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Predigt 5. Sonntag der Osterzeit B

2. Mai 2021

Mein letztes Wort! Danke!“

5._Sonntag_Dankbar_leben_Ps_118.pdf

(Sven Johannsen, Lohr)

Liebe Schwestern und Brüder

 

Das ist mein letztes Wort!“ - Wenn wir diese apodiktische Ansage hören, dann gibt es nichts mehr zu diskutieren. Das letzte Wort ist unumstößlich und lässt keine Diskussionen zu,

  • wenn Eltern ihrer Tochter oder ihrem Sohn trotz intensivsten Bettelns und Maulens erklären: „Du bist um 21.00 Uhr zuhause. Das ist mein letztes Wort.“

  • Wenn Lehrer ihren Schülerinnen und Schüler trotz Protesten klar ansagen: „Ihr lernt die ganze Seite Lateinvokabeln auswendig. Das ist mein letztes Wort.“

  • Wenn der Chef dem Team von Mitarbeitern nach unzähligen Meetings ankündigt: „So machen wir das jetzt. Das ist mein letztes Wort.“

Das letzte Wort - manchmal ist damit alles klar, manchmal ist damit das letzte Wort noch lange nicht gesprochen und jeder macht, was er will.

 

Auch die Heilige Messe hat ein letztes Wort. Das spricht nicht der Pfarrer, sondern Sie, die Mitfeiernden der Heiligen Messe.

Wenn Pfarrer oder Diakon nach dem Segen Ihnen auftragen: „Gehet hin in Frieden“ Dann antworten Sie jedes mal: „Dank sei Gott, dem Herrn.“ Jetzt sogar feierlich betont durch das zweimalige Gotteslob „Halleluja“.

Das ist Ihr letztes Wort: „Danke“ - Da bleiben keine Fragen offen, was die Sendung der Heiligen Messe ist: dankbar leben!

Wir haben Eucharistie gefeiert, also Danksagung. Das will uns prägen und Sonntag für Sonntag ermutigen, dankbar zu sein und den Tag so zu leben. Wenn wir Danksagung feiern und mit dem Auftrag zum Danken aus der Kirche gesendet werden, dann wird die Haltung der Dankbarkeit zum Bindeglied zwischen Alltag und Feier, zwischen Sonntag und Werktag, zwischen Gottesdienst und Arbeit. Dankbare Lebenshaltung prägt den Menschen, der Gottesdienst feiert.

Klingt schön, wie ein guter Rat aus einem Wohlfühl-Magazin, aber wie kann man dankbar leben? Besser gefragt: Was ist Dankbarkeit?

Kann man denn überhaupt für alles danken im Leben? Bestimmt nicht. Ich bin überzeugt, dass man sich nicht alles schön reden muss. Es ist eine kluge Haltung, einem miesen Tag auch gönnen zu können, ein mieser Tag zu sein, und zu erwarten, dass der morgige besser wird. Das ist nüchtern und durchaus gläubig. Dankbare Lebenshaltung kann nicht heißen, dass ich alles ins Gute verkläre. Es gibt Erfahrungen, für die wir höchstens dankbar sind, wenn es sie nicht gegeben hätte oder wenn sie vorbei sind.

 

Der Benediktiner David Steindl-Rast, mittlerweile über 90 Jahre alt, Eremit, geistlicher Lehrer und Mönch in Europakloster Gut Aich in St. Gilgen, erklärt die „Dankbarkeit“ zum Schlüsselwort christlicher Spiritualität und verweist auf einen immerwährenden Dreischritt von Innehalten, Innewerden und Tun als Haltung der Dankbarkeit. Für die, die es lieber fromm mögen, hat er es in die klassischen Begriffe „Schweigen, Gottsuchen und Gehorsam“ zusammengefasst.

 

Er stellt eine wichtige Einschränkung voraus, nämlich die Gelegenheit als die entscheidende Situation des Dankbarwerdens. Der heilige Augustinus hat einmal gesagt: „Alles ist Gnade“, also letztlich ein Geschenk und eine liebende Zuwendung Gottes. Das kann aber doch nicht für alles gelten, was wir erleben und was an uns geschieht. Ein Schicksalsschlag, eine Krankheit, eine Enttäuschung ist kein Geschenk und kein Grund zum Dankbarsein. Das dürfen wir nicht verklären. Bruder David nimmt das Bild vom Geschenk auf und spricht davon, dass das wir das Kostbare doch immer erst unter der Verpackung, dem, was äußerlich sichtbar ist, entdecken. Das eigentliche Geschenk, so der Mönch, ist die Gelegenheit und sagt einen klugen Satz: „Wir können nicht für alles dankbar sein, aber in jedem Augenblick.“ Sie merken den Unterschied. Es geht nicht einfach um ein willenloses „Sich-Fügen“ und „Schönreden“, sondern um die Gelegenheit, gerade auch in schwierigen Situationen, zu wachsen, geduldig zu sein, etwas zu lernen, Stärke zu gewinnen, Vertrauen zu haben oder Hilfe zu erfahren. Nein, für eine Krankheit bin ich nicht dankbar, aber für die Menschen, die sich erkundigen, mir zur Seite stehen und für mich beten, danke ich schon.

Auch für meinen Glauben, also die enge Verbindung mit Jesus, von der das heutige Evangelium in wunderbar intimer Weise spricht, bin ich dankbar, weil er mich in der Überforderung vor der Verzweiflung bewahrt, trägt und hält. Jede Gelegenheit, so Bruder David, lädt uns ein, Gottvertrauen und so Lebensvertrauen zu erlernen: Mit Gott offen zu reden und so ihn in meinem Leben nahe zu wissen.

 

Der oben genannte Dreischritt „Innehalten, Innewerden und Tun“ hilft dabei. Er erinnert uns an die kindliche Grundeinsicht im Straßenverkehr, wie wir sicher durch den Verkehr kommen: „Stehenbleiben, Schauen und dann Gehen.“ Er ist also keine künstliche, spirituelle Weisheit eines Gurus, sondern eine Selbstverständlichkeit. Wer über eine Straße rennt, wird meist ausgebremst und hat dann das Nachsehen - verkehrte Reihenfolge. Der Weg zur Haltung der Dankbarkeit ist also in unserem Innersten schon tief verborgen, nur vergessen wir ihn ab und an:

 

1. Innehalten oder Stehenbleiben / Schweigen:

Bruder David nennt diesen Schritt das „Aufwachen zur Überraschung“. Wen nichts mehr überrascht, der geht wie betäubt durchs Leben. Halten Sie doch mal jetzt eine Minute inne und fragen sich: „Hat mich heute oder gestern schon etwas überrascht?“ Wahrscheinlich werden die meisten sagen: „Ja, natürlich“ Vielleicht war es nichts Besonderes, nur der Sonnenschein statt des angekündigten Regens, ein Anruf von den Kindern, das schmerzfreie Aufstehen nach den Kopfschmerzen der letzten Tage… Die Überraschungen sind nicht immer große Wunder, aber es gibt sie und wir müssen sie nur wahrnehmen. „Täglich neu ist seine Gnad' über uns und allen“, singen wir in meinem Lieblingslied. Es braucht Einübung, innezuhalten und die Überraschung nicht einfach an sich vorbeiziehen zu lassen. Vielleicht kann man sich abends vornehmen, auf den Tag zu schauen und zu fragen: „Was war heute überraschend?“ Gerade in dieser Zeit leiden viele von uns darunter, dass alles so routiniert funktioniert in Corona-Zeiten. Wie wichtig ist es da, die Überraschungen in unserem Leben nicht zu übersehen.

 

2. Innenwerden oder Schauen / Horchen und mit Gott verbinden

Hier kommt die große Herausforderung zum Tragen: In der Überraschung die Gelegenheit und nicht die Bedrohung zu entdecken. Der Heilige Augustinus hat gesagt: „Wir haben in unserem Leben keine andere Aufgabe, als das Auge des Herzens gesund werden zu lassen, mit dem wir Gott sehen können.“ Glaube lässt sich in das Bild vom Weinstock im heutigen Evangelium fassen. Die Verbindung mit Jesus ist also keine erlernte Fähigkeit, wie wir eine neue Sprache in der Schule lernen, sondern die Urquelle gelingenden Lebens, die manchmal verschüttet erscheint. Der Glaube wendet sich also nicht auf ein äußeres Ziel, sondern reinigt die innere Blutbahn zum Herzen, in dem die Begegnung mit Gott ihren Platz hat. Wenn ich mein Leben anschaue, seine Dunkelheiten, aber auch seine Überraschungen, dann werde ich spüren, dass ich manches nicht verstehe, dass Gott mir ein Geheimnis bleibt, aber auch dass ich ihm begegnen kann als dem tiefsten Grund meines Daseins. Paulus sagt in einer Predigt vor den Athenern, dass wir „in Gott leben, weben und sind.“ (Apg 17,27). Innewerden heißt letztlich, die Gelegenheit, die sich mir in Freud oder Sorge bietet, zu deuten und mit Gott in Verbindung zu bringen. Dann aber kann ich offen werden und fragen, was das Leben mir jetzt, in diesem Moment, bietet. Das ist eine Haltung, die viele verlernt haben, weil sie nur noch abwarten, dass das Leben an ihnen vorbeizieht und zu Ende geht. Innewerden heißt, das Leben anzuschauen und als gefüllt zu deuten in jedem Augenblick

 

3. Handeln / Gehen / Gehorchen

Jesus fordert uns auf, Frucht zu bringen. Was meint er damit? Viele gute Werke? Viele Menschen, die wir für den Glauben gewinnen? Viele fromme Übungen, Andachten und Pflichterfüllung? Ich unterstelle einmal, dass die meisten von uns daran scheitern werden. Frucht eines Lebens mit Gott ist m.E. die Lebenseinstellung der Dankbarkeit, die nicht nur darin bestehen kann, beständig im Gottesdienst Danke zu sagen, sondern darin, die Geschenke Gottes zu nutzen. Wer sein Leben getragen und gehalten weiß, der kann doch nicht im Umgang mit anderen Menschen den letzten Halt verlieren und Hoffnungslosigkeit verbreiten. Es geht also nicht um spektakuläre Aktionen, sondern um die Prägung des Lebens durch das, was ich erfahren und gedeutet habe.
Bruder David empfiehlt, hin und wieder ein ABC der eigenen Dankbarkeit zu formulieren, also zu jedem Buchstaben des ABC, so es denn möglich ist (bei Y kann das schwer werden) einen Grund zu finden, warum ich dankbar sein darf.

Dank sei, Gott, dem Herrn“ ist ihr letztes Wort am Ende dieser heiligen Messe. Ich hoffe, dass es am Ende des Gottesdienstes nicht laut als „Gott sei Dank“ aus ihrem Mund erschallt, weil sie froh sind, dass es endlich vorbei ist, sondern weil sie wirklich an manchen Stellen der Heilige Messe wieder innehalten konnten, sich vergewisserten, wie viel Gutes in ihrem Leben geschieht und jetzt heimgehen und sich vornehmen, anderen gegenüber das auszustrahlen durch Zuversicht und Hoffnung. Dann darf sogar der Pfarrer, dem ja nicht das letzte Wort in der Heiligen Messe gehört, einstimmen und sagen: „Dank sei Gott.“ Amen

 

Vgl. dazu: David Steindl-Rast; Dankbarkeit als Schlüsselwort, in: Erbe und Auftrag 4/19

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