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Die große Chance der Kirchen“

 

Liebe Schwestern und Brüder

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Dem Himmel ganz nah“, so begann an Christi Himmelfahrt der 3. Ökumenische Kirchentag in Frankfurt. Eigentlich sind solche Veranstaltungen in normalen Zeiten Publikumsmagneten. Ob Ökumenische Kirchentage, Katholikentage oder Evangelische Kirchentage - wenn die „großen“ Kirchen in unserem Land zu diesen Veranstaltungen einladen, dann kommen oft hunderttausend und mehr Menschen. Unter ihnen auffällig viele Jüngere, ja sogar Jugendlichen, jedenfalls wesentlich mehr als ansonsten in Gemeinden und bei Kirchlichen Veranstaltungen zu sehen sind. Kirchen- und Katholikentage geben ein Bild von Kirche, das wir so nicht mehr kennen: Keine halbleeren Kirchen, keine Herren im schwarzen Talar oder Anzug an einem Konferenztisch, zwischen denen ein paar Damen in grauen Kostümen platziert werden, sondern Straßenmusik, Feste, Diskussionen und lebendige Gottesdienste. So gestaltet sich im Idealfall eine solche kirchliche Großveranstaltung, die dann manchen Amtsträger in der Kirche in der falschen Hoffnung wiegen, dass doch alles noch gut ist und sie selbst noch voll am Puls der Zeit dran sind.

Dieser Ausstoß von Glückshormonen bleibt Bischöfen und Teilnehmern nach dem Ökumenischen Kirchentag in Frankfurt wohl versagt. Es gibt Gottesdienste, Diskussionen und andere Veranstaltungen, aber in der Regel nur digital. Das große beglückende Erlebnis einer Gemeinschaft von gleichgesinnten Gläubigen ist in diesem Jahr nicht möglich. Sicher werden am Ende viele kluge Redebeiträge von Politikern, Theologen und Wissenschaftlern Eingang in Zeitungsartikel, Kommentare, Nachrichten usw. gefunden haben, aber die wesentliche Erfahrung dieser Ereignisse bleibt aus: Das Erleben, dass wir gar nicht so wenige sind, dass es schon eine Einheit im Denken, im Glauben, im Hoffen, im Engagement für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung gibt, aber auch im Entsetzen über die Fehler, die in beiden Kirchen gemacht werden, über die fluchtartigen Absetzungbewegungen von Getauften, die in Scharen ihre Kirchen verlassen, und über die mitunter bösartigen Angriffe und Demütigungen durch Meinungen in der Gesellschaft. Kirche muss stattfinden, vor Ort und in Gemeinschaft, davon bin ich überzeugt. Kirche kann man nicht auf Dauer vom Sofa aus sein. Kirche führen wir auf das griechische Wort „ekklesia“ zurück mit der Bedeutung „die Herausgerufene“. Es entspricht also ihrem Wesen, dem Ruf ihres Herrn zu folgen, auf die Straße zu gehen, sich zu sammeln und zu verkünden. Das geht nicht auf Dauer digital, so wichtig die modernen Medien sind. Kirche braucht Gesichter und Menschen aus Fleisch und Blut. Das merken wir gerade an solchen Beispielen wie dem Ökumenischen Kirchentag deutlich. Es geht nicht nur um Schlagzeilen in der Öffentlichkeit, sondern um Begegnung untereinander, um das gemeinsame Gebet und das gemeinsame Zeugnis.

Hätte man also lieber verzichten oder verschieben sollen? Vielleicht! Ich denke aber, dass auch diese Form des Kirchentags Chancen bietet, den Auftrag Jesu „sie sollen eins sein“ mehr umzusetzen.

 

Ein starkes Zeichen war m.E. der Auftaktgottesdienst mit nur einer Handvoll Teilnehmern an einem ungewöhnlichen Ort, nämlich auf dem Dach eines Parkhaus in der Frankfurter City. In der Regel wäre man auf einen zentralen Platz, in ein Fußballstadion oder einen Park gegangen, alles Orte, die die Frankfurter gut genug als Bühnen für Großveranstaltungen und Konzerte kennen. Das überrascht nicht wirklich. Aber ein Gottesdienst auf dieser Aussichtsplattform, hoch oben über den Dächern der Einkaufsmetropole, die sonst eine Cocktailbar für Gestresste Shoppingtouristen bietet, ist schon ein Hingucker. Und es war keine Inszenierung. Die Predigt zur Eröffnung hielt der Prior der Gemeinschaft von Taize, Frere Alois, einer Gruppe von Menschen, denen schon seit Jahrzehnten gelingt, was sich viele Menschen wünschen: gemeinsame Gottesdienste, gemeinsames Leben, gemeinsames Christsein.

Mit einer Botschaft der Hoffnung wagen sich Christen ganz weit nach oben in einer Zeit, wo sich viele wegducken.
Bis in die sechziger Jahre war der Kaiserdom mit seinem 95 Meter hohen Turm das höchste Gebäude in Frankfurt. Das hat sich grundlegend verändert: Die Skyline von Frankfurt wird heute geprägt von Bankgebäuden, Hochhäusern, Messetürmen. Frankfurt ist Sitz großer Verlage, einer der wichtigsten Börsen der Welt, einer der zentralen Flughäfen Europas. Wie kaum eine andere Stadt in Deutschland ist sie Synonym für Kapital, Reichtum der Banken und kulturelle, religiöse und ethnische Vielfalt.

178 Nationen leben in der Mainmetropole, bei 227.000 Ausländern hat fast jeder dritte Einwohner keinen deutschen Pass. Große Vielfalt zeigt die Stadt auch in Sachen Religion: In der internationalen Bankenmetropole haben Angehörige fast aller Religionen Gemeinschaften gebildet. So gibt mehr als 40 muslimische Gemeinden, 4 Hindu-Tempel, 8 buddhistische Zentren, 2 Sikh-Tempel sowie die Baha'i.

Der Anteil der Christen ist auf 40 Prozent zurückgegangen. Seit 1995 gibt es in der traditionell lutherischen Stadt mehr Katholiken als Protestanten. Die Katholiken gehören zum Bistum Limburg. Ende 2018 waren 20,3 Prozent der Einwohner katholisch, 16,2 Prozent evangelisch; 63,5 Prozent gehörten anderen Religionsgemeinschaften an oder waren konfessionslos. Frankfurt ist außerdem seit Jahrhunderten Sitz einer jüdischen Gemeinde; mit fast 7.000 Mitgliedern ist sie die viertgrößte in Deutschland.“ (https://www.domradio.de/themen/%C3%B6kumene/2021-05-14/aeppelwoi-und-internationales-flair-frankfurt-ist-austragungsort-des-oekumenischen-kirchentags)

Gerade Frankfurt steht exemplarisch für den schwindenden Einfluss der Kirchen in unserem Land. Christen werden nicht mehr wahrgenommen, ihr Kirchengebäude werden verkauft, Riten und Traditionen sind oft säkularen Events gewichen. Christsein spielt sich in den Familien oder in einzelnen Kirchenräumen, unbemerkt von der Öffentlichkeit ab. Und gerade hier stellen sich Christen nun ganz oben hin, nicht um auf die Menschen herabzuschauen, die jetzt in Angst leben, auf eine Stadt, die immer noch weitgehend lahmgelegt ist in Kultur, Betriebsamkeit und Feiermöglichkeiten, sondern um vom Himmel zu erzählen, besser von dem, der an diesem 40. Ostertag in den Himmel erhoben wurde, Jesus Christus. Sie geben gemeinsames Zeugnis davon, dass Gott uns nicht in hoffnungsloser Lage hier zurückgelassen hat, sondern das sein Wort gilt: „Ich bin bei euch bis zum Ende der Tage.“ Auch im Angesicht von neuen Tempeln des Geldes ist die Gemeinschaft mit Gott nicht zerrissen.

Diese Christen, die sich da auf das Dach eines Parkhauses stellen und dem Himmel nah sind, erzählen davon, dass Gott, den die Menschen noch immer suchen, sich finden lässt, auch wenn die Verkündigung der Kirche oft scheinbar nur wenig mit dem Leben der Menschen zu tun hat.

Das erste Thema, von dem Christen gemeinsam erzählen sollen, ist die Rede von Gott, der immer schon unter den Menschen ist. Jesus hat den Menschen Gott offenbart, so sagt das heutige Evangelium. Wenn Christen in dieser Zeit in eine Stadt wie Frankfurt gehen, dann ziehen sie nicht eine Show ab, denn da würden sie sich zum Gespött machen. Sie nehmen ernst, dass auch heute noch die Menschen ein Gespür für Gott haben, und sie ziehen sich nicht zurück in ihre Ghettos. Die Einheit ist nicht verwirklicht, wenn es nicht mehr katholisch und evangelisch gibt, sondern wenn Menschen aus der Gemeinschaft mit Gott ihr Leben gestalten können. Der Theologe Thomas Söding hat erst vor wenigen Tagen in der Zeitung „Christ in der Gegenwart“ geschrieben: „Wie sind der Vater und der Sohn eins? So, dass sie sich nicht selbst genug sind, sondern ihre Liebe teilen: mit möglichst allen Menschen.“ Zum Zeugnis der Einheit werden letztlich nicht gemeinsame Verlautbarungen und Rituale, sondern eine Öffnung zur Welt, die den Menschen zeigt, dass wir Christen noch Interesse haben an ihrem Leben, an dem, was in dieser Welt geschieht und was verändert werden muss. In einer zerrissenen Welt zu zeigen, dass man bei aller Unterschiedlichkeit fest verankert im gemeinsamen Glauben in die gleiche Richtung gehen kann, ist das beste Zeugnis der Einheit.

Das Thema des 3. ÖKT lautet „Schaut hin“. Es ist der Auftrag Jesu an seine Jünger, das Leben der Menschen in Blick zu nehmen, Ungerechtigkeit anzuprangern, sich einzusetzen für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung.
Vielleicht aber ist es auch ein Wort der Ermutigung, das Christen den Menschen weitergeben dürfen, die nicht mehr in den Himmel schauen.
Eine schöne Botschaft am vergangenen Donnerstag stammt von der Theologin Sarah Vecera von der Vereinten Evangelischen Mission Wuppertal zu Beginn des Open-Air-Gottesdienstes bei strahlendem Sonnenschein. Dort wo sonst Menschen in Sonnenstühlen sitzen, Cocktails trinken und Gott einen guten Mann sein lassen, sagte sie über die Möglichkeit dieses Festes: "Wir wollen Ihnen ein Stück vom Himmel nach Hause bringen...Denn ein bisschen Himmel kann wohl jede und jeder von uns gut gebrauchen in diesen Zeiten"

Sicher ist es wichtig, Reformen anzugehen, die notwendig sind, Wege zu finden, die uns gemeinsam auch das Abendmahl feiern lassen, aber noch wichtiger ist es für uns als Christen aller Konfessionen, den Menschen, die sich hier auf Erden manchmal von Gott verlassen fühlen, ein Stück Himmel nach Hause zu bringen. Denn den brauchen wir zur Zeit alle.

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