headeroben

Predigt 6. Sonntag der Osterzeit - 21.5.2022

Ist es redlich, sich für Liebe bezahlen zu lassen?“

6_Bezahlte_Liebe.pdf

Liebe Schwestern und Brüder

 Ist es redlich, sich für Liebe bezahlen zu lassen? Keine Angst, ich will Sie jetzt nicht in die moralischen Abgründe des Lohrer Rotlichtmilieus zerren. Sie brauchen also Ihren Kindern jetzt nicht die Ohren zuzuhalten oder selbst zu erröten. Die Frage, die im Mittelpunkt der Predigt stehen soll, ist nicht anrüchig, vielmehr wesentlich für unseren Glauben: Ist Helfen, für das wir Geld bekommen, noch wirklich die Liebe, die Jesus von uns fordert? Im heutigen Evangelium verlangt Jesus von seinen Jüngern, sich an seine Worte zu halten und so zu zeigen, dass sie ihn lieben. Natürlich geht es nicht um ein spezielles Einzelwort, sondern um die Gesamtheit seiner Botschaft, die nur wenige Zeilen später einen Höhepunkt findet in der Formulierung: „Dies ist mein Gebot: Liebt einander, wie ich euch geliebt habe. Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben hingibt für seine Freunde.“ (Joh 15,12). Wenn, so der Gedanke des heutigen Evangeliums, die Jünger dieses Wort als DAS Wort Jesu hören und sich daran halten, werden sie Jesus lieben. Daran dürftet es kaum Kritik oder Zweifel geben, wohl aber an der Frage nach der Konkretisierung dieses Liebesgebots. Es ist uns ja klar, dass Liebe nicht etwas romantisch Abstraktes sein kann, sondern in „Tat und Wahrheit“ geschehen muss, wie es in 1 Joh 3,18 gesagt wird. Ist aber jedes Helfen und jede gute Tat schon gleich wirkliche Liebe? Das ist eine unbequeme Frage für eine Kirche und ihre Gemeinden, die das Helfen weitgehend delegiert haben an den größten Wohlfahrtsverband unseres Landes, den Deutschen Caritasverband (Nach Einrichtungen gezählt liegt die Diakonie vorne, im Blick auf die Mitarbeiter ist die Caritas an der Spitze). 125 Jahre alt wird am 9. November der Deutsch Caritasverband mit Sitz in Freiburg. Und seit seiner Gründung durch Prälat Lorenz Werthmann hat er eine beeindruckende Erfolgsbilanz aufzuweisen. Heute arbeiten etwa 700.000 hauptamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Deutschland unter dem Zeichen des Flammenkreuzes. Die Caritas ist in 160 Ländern zuhause. Die verschiedenen Organisationen, die mit der Caritas verbunden sind, unterhalten in der Kinder- und Jugendhilfe über 11.500 Einrichtungen mit 700.000 Betten und Plätzen. Im Bereich der Gesundheitshilfe, also in Krankenhäusern, Tages- und Rehakliniken, sind 240.000 Menschen beschäftigt. Und natürlich sammelt der Caritasverband mehr als 2000 stationäre Einrichtungen in der Altenhilfe und rund 1000 Sozialstationen unter seinem Dach. Dazu kommen noch die Angebote im Bereich der Behindertenhilfe, der Psychiatrie, die Beratungsstellen für Schuldner, Migranten, Familien, Ehe und Kinder, die Bahnhofsmissionen, Telefonseelsorge, Tafeln, Kleiderkammern und Sozialläden. (vgl. Mathilde Langendorf „Was macht die Caritas?“: Herder-Korrespondenz Spezial 2022 „Die Kirche und ihre Caritas“, S. 4f.) Die Kirche ist im Feld der Nächstenliebe durch die Caritas bestens aufgestellt und noch immer genießt die Caritas in der Bevölkerung ein hohes Ansehen, weit das der katholischen Kirche übersteigend. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Caritas halten das Feuer am Glutkern des Christentums lebendig. Dafür kann man ihnen nicht genügend danken. Zugleich aber stellen sich Fragen: Kann eine Gemeinde den zentralen Auftrag Jesu, nämlich den anderen Menschen zu lieben, in dem man sich vorbehaltlos hingibt und hilft, einfach an eine so große Organisation delegieren ohne sich selbst zu verraten? Zum anderen wird man die Kritik nicht überhören können, die nach dem Mehrwert von Caritas fragt, wenn doch die Dienste, die sie anbietet, letztlich den Vorgaben der staatlichen Sozialgesetzgebung entspricht. In der Regel ist der Personalschlüssel in einer kirchlichen Kita nicht höher als in einer staatlichen, außer der Trägerverein vor Ort will das. Der Kostendruck lastet auf kirchlichen Krankenhäusern und Pflegeheimen genauso wie auf denen anderer Träger. In den Einrichtungen der Caritas geben die gleichen betriebswirtschaftlichen Regeln den Takt vor wie in denen der Kommunen, der Diakone, der AWO und anderer Träger der freien Wohlfahrtspflege. Ist Helfen ein Geschäft geworden, dann ist es nicht mehr Liebe. Die Caritas, der Name bedeutet ja übersetzt „Nächstenliebe“, unterliegt den gleichen Erfordernissen wie alle, die im Bereich Helfen in unserem Land aktiv sind. Sie lebt nicht in einer Oase der Seligen. Das erleben treue Caritas-Sammler, wenn sie pflegebedürftig werden und erfahren müssen, dass sie nicht automatisch bei dem Verband einen Platz für ihren letzten Lebensabschnitt finden, für den sie viele Jahrzehnte lang Spenden gesammelt haben. Kein Senioren- bzw. Pflegeheim der Caritas kann einfach Plätze freihalten für Wohltäter. Die Belegung der Betten ist ein hoher Indikator der Wirtschaftlichkeit. Das müssen wir als Christen akzeptieren.

Dennoch würde es mich stören, wenn die Caritas nur das macht, wofür sie Mittel der Refinanzierung erhält. Deshalb ist es wichtig, in den jährlichen Rückblicken auf die Nachrichten zu achten, die meist am Ende kommen: Wie viele Menschen finden Raum, sich ehrenamtlich im Bereich der Caritas zu engagieren? Tatsächlich sind manche Einrichtungen qualitativ mehr an dieser Offenheit für helfende Menschen zu messen als an irgendwelchen Pflegesternchen des medizinischen Dienstes. Mit dem Liebesgebot Jesu sind in diesem Bereich der strukturieren Nächstenliebe ganz konkrete Fraen verbunden: Legt die Leitung eines Hauses Wert darauf, dass möglichst viele Menschen kommen, die Bewohner die Möglichkeit haben, auch ihre seelischen und geistlichen Bedürfnisse zu stillen, Gespräche zu führen, Gottesdienste zu feiern? Gibt es Raum für Seelsorge oder ist sie nur eingeduldeter Eindringlich, weil man noch irgendwie als katholisch gelten will? Bemüht sich ein Verband um den Aufbau von Helferkreisen für Migranten, Familien und Menschen, die in unserer Gesellschaft an den Rand kommen? Das war schon immer die wichtigste Tür für Menschen zum christlichen Glauben. Die frühen Christen sind aufgefallen durch ihre Sorge um Witwen, Waisen und Arme. Der Neutestamentler Thomas Söding spricht von der „Avantgarde an der Peripherie“ als dem Selbstverständnis der frühen Christen. Sie gingen anders mit Menschen am Rande um als die antike Gesellschaft. Der Maßstab für ihr Handeln war das Beispiel und der Auftrag Jesu, wie er ihn im Gleichnis vom barmherzigen Samariter formuliert und in den Krankenheilungen und in der Fußwaschung selbst vorgelebt hat. Das Spezifische an Jesu Liebesdienst war die Erfahrung, dass er denen helfen wollte, denen sonst nicht zu helfen ist. Es ist im Augenblick populär, Flüchtlingen aus der Ukraine zu helfen. Von der Caritas aber erwarte ich den gleichen Einsatz für junge Menschen, die als „Bildungsflüchtlinge“ aus Afrika zu uns kommen. Wirklichen Liebesdienst erfüllt die Wohlfahrtsorganisation der Katholischen Kirche im Dienst an den kleinen Minderheiten, denen die Gesellschaft mit Skepsis und oft sogar mit Aggression begegnet. Ich denke da auch an Menschen mit seelischen und psychischen Problemen.

Von Anfang an sind Christen sich auch bewusst, dass es finanzielle Mittel braucht, um Menschen, die völlig mittellos sind, zu helfen. Johannes berichtet, dass der Jüngerkreis eine Gemeinschaftskasse hatte, die Judas betreute und aus der den Armen geholfen werden sollte. Paulus organisierte eine Kollekte für die Gemeinde in Jerusalem. In Rom gab es früh eine strukturelle Armenhilfe, die sich aus so großen finanziellen Mitteln speiste, dass sogar der Kaiser gierig wurde und dem zuständigen Diakon Laurentius befahl, ihm die Schätze der Kirche auszuhändigen. Wir kennen die Legende, dass Laurentius daraufhin Arme, Kranke und Obdachlose vor den Kaiser geführt und sie als die Schätze der Kirche offenbart hat. Wir wissen, dass der Bischof von Rom schon in den ersten Jahrhunderten aufgrund von Schenkungen, Spenden und Stiftungen ein enormes Vermögen verwalten musste, das er natürlich nicht als persönlichen Reichtum genießen konnte, sondern zum Bau von Herbergen, Bädern und Hospizen einsetzen musste. Schon in den ersten Jahrhunderten organisierte die Kirche die Liebe, nicht um sie zu einem erkalteten und erstarrten System verkommen zu lassen, sondern um schlagkräftig auf Not reagieren zu können. Es ist interessant, dass die ersten Spuren kirchlicher Bürokratie auch in der Nächstenliebe zu finden sind. Neben den Tauf-büchern sind die Armenbücher der römischen Gemeinde, in denen zu bestimmen Zeiten sich 1500 Bedürftige gleichzeitig wiederfanden, zu den ersten schriftlichen Zeugnissen der römischen Gemeinde. Liebe kann durchaus organisiert und finanziert werden, wenn das Grundanliegen, nämlich die (immer neue) Not zu sehen und zu handeln nicht aus dem Augen verloren wird.

 

Aber was ist nun mit uns in den Gemeinden? Ein wirklich respektables Angebot an sozialen Hilfen können wir meist nicht aufweisen. Tatsächlich dürfen wir den Auftrag Jesu, durch die konkrete helfende Tat die Liebe zu ihm zu bewahren, nicht überhören. Es gilt auch in unseren Reihen kreativ zu werden und die Herausforderungen zu finden, in denen wir als Gemeinde tätig werden. Wichtiger aber noch ist die Einstellung der Gemeindemitglieder. Wir können nicht das Gotteslob feiern, wenn wir nicht auch wachsam für die Not der anderen Menschen sind. Wir können unser Herz nicht für Gott öffnen und gleichzeitig für die Schwestern und Brüder verschließen. Zugleich stehen wir mit unserem Tun in der Tradition der ersten Christen, die wussten, dass ihre Taten zwar immer ein Zeugnis sind, aber nie ein Zwang sein konnten, dass der, dem man zur Seite steht, Christ werden muss. Als Christen können wir anderen Menschen helfen, aber sie nicht retten.

Die großen Leistungen der Caritas sind kein Ruhekissen für das Gewissen der Kirche. Sie zeigen vielmehr, dass die konkrete Liebe Grenzen überspringt. Sie beschränkt sich nicht auf die, die Hilfe verdienen. Sie wird nicht nur vollzogen von denen, die helfen müssen. Sie ist nicht einfach ein Luxus, den man sich leisten können muss. Der Nächste, den ich lieben soll, ist immer der Mensch, der als erster meine Hilfe braucht. Der gute Samaritaner, der im Sinne Jesu handelt, ist der Mensch, der vielleicht nicht bekennender Christ ist, aber handelt wie es im Sinne Jesu richtig ist. Die Liebe, die zur Tat wird, ist der Glutkern, der unseren Gottesdienst und unser Christsein davor bewahrt, kalt und tot zu werden.

Die Liebe, die antreibt und uns davor bewahrt, die Hände in den Schoss zu legen, ist die Kraft des Heiligen Geistes, die wärmt, was erkaltet ist, und belebt, was tot erscheint. Was Liebe ist, die am Wort Jesu festhält, hat der Deutsche Caritasverband prägnant zusammengefasst in seinem Leitwort: „Not sehen und handeln“ So einfach geht es, wenn wir den Auftrag Jesu annehmen wollen, den er uns heute im Evangelium mitgibt. Amen.

 

Sven Johannsen, Pfarrer Lohr

­