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Predigt 5. Sonntag im Jahreskreis B

1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“

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Liebe Schwestern und Brüder.

„Jüdisch und christlich – näher als du denkst“- Das ganze Jahr über werden uns Plakate begleiten, die in kurzen Slogans Feste, Traditionen und Bräuche des Judentums in Beziehung setzen zu ihren Entsprechungen im Christentum. Anlass ist ein historisches Ereignis: die erste amtliche Erwähnung jüdischen Lebens in Deutschland vor 1700 Jahren.

Mit einem Edikt des römischen Kaiser Konstantin wird am 17. Dezember 321 Juden gestattet Verwaltungsaufgaben in der Stadt Köln auszuüben. Natürlich gibt es schon viel länger Jüdinnen und Juden in den Städten des heutigen Deutschlands. Wir können annehmen, dass in bedeutenden römischen Städten wie Trier, Mainz, Köln, Regensburg oder Augsburg, die mitunter auf eine Geschichte von über 2000 Jahren blicken, auch sehr früh jüdische Menschen als Kaufleute, Sklaven oder Handwerker in die römischen Provinzen Germania inferior mit der Hauptstadt Köln und Germania superior mit der Hauptstadt Mainz kamen. Aber das Edikt des römischen Kaisers Konstantin von 321 erwähnt erstmals die Kölner jüdische Gemeinde und gilt somit als ältester Beleg jüdischen Lebens in Europa nördlich der Alpen.

Die Politik, die beiden großen Kirchen und natürlich die jüdischen Gemeinden in Deutschland nutzen dieses Jubiläum für ein vertieftes Kennenlernen der langen und wechselvollen Geschichte des Judentums und für eine Wahrnehmung des aufblühenden jüdischen Lebens in unserem Land.

 

Warum engagieren wir uns so intensiv beim Begehen dieses Jubiläums? Es legt sich nahe, aber letztlich sind Judentum und Christentum zwei eigenständige Weltreligionen. Wenn Muslime 2022 den 1400. Jahrestag der Hidschra, der Auswanderung Mohammeds nach Medina, der Beginn islamischer Zeitrechnung, begehen, werden wir sicher Anteil nehmen, aber nicht in gleicher Intensität wie jetzt.

Zugleich ist uns aber bei aller Selbständigkeit und Unterschiedlichkeit jüdischer und christlicher Tradition offensichtlich, dass unser Verhältnis zum Judentum anders ist als das zu allen anderen Religionen.

Paulus spricht im Römerbrief von der Wurzel des Ölbaums, die uns trägt. Das II. Vatikanische Konzil hat diesen Gedanken aufgegriffen und erinnert sich in seiner Erklärung zu den nichtchristlichen Religionen „Nostra aetate“ daran, dass die Kirche aus dem Volk Israel kommt und Christen und Juden ein reiches geistliches Erbe teilen. Unsere Nähe zum Judentum liegt in unserem Ursprung. Nicht nur die Apostel, sondern Jesus selbst ist Jude. Er ist als Jude geboren, wächst im Glauben und in den Traditionen seines Volkes auf und wird auch in den Augen der Römer als jüdischer Rebell hingerichtet. Wir können seine Verkündigung und sein Handeln nur verstehen, wenn wir diese Verankerung im jüdischen Glauben und im Judentum seiner Zeit nicht ausblenden. Seine Familie sind fromme Juden. Die Kindheitsgeschichten stellen uns Maria und Josef vor als zwei Menschen, für die der Glaube und das Leben nach den Geboten der Tora selbstverständlich ist. Ihre Partnerschaft beruht auf jüdischem Recht und Traditionen. Jesus bekommt durch die Annahme durch Josef seinen Platz in der Geschlechterfolge des König Davids. Die Eltern halten sich an alle Vorschriften und den zwölfjährigen Jesus treffen wir im Tempel wahrscheinlich zur Feier seiner Bar-Mizwa, also jenem Moment, in dem er vollwertiges Mitglied der jüdischen Gottesdienstgemeinde und erstmals aus der Heiligen Schrift vorliest, so wie es noch heute jüdische Jungen auch in unserem Land als ihren großen Festtag erleben. Er lernt von Josef die Tora lesen, die Psalmen in rechter Form zu beten und die Gebetsbekleidung, Kippa, Tefilin und Tallit anzulegen. Er selbst wird ein Handwerk lernen wie ein guter Pharisäer und vertieft seinen Glauben im Lesen der Tora und möglicherweise in der Tradition ihrer Auslegung der Schule des pharisäischen Rabbiner Hillel, von dem Jesus sicher die sog. „Goldene Regel“ kannte. Jesus erweist sich in seinem Denken und Verhalten als ein „gesetzestreuer“ Jude und Lehrer, gerade auch dann wenn er die Vorschriften zu übertreten scheint, obwohl er nichts anderes will, als ihren ursprünglichen Sinn wieder offenzulegen. Jesus geht am Sabbat selbstverständlich in die Synagoge, dem gemeindlichen Gottesdienst, liest, verkündet und legt die Tora aus, achtet die Gebote und wehrt sich gegen ihre Entleerung durch blinden Buchstabengehorsam. Viele jüdische Gelehrten erkennen in ihm einen großen Lehrer ihres Volkes, auch wenn sie natürlich nicht mit uns das Bekenntnis teil können, dass Jesus der Messias ist. Auch nach Ostern fühlen sich die ersten Christen, die Apostel und die Urgemeinde, als Teil Israels, gehen in den Tempel und nehmen am jüdischen Leben teil. Auch Paulus verleugnet seine Herkunft aus Israel niemals. Oft arbeitet er sich an der qualvollen Erfahrung ab, dass die große Mehrheit seiner Glaubensbrüder und -schwestern seinen Weg nicht teilt.
Wir wissen um das große Leid, die Gewalt und die Verwerfungen, die das Verhältnis von Juden und Christen auf dem weiteren Weg der Geschichte überschatten, aber letztlich ist das Bewusstsein für die ursprüngliche Verbundenheit nie verlorengegangen, selbst wenn sie sich in aggressiven Verurteilungen versteckt hat. Manchmal ist auch der Hass ein Ausdruck einer enttäuschten Liebe. Nach den vielen schrecklichen Erfahrungen, die Juden in unserem Land, aber auch in anderen Teilen der Erde machen mussten, haben sich die Gläubigen beider Religionen auf den Weg gemacht, das Verbindende zu betonen, ohne den jeweils anderen vereinnahmen zu wollen.

 

Dass nicht nur unsere Wurzeln im Judentum liegen, sondern noch viele Traditionen und Bräuche, die unser christliches Selbstverständnis prägen, auch heute noch eng an jüdische Entsprechungen anknüpfen, will die o.g. Plakataktion deutlich machen. Monat für Monat werden jüdische und christliche Kernelemente aufeinander bezogen und zeigen, wie überraschend nahe wir uns oft sind.
Das nächste Plakat greift die augenblickliche Karnevalszeit auf und stellt sie mit dem jüdischen Purimfest, das einige Wochen später begangen wird, unter die Überschrift „Wir trinken auf das Leben.“ Was Karneval oder Fasching für uns bedeuten, braucht man nicht erklären. Das aber das Judentum eine viel ältere Tradition des ausgelassenen Feierns und des extravaganten Verkleidens kennt, ist uns fremd. Aus Anlass der Rettung des Volkes Israel durch Königin Esther in der Zeit der Perserherrschaft wird dieses Fest bis heute mit Kostümierung, ausgelassenen Feiern, Musik, Essen und Trinken begangen. Ich durfte es hin und wieder in Jerusalem erleben, wie fromme Beter als Donald Duck, rosa Hasen oder Batman an die Klagemauer, dem heiligsten Ort des Judentums, zum gemeinsamen Beten zusammenkamen. Es erinnert uns daran, dass auch unser Karneval eigentlich seinen Ursprung in der Ausgelassenheit vor der strengen Fastenzeit hat. Religion will nicht das Leben der Menschen beschneiden, sondern ihm Rhythmus geben und dazu gehört auch das Feiern ohne Reue.

In ähnlicher Weise werden uns die Impulse daran erinnern, wie unser Sonntag als erster Tag der Woche im jüdischen Sabbat, dem Ruhetag am Ende der Woche, verwurzelt ist.

Aber nicht nur in äußerlichen Ritualen schöpfen wir aus dem Erbe Israels. Auch unser Denken ist vom Beten und der Erfahrung der älteren Brüder und Schwestern, wie Papst Johannes Paul II die jüdischen Gläubigen nannte, erfüllt. Die Botschaft Jesu vom Reich Gottes gründet in der Hoffnung des kleinen Volkes Israel durch die Jahrhunderte, dass die Mächtigen, die es unterdrücken, von Gott in die Schranken gewiesen werden und die Gedemütigten, Niedergeschlagenen und Unterdrückten von Gott ihr Recht bekommen. Der Gott, den Jesus verkündet, ist der Gott, der sich am Horeb als „JHWH“, „der ich bin, der ich bin“ oder wie es Martin Buber übersetzt „der ich bin für euch da“, offenbart. Diese Uroffenbarung ist die Grundlage für unser Bekenntnis, dass Gott in Jesus Mensch wurde, solidarisch bis in Tod blieb und uns Hoffnung in seiner Auferstehung schenkte. Aber auch in unseren persönlichen Fragen bleibt uns die hebräische Bibel eine Hilfe, wie z.B. die Lesung aus dem Buch Ijob heute zeigt. Sie greift eine Grundfrage des Lebens auf. Alles, was sein Leben einmal reich gemacht hat, hat der gottesfürchtige Ijob verloren. Er hat sich nichts zu Schulden kommen lassen, ist gerecht und befolgt die Gebote. Scheinbar aber wird er zum Spielball himmlischer Gegner, denn der Teufel bekommt von Gott die Erlaubnis, Ijob auf die Probe zu stellen. Ohne offensichtlichen Grund gerät alles ins Wanken, was sein Leben bisher getragen hat. Er verliert seine Habe, seine Kinder kommen um, er selbst wird krank. Ijob versteht nicht und verzweifelt, aber er verliert den Glauben nicht. Die Frage, warum Gott ihm solches Unglück geschickt hat, quält ihn und macht seine Worte bitter.

Er fühlt, wie sein Leben ihm entgleitet, hält seine Not Gott hin und bekommt keine wirkliche zufriedenstellende Antwort auf die Frage „Warum“. Die Frage ist so alt wie die Menschheit und bedrängt uns Menschen auch heute noch. Warum müssen unschuldige Menschen leiden? Warum werden Menschen, die wir lieben, krank? Warum reiht sich gerade in meinem Leben ein Unglück an das andere? Das Schicksal des Ijob zeigt, dass in unserem Glauben diese Fragen erlaubt sind und nicht vorschnell abgeschmettert werden durch Dogmen oder Verbote. Ijob klagt als erster von uns vor Gott. Rebellierend, ratlos, verzweifelt, resignierend, anklagend, aggressiv – jede Tonlage gegenüber Gott ist erlaubt. Auch das gehört zum Befreienden unserer jüdisch-christlichen Tradition. Ijob zeigt uns auch, dass es für gewöhnlich keine Antwort gibt. Unser Glaube bleibt oft rätselhaft. Die Auseinandersetzung der biblischen Autoren mit der Frage nach dem Leid kann keine Lösung bieten, aber sie kann einen Weg zeigen, wie die unauflösliche Frage nach dem „Warum“ sich wandelt in die Frage „Wozu“, also welche Kraft und Sinn ich finden kann im Reifen an den Herausforderungen. Das Volk Israel hat seinen Glauben manchmal auch bewahrt im Trotz gegen Gott und das Schicksal, das ihm Leid und Not brachte. In Ijob hat sich der Einzelne, aber auch das ganze Volk immer neu entdeckt, gerade dann wenn Gott sein Angesicht scheinbar verdunkelt hatte.

 

Dieses Bewusstsein prägt jüdisches Leben nach der Shoa heute in besonderer Weise. Wie kann man nach Auschwitz noch an Gott glauben?, so lässt sich die Zukunftsfrage vieler jüdischer Denker zusammenfassen. Heute leben wieder Juden im Land, wo es geschehen ist. Waren es in den 50ger Jahren etwa 15.000 Jüdinnen und Juden, so sind es heute v.a. durch Zuwanderung aus Osteuropa, wieder rund 200.000 Menschen. Es gibt nicht nur Interesse an jüdischer Geschichte, jüdisches Leben ist präsent. Am 27. Januar, dem Gedenktag der Opfer des Holocaust, wurde im Deutschen Bundestag eine 200 Jahre alte Thorarolle der Gemeinde Sulzbach-Rosenberg nach der Restaurierung endgültig fertiggestellt und wieder für den gottesdienstlichen Gebrauch in Dienst genommen. Ein Zeichen, dass jüdische Kultur, Glaube und Leben nie abgebrochen sind. Mich haben auch die Worte von Charlotte Knobloch, die Vorsitzende der israelitischen Kultusgemeinde München und Bayern, beeindruckt, die mit Blick auf die AFD selbstbewusst in Erinnerung an das Leid von Juden in der Shoa sagte: „Sie haben ihren Kampf vor 76 Jahren schon verloren.“

Bis heute kommen wir nicht an diesem Thema „Holocaust“ und „Antisemitismus“ vorbei. Es gibt viele Menschen, die wollen einen Schlussstrich ziehen und finden, dass Juden übersensibel reagieren auf Angriffe. Einige meinen, dass die Politik in Israel den Holocaust missbraucht, um jegliche Kritik zu unterbinden, und dass die deutschen Juden sich zu ihren Helfern machen. Josef Schuster, der Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland, hat für mich gut erklärt, warum Juden auf die kleinsten Anzeichen von Antisemitismus so sensibel reagieren: „Wenn jemand schon mal eine Lungenentzündung hatte, wird er bei jedem Husten ein wenig genauer hinhören.“ Für mich erklärt das gut, warum nicht nur Juden, sondern auch Christen sehr wachsam bleiben müssen, wenn es um Angriffe auf jüdische Mitbürger in unserem Land geht, verbal oder körperlich. Es gilt das kluge Wort unseres Bundespräsidenten, der auch Schirmherr der 1700 Jahrfeier ist: „Nur wenn Juden hier vollkommen sicher, vollkommen zuhause sind, ist dieses Deutschland vollkommen bei sich.“

 

Es ist mehr als ein historisches Jubiläum, das wir in diesen Monaten begehen, es ist eine Entdeckungstour zu unserem eigenen Ursprung. Dabei können wir aber auch neue Impulse für den gläubigen Umgang mit Fragen unsere Zeit gewinnen. So haben unsere jüdischen Schwestern und Brüder vor einigen Tagen ein aussagekräftiges Fest gefeiert „Tu Bischwat“, „das Neujahrsfest“ der Bäume. Am Beginn des Frühjahrs in Israel, wenn es bei uns noch kalt ist, feiert man den Geburtstag der Bäume und Pflanzen. Man deckt dann den Tisch mit den schönsten Früchten der Pflanzen, v.a. mit den „sieben“ biblischen Früchten des Heiligen Landes. Verbunden ist damit aber auch die Mahnung zu einem achtsamen und zurückhaltenden Umgang mit der Natur. Die Halacha, die Weisung der Tora, schreibt vor: In den ersten drei Jahren eines Baumes dürfen seine Früchte nicht gegessen werden, um ihm ein Mindestmaß an ungestörter Entwicklung zu garantieren

Die Bewahrung der Schöpfung gründet auch im Respekt vor ihrem eigenen Wert und dem Bewusstsein, dass der Mensch im Umgang mit der Schöpfung auch Grenzen einhalten muss. Auch das verbindet uns mit dem Judentum.

Dieses Jahr, in dem wir auf Spurensuche gehen, kann uns Respekt vor unseren älteren Brüdern und Schwestern lehren, Achtsamkeit im Umgang mit Anfeindungen und Antisemitismus, aber auch ein neues Miteinander im Suchen nach Antworten des Glaubens auf die Fragen der Welt und der Menschen. Amen.

 

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