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Predigt 6. Sonntag Osterzeit A 2020 – 17. Mai

Ein Heiliger, ja, aber aus Fleisch und Blut“ –

100. Geburtstag von Papst Johannes Paul II.

Liebe Schwestern und Brüder,

„Ein Heiliger, ja, aber ein Heiliger aus Fleisch und Blut“, so treffend hat der Chefredakteur der deuten Sektion von Radio Vatikan, Stephan a Kempis, die eigenartige Faszination des morgigen Geburtstagskindes auf den Punkt gebracht. Morgen, am 18. Mai, erinnern sich die katholische Kirche, viele Christen anderer Konfessionen und Menschen in der ganzen Welt an Papst Johannes Paul II, der am 18. Mai 1920 in der polnischen Kleinstadt Wadowice, gelegen zwischen Krakau und den kleine Beskiden, also nahe den Karpaten, geboren wurde.

Er ist ein Mensch aus Fleisch und Blut. Deshalb waren die Werte und Prägungen seines Lebens von klein an auch immer in seinem Pontifikat zu entdecken. Er stammt aus eher kleinbürgerlichen Verhältnissen. Seine Mutter starb früh, ebenso sein älterer Bruder Edmund. Auch der Vater starb als er 21 Jahre alt war. Von früh auf kannte er Schicksalsschläge und teilte damit das Leid vieler Menschen, denen er später als Priester, Bischof und Papst das Evangelium als Trost verkündete.

Er wuchs in einer Kleinstadt auf, in der das Miteinander von Juden und Christen selbstverständlich war. Als junger Bischof setzt er sich im Verlauf des zweiten Vatikanischen Konzils für eine neue Sicht des Judentums ein. Als Papst prägt er das Wort von den „älteren Brüdern“, das seinem Nachfolger dann nicht mehr so leicht von den Lippen kam.

Er erlebte zwei totalitäre Systeme: Den Nationalsozialismus und den Kommunismus, die den Menschen seiner Würde und Freiheit beraubten. So wurde sein Lebensthema die Frage „Was ist der Mensch vor Gott“? Mit ganzer Kraft kämpfte er für die Freiheit seiner Landsleute und verfiel dennoch nicht einem blinden Glauben daran, dass im Westen alles gut sei. Sowohl der Kommunismus als auch der Konsumismus reduzieren den Menschen auf die materiellen Bedürfnisse.

Er war ein Mensch aus Fleisch und Blut und das hat uns beeindruckt:

Er war der erste slawische Papst und der erste Nichtitaliener auf dem Stuhl Petri seit 450 Jahren. Sein Pontifikat war eines der längsten der Kirchengeschichte. Vielen meiner Generation geht es so: Wir sind zwar geboren in einer Zeit als noch Paul VI Papst war, aber wirklich einen Papst erlebt haben wir erst mit Johannes Paul II. Er hat unsere Kindheit, Jugend und das Erwachsensein geprägt.

Er war der erste Papst, der im April 1986 eine Synagoge besuchte, der an einem Gottesdienst in einer Kirche der Reformation teilnahm und der eine Moschee in friedlicher Absicht betrat und den Koran küsste. Eindrucksvoll sein Gebetstreffen aller religiösen Führer in Assisi 1986, als er neben Rabbinern, Imamen, dem Dalai Lama, Indianern und vielen anderen Vertretern der verschiedenen Religionen dieser Welt stand.

Kein Papst hat mehr Länder der Erde besucht und mehr Kilometer zurückgelegt als er. Wenn wirklich je ein Papst die Gefangenschaft im Vatikan aufgebrochen hat, dann der Papst, der sich nach seiner Wahl am 16. Oktober den Menschen vorstellte als der Bischof von Rom, den die Kardinäle von einem fernen Land holten, dass doch im Glauben immer so nahe war.

Kein Papst hat je mehr Menschen selig- und heiliggesprochen und mehr Menschen zu Gottesdiensten versammelt und das in jeder Altersschicht als Johannes Paul.

Er war ein Papst der Superlative und Extreme, auch im persönlichen Bereich: Jung und sportlich, ein Skifahrer und Wanderer, der sich heimlich aus dem Vatikan schleicht, und am Ende seines Lebens eine fast vierjährige Leidenszeit, die die Welt in aller Öffentlichkeit mitbegleitet, getragen von seiner festen Überzeugung, dass auch Christus nicht vom Kreuz gestiegen ist.

Kein Papst hat je mehr Menschen berührt, ob glaubend oder nicht. Sein Leiden genauso wie seine charmante und gewinnende Art, wenn er, wie ich es selbst erleben durfte, bei Weltjugendtagen sein großes Papstkreuz wie ein Superstar sein Mikrophon in die Luft stieß und zu den Klängen moderner geistlicher Musik schwang.

Er war zweifelsohne jemand, der sich auf Inszenierungen verstand, aber er hat sich nie verstellt. Er war kein süßlicher Kirchenmann, wie er uns oft noch begegnet, Verständnis heuchelnd, aber letztlich nur an der eigenen Darstellung interessiert. Johannes Paul war begeistert und er konnte begeistern.

Aber er war auch ein Mensch aus Fleisch und Blut. Das heißt auch, dass er enttäuschen konnte und dass Menschen sich an ihm rieben.

Frauen, die er desillusionierte durch sein Bild von Frauen, das durchaus wertschätzend war, aber für viele die Rolle der Mutter und Ehefrau zu sehr betonte, v.a. das jede Aussicht auf die Weihe ausschloss

Bistümer und Gläubige, die mit recht unglücklichen Fehlgriffen bei Bischofsernennungen leben mussten und sich oft dagegen wehrte, wie in Wien, Chur, St. Pölten.

Theologen, die die Weite des Denkens unter Papst Paul VI. genossen und jetzt zu spüren bekamen, dass Johannes Paul II und sein Präfekt der Glaubenskongregation wieder Klarheit in der Lehre und objektive Wahrheiten umschreiben wollten und auch mit Sanktionen reagierten, wenn jemand dem nicht zu folgen schien. Bischöfe und Theologen anderer Konfessionen, die sich entsetzt zeigten, als ihr Anspruch auf Kirche sein in Frage gestellt wurde.

Katholiken, die sich an seiner Sexualmoral stießen, v.a. engagierte Frauen und Beraterinnen im SKF und anderen Stellen, die in der Schwangerenberatung tätig waren,

Christen in Lateinamerika, die von ihm eine klarere Unterstützung der Befreiungstheologie erhofften.

Zu seinem Menschsein gehört auch das Begrenztsein und Fehler. Kein Heiliger aus Fleisch und Blut ist unfehlbar. Das gilt auch für Johannes Paul II, so sehr ich ihn verehre. Aber ein Heiliger ist mehr als eine Superheld. Mehr als seine Leistung zählt sein Glaube und sein Vorbild auf dem Weg der Nachfolge. Und das ist für Johannes Paul II viel entscheidender als die Beurteilung von einzelnen Aussagen und Taten, so groß sie auch waren.

„Christus lieben und die Gebote halten“, das ist im heutigen Evangelium der Weg des Christen in der Nachfolge. Johannes Paul II hat gerade junge Menschen immer wieder ermutigt, keine Angst zu haben, Heilige zu werden. Das klingt so übermenschlich, ist aber die Herausforderung unseres Lebens. Der Christ ist auf dem Weg der Heiligkeit, nicht der Perfektion. Und Johannes Paul II hat es menschlich vorgelebt wie es geht durch die Liebe zu Christus und durch die Orientierung am Willen Gottes.

Die Liebe zu Christus ist mehr als ein frommes Gefühl. Es geht immer um eine Lebenseinstellung, die nicht sich selbst zur höchsten Maxime von richtig und falsch, gut und böse macht, sondern über sich hinausdenkt. Für Johannes Paul II ist Christus die entscheidende Antwort auf jede Frage des Menschen, insbesondere auf seine religiösen und moralischen Fragen. Wer auf Christus schaut, und das ist Liebe zu ihm, der bricht das Gefängnis des eigenen Ichs auf. IN einer Predigt sagt Johannes Paul jungen Menschen:

„Welches Wort bestimmt am stärksten das Denken und Tun des Menschen? Es ist das kleine Wörtchen: Ich! Was habe ich davon? Was nützt mir das? Was geht das mich an? So fragen wir. Die Ichbezogenheit des Menschen beherrscht das private und öffentliche Leben… Im Evangelium Christi jedoch steht: „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“ Wer die Ichbezogenheit verlässt, der wird frei zur Liebe Jesu im nächsten Menschen. Der lebt nicht allein und lässt Gott nur ein, wenn er allein nicht weiterkommt. Liebe zu Christus ist mehr als ein Gefühl, es ist auch ein konkretes Tun, das manchmal in der Logik der Welt nicht als das erscheint, das mir am meisten nützt: Die Gebote halten. Jesus steht ganz in der jüdischen Tradition. Die Tora ist nicht einfach eine Sammlung von Gesetzen, die es zu befolgen gilt, es ist ein Weg des Lebens in engster Verbindung mit Gott, geprägt vom Bemühen, zu fragen, was Gott von mir will. In diesem Sinne war für Johannes Paul die Frage, was ist der Mensch, was ist seine Würde, nur von Gott und Jesus Christus her zu beantworten. Seine Würde hat der Mensch nicht aus einer Freiheit, die er sich selbst gibt, sondern als Abbild Gottes, dem er verpflichtet bleibt. Das ist sein grundlegendes Bild vom Menschen, das auch in den Positionen, die manchen Theologen, manche Frau oder manchen Jugendlichen enttäuschen, immer zum Tragen kommt. Papst Benedikt hat in einem Rückblick auf Johannes Paul II betont, dass er „moralischer Starrkopf“ gewesen sei. Vielmehr ging es dem Papst immer zuerst darum, die entscheidende Bedeutung der göttlichen Barmherzigkeit, also jenen ersten Halbsatz des Evangeliums „Ich habe euch geliebt“, in Erinnerung zu rufen und so die Möglichkeit zu geben, die moralischen Ansprüche, die sich dem Menschen stellen, zu akzeptieren, selbst wenn wir sie niemals in Gänze erfüllen können.“

Es geht nicht um ein blindes Gehorchen, sondern um ein Antworten auf den Ruf und die liebende Zuwendung Gottes zum Menschen. Dieses grundlegende Bild vom Menschen und seiner unantastbaren Würde zieht sich durch alle seine Worte, die, die uns noch heute bewegen, genauso wie durch die, die uns verstören.

 

Was ich von Papst Johannes Paul II gelernt habe und was ihn für mich zu einem Heiligen macht, also einem Wegbegleiter, Vorbild und Ermutiger auf dem Weg der persönlichen Nachfolge Jesu? Ganz einfach:

Mut zu haben, gläubig zu sein. Heute verstecken viele glaubenden Menschen ihre religiöse Überzeugung in der Öffentlichkeit verschämt. Für mich war die Zeit des volksfrommen Johannes Paul II auch eine Zeit, in der religiöse Gesten viele Menschen bewegten. Er war nicht frömmelnd, aber fest verankert in einer tiefen Christusbeziehung, die er authentisch in der Öffentlichkeit lebte und uns dazu ermutigte.

Froh zu sein, zur Kirche zu gehören. Ganz sicher war nicht alles gut. Es gab Streit mit Theologen, liberalen und fundamentalistischen Katholiken. Aber Kirche war Heimat. Hier fand man Gleichgesinnte und Menschen mit Freude am Glauben. Das war auf vielen großen Veranstaltungen zu spüren. Und der Papst hat uns das Gefühl gegeben, zu einer großen Gemeinschaft, die die Welt umspannt zu gehören.

und noch etwas von Gott zu erwarten; Karl Wallner, der Zisterzienser von Heiligenkreuz bezeichnet Johannes Paul II als die „personifizierte Sehnsucht des Fischers nach vollen Netzten.“ Ja, er ist im Herzen jung geblieben. Man spürte, dass er nicht leer und desillusioniert war, auch wenn seine Worte am Ende dunkler wurden. Heiligkeit heißt auch, mit Gott noch zu rechnen, auch in dieser Zeit.

Bis heute sind es die berühmten Schlussworte seiner ersten Predigt zur Amtseinführung am 22.10.1978, die mich noch immer bewegen und ermutigen, aus der Beziehung mit Jesus zu leben und in der Kirche zu bleiben und zu wirken:

Brüder und Schwestern! Habt keine Angst, Christus aufzunehmen und seine Herrschergewalt anzuerkennen!

Helft dem Papst und allen, die Christus und mit der Herrschaft Christi dem Menschen und der ganzen Menschheit dienen wollen!

Habt keine Angst! Öffnet, ja reißt die Tore weit auf für Christus!

Öffnet die Grenzen der Staaten, die wirtschaftlichen und politischen Systeme, die weiten Bereiche der Kultur, der Zivilisation und des Fortschritts seiner rettenden Macht! Habt keine Angst! Christus weiß, »was im Innern des Menschen ist«. Er allein weiß es!

Heute weiß der Mensch oft nicht, was er in seinem Innern, in der Tiefe seiner Seele, seines Herzens trägt. Er ist deshalb oft im Ungewissen über den Sinn seines Lebens auf dieser Erde. Er ist vom Zweifel befallen, der dann in Verzweiflung umschlägt. Erlaubt also — ich bitte euch und flehe euch in Demut und Vertrauen an —, erlaubt Christus, zum Menschen zu sprechen! Nur er hat Worte des Lebens

 Sven Johannsen, Pfarrer

Ostern6JohPaul100.pdf

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