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Predigt Allerheiligen

„Selig, die Frieden stiften, denn sie werden Kinder Gottes genannt“

25 Jahre Attentat Jitzchak Rabin

Allerheiligen_2020_Rabin.pdf

Liebe Schwestern und Brüder

Sicher werden wir in dieser Woche in vielen Nachrichtensendungen, Reportagen, Reden und Artikel an ein Ereignis erinnert, das weltgeschichtlich von herausragender Bedeutung ist: Am 4. November 1995, also vor 25 Jahren, wurde der damalige Ministerpräsident des Landes Israel, Jitzchak Rabin, in Tel Aviv Opfer eines Attentats durch einen religiösen Fanatiker. Manche erinnern sich noch: Rabin war zusammen mit dem Außenminister Shimon Peres und dem PLO-Chef Jassir Arafat Träger des Friedensnobelpreises und galt als Hoffnungsträger für den Frieden im Nahen Osten. Viele verbanden mit ihm die Zuversicht, dass ein Weg der Versöhnung zwischen Israelis und Palästinenser gefunden wird. Verklärend wurde er in der Zeit nach seiner Ermordung stilisiert zum Anwalt des Friedens, der, so mancher politischer Kommentator, den Wunsch nach Frieden fast schon in die Wiege gelegt bekommen hat. Am heutigen Tag, an dem wir im Evangelium die Seligpreisung hören „Selig, die Frieden stiften, denn sie werden Kinder Gottes genannt werden“ lohnt es sich, auf das Leben dieses besonderen Mannes und Kämpfers für ein friedliches Miteinander zwischen Juden und Arabern im Land Israel zu schauen. Denn der Einsatz für den Frieden war ihm nicht wirklich immer ein Herzensanliegen. Er wurde erst im fortgeschrittenen Alter zum mutigen Pionier neuer Wege des Friedens.
Jitzchak Rabin wurde 1922 in Israel geboren. Er war also ein Kind des Landes, das noch kein Staat, sondern Mandat des britischen Empires war. Seine Eltern waren viele Jahre vor seiner Geburt aus Osteuropa, nach Palästina eingewandert. Er hatte also keine direkten Erlebnisse mit den Nationalsozialisten und ihrem Terror in Europa. Er gehört wie die meisten führenden Politiker der Gründungszeit Israels, David Ben Gurion, Levi Eschkol oder Golda Meir, der sozialistischen Arbeiterpartei an. Rabin war von Kindheit an eingebunden in das Ringen jüdischer Zionisten nach einem eigenen Staat und die damit verbundenen Auseinandersetzungen mit der britischen Besatzungsmacht und den schon lange im Land lebenden Arabern, die das Land für sich einforderten. Die Jahre seiner Jugend waren geprägt von Gewalt und Attentaten durch jüdische Untergrundbewegungen und arabische Nationalisten. Rabin wird ein Mensch des Militärs. Er kämpft erfolgreich in den wichtigsten Kriegen Israels nach seiner Staatsgründung und war beim sog. Sechs-Tage-Krieg 1968 der militärische Führer des Landes. Ihm wurde der überragende Sieg gegen Syrien, Ägypten und Jordanien zugeschrieben, der den Staat Israel um das Westjordanland und Ost-Jerusalem erweiterte. Lange war er überzeugt, dass nur ein starkes Militär das Überleben Israels sichern könne. Auch als Botschafter in den USA versuchte anfangs die dortige Regierung für eine militärische Unterstützung Israels gegen seine Feinde zu gewinnen. Aber er begann langsam zu erkennen, dass Waffen auf Dauer keinen Frieden und keine Sicherheit garantieren können. Er arbeitet in seiner ersten Amtszeit als Ministerpräsident in den siebziger Jahren schon auf einen Frieden zwischen Israel und Ägypten hin, für den schließlich Menachem Begin und Anwar as-Sadat nach dem Abkommen von Camp David den Friedensnobelpreis bekamen. Rabin gelang es später aber einen dauerhaften Frieden mit Jordanien auf den Weg zu bringen. Das bis heute größte Problem auf dem Weg zu einem Frieden zwischen Israelis und arabischen Palästinensern sind die sog. Siedler. Die jüdischen Siedlungen auf dem Gebiet der Palästinenser sollten seit vielen Jahren die arabischen Teile des Landes für Israel sichern. Stattdessen brachten sie nur Gewalt und Krieg, die sich in der sog. ersten Intifada eskalierte. Rabin und sein Außenminister Shimon Peres kamen zur Überzeugung, dass es persönliche Gespräche mit den Palästinensern braucht und Zugeständnisse, damit die Menschen endlich in Frieden leben könnte ohne Angst vor Anschlägen und Gewaltexzessen. Er sprang über seinen eigenen Schatten und ließ sich auf Gespräche mit dem Feind ein, dem Führer der PLO, Jassir Arafat. In den sog. Osloer Verträgen wurde den Palästinenser autonome Gebiete zugesprochen. Für viele Israelis war das verbunden mit der Hoffnung auf einen wirklichen Frieden für sich und ihre Kinder. Aber gerade rechte, religiöse Gruppen bezichtigten Rabin des Verrats und erklärten den Mord an ihn als gottgefällige Tat. Auch der Führer der konservativen Opposition, der heutige Ministerpräsident Netanjahu, beförderte den Gedanken, dass ein Akt der Gewalt gegen Rabin legitim sei. Am 4.11.2020 hielt Rabin in Tel Aviv auf dem Platz vor dem Rathaus eine Rede vor vielen Friedensaktivisten, die ihn auf seinem Weg unterstützten. Unter ihnen aber hielt sich ein junger Mann verborgen, der aufgestachelt von der feindseligen Polemik religiöser Führer, beim Verlassen Rabins die Waffe zog und ihn erschoss. Viele Hoffnungen auf Frieden zerbrachen in diesem Moment. Das ungeschickte Vorgehen seiner Parteifreunde trieb die Wähler den Gegnern in die Arme, so dass Benjamin Netanjahu seine erste Amtszeit antreten konnte und den Konflikt mit den Palästinensern wieder neu entfachte.

Könnten Israelis und Araber heute in Frieden leben, wenn Rabin nicht Opfer dieses Attentats geworden wäre? Gäbe es heute einen wirklichen Frieden im Nahen Osten? Wir wissen es nicht. Aber zumindest lässt sich an diesem Mann zeigen, wie ein Mensch sich vom strengen Vertreter einer Militärdoktrin zum Anwalt des Friedens wandeln kann. Nicht Bekehrung des Herzens, sondern Einsicht des Denkens ließen ihn diesen mutigen Weg gehen. Irgendwann war ihm klar, dass es für die Zukunft seines Landes gewinnbringender ist, in die Bildung und die technologische Entwicklung zu investieren statt in Waffen und Mauern.

Rabin war kein Heiliger, v.a. schon deshalb nicht, weil er Jude war, auch wenn Religion für ihn sicher kein wichtiges Thema war, sondern weil Blut an seinen Händen klebte. Seinen Soldaten soll er 1968 bei der Eroberung Ostjerusalems den Auftrag gegeben haben, wenn sie auf arabischen Widerstand träfen: „Brecht ihnen die Knochen!“ Der Frieden war eine Sache des Verstandes, nicht des Herzens. Gegenüber Bill Clinton äußerte Rabin einmal: „Frieden wird nicht zwischen Freunden, sondern zwischen Feinden geschlossen.“

Frieden aus Einsicht, dass man sich nicht lieben muss, sondern ein gemeinsames Interesse an einer guten Zukunft hat. Die Bibel sagt: Frieden ist die Frucht der Gerechtigkeit, also nicht der Liebe.

Das gilt in der hohen Politik, wie in der kleinen Welt unseres Lebens. „Selig, die Frieden stiften“ wird uns als Voraussetzung für den Weg der Heiligkeit genannt. Das ist keine Sonntagsrede, sondern Grundbedingung zum Weg der Heiligung unseres Lebens, die unser Taufauftrag ist. Papst Franziskus sagt: Das Christentum ist … vor allem dafür gemacht, gelebt zu werden…“ Wenn Jesus also heute die Menschen seligpreist, die sich für den Frieden einsetzen, dann hebt er nicht ein paar wenige Idealisten heraus, sondern macht Einsatz für Geschwisterlichkeit zum Maßstab für uns alle: Frieden beginnt bei uns, in unserem Verhalten und Denken.

Klar, dass ich keine Waffen im Keller horte, mit denen ich über andere herfalle, aber dass unserer Gesellschaft friedloser und intoleranter geworden ist, kann man wohl kaum bestreiten. Die eigene Meinung für so absolut zu halten und das eigene Recht durchzusetzen, werden immer mehr zu einem allgemeinen Denkmuster. „Ich habe Recht, und der andere hat Unrecht. Das gibt mir das Recht, ihn juristisch zu belangen, ohne Einschränkungen einzufordern, was mir zusteht, und keine Rücksicht walten zu lassen.“ Es beginnt am Gartenzaun und setzt sich fort in der Einstellung zu Institutionen. Immer mehr Schulen müssen erleben, wie Eltern die angeblichen Rechte ihrer Kinder oder ihre Sicht von der Genialität ihrer Kinder mit Anwälten durchsetzen wollen. An vernünftige Kompromisse ist oft nicht mehr zu denken. Der Riss in unserer Gesellschaft hat auch damit so tun, dass das Denken in Freund-Feind-Schemata sich verschärft: Jeder Ausländer muss potenziell kriminell und faul sein. Muslime sind generell bereit zu Gewalt.

Die Seligpreisung Jesu fragt mich an, welche Feindbilder habe ich in mir? Und wenn ja, wie sehr prägen sie mein Handeln und Reden? Wir müssen uns nicht alle lieben, aber mit Respekt behandeln. Ich erinnere an das Wort von Rabin: „Frieden wird nicht zwischen Freunden, sondern zwischen Feinden geschlossen.“ Das Leben des Anderen kann mir fremd bleiben, seine Überzeugung kann ich ablehnen, aber ich habe immer zu prüfen, ob wir nicht das gleich letzte Ziel haben, nämlich eine gute Zukunft für uns und die Menschen nach uns zu gestalten. Dann kann ich Wege des Friedens gehen.

Das gilt in besonderer Weise für die Religionen. Papst Franziskus nimmt sie in seiner neuen Enzyklika „Fratelli tutti“ in besonderer Weise in die Pflicht, der Geschwisterlichkeit unter den Menschen zu dienen. Ich muss nicht glauben, was ein Muslim, ein Buddhist, ein Jude oder ein Hindu glaubt. Ich muss auch nicht sagen, dass wir alle den gleichen Gott haben. Das wäre letztlich eine Gleichmacherei, die niemanden dient. Ich kann Anfragen haben an den Glauben des anderen Menschen, aber ich bin immer gehalten zu fragen, ob nicht sein Glaube ihn auch verpflichtet, dem Wohl aller Menschen als geliebten Geschöpfe Gottes zu dienen. In seiner Enzyklika Fratelli Tutti bringt Papst Franziskus das auf den Punkt: „Als Gläubige sind wir herausgefordert, zu unseren Quellen zurückzukehren, um uns auf das Wesentliche zu konzentrieren: die Anbetung Gottes und die Nächstenliebe, damit nicht einige Aspekte unserer Lehren, aus dem Zusammenhang gerissen, am Ende Formen der Verachtung, des Hasses, der Fremdenfeindlichkeit und der Ablehnung des anderen fördern.“

Dazu hilft uns das Beispiel der großen Heiligen, Charles de Foucauld, Franziskus, Mutter Teresa , die alle auch Grenzgänger waren und es wagten, auf einem festen Grund des eigenen Glaubens, den Menschen anderer Religionen zu begegnen. Wir schaffen keine Welt, in der alle einander lieben, aber eine Welt in der Menschen den anderen zugestehen können, dass sie das Gute wollen und so Wege zu finden zu einer neuen Geschwisterlichkeit, die unsere Berufung zur Heiligkeit in der Welt leuchten lassen. Amen.

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