headeroben

Predigt 30. Sonntag A – 25.10.2020

„Gott und den Nächsten lieben auch in den Tieren als Mitgeschöpfen“

Sven Johannsen, Lohr

 

Liebe Schwestern und Brüder

Niemanden hat der vor gut 500 Jahren regierende Papst Leo X. mehr geliebt als Hanno. Er war zu Tode betrübt, als Hanno mit etwa sechs Jahren verstarb. Ja, man muss zugeben, ganz Rom hat Hanno geliebt. Er war der Superstar des Vatikans. Und er war ein Elefant aus Indien. Eigentlich hatte es Rom nicht so mit Elefanten. Als Hannibal 218 v. Chr. mit seinen Elefanten über die Alpen zog, haben sie für Angst und Schrecken verbreitet. Aber bei Hanno war das anders. Der portugiesische König Manuel machte dem gutmütigen, abr zugleich auch sehr Prunk liebenden und Genuss verliebten Medici-Papst den jungen Elefanten zum Geschenk zu seiner Inthronisation auf dem Stuhl Petri. Das war nicht ganz uneigennützig. Der neue Papst sollte in einem Streit zwischen Portugal und Spanien sich auf die Seite des Königs stellen. Da Manuel wusste, wie sehr der neue Papst alles Luxuriöse und Extravagante liebte, zog er mit Hanno, dem jungen Elefanten, genau den richtigen Trumpf. Leo liebte seine Elefanten abgöttisch. Er wurde verwöhnt und genoss jeden Sonntag die Bewunderung der ganzen Stadt, die nach dem strengen und kriegerischen Vorgänger Julius II. endlich wieder eine Zeit der Lebensfreude anbrechen sah. Hanno war der Superstar unter den Exoten in Rom, deren Zahl Leo beträchtlich vermehrte. Dann aber, am 8. Juni 1516, brach das Unglück herein. Schon tagelang wirkte „Annone“ kränklich und lustlos. Er litt unter Atemnot und Verstopfung.  Den medizinischen Kenntnissen der Zeit entsprechend wurde er wie ein Mensch behandelt und mit reichlich Abführmittel vollgepumpt. Die wiederum waren, da man an die bessere Wirkung glaubte, mit ordentlich Gold versetzt, was aber letztlich zum qualvollen Ende des geliebten Haustieres führte. Papst Leo soll lange getrauert und geweint haben. Er hat Hanno geliebt wie ein Mitglied seiner Familien. Die Geschichte mag zum Schmunzeln animieren, aber sie ist nicht ganz fern von der Wirklichkeit vieler Menschen in unseren Tage. Viele lieben ihre Tiere wie Mitmenschen oder manchmal sogar noch mehr als Menschen. Nicht nur, dass der Hund zum besten Freund des Menschen erklärt wird, Katzenbilder überfluten die sozialen Medien. Ratten, Schlangen und andere Reptilien werden wie Haustiere gehalten und verwöhnt. Die Liebe zu Tieren treibt mitunter so seltsame Blüten, dass sie einem die Tränen vor Lachen in die Augen treiben können, wenn z.B. Hundefrisöre Dackel mit Dauerwellen stylen oder die Vierbeiner für ein Wochenende ins Hundehotel mit Beauty- und Spa-Bereich einziehen dürfen.

Nicht nur Papst Leo war äußerst tierlieb, auch Päpste des 20. Jh. genossen das Zusammensein mit Haustieren. Benedikt XV. nannte die vier Fische in seinem Aquarium seine „liebsten Freunde“, weil sie immer den Mund hielten. Pius XII ließ sich sogar für offizielle Fotos mit seinen beiden Kanarienvögeln „Hänsel“ und „Gretel“ ablichten.

„Haustiere lieben“ macht auch sonst so fern wirkende Kirchenmänner sympathisch und menschlich. Wer Tiere liebt, so sagt man, kann kein schlechter Mensch sein. Und man sollte dem misstrauen, der keine Tiere mag. Auch so einen Facebook-Weisheit, die gerne verbreitet wird.
Aber müssen wir Tiere lieben? Und wenn ja, was heißt das für unser Verhalten? Wen wir lieben, den essen wir doch nicht auf?

In den Lesungen hören wir heute von den Grundpfeilern unseres Glaubens. Jesus schärft mit Rückgriff auf die Überlieferung Israels das ein, was wirklich zählt, nämlich Gott zu lieben und den Nächsten zu lieben wie sich selbst. Das ist keine christliche Erfindung. Diese Gedanken sind bereits Mittelpunkt der Tora, des Gesetztes der Volkes Israel. Aber nirgends werden Tiere erwähnt. Gott und die Menschen lieben, das ist der Kern. Ist Tierliebe nur eine nette Eigenschaft, die manchmal zur Leidenschaft wird, oder umfasst das Grundgesetz unseres Glaubens vielleicht doch mehr als nur Gott und Menschen?

Gerade Papst Franziskus hat seit dem ersten Moment seines Pontifikats immer wieder die Verpflichtung zur Liebe der Schöpfung angemahnt als Grundpflicht der biblischen Überlieferung.

Für ihn ist die Schöpfung nicht nur Natur und Umwelt, also mit geographischen oder naturwissenschaftlichen Begriffen verstehbare und erforschbare Objekte. Wenn Gott alles erschaffen hat, wie die Bibel überliefert, dann gibt es „nichts so Kleines oder Armseliges, das nicht diesen göttlichen Ursprung in sich trägt.“ Der Mensch übernimmt als Träger des Geistes Gottes, so Franziskus, eine besondere Verantwortung für die Schöpfung als Geschenk Gottes, und damit für alles, was lebt in Flora und Fauna.

Gott lieben wir auch in seiner Schöpfung, die wir behüten und bewahren, nicht ausbeuten, zerstören oder missbrauchen. Als Mensch stehen wir zwar nach biblischer Überlieferung über den Engeln, aber wir gehören weiterhin zur geschaffenen Wirklichkeit. Wir sind als nicht über der Schöpfung, sondern Mitgeschöpfe. Wer seinen Nächsten lieben will, muss ihn auch in der Erde, die aufschreit, und in den gequälten Tieren erkennen.

Für Papst Franziskus, der mit Blick auf die Schöpfung immer wieder vom „gemeinsamen Haus“ spricht,  fußt das menschliche Dasein auf drei grundlegenden Beziehungen:

  • Der Beziehung zu Gott, unserem Schöpfer,
  • der Beziehung zu unseren Mitmenschen weltweit
  • und der Beziehung zu Umwelt, Pflanzen, Tieren und Natur.

Schon die Bibel beklagt, dass der Mensch die Harmonie zwischen diesen drei Beziehung enzerbrochen hat und es nun der Auftrag aller Menschen ist, diese Harmonie wiederherzustellen.

In seiner Antrittspredigt hat Franziskus es in den kurzen Satz gefasst: „Hüten wir Christus in unserem Leben, um die anderen zu behüten, um die Schöpfung zu bewahren!...Im Grunde ist alles der Obhut des Menschen anvertraut, und das ist eine Verantwortung, die alle betrifft. Seid Hüter der Gaben Gottes!“

Was heißt das nun? Lieben wir Tiere, wenn wir unseren Dackel verwöhnen und mit Pralinen füllen? Oder verlangt die Tierliebe nicht sogar einen radikalen Bruch mit unserem bisherigen Verhalten, z.B. den völligen Verzicht auf das Essen von Fleisch? Ich denke, dass wir so weit nicht gehen müssen. Paulus mahnt im Römerbrief (Röm 14,3): Wer Fleisch isst, verachte den nicht, der es nicht isst; wer aber kein Fleisch isst, richte den nicht, der es isst. Denn Gott hat ihn angenommen.

Zunächst einmal kennt die Bibel den Gedanken der Nachhaltigkeit nicht, weil sie in einer Gesellschaft entsteht, in der es Überfluss oder den Raubbau an Ressourcen nicht gibt. Fleisch war nur  ein seltener Genuss auf den Tellern, zumeist bei Festen. Jesus scheint damit auch kein Problem gehabt zu haben. Er selbst feiert Pessach, so wird es uns in den Abendmahlsberichten überliefert. Dazu gehört ein Lamm. Ich gehe nicht davon aus, dass er und die Jünger es nur angeschaut haben. In seinem Gleichnis vom Barmherzigen Vater drückt sich die Freude über die Rückkehr des verlorenen Sohnes im Befehl des Vaters aus, das Mastkalb zu schlachten. Der biblische Mensch kennt den Verzehr von Fleisch, aber es war ein rares Vergnügen.

Daran erinnern sich manche von uns auch noch: Fleisch kam nur selten in ihrer Kindheit und Jugend auf den Tisch und oft war es mehr Beilage als Hauptbestandteil. Ältere erzählen mir mitunter, dass das größte Stück vom Sonntagsbraten oft dem Vater vorbehalten war und man selbst mehr Gemüse und Kartoffeln abbekam.

Sicher drückt auch heute unsere Einstellung zum Essen und zum Verzehr von Fleisch unsere Achtung vor der Würde des Lebens eines Tieres aus.

Die grausigen Fotos aus Schlachthöfen, die wir gerade auch in den letzten Monaten in den Nachrichten sehen mussten, haben viele Menschen nachdenklich gemacht. Wir wissen, dass dies nur möglich ist, weil der Verbraucher möglichst billiges Fleisch haben möchte. Es gehört zu unserer Verantwortung zu fragen, wo unser Essen herkommt und wie es hergestellt wird. Ich bin überzeugt, dass Metzger und Tierhalter in unserer Region sich dieser Verantwortung mehr stellen als industrielle Produzenten, die Fleisch wie „Rohstoffe“ handeln.

Gott in seinen Geschöpfen zu lieben, heißt dann auch, die Augen nicht zu verschließen vor missbräuchlichen Formen der Tierhaltung oder der Fleischproduktion. Auch das Tier, dessen Fleisch wir essen, hat ein Recht, in Würde zu leben und zu sterben. Das aber hat viel mit unserer Einstellung und unserem Verhalten zu tun.


Einen sehr interessanten Vorschlag hat der aus Kitzingen stammende Moraltheologe, Michael Rosenberger gemacht. Der Professor an der Universität Linz schlägt für einen respektvolleren Umgang mit den Geschöpfen Gottes vor, den Fleischkonsum auf ein Viertel des bisherigen Jahresverbrauch zu reduzieren, also von ca 60kg jährlich auf rund 15Kg. Als Weg schlägt er dabei u.a. die kirchliche Tradition vor, die ja ganze Wochen des Fleischverzichtes kennt und darüber hinaus, daran erinnern  sich auf einige noch, zwei Tage in der Woche, meist Mittwoch und Freitag, ohne Fleischverzehr. Rosenberger rechnet aus, dass in der kirchlichen Tradition rund 1/3 aller Tage im Jahr fleischlos waren. So wurde und würde auch heute deutlich, dass Fleisch etwas „Besonderes“, etwas „Wertvolles“ ist. Unsere Ernährung würde, so seine Meinung, gesünder und klimafreundlicher.

Christen können Gott und die Geschöpfe lieben und zugleich Fleisch essen, wenn sie sich für eine gute Tierhaltung mit allen Konsequenzen stark machen. Das beruhigt nicht nur unser Gewissen. Papst Franziskus hat geschlossen, dass die Gleichgültigkeit oder die Grausamkeit gegenüber den anderen Geschöpfen dieser Welt sich letztlich immer irgendwie auf die Weise übertragen, wie wir die anderen Menschen behandeln.

In einer seiner Generalaudienzen am Anfang seines Pontifikates erzählt er von einem sehr klugen Landwirt, der deutlich macht, dass die Liebe und Achtsamkeit gegenüber jedem Leben auch eine Überlebensfrage ist:
„Er sagte zu mir: Wir müssen diese schönen Dinge bewahren, die Gott uns gegeben hat; die Schöpfung ist für uns  da, damit wir guten Nutzen aus ihr ziehen; nicht um sie auszubeuten, sondern um sie zu bewahren, denn Gott vergibt immer, wir Menschen vergeben manchmal, aber die Schöpfung vergibt nie, und wenn du sie nicht bewahrst, wird sie dich zerstören.“

Wenn in uns der Geist Gottes wirklich wirkt, dann müsste diese Einsicht uns Christen ganz selbstverständlich leiten, wenn wir Gott und den Nächsten lieben wollen. Amen.

­