headeroben

 Predigt 7. Sonntag der Osterzeit –

Katholikentag: Wer will diese Kirche noch hören?

Liebe Schwestern und Brüder

„Leben teilen“ – das wollten die Initiatoren des 102. Katholikentags in Stuttgart.

Aber offensichtlich wollten das nur sehr wenige Mitmenschen. Erstmals seit 1960 lag die Zahl der Dauerteilnehmer unter 20.000. Von den 19.000 registrierten Teilnehmer, die das volle Programm ausschöpften, waren 7.000 Mitwirkende, die mehr oder weniger auf Kosten der Bistümer und damit der Kirchensteuerzahlern Dienstzeit in der Landeshauptstadt von Baden-Württemberg verbrachten. Beim letzten Katholikentag 2018 in Münster hatte man noch 90.000 Personen, davon 50.000 Dauergäste, gezählt. Ungefähr 10 Millionen Euro, größtenteils aus öffentlichen Mitteln, wird der Katholikentag kosten. Genauso viel hatte der Katholikentag in Münster gekostet, nur hatte der fast viermal so viele Teilnehmer. (vgl. Benjamin Leven, der Katholikentag braucht ein kompakteres Format: https://www.katholisch.de/artikel/39444-der-katholikentag-braucht-ein-kompakteres-format) Es ist ärgerlich, wenn in einer Zeit, in der Bistumsleitungen nicht müde werden, den in Dauerschleife Pfarreien Sparmaßnahmen anzudrohen, bezahlte Berufskatholiken sich ein kuscheliges Stell-Dich-ein ohne jede Kostenbremse geben und dafür noch eine Kollekte herhalten muss. Was aber wirklich zu denken gibt, ist die Gruppe, die fehlt: Nicht nur Bischöfe und Spitzenpolitiker sind kaum präsent gewesen. Kardinal Woelki sah seinen Platz eher in Neviges als auf dem Forum der katholischen Dauerbetroffenheit in Stuttgart. Außer Bundespräsident Steinmeier und Kanzler Scholz, die pflichtschuldig mit Anwesenheit den Verantwortlichen des ZdK huldigen müssen, waren nur Kevin Kühnert, bekennender Atheist und SPD-Generalsekretär, und einige Politiker der zweiten Reihe da. Friedrich Merz sah keine Veranlassung, sich auf dem Laien-Treffen sehen zu lassen. V.a. aber fehlte die Generation unter der Rentengrenze, also nicht mal mehr die Jugend, sondern auch die Lebensmitte. Schuld daran waren natürlich in der Argumentation der Organisatoren die Pandemie, die Ukraine-Krise und die Kirchenkrise. Die „Pandemie“ ist zum Totschlag-Argument geworden, das aber angesichts voller Feste und Veranstaltungen andernorts nicht recht überzeugen will. Die Ukraine-Krise wäre m.E. eher ein guter Grund, miteinander zu beten zu wollen, also ein Motivator zur Teilnahme. Allein die Kirchenkrise sticht als Begründung, dass der deutsche Katholizismus im Augenblick kaum Anziehungskraft entwickelt. Aber das hat man doch wohl schon vor der Krise um Bischof Bätzing gewusst und hätte entsprechend das Programm komprimieren können. Das hätte aber zur Folge gehabt, dass viele wichtige Menschen, die immer wieder gerne ihr Leiden an der Kirche und ihre klugen Einsichten auf möglichst vielen Formaten der Öffentlichkeit zur Kenntnis geben möchten, möglicherweise keine Bühne gehabt hätten. Da wären der Studentenpfarrer aus Würzburg und die Oberin der Oberzeller Schwestern sicher sehr traurig gewesen und wir wären im Dunkel der Unkenntnis geblieben über den einzigen Weg, wie man die Kirche noch retten kann. Das Grundproblem hat die FAZ in einem Artikel am Donnerstag als Frage gestellt: „Wer hört dieser Kirche noch zu?“

Ich habe den Verdacht, dass der Kreis derer, die auf den Katholikentagen, Diözesanforen und Synodalen Versammlungen ihre Einsichten weitergeben, und derer, die sie gelehrig hören, annähernd homogen und austauschbar ist. Einmal stehen die einen vorne und die anderen hören zu, das nächste Mal ist es dann gerade umgekehrt. In der Regel stehen sie zum größten Teil auf der Gehaltsliste der Bistümer. Der Stand des Bistums Würzburg auf dem Katholikentag in Stuttgart stand unter dem Motto „Wir haben etwas zu sagen“ Und dann durfte man sich die Welt von Bischof Franz, Weihbischof Ulrich, Hochschulpfarrer Hose, Generaloberin Schwester Dr. Katharina Ganz, der ehemaligen Landtagspräsidentin Barbara Stamm,  Prof. Michael Rosenberger, Diözesanratsvorsitzender Michael Wolf und anderen hochkarätigen Beobachtern der Zeit erklären lassen (Wobei Prof. Bofinger sicher etwas zu sagen hatte). Leider wollten, so scheint es zumindest auf den Fotos, nur wenige Menschen sich etwas sagen lassen. Das könnte auch daran liegen, dass die Weisheiten oft nicht allzu neu und gar nicht erbeten sind.

Dabei haben wir als Christen tatsächlich etwas zu sagen und sollen es  sogar tun.
Das ist ja die Pointe des heutigen Evangeliums. Wir lesen traditionell am siebten Sonntag der Osterzeit im 17. Kapitel des Johannesevangeliums. Wie in den Evangelien des Markus, des Matthäus und des Lukas wird uns auch von Johannes Jesus als Beter und Lehrer des Gebetes vorgestellt. Aber anders als die sog. synoptischen Evangelisten zeigt uns Johannes Jesus nicht in einer schier aussichtslosen Gebetssituation am Ölberg, sondern überliefert ein großes und feierliches Gebet Jesu am Ende des Mahles und der Abschiedsreden. Am heutigen Sonntag im Lesejahr C hören wir den Abschluss dieses Gebetes, in dem Jesus insbesondere die in den Blick nimmt, die durch die Verkündigung der Jünger zum Glauben kommen. Die Jünger haben einen Auftrag, der aus ihrer engen Verbindung mit Jesus kommt: Sie sollen Menschen zur Erkenntnis Jesu und zum Glauben an Gott bringen. Ihr Wort und ihr Leben haben missionarische Funktion. Die Welt soll erkennen, dass Gott die Jünger liebt und dass diese Liebe sie stärkt zu einem Zeugnis, das beeindruckt. Die Lesung aus der Apostelgeschichte, die heute vom Martyrium des Stephanus erzählt, macht deutlich, dass diese missionarische Linie der Jüngerschaft scheinbar nicht immer von Erfolg gekrönt ist, aber dennoch dem Durchbruch des Geistes dient. Stephanus stirbt, die griechischen Christen werden aus Jerusalem vertrieben und kommen zunächst nach Samarien, dann immer weiter in den Norden und gründen dort neue christliche Gemeinden wie Antiochia, das später zum großen Missionszentrum für den Apostel Paulus wird. Die beiden Texte der ersten Lesung und des Evangeliums sind eng miteinander verknüpft. Im Johannesevangelium betont Jesus die Bedeutung des Wortes der Jünger. In der Lesung wird uns der Inhalt dieser Botschaft gedeutet: nicht Rechtfertigung und Argumentation, sondern Zeugnis und Verkündigung. Stephanus legt keine Gründe für die Richtigkeit seines Glaubens an Jesus da, er lässt durch sein Reden und Leben erkennen, wie stark der Geist Gottes in ihm wirkt. Wenn die Welt Jesus und die Bedeutung des Evangeliums für ein gelingendes Leben erkennen soll, hängt das nicht von der Klugheit unserer Argumente ab, schon gar nicht wie gut unsere Botschaften in das Konzept einer aufgeklärten und modernen Welt passen, sondern wie sehr Jesus und der Vater im Heiligen Geist in uns Wohnung genommen haben. Das zeigt sich auch in der Einheit, die Christen suchen und die erträgt, dass es unterschiedliche Meinungen gibt. Wenn die Predigten in den Gottesdiensten und die Reden bei den Veranstaltungen der offiziellen Kirche in Deutschland immer mehr nach der Presseabteilung der Bundesregierung klingen, dann muss man sich nicht wundern, dass nur noch wenige Menschen diese Kirche hören wollen. Papst Franziskus macht es m.E. vor: Er lässt sich nicht festlegen und redet niemand nach dem Mund. Das, was er als Botschaft des Evangeliums erkannt hat, verkündet er ohne falsche Rücksichtnahmen und bringt gerne alle Seiten gegen sich auf. Man mag manchmal anders denken, aber man muss zugeben, dass man dem Papst noch zuhört, nicht zuletzt, weil er seine Worte im Evangelium findet  und sie nicht diplomatische Bulletins gleichen, wie die Aussagen mancher deutschen Bischöfe, denen man anmerkt, dass sie auf der Gehaltsliste des Staates stehen.

„Wer hört dieser Kirche noch zu?“ Niemand, wenn sie sich in ständigen selbstmitleidigen Reflexionen verliert; niemand, wenn sie sich als verlängerter Arm politischer Parteien und Regierungen sieht; niemand, wenn man spürt, dass es letztlich nur darum geht, gemocht zu werden und nicht anzuecken. Ich stimme den Kritikern zu, die neben allen Skandalen einen Grund der Krise auch darin erkennen, dass die Kirche in Deutschland ihr Kerngeschäft vernachlässigt.

In einem Artikel für die Süddeutsche Zeitung hat die Redakteurin Annette Zoch, die selbst Teilnehmerin einer Gesprächsrunde war und den synodalen Weg unterstützt, dennoch kritisch angemerkt, dass nur wenige Menschen noch auf die Stimme der Kirche hören, weil sie so stark mit sich selbst beschäftigt ist. Sie schreibt:

„Dabei, und das ist die große Tragik, wäre die Stimme der Kirche gerade jetzt vielleicht so wichtig wie nie. Eine Stimme, die auf etwas Größeres hinweist. Darauf, dass Tod und Gewalt nicht das letzte Wort haben werden. Die Corona-Pandemie, der russische Überfall auf die Ukraine, die Klimakatastrophe, Elend, Flucht und Hunger überall auf der Welt - die Menschheit ist müde, mürbe und erschöpft. Wann, wenn nicht jetzt, bräuchte sie Trost und Hoffnung und Zuversicht?“ (SZ Annette Zoch: https://www.sueddeutsche.de/meinung/katholikentag-katholische-kirche-georg-baetzing-papst-franziskus-1.5592538)

Letztlich entspricht das genau dem Auftrag Jesu an seine Jünger, Zeugnis abzulegen vom Evangelium, die Menschen so Jesus erkennen zu lassen und sie zum Glauben an Gott zu führen. Das wird uns aber nicht gelingen, wenn in unserer Kirche nur noch die zu hören sind, die den Untergang ankündigen, wenn man nicht auf der Stelle und ohne Abstriche umsetzt, was sie als die Rettung erkannt haben. Wir müssen über die Themen sprechen, die momentan die Glaubwürdigkeit der Kirche in unserem Land belasten, v.a. die furchtbaren Skandale des Missbrauchs, des Vertuschens und des Schutzes von Tätern. Wir müssen aufklären und Lösungen finden, ggf. auch mit dem Staat, weil m.E. die Bistumsleitungen damit überfordert sind. Aber wir dürfen nicht unsere Kernaufgabe vernachlässigen: für das Leben zu jedem Zeitpunkt eintreten, die Würde des Menschen als Abbild Gottes in Erinnerung rufen und Hoffnung aus der Hinwendung zum Gott des Lebens stiften.

„Wer hört noch auf die Kirche.“ Kevin Kühnert hat auf dem Katholikentag zugestimmt, dass er das tun würde, wenn sie glaubwürdig wäre. Das ist schön. Wichtiger wäre aber, dass die eigenen Gläubigen, die Jünger unserer Zeit, wieder Ermutigung in der Verkündigung des Evangeliums finden und nicht noch mehr Verunsicherung und Ängste durch Kirchenfürsten geschürt werden. Die Kirche hat zuerst das Heil in Jesus Christus für alle Menschen zu bezeugen und nicht Strukturpläne zur Rettung ihrer Ordinariate. Wenn das wieder die Priorität bildet, dann werden Menschen auch auf sie hören und mit ihr das Leben und die Hoffnung teilen wollen. Amen.

Sven Johannsen, Lohr

Siebter_Sonntag_der_Osterzeit_Wer_will_diese_Kirche_noch_hören.pdf

­