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Predigt 4. Advent 2022 - „Karl, der Retter, ist da?“

4_2021_Karl_der_Retter_ist_da.pdf

Liebe Schwestern und Brüder

 

wieder gibt es eine neue Anweisung im Zuge der Bekämpfung der Corona-Pandemie: Die deutschen Bischöfe haben entschieden, dass in diesem Jahr am Heiligen Abend in allen Feiern das beliebte Weihnachtslied „Stille Nacht“ angepasst wird. Die zweite Strophe endet nun nicht mehr „Christ, der Retter, ist da“. Vielmehr lautet es 2021 in Dankbarkeit für die politische Weitsicht der neuen Regierung: „Karl, der Retter, ist da.“

Das ist natürlich von mir frei erfunden, aber beeindruckend war die Präsentation von Karl Lauterbach als neuer Bundesgesundheitsminister schon. Bundeskanzler Scholz hat es spannend gemacht. Bei der Vorstellung der SPD-Ministerinnen und - Minister im Willy-Brand-Haus warteten die versammelten Journalisten und angeblich auch die gesamte deutsche Öffentlichkeit nur auf eine einzige Personalie. Und so sprach der Bundeskanzler am Nikolaustag die erlösenden Worte:

"Und deshalb haben sich, anders kann man das gar nicht sagen, bestimmt die meisten Bürgerinnen und Bürger dieses Landes gewünscht, dass der nächste Gesundheitsminister vom Fach ist, es wirklich gut kann und dass er Karl Lauterbach heißt. Er wird es." (Tagesschau v. 6.12.2021)

Die Presse feiert den „Neuen“, mit dem jetzt alles besser wird. Die ZEIT überschrieb einen langen Leitartikel über ihn mit „Karl, der Große?“ Sogar die Bildzeitung titelte vor zwei Tagen angesichts der von Lauterbach prognostizierten Knappheit von Impfstoffen die optimistische Schlagzeile: „Karl klotzt ran!“ Einen Tag später hat dann die gleiche Zeitung in Frage gestellt, ob die Rechnung von Lauterbach überhaupt stimmt. Macht nichts. Seit Lauterbach Bundesgesundheitsminister ist, sinkt die Inzidenz. Das Virus ist nicht nur auf dem Rückzug, es befindet sich ja gleichsam auf der Flucht. Sind wir ehrlich: Wir haben es schon immer geahnt, dass nur mit ihm alles besser werden kann. Hochgepriesen hat der neue Gesundheits-minister einen Start hingelegt, an den kein anderer ran kommt. Oder doch?

 

Der erste Auftritt Jesu als Retter der Welt ist auch nicht schlecht. Seine Größe und Bedeutung ahnt schon ein Kind im Mutterleib, der Täufer Johannes. Zugegeben, dass es ein sehr kleiner und intimer Kreis ist, der heute das Kommen des Retters feiert. Auch wenn es keine Boulevard-zeitung mit Millionenauflage gibt, ist die pränatale Erkenntnis des Täufers über Jesus schon einmalig. Angeblich wusste Olaf Scholz schon mit 12 Jahren, dass er Kanzler wird, und Karl Lauterbach war auch schon lange als Gesundheitsminister im Gespräch, aber vorgeburtlicher Bedeutungs-zuspruch lässt sie dann doch neidisch erblassen.

Ohne Zweifel erzählt Lukas uns heute kein Märchen und keine Propagandastory. Dafür gibt es definitiv zu wenige Augenzeugen, die die Begegnung zwischen Maria und Elisabeth ausschmücken könnten. Wir müssen wohl annehmen, dass hinter dieser kleinen Erzählung eine Familientradition steht, die schon lange im kleinsten Kreis des engsten Umfeld Jesu weitergegeben. Dennoch knüpft das Erzählte an menschliche Erfahrungen des Mutterwerdens an.

Elisabeth ist nach dem Engelswort im sechsten Monat. Wir wissen heute, dass ab der 20. Schwangerschaftswoche das noch nicht geborene Kind auf das Befinden der Mutter reagiert. Sicher haben alle Mütter noch die Bewegungen ihres Kindes im Mutterleib in lebendiger Erinnerung. Wenn die Mutter freudig gestimmt ist, dann überträgt sich das auf das Kind in ihr. Das „Hüpfen“ des Kindes ist zunächst ein ganz natürlicher Vorgang. Die Freude Elisabeths überträgt sich auf ihr Kind. Aber ganz normal ist ja nichts in diesem Evangelium. Denn Lukas schildert uns die Worte der älteren Elisabeth so, dass das Hüpfen des Kindes vorausgehen und zum Auslöser für Elisabeths Freude und ihre prophetischen Worte werden. Das Kind in ihr regt sich, weil es schon erkannt hat, wer da kommt: Der Retter der Welt, den er später am Jordanstrand verkünden wird.

Der heilige Ambrosius hat diese beiden Ebene der Begegnung pointiert zusammengefasst:

Als Elisabet den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leib. Da wurde Elisabet vom Heiligen Geist erfüllt Sieh auf die unterschiedliche Bedeutung und die Eigenart der einzelnen Wörter! Die Stimme hörte zuerst Elisabeth, aber Johannes spürte zuerst die Gnade. Jene hörte nach der Ordnung der Natur, dieser hüpfte auf Grund des Geheimnisses. Jene fühlte die Ankunft Marias, dieser die Ankunft des Herrn.“ (Ambrosius von Mailand)

 

Die tieferliegende Absicht des Heiligen Lukas ist natürlich diese erste Begegnung zwischen dem Herrn und seinem Propheten als ein Ereignis des geheimnisvollen und verborgenen Erkennens zu überliefern. Sie werden sich erstmals bei der Taufe im Jordan von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen. Der große Regisseur wird der Heilige Geist sein, der die vier Personen miteinander verbindet. Er kommt herab auf Maria bei der Verkündigung in Nazareth und auf Jesus bei der Taufe am Jordan. Elisabeth und Johannes erfüllt er mit der Kraft der Erkenntnis. Lukas konzipiert die Szenerie sehr genau und macht damit auch die Bedeutungs-unterschiede zwischen Maria und Jesus auf der einen Seite und Elisabet und Johannes auf der anderen Seite deutlich. Das heutige Evangelium bildet mit dem weggelassenen „Lobgesang“ Mariens die Mitte der Kindheitserzählungen des Lukas. Ganz ohne Zweifel ist der Höhepunkt die Geburt Jesu und noch mehr die prachtvoll inszenierte Verkündigung der Geburt durch die Engel, aber schon hier schafft Lukas eine pränatale Begegnung zwischen Jesus und Johannes, die eigentlich jedem wachen Leser schon erahnen lässt, welches große Wunder Gott in der Welt vollbringen wird.

Die Zuspitzung auf Jesus und Johannes macht Maria und Elisabeth aber nicht zu Statistinnen oder einem schmückenden Rahmen für das eigentliche Zentrum. Beide Frauen sind Modelle des Glaubens und des Gottvertrauens und haben so ihren eigenen Wert. Ihr Weg ist unterschiedlich. Die Mutter des Täufers, Elisabeth, wird nicht direkt vom Engel angesprochen. Vielmehr tritt Gabriel vor ihren Mann Zacharias im Tempels und verkündet die Geburt. Elisabeth und Zacharias sind alt und beide Abkömmlinge der Priesterklasse Israels. Sie tragen angesichts des nicht erfüllten Kinderwunsches viele Enttäuschungen mit sich. Jetzt ist es zu spät. Die Natur steht dagegen. Gott aber wird sich als der souveräne Schöpfer zeigen und die Regel der Biologie außer Kraft setzen. Wer, wenn nicht er hat dazu die Macht und das Recht? „Für Gott ist alles möglich“, so die Erfahrung der Elisabeth im hohen Alter.

Auf der anderen Seite Maria, eine junge Frau, ja noch ein Mädchen, verlobt, aber noch nicht verheiratet. Wahrscheinlich aus einfachen Verhältnissen und platziert in einem Dorf, Nazaret, von dem bis dahin noch kein biblisch bewanderter Mensch je gehört hatte. Sie, nicht Josef, ist bei Lukas die Adressatin der Engelssendung. Nicht im Tempel, im Zentrum des Glaubens, wird der Engel ihr gegenübertreten und die Geburt des Kindes verkünden, sondern in diesem abgelegenen Ort mit schlechtem Ruf. Die Schwangerschaft ist nicht biologisch unmöglich, aber gesellschaftlich und sozial undenkbar. Maria wird den Namen des Kindes „Immanuel“, „Gott ist mit uns“, nicht nur in der Schwangerschaft, sondern ein ganzes Leben erfahren und bedenken.

Zwei Frauen begegnen sich. Auf der einen Ebene verkörpern sie eine fast schon alltägliche Erfahrung: Die Nachricht von der Schwangerschaft macht sie offen für das Geheimnis des Lebens als göttliches Geschenk. „Mit Kindern zieht Gott ins Haus“, hat eine Theologin einmal ihre eigene Erfahrung resümiert und viele können diesem Wort wohl zustimmen.

Aber die beiden Frauen, die in je eigener Weise mit Gottes unmöglichen Möglichkeiten ihre Erfahrungen gemacht haben, werden zu Modellen eines zuversichtlichen Glaubens für alle, die den Weg zu Christus finden. Zum einen stehen bei ihnen nicht die Sorgen, sondern die Freude im Vordergrund. Grund zur Nachdenklichkeit und zum Ängstigen hätten sie genug: Elisabeth steht im sechsten Monat einer „Risikoschwangerschaft“. In unseren Tagen wäre sie Stammgast (Stammgästin) im Wartezimmer ihrer Frauenärztin. Maria ist sich wohl im Klaren, dass ihre „ungewollte“ Schwangerschaft im Dorf für ausreichend Gesprächsstoff für Jahre sorgen wird. Noch später werden sich Dorfbewohner zuflüstern, dass das damals sehr eigentümlich war mit Maria und ihrem Verlobten: „Man sagt ja nichts, man redet nur.“ Beide aber erscheinen vor uns als zuversichtliche und fröhliche Adventsgestalten. Sie sind unsere Antwort auf die Anfrage, die der große Religionskritiker Friedrich Nietzsche den Christen ins Stammbaum geschrieben hat: „Bessere Lieder müssten sie mir singen, dass ich an ihren Erlöser glauben lerne. Erlöster müssten mir seine Jünger aussehen.“ Sie verkörpern die Grundhaltung der Erlösten. Sie gehen aufeinander zu, suchen Nähe und werden einander zur Stütze. Sie singen fröhliche Lieder, Maria das Magnificat, Elisabeths Mann das Benedictus. Elisabeth aber kommt die Ehre zu, Worte zu finden, die Eingang in unseren täglichen Gebetsschatz gefunden haben: „Gebenedeit, gesegnet, ja selig bist du unter den Frauen“ „Gebenedeit“ greift das lateinische Wort für „segnen“ „benedicere“ auf und deutet es im ursprünglichen Sinn „gut sprechen“ über andere. Erlöste Christen sprechen gut über andere, räumen ihnen eine Chance ein und ermutigen zum Vertrauen in Gott bei allen Wagnissen des Lebens.

Schließlich erstaunt uns das Tun Mariens. Anders als Elisabeth, die sich nach der Bibel, zunächst monatelang zurückzieht, macht sie sich sofort auf den Weg. Die Begegnung mit dem Engel setzt nicht nur in ihr etwas in Gang, sondern schickt sie selbst auf den Weg. Wer Christus zu den Menschen bringen will, muss ihn in sich tragen. Das Segenswort der Elisabet über Maria „Selig ist die, die geglaubt hat, was der Herr ihr sagen ließ“ wird im 11. Kapitel ausgeweitet durch Christus selbst, wenn er sagt: „Selig sind die, die mein Wort hören und es befolgen.“ Damit spricht er nicht Maria das „Gnadenprivileg“ ab, aber er öffnet es zum Weg für alle Menschen. Wie Maria sollen auch wir Menschen sein, die sich Gott zur Verfügung stellen und Christus zu den Menschen bringen mit frohen Mut und voller Vertrauen.

Ich erinnere mich an die eindrucksvollen Worte, die Christa Seitz und Isabel Schürr vor einigen Tagen in der Rorate, in der wir die Begegnung zwischen Maria und Elisabeth betrachtet haben, gefunden haben. Die Schwangerschaft verbindet zwei Frauen, lässt sie Gefährtinnen des Schicksals, aber auch Wegbegleiterinnen und Helferinnen im Glauben werden.

Ich bin überzeugt, dass Elisabet und Maria zu Modellen für uns werden, wenn wir nachempfinden und miterleben können, was Christa und Isabel bekannt haben:

Unsere Töchter Emma und Frieda sind im Abstand von nur 3 Tagen geboren, auf der – noch damals existierenden - Entbindungsstation im Lohrer Krankenhaus. Wir haben zusammen mit den Neugeborenen dort die Kommunion empfangen und für unsere Kinder gebetet. Das tun wir heute noch. Wir sind in tiefer Freundschaft und im Glauben verbunden.“ Amen

 

Sven Johannsen, Pfarrer

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