headeroben

Predigt Allerheiligen 2021

Himmlische Zahlenspiele

himmlische_Zahlenspiele.pdf

Liebe Schwestern und Brüder

 

etwa 81.000 Menschen passen in das Dortmunder Fußballstadion, den Signal Iduna Park. Im Londoner Wembley Stadion finden 90.000 Menschen Platz und ins Camp Nou von Barcelona können sogar 96.000 Menschen kommen. Unvorstellbare Menschenmengen passen in die größten Fußballstadien Europas, aber sie würden nicht ausreichen für die 144.000 Geretteten, von denen die heutige Lesung aus der Offenbarung des Johannes spricht: „Und ich erfuhr die Zahl derer,
die mit dem Siegel gekennzeichnet waren. Es waren hundertvierundvierzigtausend aus allen Stämmen der Söhne Israels, die das Siegel trugen.“ Wenn diese Schau die Einwohnerzahl des Himmels richtig zählt, dann bekommt man sie nicht einmal im größten Stadion der Welt unter, im Stadion des ersten Main in der Hauptstadt Nordkoreas, Pjöngjang. Dort finden nämlich nur rund 115.000 Menschen Platz. Es ist tatsächlich, wie die Lesung sagt, eine Schar, die niemand zählen könnte, größer als die Einwohnerschaft der Stadt Würzburg. Aber zugleich kommt einem die Zahl angesichts 2000 Jahre Christentum und einer augenblicklichen Weltbevölkerung von 7 Milliarden Menschen recht klein vor. Das sind gerade einmal 0,002% der augenblicklichen Weltbevölkerung und vor uns sollen angeblich auch schon ein paar Menschen mit guten Chancen auf das Paradies gelebt haben. Wenn diese Zahl wirklich die Geretteten im Himmel angibt, dann ist meine Chance wesentlich größer, 10mal hintereinander einen Sechser im Lotto zu haben. Dann kann ich aufhören, mich ordentlich zu benehmen, denn im Himmel ist es wohl schon längst jeder Platz besetzt. Lieber also die paar Jahre genießen, die ich hier noch habe.

Natürlich ist wohl jedem von uns klar, dass diese Zahl 144.000 keine genaue Anzahl derer darstellt, die schon im Himmel sind bzw. einmal in den Himmel kommen werden. Die Zahl klingt ja schon beim Aussprechen symbolträchtig. Das ist sie auch. Kein anderen Buch der Bibel ist so voller Zahlensymbolik wie das Spätwerk, das ganz am Ende des Neuen Testaments steht. In ihm findet sich alles, was das Herz eines biblischen Mathematikers erfreut: hohe runde Zahlen, Tausender und Halbe… Der Autor lässt kein Detail des Symboleinmaleins aus. In der Offenbarung findet sich die berühmteste aller Zahlen, die 666, die Zahl des Tieres und ewige Rätsel für alle Weltuntergangspropheten. Und natürlich spielt die 12 und ihre Vielfachen eine große Rolle

 

Machen wir einen kleinen Ausflug in die Mathematik der Apokalypse!

Die Tausender Potenz von 144 ist natürlich 144.000, also wird die Zahl 1000 eine größere Bedeutung haben.

Jetzt ziehen sie bitte einmal die Wurzel aus 144, dann kommen Sie auf 12. Spätestens jetzt heulen bei einem biblisch belesenen Menschen alle Alarmsirenen auf. 12 ist eine der wichtigsten Zahlen der Bibel.

Zerlegt man sie, dann ist 12 zunächst einmal das Produkt von vier mal drei. Drei ist wie die „Eins“ die Heilige Zahl schlechthin, denn sie steht für die Dreieinigkeit, also für das Göttliche. Drei sind auch die göttlichen Tugenden, die einen frommen Menschen auszeichnen: Glaube, Liebe und Hoffnung. Drei ist die Zahl der Zeit: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Dreimal rufen die Engel am Thron Gottes „Heilig, Heilig, Heilig“, wie wir es auch noch im Sanctus singen. Schließlich sprechen wir dem Menschen drei Zentren zu: Der Leib, der Verstand und die Seele.

Aller guten Dinge sind also auch für die Bibel drei.

Die Vier ist auch nicht schlecht, ist sie doch die Zahl der Erde und des Kosmos. Wir haben vier Himmelsrichtungen, vier Jahreszeiten, vier Elemente und vier Evangelisten. Gerechtigkeit, Tapferkeit, Mäßigung und Klugheit zählt man seit der Antike als die vier Kardinaltugenden. In der Bibel wird das Paradies von vier Strömen durchflossen. Beim jüngsten Gericht wird Gott die Menschen rufen von den vier Enden der Erde, so der Prophet Sacharija (Sach 2,6) und Markus folgt ihm in dieser Vorstellung (Mk 13,27). Der hebräische Name Gottes setzt sich aus vier Konsonanten zusammen: „JHWH“. Gleiches gilt für die Kreuzesinschrift Jesu „INRI“ Richtig übervoll kommt die „vier“ dann in der Offenbarung des Johannes zur Geltung: Vier Lebewesen stehen an Gottes Thron. Vor dem Ende erscheinen die vier Reiter der Apokalypse u.v.m.

In der zwölf verbinden sich also zwei bedeutungsschwangere Zahlen: Die Zahl der göttlichen und der menschlich-kosmischen Sphäre. Damit haben wir einen ersten Zugang zu denen, die im Himmel Platz haben: Sie sind Menschen, die dem Geheimnis auf die Spur gekommen sind, dass Gott und Mensch miteinander verwoben sind. Sie können niemals nur rein irdisch ausgerichtet sein, so gut sie auch im Leben sich verhalten haben, und sie können auch keine weltverneinende Himmelsstürmer sein, die nur Gottes Herrlichkeit im Sinn haben. Sie sind Menschen, die ahnen, dass die göttliche Kraft die kosmische Ordnung und die menschliche Natur durch-wirkt.

Aber die Zwölf bedeutet natürlich noch mehr. Sie ist nicht nur das Produkt von drei und vier, sondern hat eine ganz eigene Symbolkraft. Kaum eine Zahl, außer der „zehn“ kommt an die Fülle der Aussagen heran, die sich mit ihr verbindet:

Sie ist die Zahl der Fülle. Zwölf Monate bestimmen unser Jahr. Zwölf Tierkreiszeichen teilen nach antiker Vorstellung den Himmel in zwölf Bereiche. Gleiches gilt für die Tageseinteilung in zwölf Stunden nach ägyptischen Vorbild. V.a. aber ist die „Zwölf“ eine biblische Zahl: Ezechiel sieht in einer Vision das neue Jerusalem als Stadt mit zwölf Toren (Ez 48,31ff). Diese Vision nimmt der Verfasser der Offenbarung auf, wenn er im 21. Kapitel über das himmlische Jerusalem schreibt: „ Die Stadt hat eine große und hohe Mauer mit zwölf Toren und zwölf Engeln darauf. Auf die Tore sind Namen geschrieben: die Namen der zwölf Stämme der Söhne Israels“ (Offb 21, 12).

Die „Zwölf“ ist v.a. die Zahl Israels, das aus genau dieser Menge von Stämmen besteht, entsprechend der Anzahl der Söhne des Erzvaters Jakob, der ja in der Bibel den Beinamen „Israel“ bekommt. Jesus nimmt diese Identifikation der „zwölf Stämme“ mit dem Volk Israel auf und beruft zwölf Apostel als Grundpfeiler des neuen Gottesvolkes. Jesus macht mit der Berufung des Zwölferkreises deutlich, dass Gott sein Volk nicht verworfen hat, sondern noch immer sich eine heilige Gemeinde erwählt. In diesem Sinne hat in der Tradition der Kirche die Zahl „Zwölf“ viele Interpretationen erfahren. Unser Glaubensbekenntnis besteht aus zwölf Artikeln. Der heilige Augustinus erkennt in ihr das Produkt der Dreifaltigkeit mit den vier Evangelisten. Eine andere Deutung erkennt in Christus den Tag, in den Apostel aber die zwölf Stunden des Tages, und schreibt ihnen zu, Glaube, Hoffnung und Liebe, also die drei göttlichen Tugenden, in alle vier Himmelsrichtungen auszubreiten.

Potenziert man nun diese Fülle tausendfach, dann werden es die 12000 Besiegelten aus den zwölf Stämmen, also die 144.000, die das Lamm Gottes, Christus, anbeten.

Es geht dem Verfasser also weniger um ein Kontingent an Geretteten, wie unser Innenminister einmal die Zahl der aufgenommenen Flüchtlinge regulieren wollte, sondern um eine Glaubensaussage: Gerettet wird nicht aufgrund einer Einzelleistung, sondern weil man zum Volk Gottes gehört, das er sich für die Endzeit bewahrt. Allein rettet sich niemand. Entweder alle oder keiner, so möchte man sagen. Gott selektiert nicht, sondern sammeln sich sein Volk. Aber die Zugehörigkeit zu diesem Volk setzt beim Einzelnen voraus, dass er auch daran teilnimmt. Es gibt keinen Automatismus des Heiles durch die Taufe. Heiligkeit heißt, auch im Alltag als Glied des Volkes Gottes leben.
Das wird deutlich im Bild der Besiegelung. In der Lesung wird all denen, die zu Gott gehören, das Siegel auf die Stirn gedrückt. Ich erinnere mich an die Fahrt nach Äthiopien, wo uns viele Menschen begegnet sind, die das Kreuz auf die Stirn tätowiert hatten als Zeichen ihres Glaubens und ihrer Zugehörigkeit zu Christus - ein starkes Bekenntnis angesichts von vielen muslimischen Nachbarstaaten. Sie tragen das Siegel Gottes auf der Stirn. Versiegelt wird ein Parkettboden. Das ist nicht unbedingt gemeint, aber auch diese Versiegelung dient ja dem Schutz des Bodens. Wir geben auf etwas, das wir für unumstößlich halten, Brief und Siegel. Auf Dokumente, die Gültigkeit erhalten sollen, setzen wir ein Siegel, früher sogar ganz edel ausgestaltet mit Wachs. In der Firmung wurde uns gesagt: „Sei besiegelt mit der Gabe Gottes, dem Heiligen Geist.“ Wenn dabei die Stirn des Firmlings mit dem Chrisam gesalbt wird, dann wird deutlich, dass dieser Ritus an den Ursprung unserer Besiegelung zurückführt, an die Taufe. Wir gehören seit der Taufe zum Kreis derer, die das Siegel Gottes tragen, die er sich nicht mehr entreißen lässt von Tod und Untergang. Bischof Franz Kamphaus hat es treffend gedeutet: Wir sind Geschöpfe Gottes, geschaffen nach seinem Bilde. Diese Prägung besiegelt unsere Verpflichtung Gott gegenüber. Das Siegel fordert uns mehr als das Siegel des Kaisers. Alle Menschen tragen das Bild Gottes in sich, alle gehören ihm. Und deswegen sind wir alle Gott verpflichtet: ‚Gebt Gott, was Gottes ist. Was wir Gott zu geben haben, … sind wir selber, wir ganz, mit Leib und Seele. Wir gehören keiner Macht dieser Welt, sondern Gott allein.“

Nicht unser Schicksal ist schon besiegelt, aber unsere Zukunft gesichert. Das Siegel ist kein Zeugnis über unsere Leistungen, mit denen wir uns den Himmel verdienen könnten, sondern eine Bestätigung, dass wir von Gott stammen und zu ihm gehören. Bestätigt werden heute unsere Persönlichkeit und Einzigartigkeit als heiliges Eigentum Gottes, das er sich von keiner Macht der Welt verderben lassen wird. Diese Zuversicht schließt keinen aus, daran erinnert uns diese symbolische Zahl der 144.000.

Wenn wir in einem bekannten Gospel bitten When the Saints go marching in Lord, how I want to be in that number“, dann dürfen wir mit sicherer Hoffnung glauben: Gott zieht den Kreis größer als wir Menschen es manchen wahrhaben wollen. Aber für jeden, der Gott kennengelernt hat, der sich in die Nachfolge Jesu Christi begeben hat und seinen Willen zu ergründen sucht, lässt es sich leicht ausrechnen, wo Gott uns haben will: Auf seiner Seite und einmal um seinen Thron, wo wir eingeladen sind mit all den Brüdern und Schwestern, die uns schon in seine Herrlichkeit vorausgegangen sind, sein Lob zu singen ohne Ende. Amen.

 

Sven Johannsen, Lohr

 

­