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Predigt 3. Sonntag C „Lukas und sein Evangelium“

3_Die_Lebensbeschreibung_Jesu_bei_Lukas.pdf

Liebe Schwestern und Brüder,

 

Die Kanzlerin und ihre Zeit“

Die Kanzlerin: Porträt einer Epoche“

Die Kanzlerin am Dönerstand: Miniaturen aus dem Leben von Angela Merkel

Nur drei von einer unüberschaubaren Anzahl von Biographien, die im letzten Jahr über Angela Merkel erschienen sind. Nachdem uns eine Flut von Details über das Leben, das Denken, die Erfolge und Misserfolge der Kanzler-Rentnerin überrollt hat, müsste doch eigentlich alles gesagt sein, was von Interesse ist an den letzten sechzehn Jahren, in denen sie die Politik unseres Landes und der Welt bestimmt hat. Doch jetzt kommen noch ihre eigenen Memoiren, die nochmals zum Bestseller werden. Rund 400 Bücher bekommt man vorgeschlagen, wenn man bei einem großen Online-Händler nach einer Biographie der ehemaligen Kanzlerin sucht. Erstaunlich, dass über nur einen Menschen so viel geschrieben werden kann. Nebenbei bemerkt: Ihr berühmtester Vorgänger, Otto von Bismarck, bringt es auf mehr als die doppelte Anzahl an Treffern. Jedes Lebensbild will einen neuen Zugang zu einer historischen Person eröffnen und endlich Antworten auf Fragen geben, die in der Regel nie jemand gestellt hat. Wir erfahren über Angela Merkel, dass sie eine Epoche geprägt, die Macht verloren und eine Methode entwickelt hat, die nicht mehr in unsere Zeit passt. Das jedenfalls kündigen reißerisch die Titel an, um möglichst eine große Käuferschaft zu motivieren.
Biographien und Erinnerungen gehören nicht erst seit unseren Tagen zu den wichtigsten Zweigen des Buchmarktes. Schon die Antike bot einen begierigen Markt an Lebensbeschreibungen von großen Persönlichkeiten. Sueton, Vergil, Tacitus und mit ihnen eine große Schar von römischen, griechischen und ägyptischen Autoren haben Kaisern, Denkern und Kriegsherren wie Alexander, Augustus oder Seneca für alle Zeiten ein Denkmal gesetzt. Da scheint es doch nur folgerichtig, dass die Neugierde der Öffentlichkeit auch nach einer Biographie des Wanderpredigers aus Nazareth, Jesus, verlangt.

Ist die Gier nach Details der Grund für die Entstehung der Evangelien? Bedienen sie das öffentliche Interesse nach Skandalen, Anekdoten und Leistungen eines berühmten Menschen? Sind Matthäus, Markus, Lukas und Johannes die Memoirenschreiber des Jesus von Nazareth?

Wahrscheinlich verstehen die meisten Menschen, auch Christen, die vier wichtigsten Texte des Neuen Testament in diesem Sinn. Sie sollen überprüfbare Fakten über das Leben Jesu liefern. Sobald aber eine Angabe nicht beweisbar ist, muss sie in Frage gestellt werden, denken wir an die Diskussionen um die Wundererzählungen und die Kindheitsgeschichte Jesu, die von zahlreichen Exegeten als erfunden abgetan werden. Oder aber sind die Evangelien reine Legenden und haben den historischen Wert von Märchenerzählungen? Ist Jesus nur ein erfundener Mythos? Noch immer gibt es Menschen, die die historische Existenz Jesu bezweifeln. Wir haben tatsächlich auch nur sehr wenige Quellen über sein Leben, die nicht aus der Feder von christlichen Autoren stammen. Lediglich eine Handvoll jüdische und römische Notizen nehmen auf Jesus Bezug. Dennoch ist es nicht zu bestreiten, dass Jesus lebte. Aber wie glaubwürdig sind seine Lebens-beschreibungen? Gibt es nicht auch historische Fehler und Ungenauigkeiten in den Evangelien, die ihre Qualität massiv schädigen?
Gerade das dritte Evangelium, das wir Lukas zuschreiben, kann erklären, was das Besondere an den vier Überlieferungen des Lebens Jesu ausmacht. Schon in den ersten Zeilen macht der Autor deutlich, dass er weder ein reißerisches Heldenepos noch ein rein wissenschaftliches Sachbuch schaffen will. Sein Evangelium fungiert nicht als Werbemittel für ein Massenpublikum, sondern steht im Dienst der Verkündigung für seine Gemeinde, die angesichts der fortschreitenden Zeit seit dem Leben Jesu viele Frage und Zweifel beunruhigen. Lukas gehört mindestens zur dritten Generation der Glaubenden, also zu einer Gruppe, die nicht mehr Augenzeugen waren, sondern auf die Erzählungen der Augenzeugen, v.a. der Apostel angewiesen sind. Sie sind diejenigen, die von Anfang Augen-zeugen und Diener des Wortes sind. Jetzt aber verzögert sich das Kommen Jesu so sehr, dass auch diese Gruppe der direkten Zeugen nicht mehr da ist. Viele Gemeindemitglieder sind sich nicht mehr sicher, was es mit Jesu Leben und Lehre auf sich hat. Sie brauchen Ermutigung und Sicherheit. Das verpflichtet Lukas überprüfbare Informationen zu liefern, aber auch die Sache Jesu für seine Zeit zu aktualisieren. Immer wieder fügt er in seine Erzählung und in die Reden Jesu die Formel „Heute“ ein. Er will seinen Zeitgenossen und uns die Augen öffnen, dass das Wirken und die Lehre Jesu bis in unsere Zeit ausgreift.

Eine kleine Wendung erhellt, was Lukas uns in seinen beiden Werken, dem Evangelium und der Apostelgeschichte vorlegen will: „Die Ereignisse, die sich in unseren Tagen erfüllt haben.“ Es geht also um nachprüfbare Fakten und Ereignisse, für die es Zeugen gibt. Lukas bastelt nicht an einem Jesus-Mythos. Aber kein Historiker würde in diesem Zusammenhang das Wort „erfüllt“ verwenden. Ereignisse geschehen, fallen vor oder begeben sich, aber sie erfüllen sich nicht, wenn es nicht vorher eine Verheißung gegeben hat. Aber genau darauf baut Lukas auf: In den überprüfbaren Fakten erfüllt sich „heute“, was Gott schon von Anfang an seinem Volk versprochen hat. Lukas bietet uns nicht ein Fachbuch mit vielen historischen Daten an, sondern schreibt „gedeutete Geschichte“, also Wahres, das er aber schon im Blick auf seinen tieferen Sinn interpretiert. In Jesus hat sich erfüllt, was Gott seinem Volk von Anfang an versprochen hat. Das wird im Lukasevangelium an vielen Stellen deutlich. Bald feiern wir das Fest Mariä Lichtmess und begegnen dem greisen Simeon und der alten Hanna, die Gott preisen, weil sie sein Heil gesehen haben. Den Jüngern auf dem Weg nach Emmaus wird der Auferstandene die Augen öffnen für den Sinn der Schrift, die Leiden, Tod und Auferstehung deutet. Gerade diese österliche Erzählung macht uns einen Schwerpunkt des Lukas sichtbar. Scheinbar war er nicht zufrieden mit dem, was er vorgefunden hat, z.B. im Markusevangelium. Ihm fehlte „Fleisch“in der Verkündigung des Reiches Gottes, darum beleuchtet er das Schicksal von Menschen. Besonders in den Kindheitsgeschichten, die Markus ja nicht hat, wird diese Aufmerksamkeit Gottes für die Kleinen deutlich in Maria, Elisabeth, Simeon, Hanna, aber auch später in den Frauen am Grab, den Aposteln und v.a. den Jüngern von Emmaus, die für alle stehen, die von Zweifeln an Gott und der Kirche geplagt werden, so dass sie fortlaufen wollen. Seiner Gemeinde und uns stellt Lukas Gott als den guten Hirten vor, der nach uns sucht und uns nachläuft, damit keiner verloren geht. Er reiht nicht Ereignisse aneinander, sondern hat einen roten Faden in seiner Komposition: Der, der alles verloren hat und selbst verloren erscheint, wird gefunden und findet Gott: Der Mann, der unter die Räuber kommt und Hilfe bei einem Samariter findet, der eigensüchtige Sohn, der einen barmherzigen Vater findet, der Verbrecher, der neben Jesus am Kreuz hängt, und in das verlorene Paradies eintreten darf. Für Lukas schließt der Heilswillen Gottes keinen aus. Es fällt auf, dass er immer Paare bildet: Maria und Zacharias, die Apostel und die Frauen, die Jesus folgen, Simon von Zyrene und die Frauen, die um ihn weinen, Petrus und Maria von Magdala. Gott richtet sich zuerst an sein Volk Israel, verschließt aber denen „Draußen“ nicht die Tür. Wahrscheinlich gehörte Lukas selbst zu dieser letzten Gruppe, ein Grieche, der kein Jude war, aber sehr die Lehre der hebräischen Bibel schätzte. Plakativ können wir die zentralen Gedanken des Lukas in wenige Thesen fassen:

  • Das Heilsversprechen Gottes erfüllt sich heute, in unseren Tagen.

  • Sein Reich kennt keine Schranken. Gott schließt nicht aus.

  • Er offenbart sich v.a. im Finden und Heilen. Die verwundeten Herzen der Menschen, die sich in Zweifel und Schuld verloren sehen, sollen vom Arzt Jesus gesundet werden.

  • Und schließlich die wichtigste Botschaft für alle Zeiten: Gott findet sich immer auf der Seite der Schwachen, der Opfer, der Kleinen und Verlorenen. Er schreibt niemanden ab.

Das ist Programm für die Kirche, die nach der Auferstehung Jesu mit seinem Geist beschenkt wird. Von Anfang an also ist die Kirche dieser Option Gottes für die Kleinen verpflichtet. Das wirft ein besonderes Licht auf die Vorgänge in der Kirche, die uns gerade in diesen letzten Tagen wieder besonders erschüttert und verunsichert haben. Gott hat keine Kirche geschaffen, damit sie sich selbst über die Zeit rettet und ein Bollwerk der Vertuschung und Verheimlichung gegen alle Angreifer bildet, sondern damit in ihr die Menschen in Not ein Obdach für ihre Seele und eine Zuflucht in ihrer Bedrängnis finden. Wenn Verantwortliche in der Kirche dies nicht mit aller Klarheit verkörpern, dann werden sie vor Gott schuldig. Das galt zu allen Zeiten und für alle Ebenen des Volkes Gottes. Ich will hier nicht den Stab brechen über Amtsträger der Kirche, dazu habe ich zu wenig Einblick in die Vorgänge. Aber es steht außer Frage, dass das in München vorgelegte Gutachten den emeritierten Papst und seine Nachfolger schwer belastet. Ohne Zweifel haben die Medien schon im Vorfeld auf solche Anklagen gewartet, aber das relativiert den Vorwurf nicht. Ich denke, dass jeder, der meine Predigten kennt, weiß, wie sehr ich von der Theologie Papst Benedikts geprägt bin. Ich halte ihn auch weiterhin für einen der größten Denker der europäischen Geistesgeschichte. Wenn er aber in seiner Aufgabe als Erzbischof wirklich nicht mit ganzer Kraft Kinder vor Übergriffen geschützt hat, dann war es ein schwerer Fehler. Für mich gilt: Das mögliche Versagen des Bischofs schmälert nicht die Lehre des Papstes, die Größe des Papstamtes aber rechtfertigt nicht die Fehler des Bischofs. Unabhängig von seiner Person, hat die ganze Kirche versagt im Eintreten für die Schwachen. Jesus predigt zwar Barmherzigkeit und Vergebung, aber nicht als voraus-eilenden Automatismus für Mitarbeiter der Kirche. Vergebung setzt das Bereuen und die Besserung voraus: „Geh und sündige nicht mehr!“. Es mag sein, dass in den achtziger Jahren manche gesellschaftlichen Vorstellungen freizügiger waren als heute, aber zu keiner Zeit gab es in der Kirche auch nur den geringsten Zweifel, dass sie ihren Platz auf der Seite der Opfer hat. Jeder, der verheimlicht, macht sich selbst zum Täter. Gewiss darf man keinen Menschen vorverurteilen oder Priester unter Generalverdacht stellen, aber wo Missbrauch erwiesen ist, gibt es keine Möglichkeit auf Rückkehr in die Seelsorge. Ich verurteile nicht konkrete Personen, das steht mir nicht zu, aber die Maßstäbe, die von Gott kommen, sind eindeutig und jeder, der dagegen handelt, wird sich vor Gott dafür verantworten müssen.
Wenn ich mit den Augen des Lukas schauen, dann werde ich aber in der augenblicklichen Situation auch kritisch anmerken müssen, dass wir viel zu sehr auf die Täter schauen. Hinter den Zahlen der Opfer stehen Menschen, die unsägliches Leid im Raum der Kirche erfahren haben, denen wir es schuldig sind, uns zu verändern und alles zu tun, dass so etwas nicht mehr möglich ist. Wie können wir glaubwürdig verkünden, dass sich heute die wunderbaren Worte des Jesaja in Jesus erfüllt haben und gleichzeitig zulassen, dass Unschuldige leiden müssen? Dann wären wir schlimmer als alle seine Gegner, die sich gegen ihn stellen und versuchen, ihn mundtot zu machen. Jesus weist uns unseren Platz zu und dort muss die Kirche wieder hin, wenn sie seine Gemeinde sein will. Amen. (Sven Johannsen, Lohr)

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