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Predigt 3. Sonntag der Osterzeit B 2021

 „Was ist das ewige Leben?“ (Pfarrer Sven Johannsen)

3._Sonntag_Ewiges_Leben1625.pdf

Liebe Schwestern und Brüder

Alles, was Sie über das Ewige Leben wissen müssen, auf 330 Seiten - Das Buch stammt von einem der klügsten Köpfe der letzten hundert Jahre: Hans Küng. Hans Küng wird in einem Atemzug mit Josef Ratzinger, Eugen Biser und Karl Rahner genannt, also den größten Denker in der neueren Geschichte der katholischen Kirche. Am Dienstag nach Ostern verstarb er im Alter von 93 Jahren in seinem Haus in Tübingen. Kaum ein Theologe außer  Josef Ratzinger hat es auch über die kirchlich interessierten Kreise hinaus zu so einer Leserschaft gebracht wie. Das lag in der vergangenen Zeit an seinem Engagement für ein gemeinsames Weltethos und für den Dialog der Weltreligionen, in denen er allein die Chance für einen beständigen Frieden in der Welt sah. Vor allem aber war es sein Bestseller-Buch „Unfehlbar ?“, das 1970 erschien. Küng stellte darin das Unfehlbarkeitsdogma des ersten Vatikanischen Konzis in Frage, das genau hundert Jahre zuvor verkündet wurde. Er hielt dem Anspruch auf Unfehlbarkeit des päpstlichen Lehramtes, zumindest in bestimmten Situationen, entgegen, dass dies nicht in der biblischen Tradition begründet ist und zeigte an Beispielen aus der Kirchengeschichte auf, dass auch Päpste in Glaubens- und Sittenfragen irren können. Natürlich ging die Spitze damals v.a. gegen die Enzyklika „Humanae vitae“ von Paul VI, der ihn aber für diese Angriffe „nur“ durch die Glaubenskongregation rügen ließ. Der Konflikt mit dem Vatikan spitzte sich in der Folgezeit zu. Es gab Beanstandungen an seinem Buch „Christ sein“, v.a. aber war es Ende der siebziger Jahre seine erneute Infragestellung der päpstlichen Unfehlbarkeit und Positionen zur Jungfrauengeburt die dann zum Bruch führten. Im Dezember 1979 wurde ihm durch die Deutsche Bischofskonferenz die Lehrerlaubnis entzogen. Damit geriet er nicht in Armut und Not, ganz im Gegenteil. Er war zwar nicht mehr Teil der katholisch-theologischen Fakultät in Tübingen, aber einen Lehrstuhl behielt er und war fortan einer der gefragtesten Kirchenkritiker in Interviews, Artikeln und Büchern. Sicher kann man ihm Eitelkeit unterstellen und ihm seinen Sportwagen vorwerfen, aber Küng blieb bei aller Distanz doch im Wesentlichen loyal zur Kirche, feierte regelmäßig mit einer Gemeinde die Sonntagsmesse und war gerade am Ende seines Lebens im Pontifikat von Papst Franziskus durchaus versöhnlich gestimmt. Bewegend war seine Begegnung mit Papst Benedikt XVI im September 2005 in Castel Gandolfo kurz nach dessen Wahl zum Papst. Es wurde keine Aussöhnung, aber es zeigte die Bereitschaft der beiden größten Denker über Gott in unseren Tagen aufeinander zuzugehen nach Jahrzehnten der Distanz. Ich persönlich schätze Hans Küngs Bücher sehr, v.a. seine drei Bücher zu den wesentlichen Fragen christlicher Existenz: „Christ sein“ (1974), „Existiert Gott?“ (1978) und schließlich „Ewiges Leben“ (1982), das ich heute in Händen halte. In seinem Vorwort schreibt er als sein Anliegen, „wie in den Büchern „Christ sein“ und „Existiert Gott?“ auf die drängenden Fragen der Zeitgenossen antworten, präzise über den Stand gegenwärtiger theologischer Forschung, und mich doch nicht in ihnen verlierend.“

 „Auf die drängenden Fragen der Zeitgenossen antworten“, Hans Küng gesteht selbst, dass das „Ewiges Leben“ kein wirkliches Thema des modernen Mensch mehr ist. Wir fragen nach Verbesserung der Lebensbedingungen im Hier und Jetzt und nach Verlängerung der Lebenszeit durch medizinische Fortschritte. Das ewige Leben scheint zu einem Spezialthema der Frommen geworden zu sein. Und so wie wir den Begriff mitunter in Predigt, Beten und Lehre gebrauchen, ist das „Ewige Leben“ tatsächlich oft zum „Totschlagargument“ geworden, wenn uns gar nichts mehr einfällt. Wir reden über das „Ewige Leben“ und ahnen doch, dass selbst viele Zuhörer in unseren Predigten den Eindruck haben, dass es hier um etwas geht, das sie im Augenblick nicht betrifft. Viele Menschen glauben nicht, dass es ein Leben nach dem Tod gibt. Viele Christen halten es für möglich, sehen es aber als keine Größe, die ihr augenblickliches Leben jetzt bestimmt. „Was kommt danach?“, ist die reizvolle Denksportaufgabe, aber letztlich für die meisten nicht mehr als die Bonuszugabe Gottes für gutes Verhalten. Aber Ostern verliert seinen Sinn, wenn es nicht die Perspektive des „Ewigen Lebens“ gibt. Paulus sagt im ersten Korintherbrief: „Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendsten unter allen Menschen.“ (1 Kor 15,19). Wenn es kein ewiges Leben gibt, dann nützt mir der Glaube an Christus in diesem Leben auch nichts, dann ist er nichts anderes als eine Spaßregulierung des Einzelnen zugunsten des Gemeinwohls. Nein, wenn unser Glaube Sinn haben will, dann muss er uns über unseren Tod ins Ewige Leben bringen.

Aber was ist dieses „Ewige Leben“ oder besser was ist es nicht?

1. Das „Ewige Leben“ ist unbegrenzt, aber nicht unendlich lang

„Ewig“ ist nicht immer ein Glück. Es gibt „ewige Studenten“. Minuten können ewig dauern, wenn man auf ein Ergebnis eines Tests wartet. Die Corona-Beschränkungen werden wohl ewig gelten, weil ja ein Ende der Bedrohung nicht abzusehen ist. „Ewig“ identifizieren wir meist mit unendlich langer Zeit. Wer alleine zuhause oder in einem Altenheim sitzt und keinen Besuch bekommen kann, für den werden die Stunden ewig und belastend. Die unendlich lange Zeit kann sich schnell auch eintönig, langweilig und deprimierend erweisen. Ich schlucke manchmal, wenn ich bei einer Beerdigung für einen Menschen, der sehr aktiv war, bete „Herr, gib ihm / ihr die ewige Ruhe.“ Das ist es doch bestimmt nicht, was sich dieser Mensch gewünscht hätte. Zeit ist für uns ein Ablauf von Zeiteinheiten, getaktete Zeit also, Sekunden, Minuten, Stunden, Tage, Wochen, Monate, Jahre, Jahrzehnte, Jahrhunderte, Jahrtausende. Sie liegt meist hinter uns. Manche Zeit haben wir sinnvoll genutzt, andere sinnlos verstreichen lassen, aber immer war sie messbar. Ich kann also heute sagen, die meiste Zeit meines Lebens war gefüllt oder ich muss gestehen, dass sie leer war. Und so soll sich das unendlich fortsetzen?  Vielleicht sogar mit immer mehr Langeweile, Hilfsbedürftigkeit oder Schmerzen? Nein, darauf kann ich dankend verzichten. Wenn die Ewigkeit einfach nur eine Fortsetzung von dieser Zeit wäre, dann wären wohl die meisten froh, wenn sie doch irgendwann vorbei ist. Andererseits erleben wir Zeit nicht nur als messbare Größe, sondern empfinden Zeit als gut, mies, glücklich, bereichernd und erfüllt. Es gibt Augenblicke, die gehen wie ein Blitz vorbei, aber enthalten viel mehr Leben als ganze Tage. Ich denke an das Leitwort der Hospizbewegung: „Wir wollen dem Leben nicht mehr Tage, sondern den Tagen mehr Leben geben.“ Ich glaube da kommen wir dem Begriff der Ewigkeit schon näher. Ewigkeit ist gerade das Gegenteil von Dauer. Sie ist nicht eine unendliche Zeiteinheit, sondern immer Augenblick. Vor 1500 Jahren hat ein sehr kluger Mann, der Philosoph Boethius gesagt: „Ewigkeit ist ganzer und zugleich vollständiger Besitz unbegrenzten Lebens.“ Und Karl Rahner hat es auf einen Begriff gebracht: „Alles-in-einem-und-auf-einmal“

Klingt kompliziert, ist es aber nicht. Unsere Zeiterfahrung ist, dass alles nacheinander und getrennt voneinander ist. Wir stehen letztlich beim Einkaufen immer in der falschen Reihe. An der anderen Kasse stehen weniger vor uns und es geht schneller. Ewigkeit kennt keine Reihe und keine andere Kasse mehr. Ich komme nicht zu spät und verpasse nicht das Leben. Ich bin nicht am falschen Ort, wo man nichts mitbekommt vom richtigen Leben. Ewigkeit ist immer Jetzt. Nichts liegt hinter uns und nichts geschieht ganz woanders. Letztlich ist es das, was Jesus seinen Jünger verheißt: „Leben in Fülle.“ Wir freuen uns also nicht auf die Unendlichkeit, sondern auf die Unbegrenztheit und Fülle des Lebens.

2. Das „Ewige Leben“ ist Trost, aber nicht Vertröstung

Die Rede vom „Ewigen Leben“ steht unter dem Generalverdacht, Menschen das Dasein nicht ganz so schlimm wahrnehmen zulassen wie es eigentlich ist und sie so von dem Widerstand gegen die Zustände abzuhalten. In diesem Sinn haben die große Religionskritiker des 19. Jahrhunderts, Karl Marx und Ludwig Feuerbach, Religion als Opium für das Volk oder als Wunschprojektion verworfen. Nur unreife Menschen machen ihre Hoffnung im „Ewiges Leben“ fest, mutige Menschen kämpfen um Veränderung. Ich kann leider den Vorwurf nicht restlos entkräften. Die Rede vom  „Ewigen Leben“ diente lange Zeit in der Geschichte der Kirche dazu, das Volk zu vertrösten und so Unterschiede zwischen reich und arm, Herrschenden und Untertanen zu zementieren. Das war tatsächlich ein Betrug an der Wirklichkeit. Aber so wenig es erlaubt ist, den Glauben an das „Ewige Leben“ zu missbrauchen als Bollwerk gegen gesellschaftliche Veränderungen und Verbesserungen, so wenig ist die Utopie zulässig, wir könnten eine perfekte Welt und Gesellschaft gestalten, in der es keine Ungerechtigkeit, kein Leid, keine Krankheit und keine Ungleichheit gibt. Aus diesem Wunsch sind schon zahlreiche Ideologien erwachsen, die am Ende noch mehr Leid, Unfreiheit und Armut über die Menschen gebracht haben.


Joachim Negel, Burgpfarrer auf Burg Rothenfels, hat dagegen den Gedanken eingebracht: Wenn auch nur die geringste Möglichkeit besteht, dass es ein Leben über den Tod hinaus gibt, so muss uns diese Möglichkeit brennend interessieren! Denn wenn es sie nicht gibt, dann kann auch nicht wieder gut gemacht werden, was ich anderen schuldig geblieben bin. Ja schlimmer noch: dann gibt es in alle Ewigkeit auch kein Heil für die unendlich große Zahl derer, die in ihrem Leben vor allem Gewalt und Unterdrückung erfahren haben“

            

Allein die Ursehnsucht des Menschen nach Gerechtigkeit lässt ihn über die Grenzen seines irdischen Lebens denken, denn wir wissen, dass alles menschliche Bemühen das Leben  nicht so verbessern wird, dass wir es gelungen, erfüllt oder glücklich nennen können, was aber nach Gottes Plan jeder Mensch werden darf.

Der Glaube an die Auferstehung setzt die Sehnsucht voraus, dass es  Leben über die Grenze des Todes hinweg gibt. Das sehen wir an den Osterzeugen: Maria von Magdala, Petrus, die Frauen und die Emmausjünger - sie treibt eine Sehnsucht an, dass das Unrecht, das an Jesus geschehen ist, nicht das letzte Urteil über sein Leben ist. Vielleicht haben sie noch nicht wirklich am Ostermorgen den Plan Gottes durchschaut, aber in ihnen regt sich noch eine Hoffnung gegen allen Augenschein. „Brannte uns nicht das Herz, als er unterwegs mit uns redete“, werden die Emmausjünger diese Sehnsucht nach dem „Ewiges Leben“ ins Wort bringen. Nur der Mensch, der noch Sehnsucht hat und daran glauben kann, dass es eine letzte Gerechtigkeit und ein letztes Ziel gibt, ist auch offen für das „ewige Leben.“ Es ist uns nicht angeboren, aber auch nicht einfach ein Lehrsatz, den wir auswendig lernen. Es ist eine Hoffnung auf Zukunft, eine Sehnsucht nach Ganzwerden all dessen, was auf Erden bruchstückhaft bleiben muss und mitunter viel zu früh und unerlöst abgebrochen wird. Es ist Trost, nicht Vertröstung.

3. Das „Ewige Leben“ ist Neues, aber nicht Abbruch

Jesus muss sich heute den Jüngern im Evangelium „beweisen“ und vor ihren Augen Fisch essen. Daran erkennen sie, dass er kein Geist ist. Obwohl der gleiche Jesus auferstanden ist, der am Karfreitag hingerichtet wurde, erscheint er den Jüngern  verändert und verwandelt. Er ist aber nicht ausgetauscht worden, ersetzt durch den unverwundbaren Supermann. Er ist der Jesus, der verwandelt in Kontinuität zum irdischen Jesus steht, den die Jünger kennen.
Der heilige Augustinus hat sich in seinem  Hauptwerk „Der Gottesstaat“ Gedanken darüber gemacht, wie wir im „ewigen Leben“ sein werden. Für ihn ist es ganz klar, dass wir nicht reiner Geist sein werden, sondern auch wenn unser Körper zerfällt, unsere Körperlichkeit an sich erhalten bleibt, also all das, was diesen Menschen, der ich bin, geprägt hat, das Denken, Fühlen, Empfinden, Schmerzen und Bemühen. Er überlegt sogar, ob es nach der Auferstehung der Toten ein „Einheitsformat“ geben wird für den neuen Menschen. Weil er überzeugt ist, dass Gott im ewigen Leben alles zusammenführt, was vorher getrennt war, stellt er sogar die eher humorvolle Frage, ob wir nicht alle Männer sein werden, denn nach dem zweiten Schöpfungsbericht wurde ja die Frau aus der Rippe des Mannes entnommen. Er argumentiert aber gegen eine solche Vorstellung, indem er auf den ersten Schöpfungsbericht verweist, der sagt, dass Gott den Mensch als Frau und Mann schuf nach seinem Abbild. Unsere Persönlichkeit wird nicht nicht ausgelöscht, aber geheilt, was zum Menschen fehlt, der ich eigentlich sein sollte.                                                

Im Apostolischen Glaubensbekenntnis heißt es: „Credo ...in vitam venturi saeculi“, ich glaube an mein Leben der kommenden Welt, nicht an ein abstraktes Dasein. Leben ist immer etwas persönliches. Über Leben kann man nicht sachlich aus der Perspektive des unbeteiligten Beobachters sprechen. Das gilt auch für das ewige Leben. Wir werden die sein, die wir waren, aber nicht mehr unvollkommen, mangelhaft und begrenzt in unserem Vermögen, sondern dann verwandelt in die Fülle unserer Möglichkeiten.

Gibt es das ewige Leben oder ist es nur eine Einbildung. Hans Küng argumentiert 1980 bereits mit dem begrenzten Wissen des Menschen. Was uns lange als uninteressant erschien, weil wir es nur glauben, nicht wissen konnten, hat sich mittlerweile durch neue Erkenntnisse bestätigt, so z.B. unsere Sicht über den Kosmos und sein Wachsen. Er unterstellt, dass es doch möglich ist, dass Zeiten kommen werden, in denen wir viel mehr über das „Ewige Leben“ wissen werden als heute. Nur weil wir denkerisch noch immer ziemlich in nebelverhangenen Wolken gefangen sind, heißt das nicht, dass wir nicht irgendwann einmal größere Einblicke gewinnen können. Jetzt aber ist das Ewige Leben unsere Hoffnung, keine Vertröstung angesichts unseres Scheiterns in der Gegenwart.
Wahre Größe im Glauben hat für mich Hans Küng nicht so sehr durch seine klugen Bücher gezeigt, sondern durch seine zuversichtliche Lebenseinstellung, die er 2017 in einem Interview mit der Zeit offenbarte:
„Dass ich in ein ewiges Leben hineinsterbe, das mit der Wirklichkeit Gottes identisch ist, kann ich nicht beweisen. Dazu kann ich nur in einem vernünftigen Vertrauen Ja sagen. Vernünftig, weil ich es keineswegs als vernünftige Lösung ansehe zu behaupten, dass Welt und Mensch aus dem Nichts kommen und ins Nichts gehen. Sinnlos, vernunftlos, von Anfang bis Ende: Nein, das will mir nicht in den Kopf. Aber wenn ich mich doch getäuscht haben sollte und ich nicht in Gottes ewiges Leben, sondern in ein Nichts eingehe? Dann hätte ich, so habe ich es oft gesagt und bin davon überzeugt, jedenfalls ein besseres und sinnvolleres Leben geführt als ohne diese Hoffnung.“ (Die Zeit 42/2017 v. 13.10.2017)

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