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Predigt 5. Sonntag im Jahreskreis
„Christus anziehen“

5_Christus_anziehen_2022.pdf

Liebe Schwestern und Brüder

 

Da war Lukas wohl in seinem Evangelium etwas zu schnell: Am Ende heißt es bei ihm einfach: „Und sie zogen die Boote an Land, verließen alles und folgten ihm nach.“

Hat der Evangelist nicht einige Details übersprungen? Wahrscheinlich war es doch eher so:

Sie zogen die Netze an Land. Dann gingen Simon, Johannes und Jakobus zurück in ihre Häuser. Die beiden Zebedäussöhne legten die rote Soutane an und setzten das Kardinalsbirett auf. Petrus suchte im Kleiderschrank zur gleichen Zeit die weiße Soutane, band den breiten Seidengürtel um die Hüften, legte das goldene Brustkreuz um den Hals, warf die pelzbesetzte Mozetta um die Schultern, rückte das weiße Käppchen, den Pileolus, auf dem Scheitel gerade und überlegte, ober er noch den roten Saturnino, den klassischen Hut der Stellvertreter Christi aufsetzen solle, verwarf es dann aber aus praktischen Gründen und machte sich, nicht ohne einen Blick in den Spiegel zu werfen, auf den Weg, um mit den beiden anderen Erstberufenen Kirchenfürsten wieder zum Ufer des Sees zurückzukehren, wo sie Jesus gebeten hatten, auf sie zu warten. Als sie ankamen, war Jesus aber nicht mehr da, weitergezogen, weil er keine Zeit verlieren wollte mit nebensächlichen Kleidungsfragen.

Zugegeben, diesen Ablauf habe ich erfunden. Lukas hat wohl doch richtig beschrieben, denn immerhin bestätigen auch Markus und Matthäus, dass die Jünger ohne gepackten Koffer Jesus nachfolgten. Wahrscheinlich haben sie schon mit ihren Familien über ihren Entschluss geredet, immerhin folgt ja auch die Frau des Petrus, aber Kleiderfragen dürften wohl keine Rolle gespielt haben. Aber wie erkannten dann die Menschen in den Dörfern und Städten Galiläas, dass da der Sohn Gottes und seine Apostel kamen, wenn Jesus kein strahlend weißes Engelsgewand trug, wie wir es mitunter auf Gemälden sehen, und die ersten Apostel noch immer in ihrer Arbeitskleidung als Fischer steckten? Sicher nicht an ihrem Äußeren. Die Evangelisten werden nicht müde, zu berichten, dass Jesu Worte und Taten die Menschen in Erstaunen setzen, sie berühren, verändern und dazu bringen, für ihn alles aufzugeben. Wir hören sehr wenig über Jesu Modegeschmack, aber wir dürfen sicher sein, dass er und die Jünger keine Berufskleidung trugen und in der Regel nicht auffielen unter der Menge, die ihn heute in ihrer Mittel am Ufer des Sees zu erdrücken scheint.

Ist dann irgendetwas schief gegangen im Laufe der Kirchengeschichte, wenn heute Bischöfe mit Mitra, Hirtenstab, goldbestickten Messgewändern und prunkvollen Kreuzen dem Gottesdienst vorstehen oder Vertreter der Kirche sich in schwarze, violette, rote und weiße Soutanen kleiden mit Bauchbinden in den verschiedensten Seidenschattierungen und Socken, die ihre Stellung anzeigen? Das ist ja ein beliebter Kritikpunkt an der Kirche. Erst vor kurzem konnten wir lesen, dass ein Mitbruder auf das Messgewand verzichten will, weil es seiner Meinung nach, ein Zeichen der Macht darstellt, auf die er verzichten will. Zum einen kann man in einem Amt nicht auf Macht verzichten. Sie ist automatisch mit einer Aufgabe verbunden. Auch der Hausmeister einer Turnhalle hat Macht, die man als Schlüsselgewalt bezeichnen kann. Es geht nicht um die Frage, ob Macht, sondern wie man mit ihr umgeht. Mir erscheint es fragwürdig, wenn Amtsträger beteuern, dass sie keine Macht haben wollen und dann Entscheidungen treffen, die sie vorher mit keiner Gemeinde abgestimmt haben.

Zum anderen aber könnte es sein, dass die Identifikation des Messgewands mit einem Machtsymbol nicht ganz den vollen Sinn von liturgischer Kleidung erfasst. Es ist richtig, dass der Ursprung der Kleidung, die ein Bischof, ein Priester oder Diakon trägt, im römischen Beamtenwesen liegt. Die frühen Christen haben keine „Amtstracht“ für ihre Vorsteher, noch nicht einmal den Fischerring für den Nachfolger des Apostels Petrus. Als aber die christliche Religion im römischen Reich nicht nur geduldet, sondern sogar bevorzugt wurde, war es eine natürliche Entwicklung, dass ihre Vertreter auch sichtbar wurden und die Festkleidung römischer Beamter übernahmen. Das war aber kein liturgisches Gewand, also auf Gottesdienste reduziert, sondern die Kleidung zu allen Anlässen. Wahrscheinlich hat sich daran kein Christ des 4. Jahrhunderts gestört, höchstens darüber, dass mancher Bischof damals schon der Versuchung erlag, gleicher als die Gleichen zu sein, und sein Gewand besonders aufwendig schneidern zu lassen. Ein eigenes liturgisches Gewand gibt es erst seit der Völkerwanderung mit dem Eindringen der germanischen Stämme, die eine neue Mode, nämlich dich Hosen für Männer, mitbrachten. Diesem neuen Kleidungstrend öffnete sich die Kirche nicht und blieb modisch in der letzten Saison hängen. Ein naheliegender Grund dürfte wohl darin zu finden sein, dass für die Kirche der neue Hosentrend nicht mehr das ausdrückte, was sie symbolisch mit ihrer Kleidung verband. Schon Paulus schreibt im Brief an die Galater: Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus als Gewand angelegt. Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid «einer» in Christus Jesus.“ (Gal 3,27)“

Und an die Gemeinde in Korinth formuliert Paulus im Blick auf den Glauben an die Auferstehung: „Denn dieses Vergängliche muss sich mit Unvergänglichkeit bekleiden und dieses Sterbliche mit Unsterblichkeit.“

Die liturgische Kleidung entstand nicht zuerst, um Macht und Stellung zu betonen, sondern um auszudrücken, was Christen durch die Taufe und den Glauben an die Auferstehung als neue Wirklichkeit erleben sollen, dass sie nämlich ganz von Gott umhüllt sind, Christus angezogen haben und ihren sterblichen Leib mit dem unsterblichen Glauben an Gott bekleidet haben. Umhüllt von Gottes Gnade, das galt nicht nur für den Priester, sondern für jeden Getauften. Lange Zeit war ein liturgisches Gewand nicht auf die Gruppe der Geweihten beschränkt. Jeder Christ sollte ein für den Gottesdienst reserviertes Festtagsgewand tragen. Mancher erinnert sich noch, dass er oder sie als Kind einen Anzug oder ein Kleid hatte, das nur am Sonntag getragen wurde, um so den wöchentlichen Ostertag vom Alltag zu unterscheiden. Das war keine schlechte Idee.

Das weiße Unterkleid, die Albe, die der Priester und der Diakon heute noch tragen, symbolisiert das Taufkleid, das allen Getauften zusteht. Das eigentliche Amtszeichen und somit Machtsymbol ist nicht das Messgewand, sondern die Stola. Sie zeigt Stellung und Amt an. Früher trug nur der Bischof die Stola offen, der Priester kreuzte sie vor der Brust und der Diakon trägt sie schärpenartig von der linken Schulter nach rechts. Das Messgewand beinhaltet eine Glaubensbotschaft: Wir sind alle umkleidet von der Ewigkeit Gottes. Das Sterbliche, unsere Existenz, ist schon bekleidet mit Unsterblichkeit, die allein Gottes Wesen ist. Jede Messfeier verbindet die irdische Kirche mit der himmlischen Kirche. In der Liturgiegeschichte wurde seit dem Mittelalter jedem Kleidungsstück eine inhaltliche Deutung aus dem Leiden Jesu gegeben. So erinnerte das Messgewand, das die Bewegungs-möglichkeit stark einschränkt, an die Freiheit, die man Christus geraubt hat.

Wir sind keine Vereinsversammlung, in der Vorsitzenden mit Sakko und Krawatte auftritt, wir erleben, dass Gott und Mensch an einem Tisch vereint sind, und dass wir schon das Gewand des himmlischen Hochzeitsmahl tragen. Darauf zu verzichten, halte ich für nicht gut durchdacht. Eher sollte man die Gemeinde einladen, selbst in liturgischen Gewändern teilzunehmen. Diese alle Mitfeiernde erhebende Ästhetisierung würde m.E. mehr ausdrücken, was uns verbindet, als eine nivellierende „Verschlampung“ des Zelebranten.

Bleibt aber die Frage, ob nicht wenigstens im Alltag durch die besondere Kleidung der Kleriker eine Art Elitedenken befördert wird? Die Anweisungen der deutschen Bischofskonferenz sind klar. In Übereinstimmung mit der Weltkirche hat sie festgelegt: Der Geistliche muss in der Öffentlichkeit durch seine Kleidung eindeutig als solcher erkennbar sein." In der Regel geschieht das durch dunkle Kleidung, ein Hemd mit römischen Kollar oder dem sog. Oratorianerkragen. Der Priester soll damit zeigen, dass er ganz im Dienst der Kirche steht und auf Gott verweist. Damit gerate ich jetzt natürlich unter Rechtfertigungsdruck, weil ich nur sehr selten Kollar trage. Ich bezweifle nicht, dass priesterliche „Berufskleidung“ auch ein Zeugnis ist und Menschen unserer Zeit an Gott erinnern kann. Ich persönlich bin aber so vermessen zu behaupten, dass es in Lohr kaum jemanden geben dürfte, der nicht in mir sofort den Pfarrer der katholischen Gemeinde erkennt. Andererseits erlebe ich auch, dass die priesterliche Kleidung im Alltag Distanz schafft. Gerade dann, wenn allgemein auf individuelle Kleidung Wert gelegt wird, erscheint ein Mensch in schwarzen Anzug und schwarzem Hemd eher als Vertreter eines Bestattungsunternehmens als einer Kirche, die die frohe Botschaft verkünden soll. Kleider machen Leute und wenn ich in einem Krankenhaus bin, dann entdecke ich in der Frau mit dem weißen Kittel sofort eine Ärztin, die helfen kann, fühle ich mich sicherer auf der Straße, wenn zwei Polizisten in Uniform kommen, und freue mich, dass junge Menschen sich engagieren, wenn ich sie in den Uniformen des THW, des Roten Kreuz oder der Feuerwehr sehe. Aber beim Priesterkragen ist es doch auch ein wenig anders. Er ist m.E. mit der Gefahr verbunden, ein elitäres Bewusstsein von besonderer Frömmigkeit, Reinheit oder Klugheit in der Öffentlichkeit zu erwecken. Ich bin im Augenblick sehr skeptisch, dass die besondere Kleidung für Kleriker Menschen auf Gott hinweist, eher habe ich die Befürchtung, dass sie uns noch mehr zu randständigen Fremdkörpern macht. Ich befürchte, dass mancher schwache Mitbruder sich auch hinter seinem Kragen verstecken könnte, weil er ihn auf Distanz hält zu „normalen“ Menschen. Das ist nur meine Meinung. Jeder soll das für sich klären. Wichtig aber ist, dass es um Äußerlichkeiten geht, um Nebensächlichkeiten und nicht um die Bestimmung der eigenen Identität. Als Papst Franziskus 2013 sein Amt antrat, soll er gesagt haben: „Jetzt ist der Karneval vorbei.“ Mancher hat das als Kritik an seinem Vorgänger gedeutet, der sehr viel Wert auf eine ästhetische Kleidung in der Liturgie und in der Öffentlichkeit legte. Ich denke, dass das nicht die Spitze der Äußerung war. Vielmehr ging es ihm wohl um die vielen Kleriker, die Papst Benedikts Wertschätzung für Liturgie und Schönheit nutzen, um sich selbst von Spitzen, Brokat, Seiden und Goldfäden her zu definieren. Wir haben unseren Ursprung in der Kleidung der Fischer vom See Genezareth, Alltagskleidung, wie sie jeder trugt. Ich denke manchmal, dass es für ein glaubwürdiges Gespräch zwischen unseren Bischöfen und den Gemeinden von Vorteil wäre, wenn sie nicht immer den Charme von Trauerrednern verströmen würden, denen man ehrfürchtig zuhört. Ich könnte gut mit einem Bischof über die Zukunft der Gemeinden ins Gespräch kommen, der wie jeder andere auch eine Jeans, ein offenes Hemd und ein Sakko trägt. Möglicherweise wäre das Gespräch dann offener und ehrlicher. Kleidung soll verweisen, aber nicht abschotten. Dann darf es auch in der Kirche mehr Vielfalt geben, ohne dass wir zur Modeschau von unterdrückten Machtgelüsten werden. Amen.

 

Sven Johannsen, Pfarrer Lohr a. Main

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