Gottesdienst wurde zum Treffpunkt für Gott und Mensch und für Mensch und Mensch. Noch immer waren in den folgenden Wochen unsere Straßen erschreckend leer. Wen traf man denn? Und wenn uns wirklich jemand über den Weg lief, dann haben wir uns schnell zur Seite gedrückt. Die Begegnung im Gottesdienst, v.a. das Wissen, dass andere mit mir beten und singen, hat eine neue Qualität bekommen. Der Gottesdienst war keine Pflicht, sondern ein Geschenk. Die Kirche ist nicht nur Eucharistie, aber ohne Eucharistie ist alles nichts, so ein Kernsatz der Predigt vor zwei Jahren. Das legt uns das Evangelium vom Sonntag nahe. Es geht um den Kern jeder eucharistischen Erfahrung: die Begegnung mit dem Auferstandenen.

  • Dazu gehört zweitens auch die Treue zur Gemeinschaft auch in der Krise. Die Apostel, jeder mit seinen eigenen österlichen Erfahrungen, bleiben zusammen. Es ist bereits die dritte Erscheinung des Auferstanden. Man könnte doch meinen, sie müssten euphorisch sein, aber sie wirken eher desillusioniert und müde. Damit sind sie ein gutes Bild für die Kirche heute: Wir wissen, dass der Auferstandene in unserer Mitte ist, aber wir wirken oft verzagt und pessimistisch. Es gibt auch eine Glaubensaufgabe des Durchhaltens und Festhaltens an der Gemeinschaft mit der Kirche, die nicht unbedingt besonders attraktiv wirkt.

  • Schließlich gelingt die Vertiefung erst in der Rückkehr in den Alltag mit seinen Erfolgen und Misserfolgen und dem Versuch, hier sein Christsein zu leben. . Auch in unserer kleinen Welt ist der auferstandene Christus erfahrbar. Wer sich nicht fixiert, sondern sein Leben in der Welt mit dem Glauben zu verbinden versucht, dem wird Christus auch begegnen wie den Jüngern am Morgen am See. Das geschieht in seinem Bemühen um ein aktives persönliches Glaubensleben. Es beeindruckt mich immer wieder, wenn ich höre, mit welchen Werten und Überzeugungen manche Christen ihren Beruf und ihren Alltag gestalten.

 

Tomas HaliK, der von mir sehr geschätzte Philosoph, Theologe und geistliche Autor, hat in einem kleinen Buch „Zeit der leeren Kirchen“ seine Erfahrungen während der schlimmsten Zeit der Pandemie gesammelt und darauf aufmerksam gemacht, dass in dieser Zeit drei Pfeiler des pastoralen Dienstes wieder besonders in den Vordergrund gerückt wurden:

  • Die Pflege eines durchdachten Glaubens: Es war keine Zeit mehr für einfache Antworten. Noch nie ist die Bedrohung an Leib und Leben so akut geworden für einen so großen Teil der Bevölkerung wie in dieser Zeit. Natürlich gab es immer Krankheiten und Unglücke, die wir nur schwer mit unserem Glauben vereinbaren konnten, jetzt aber kannte jeder jemanden, der entweder unter schrecklichen Umständen gestorben ist oder der in seiner Familie, einen solchen Todesfall zu beklagen hatte. Seither hat sich m.E. auch die Sprache von Gott verändert und wo sie sich nicht verändert hat, da ist sie leeres Gerede geworden. Wir reden vorsichtiger, offenen und demütiger von Gott und seinem Willen.

  • Die Pflege eines beständigen, persönlichen Wachstums im Glauben: Viele Menschen haben wieder das Beten gelernt. Und die Kirchen wurden zum Raum, in dem man beten konnte bzw. in denen für andere gebetet wurde. Ich denke an die Anbetung jeden Sonntag. Eigentlich war es ein großes Geschenk. Der Glaube wollte wieder geistliche Nahrung. Es haben sich viele Plattformen entwickelt, auf denen Impulse für den persönlichen Glauben abrufbar sind.

  • Die Pflege eines engagierten Christseins. Ohne Zweifel nehmen viele Getauften ihr Christsein ernster und lassen sich auch mit viel Freude einbinden. Wir sind keine Gruppe vergeistigter Wandervögel, aber an vielen Stellen spüre ich, dass Menschen nicht nur Glauben, sondern ihren Glauben Fleisch geben. Im ersten Johannesbrief hören wir: „Wir wollen nicht in Wort und Zunge lieben, sondern in Tat und Wahrheit“

 

Ich bin überzeugt, dass unsere Gemeinde beim ersten Mahl mit dem Auferstandenen nach der Pandemie verändert war. Wir waren die gleichen Menschen, wie Petrus, Thomas, Nathanael, aber wir haben ein feineres Gespür bekommen für die Momenten, in denen wir den Auferstandenen am Ufer sehen. Das darf nicht selbstzufrieden machen. Thomas Halik warnt sehr eindringlich:Ich fürchte, dass diese Zeit der leeren Kirchen zu einem Warnbild für eine nahe Zukunft werden kann, falls die Kirche die dringlichen Aufforderungen von Papst Franziskus zu einer inneren Reform, zu einer radikalen Wende zum Evangelium, zu einer Vertiefung ihrer Theologie, ihrer Spiritualität und ihrer pastoralen Praxis nicht ernst nimmt.“ (S. 16)

Wenn wir also an diesem Morgen wie die Jünger mit dem Auferstandenen an seiner Mensa sitzen, dann ist das kein Mahl der Selbstzufriedenen, sondern eine Vergewisserung, wie wir österliche Gemeinde in diesen stürmischen Zeiten sein können. Wir werden ermutigt durch die Erfahrung, dass auch diese furchtbare Zeit den Glauben nicht zerstört, sondern sogar gestärkt hat, aber auch hingewiesen, dass Glaube und Kirche-Sein sich verändert haben und Ostern nie eine Rückkehr in die guten, alten Zeiten ist, sondern ein immer neuer Aufbruch auch in schwierigen Zeiten im Vertrauen, dass Gott uns auch heute sammelt und zu einer lebendigen Gemeinde gestalten will, damit Menschen hier zu ihm finden und ihm begegnen können. Amen.

 3_Leere_Netze_oder_voller_Erfolg.pdf

Sven Johannsen, Pfarrer

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