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Predigt 4. Fastensonntag 2021

Anja Jensen „Tatort“ – Jesus und die Ehebrecherin

Pfarrer Sven Johannsen, Lohr

(zu einem Bild von Anja Jensen)

Jensen_Tatort.pdf

Liebe Schwestern und Brüder

Haben Sie es auch gelesen, gesehen oder gehört: Das Interview von Meghan und Harry mit der US- Talkerin Oprah Winfrey? Man kam ja nicht daran vorbei. Nicht nur die Boulevardblätter haben es auf die Titelseiten gesetzt, auch seriöse Tageszeitungen wie die Süddeutsche oder die FAZ haben die berührenden Einblicke in das Seelenleben der Herzogin von Sussex prominent platziert. Und wäre unser „Bundesjogi“ mit seinem Rücktritt nicht dazwischen gegrätscht, dann wäre es wohl das Wochenthema geworden.
Haben Sie den beiden „Exilanten“ geglaubt? Das Leiden an der Gefühlskälte in Buckingham Palace, an der Überwachung durch die britische Presse und v.a. am Rassismus in der englischen Königsfamilie. Das war der wirkliche Schock. Da wurde sich Gedanken gemacht, welche Hautfarbe das erste Kind haben wird. Das ist doch skandalös. Wer sagt denn so etwas? Oder glauben sie ihnen die geschilderte Seelennot nicht? Warum?

Weil Meghan Amerikanerin ist?

Weil es so viele negative Gerüchte über ihren Umgang mit Angestellten gibt?

Weil sie eine Schauspielerin ist und die doch alles, was die Presse wünscht, sagen aus Gründen der Publicity?

Weil Sie Herzogin Kate so sympathisch finden und sich nicht vorstellen können, dass vielleicht sogar sie sich an solchen diskriminierenden Gesprächen beteiligt habe könnte?

Weil Sie grundsätzlich der Überzeugung sind, dass im englischen Königshaus so etwas nicht passiert?

Natürlich wissen wir nicht, was wirklich vorgefallen ist und ob alles so stimmt, wie es dargestellt wird, aber eine merkwürdige Stimmung des Zweifelns liegt in der Luft. Und dafür gibt es viele Gründe, nicht zuletzt unsere ganz persönliche Einstellung zum britischen Königshaus und zu Hollywood.

Vielleicht sind Sie aber auch der Meinung, dass man dazu überhaupt keine Meinung haben kann. Reden wir also doch lieber über Jogi Löw? Dazu kann jeder ein Urteil fällen, weil wir ja alle Bundestrainer sind.

Tatsächlich aber werden wir doch in vielen Situationen subtil gezwungen, uns ein Urteil zu bilden über einen Sachverhalt, den wir gar nicht genau umreißen können. Wir verurteilen Menschen oder sprechen frei, ohne nachforschen zu können, was wirklich passiert ist. Letztlich ist die Basis unseres Urteilens oft nur meine Sympathie oder Antipathie gegenüber einer Person oder Institution. Dabei fühlen sich viele verständlicherweise nicht wohl. Es ist doch sogar gut, wenn ich merke, dass ich da auch ein wenig gezwungen werde, eine Rolle einzunehmen, die ich gar nicht ausfüllen will und kann.

Letztlich wird Jesus von der Gruppe der Ankläger genau in eine solche Rolle als Richter gezwungen. Er kennt natürlich das Gesetz des Moses, aber er weiß nichts über die Umstände.

Wer wurde betrogen?  Wurde Gewalt angewendet?  War es ein Einzelfall?  Stellte man ihr eine Falle?

Natürlich machen alle diese Einschränkungen ein Unrecht nicht zum Recht,  aber es beeinflusst doch die Sicht auf die Vorgänge. Jesus soll ohne verlässliches Wissen urteilen. Und diese Rolle lehnt er ab. Das Beklemmende und Verlogene dieser Situation ist aus der Schilderung spürbar und es lässt sich schnell aus einigen Bemerkungen erkennen, dass es hier nicht um Gerechtigkeit  oder gar um den Willen Gottes geht.
Es gibt in der Bibel keinen Automatismus von „Ehebruch“ und „Steinigung“. Denken Sie an die Geschichte von König David und Batseba, der Frau des Urija. Das war Unrecht und Gott bestraft den David, aber gesteinigt wurde er nicht. Es gibt sogar einen biblischen Fall, Tamar, die bereits verlobt war, in dessen Kontext der Ehebruch zur Zeugung von Nachkommen legitimiert wird (Gen 38).
Die Frau steht allein als Angeklagte da. Das jüdische Recht zur Zeit Jesu sah die Schuld aber auf beiden Seiten. Beide sind nach der Vorschrift im Buch Levitikus zu verurteilen. Wenn man auf den beteiligten Mann verzichtet, dann setzt man sich ins Unrecht. Außerdem verlangt das biblische Recht zwei Zeugen, damit die Todesstrafe überhaupt verhängt werden konnte. Die selbstverständlich mit der Tat verbundene Heimlichkeit dürfte das in diesem Fall aber äußerst schwer machen.
Schließlich ist das Strafmaß in der Wirklichkeit völlig absurd. Die Römer hätten nicht zugelassen, dass die Einwohner Jerusalems Selbstjustiz üben. Todesstrafen verhängen sie allein und die römische Vorstellung von ehelicher Treue ist bekanntlich ein sehr delikates Thema.
Hier geht es nicht um Gott oder gar um das Recht. Hier wird ein Mensch vorgeführt und bloßgestellt. Die Frau ist wahrscheinlich nicht unschuldig, aber ihre Schuld wird so ausgebreitet, dass an ihr ein Exempel statuiert werden kann. Ein Mensch wird in die Öffentlichkeit gezerrt, um für andere Zwecke missbraucht zu werden.

Jesus erweist sich als kluger Beherrscher der Szene. Er antwortet nicht sofort. Zuerst fordert er von den Anklägern, nachzudenken über sich selbst. Strenge gegen andere Menschen kann nur der üben, der auch streng gegen sich ist. Und daran scheitert es meist. Viele Ankläger können genau und eng die Schuld des anderen Menschen definieren, aber im Blick auf sich selbst führen sie viele Gründe zur Entschuldigung ins Feld. Aber Jesus stellt jetzt nicht seinerseits einfach die Ankläger bloß, er fordert auch von der Frau Umkehr und Veränderung des Verhaltens. Er relativiert nicht einfach ihre Schuld im Angesicht der Bosheit ihrer Gegner. Zu Recht beschützt er sie gegen Übergriffe, die sie verzwecken und skrupellos auf dem Altar eigener Interessen opfern will, aber er rechtfertigt ihr Verhalten nicht, sondern fordert Veränderung von ihr

Familie Pearson hat mir für den heutigen Gottesdienst eine Arbeit der Fotografin und Künstlerin Anja Jensen (geb. 1966) überlassen. Man könnte meinen, dass es die Frau in genau dem Moment nach den dramatischen Ereignissen zeigt. Die Ankläger sind weg. Auch Jesus ist gegangen. Sie steht alleine da, noch immer regungslos und erstarrt von der Wucht des Hasses und der Schande, die über sie hereingebrochen sind. Anja Jensen setzt in ihren Arbeiten eine Lichtquelle ein, die unsichtbar aus der Höhe in grellem Licht einen Menschen einfängt. Es entsteht das Szenario des Ertapptseins und Überwachtwerdens. Ein Mensch gerät plötzlich in den Fokus einer Öffentlichkeit, die ihn ins Verhör nimmt. Allein steht sie da. Blicke starren sie an. Sie hat keine Möglichkeit, sich zu verbergen, ist also ausgeliefert der Lust und Wut der Ankläger, die sie auf frischer Tat ertappt haben. Sie lehnt sich an ein Glashaus. Die gedankliche Brücke ist klar: „Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen.“ Das Gewächshaus ist die Anklage gegen die Ankläger, die nicht besser sind. Graue Steine und kaltes Licht lassen noch die Hinterlist erkennen von Menschen, denen es nicht um Recht geht, sondern die die Würde des Menschen mit Füßen treten, weil sie ihn zum Spielball ihrer Interessen machen. Menschen werden vorgeführt, um sich selbst als besser zu präsentieren, sie werden bloßgestellt, um von eigenen Fehlern abzulenken, und sie werden verurteilt, um die eigene Selbstgerechtigkeit zu bedienen.

Dann aber ist das Bild von Anja Jensen keine Polemik gegen eine religiöse Gruppe vor 2000 Jahren, sondern eine aktuelle Anfrage, wo Menschen die Würde des Menschen missachten aus niederen Gründen, indem sie sie in der Öffentlichkeit demütigen.

Es ist heute im Interesse der Öffentlichkeit, dass verborgene Skandale von den Medien aufgedeckt werden. Aber es ist nur ein schmaler Grat zwischen berechtigter Enthüllung und Verletzung der Würde einer Person. Das Leben von Prominenten wird ins Rampenlicht der Öffentlichkeit gezerrt in der Meinung, dass man ein Recht auf Information habe oder noch schlimmer, dass die „öffentlichen“ Menschen sogar daran interessiert sind, dass ihre Skandälchen, Flirts und Exzesse ausgebreitet werden vor Millionen von Menschen. Das „Wie“ ist egal, Hauptsache ist doch, „dass“ man wahrgenommen wird. Das erhöht den Marktwert. Aber immer mehr Prominenten wehren sich dagegen und schildern, wie sehr sie und ihre Familien leiden unter dieser Neugier bis in ihr Privatleben. Wir leben in einer Zeit, in der alles öffentlich wird und oft genug Menschen ins Rampenlicht gezwungen werden, damit man mit dem Finger auf sie zeigen kann. Das geschieht nicht nur Prominenten, sondern auch Menschen, die gerne zurückgezogen leben.
Menschen werden auch in unseren Tagen gemobbt und gedemütigt von anderen Menschen, die sich auf ihre Kosten profilieren. Es erschreckt, wenn wir im letzten Dezember in einer Studie des Bündnisses gegen Cybermobbing lesen mussten, dass nicht nur der Schulunterricht sich ins Internet verlegt hat, sondern auch das Mobbing gegen Jugendliche. Die Opfer werden immer mehr und jünger. Rund zwei Millionen Schülerinnen und Schüler geben an, schon von Mobbing betroffen gewesen zu sein. Besonders in der Pubertät werden viele Jugendlichen mit der Erfahrung konfrontiert, dass sie von anderen beleidigt, bedroht oder ausgegrenzt werden. Rund ein Viertel der Jugendlichen in dieser Altersstufe mussten erleben, dass sie im Internet, auf WhatsApp und anderen sozialen Medien angegriffen werden. Da finden sich Beleidigungen über das Aussehen, das Gewicht, die Kleidung oder Beziehungen, Beschimpfungen,  Hasskommentare, verweigerte Likes zu Posts oder sogar anonyme Morddrohungen. Zu Chatgruppen oder Feiern werden sie nicht eingeladen. Es werden Lügen und Gerüchte verbreitet oder unangenehme Fotos weitergeleitet. Gerade in einer Altersstufe, in der sich viele Schülerinnen und Schüler darüber definieren, wie andere sie sehen, sind auch negative Äußerungen über ihr Aussehen besonders schmerzlich. Es setzt sich im Internet nahtlos und oft noch ungebremster fort, was manche Jugendliche schon auf dem Schulhof erdulden musste. Jungen Menschen geraten in den Blick einer Menge, die sie bloßstellen und ihnen jegliches Selbstbewusstsein und Gefühl für Selbstwert nehmen will. Das trifft Menschen in der Entwicklung, die stark angewiesen sind auf Anerkennung, oft so hart, dass sie therapeutische Hilfe brauchen. Mitunter münden solche furchtbaren Umtriebe in Verzweiflungstaten.

Vor wenigen Tagen hat die ZEIT den Scheinwerfer umgedreht, weg von den Opfern hin zu den Tätern. Ein Redakteur, heute Mitte Dreißig, erinnert sich, dass er als 15jähriger zusammen mit Freunden einen anderen Schüler mobbte. Er fragt sich heute selbst, warum er so grausam war, schreibt dem Schüler einen Brief, auf den er keine Antwort bekommt, fragt Mitschüler, Lehrer und Experten. Seinen Artikel überschreibt er „Das Monster in mir“.(https://www.zeit.de/campus/2021/02/mobbing-schule-jugendliche-gruppenzwang-gewalt-psychologie) Es war nicht die Spannung zwischen den „coolen“ Kids und einem pickligen, unmodisch gekleideten Außenseiter. Beide sind relativ „normal“. Immer mehr wird ihm klar, dass er selbst unsicher und sein Selbstwertgefühl labil waren. Die Ausgrenzung und Demütigung eines Einzelnen sichert ihm die Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Er schreibt die erschreckenden Worte:

Mit Peter war das anders. Da habe ich es genossen, ihn leiden zu sehen. Ich liebte es, wenn alle über ihn lachten, und ich fühlte mich stark, wenn ich ihn schlug. Das Gefühl, als Teil der Gruppe anerkannt zu werden, war nie so stark wie in den Momenten, in denen ich vor ihren Augen seine Würde verletzte. Das ist das Monster in mir. Kann es wieder ausbrechen?

Es gehört zu einer Gruppe, dass sie sich gegen andere abgrenzen will und dass es sie stärkt, einen anderen auszuschließen. Je stabiler und reifer eine Gruppe im Inneren ist, um so mehr kann sie aber auch andere leben lassen. Je schwächer sie ist, um so mehr wird sie versuchen, andere zu Sündenböcken oder Opfern zu machen. Der Autor wird sich immer klarer darüber, dass er genügend Sozialkompetenz hatte, sich einer Gruppe anzuschließen, aber immer in der Angst lebte, dass die Stimmung sich jederzeit gegen ihn wenden kann und er selbst ausgegrenzt wird. Da bietet sich ein gemeinsames Opfer an. Die Aggression gegen den Schwächeren verbindet und sichert den eigenen Platz in der Gruppe.

Schulen haben heute Mechanismen der Beratung, Psychologen sind an ihnen tätig und die Lehrer sind ausgebildet, wahrzunehmen und einzugreifen. Dennoch geschieht es weiterhin, weil weder die Täter noch die Opfer „typisch“ sind. Es braucht keinen ausschlaggebenden Grund. Das Gefühl „Er / Sie hat es verdient“ ist eine ganz persönliche Legitimation, die von keiner Öffentlichkeit geteilt werden muss. Das trifft nicht nur Jugendliche. Es geschieht in unseren Arbeitsstellen, in unserer Nachbarschaft und in unseren Vereinen.


Der Blick auf die heutigen Täter zeigt, dass wir zu kurz greifen, wenn wir die Ankläger im Evangelium als typische Heuchler und „Pharisäer“ im negativen Sinn abstempeln. In die Falle, sich zum Ankläger und Richter in einer Person zu machen, kann jeder tappen. Daher ist die Art des Konfliktmanagments Jesu auch ein Leitsatz für unser Verhalten. In so vielen Situationen werden wir gezwungen, Urteile zu fällen. Bevor wir es tun, ist es gut sich der Aufforderung zu stellen: „Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.“

Unrecht muss benannt und verändert werden, aber unsere eigene Einschätzung als fehlbare Menschen wird uns helfen, nicht ohne Barmherzige auf andere Menschen zu schauen. Amen.

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