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Predigt 6. Sonntag der Osterzeit

Das Neue Evangelium“

Sven Johannsen, Lohr

6_Das_neue_Evangelium.pdf

Liebe Schwestern und Brüder

Jesus wurde in Süditalien gekreuzigt - zumindest häufiger als in Jerusalem, wo er bekanntlich ja nur einmal auf dem Hügel Golgatha vor etwa 2000 Jahren am Pessachfest hingerichtet wurde. In der süditalienischen Stadt Matera wurde er bereits dreimal gekreuzigt, zumindest im Film.

Matera liegt in der Basilikata, eine der ärmsten Provinzen Italiens, und ist zweifelsohne eine Sensation. Die Altstadt von Matera gilt als Weltkulturerbe aufgrund der sog. Sassi, Höhlensiedlungen, also Wohnräume, die in den Fels geschlagen sind, und den berühmten Felsenkirchen. Es gibt wohl wenige Orte der Welt, die noch so ursprünglich sind wie Matera, das daher auch einen sehr authentischen Eindruck vom Leben in Israel zur Zeit Jesu geben kann. Das haben große Filmregisseure genutzt. Der berühmteste Film über das Leben Jesu, das „erste Evangelium - Matthäus“ von Pier Paolo Pasolini aus dem Jahr 1964, fand in Matera das Spiegelbild des Jerusalems der Zeitenwende und in seinem Umland, das sich bis zum Thyrrenischen Meer zieht, die biblischen Landschaften des Lebens Jesu. Auf einem der Hügel über der Altstadt wurde der Ort der Kreuzigung, Golgatha, lokalisiert. Genau vierzig Jahre später wird Mel Gibson wieder nach Matera zurückkehren und dort seinen Film „Die Passion Christi“drehen, einen Mammutfilm mit äußerst drastischer Darstellung des Leidens Jesu. Im letzten Jahr folgte der dritte große Jesus-Film in Matera. Der Schweizer Regisseur Milo Rau drehte seinen Film „Das Neue Evangelium“ exakt an den gleichen Orten wie Pasolini und Gibson. Er stellt sich bewusst in Kontinuität zu den beiden Vorgängerfilmen. So übernimmt der Jesu-Darsteller aus Pasolinis Meisterwerk die Rolle des Täufers Johannes und die Mutter Jesu aus Gibsons „Passion“, eine jüdische Schauspielerin, tritt erneut als Maria auf. Sogar der Schaft, in dem das Kreuz Jesu aufgestellt wurde, ist unverändert noch vorhanden. Und doch ist der Film von Rau ganz anders. Während Pasolini und Gibson die Geschichte Jesu erzählen, Pasolini mit deutlich sozialkritischen Zuspitzungen der Botschaften des Matthäusevangelium und Gibson als exzessives Gewaltspektakel und filmischen Blutrausch, webt Milo Rau zwei Stränge ineinander. Er erzählt zum einen v.a. mit Laiendarstellern die Geschichte Jesu, zum anderen dreht er einen Dokumentation über das Schicksal afrikanischer Flüchtlinge in Matera und dem Umland, die fast wie Sklaven auf den Tomatenfeldern arbeiten oder als Prostituierte ausgebeutet werden. Er lässt beide Erzählstränge zusammenfließen und verbindet sie: so sind Jesus und seine Jünger meist afrikanischer Herkunft, Flüchtlinge. Der Darsteller des Jesus, Yvan Sagnet, stammt aus dem Kamerun und ist eigentlich kein professioneller Schauspieler, sondern Ingenieur. Er kam als Student nach Italien und geriet auf der Suche nach einem Job, um sein Studium zu finanzieren, eher zufällig vor zehn Jahren in die Hände eines Caporale, eines mit der Mafia verbundenen Vermittlers von billigen Erntehelfer für die Landwirte in Süditalien. Er erlebte wie v.a. afrikanische Flüchtlingen unter unerträglichen Umständen in Blechbaracken ohne Wasser leben, in sengender Hitze für arbeiten und als billige Arbeitskräfte ausgebeutet werden. 2011 organisierte er einen Streik der Erntehelfer auf den Tomatenfeldern und sorgte so für landesweite Aufmerksamkeit für deren Schicksal. Er ist katholischer Christ und zugleich politischer Aktivist, der sich bis heute um eine Verbesserung der Lebensverhältnisse dieser Menschen am Rand der Gesellschaft bemüht. Der Film von Milo Rau über Jesu hat Mängel, wenn es um die religiöse Bedeutung von Jesus als dem Sohn Gottes geht, aber er stellt einige sehr aktuelle Fragen: „Wie sähe Jesus heute aus und für wen würde er heute kämpfen? Die Antwort von Milo Rau ist klar: Jesus wäre ein Afrikaner und würde aufstehen gegen mafiöse Strukturen, die Menschen als billige Arbeitskräfte ausbeuten oder Flüchtlinge ihrer Würde berauben. Es gibt einige Szenen im Film, die sprechen für sich. Wenn ein Laiendarsteller sich als Folterknecht zum Casting meldet und mit einer Peitsche auf einen Plastikstuhl, den imaginären schwarzen Jesus, eindrischt und ihn gleichzeitig, das Kreuz als Kette um den Hals hängend, mit rassistischen Beleidigungen demütigt aufgrund seiner Herkunft, seiner Hautfarbe und seiner Hoffnung, als Flüchtling in Italien eine neue Zukunft zu finden. Da kommt so viel Hass und Verachtung für diese Menschen zum Ausdruck, dass selbst die Liter von Kunstblut in Gibsons Passions Christi dagegen harmlos wirken. Auf der anderen Seite sieht man Sagnet in einem weißen Gewand als Jesus mit hochgereckter Faust und dem Mikro in der anderen Hand durch die schmalen Straßen Materas ziehen und Würde und Gerechtigkeit für die Menschen aus Afrika fordern. Der Film über das Leben Jesu vor 2000 Jahren mischt sich mit Dokumentation über das Leiden von Menschen in unseren Tage und stellt uns vor die Frage, an wen sich Jesus im heutigen Evangelium eigentlich wendet, wenn er sagt: „Es gibt keine größere Liebe als wenn einer sein Leben hingibt für seine Freunde.“

Es ist die Erklärung des Evangelisten Johannes für den Kreuzestod Jesu. Er verzichtet auf theologische Deutungen des Todes Jesu als Sühne für die Sünde der Menschen und fokussiert das Kreuz auf das Symbol der Liebe, die vorbehaltlos ist und sich selbst nicht aufspart. Es ist die Liebe, mit der der Vater Jesus liebt, und mit der Jesus seine Jünger liebt. Sie kommt exemplarisch erfahrbar für seine Jünger in der Fußwaschung zum Ausdruck und vollendet sich im Kreuz. Ganz bewusst beginnt Johannes den letzten Teil seines Evangeliums, der Fußwaschung, Abschiedsreden und Kreuzigung umspannt, mit dem Wort „Da er die Seinen liebte, die in der Welt waren, liebte er sie bis zur Vollendung.“ Der Jesus, den Johannes uns vorstellt, ist kein Sofa-Aktivist, der per Internetabstimmung für eine gerechtere Welt votiert, sondern der Gottessohn, der aus Liebe Mensch wird und aus Liebe zum Menschen sein Leben gibt. Letztlich gipfelt diese Liebe darin, dass sie Menschen zu Freunden macht. Liebe ist nicht Mitleid mit der Not eines Menschen, auf den man immer noch herabblickt, sondern das Bemühen, auf Augenhöhe zu verkehren, auch wenn die Verhältnisse keine partnerschaftliche Ebene erkennen lassen. In diesem Sinne hat Milo Rau mit seinem Film den Punkt getroffen, der das heutige Evangelium zusammenfasst. Liebe zu Gott ist immer Liebe zu den Menschen, nicht Almosen, gönnerhaftes Verhalten oder mitleidige Großzügigkeit, also Verhaltensweisen, die immer noch ein Gefälle von oben nach unten zementieren. Liebe ist Gerechtigkeit für jeden aufgrund seiner Würde als Mensch, auch wenn er mir fremd ist oder seine Wege nicht meinen Vorstellungen entsprechen.

Das ist auch eine Herausforderung für unsere Gesellschaft und unsere Kirche. Es ist zweifelsohne so, dass viel Gutes durch die Kirche geschieht für Menschen, die Hilfe brauchen. Wir sind Weltmeister im Helfen, ob für Menschen, die in unserem Land nach Rat und Unterstützung suchen, oder Menschen in den Krisengebieten unserer Erde, wo engagierte Christen und kirchliche Werke segensreich wirken. Bei allem gilt es aber auch neben den materiellen Hilfen die Würde des Menschen im Blick zu behalten. Gerade in den kirchlichen Werken, die weltweit engagiert sind, ist das sicher im Bewusstsein, in unserem eigen Land bin ich mir mit Blick auf die Kirche nicht ganz so sicher. Kann es möglicherweise sein, dass das Gute, das die Kirche in unserem Land für Menschen bewirkt, in ihren sozialen Einrichtungen, Krankenhäusern, Kindergärten, Beratungsstellen, Verbänden und Initiativen, mitunter deswegen nicht so stark ihre öffentlichen Wahrnehmung prägen, wie sie es verdienen, weil Vertreter der Amtskirche immer irgendwie gönnerhaft oder mitleidig erscheinen? Kaum ein Amtsträger verurteilt heute noch Menschen, die nach einer Scheidung wieder geheiratet haben, aber wirkt unser Umgang mit ihnen nicht auch ein wenig wie großzügiges Dulden, so als wollten wir ausdrücken: „Wir wissen ja, dass es falsch ist, aber wir drücken mal ein Auge zu.“ Ich befürchte, dass viele Menschen, deren Lebensbahnen nicht in den kirchlichen Idealgleisen verlaufen, genau diesen Eindruck haben, dass sie nicht auf Augenhöhe wahrgenommen werden, sondern geduldet sind von Menschen, die sich eigentlich als besser fühlen. Wenn dem so ist, dann ist unser Engagement vielleicht nicht Ausdruck von Liebe zum Nächsten, sondern von Selbstliebe, die den Anderen braucht, um sich selbst besser zu fühlen.
Rau fragt in seinem Film an, ob Jesus möglicherweise heute nicht einer von uns wäre, sondern ein afrikanischer Aktivist aus Kamerun, der sich einsetzt für Erntehelfer. Wenn
dem so ist, dann müssen wir wohl über einen großen Graben springen, um zu denen zu zählen, die der Evangelist die „Seinen“ nennt.

Die entscheidende Sprungkraft kommt dabei aus dem Respekt vor der Würde jedes Menschen, der von Gott als sein Kind geliebt wird und für den er sich in Jesus Christus aus Liebe hingegeben hat.

Es wäre zu wenig, den Film auf eine sozialkritische Dokumentation zu reduzieren, die mir beim Kauf einer Dose Tomaten aus Süditalien im Supermarkt ein schlechtes Gewissen macht. Der Film fragt im Sinne des Evangeliums viel tiefer: Wie geht ein Mensch, der gut sein will, und das unterstelle ich uns allen, mit einer unperfekten Welt um? Lebe ich in der Haltung, dass ich zu schwach bin, etwas zu ändern, und füge mich, oder lasse ich mich vom Jesus Christus inspirieren, auch unbequem zu mir selbst zu sein in meinem Verhalten. Sein Wort „Es gibt keinen größere Liebe, als wenn eine sein Leben hingibt für seine Freunde“ ist mehr als eine fromme Predigt, es ist die Deutung seines Lebens und Sterbens, die die verpflichtet, die sich seine Jünger nennen.


In einem Interview wurde der Jesus-Darsteller, Yvan Sagnet, gefragt, warum die Menschen, die andere so ausbeuten, dieselbe Religion wie er haben, nämlich den katholischen Glauben, und ihn doch offensichtlich ganz anders interpretieren?
Sagnet antwortet: Das ist meiner Meinung nach ein großes Problem des Westens: Die Religion ist häufig nur noch ein Dogma, etwas Kulturelles, sie wird nicht praktiziert. Jesus hat gesagt, Religion bedeute, gute Taten zu vollbringen. Sie bedeutet also nicht nur, am Sonntag in die Kirche zu gehen. Du sollst deinen Nächsten aufnehmen, ihm helfen. Und das heißt eben auch, Migranten, die in Not sind, zu helfen.“ (https://www.fluter.de/interview-yvan-sagnet-film-das-neue-evangelium)

Bei allen theologischen Schwächen des Filmes, er zeigt doch, dass es so einfach sein kann, das Gebot Jesu zu erfüllen: „Liebt einander wie ich euch geliebt habe.“ Amen.

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