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Predigt Christi Himmelfahrt „Erleuchte die Augen unseres Geistes“

Liebe Schwestern und Brüder

Fake News oder Fakten?

Christi_Himmelfahrt_20212091.pdf

Will die grüne Kanzlerkandidatin wirklich die Haustierhaltung verbieten lassen, weil die CO2-Bilanz von Hund und Pferd katastrophal sind? Nein, Fake-News, einfach erfunden

Hat die Hohe Inzidenzzahl in Deutschland ihren Grund in einem erhöhten Anteil von Migranten unter den Intensivpatienten, wie Bild und dann die AFD behaupten? Auf deutschen Intensivstationen werden Daten über die Herkunft eines Menschen nicht abgefragt. Durch Studien aus den USA und Großbritannien ist aber die Tatsache nachweisbar, dass Menschen, die wirtschaftlich auf der unteren Stufe leben, häufiger von einem schweren Corona-Verlauf betroffen sind. Dazu gehören viele Menschen mit einem Migrationshintergrund.

Gibt es wirklich ein Video von einer Rave Party aus einem Supermarkt in den Niederlanden aus der Zeit des Lockdowns? Nein, das Video kommt aus Polen und entstand 2019

Seit einigen Wochen bietet der Bayerische Rundfunk mit seiner Plattform „Faktenfuchs“ Antworten und Klarstellungen zu vermeintlichen Skandalnachrichten, die sich oft als „Fake-News“, als gefälschte Nachrichten erweisen. Nötig, so die Verantwortlichen, wurde diese Initiative, weil nicht erst seit Ausbruch der Pandemie Fake-News über angebliche Verschwörungen oder Manipulationsversuche durch Regierungen, Konzerne, v.a. Bill Gates, oder sogar durch den Vatikan.

Fake-News sind keine journalistische Fehler oder Ungenauigkeiten. Bei Fake News handelt es sich um bewusst irreführende Behauptungen, die gezielt verbreitet werden. Meist haben sie einen wahren Kern, eine Zahl oder Meldung, die aber in der Regel aus dem Zusammenhang gerissen und zerfleddert werden. Die Zahl oder Nachricht wird dann so manipuliert, meist auch noch durch ein aussagekräftiges Bild verstärkt, dass sie schnell großes Explosionspotential entwickelt. Der König der Fake-News war und ist natürlich der ehemalige US-Präsident, Donald Trump, der ohne große Rücksicht über Einzelpersonen oder sogar ganze Länder Nachrichten verbreitet, die Skandale wittern lassen. Ohne Zweifel erleichtert die globale Vernetzung über die sog. „Sozialen Medien“, Facebook, WhatsApp, Instagramm u.a. die Verbreitung. Einmal losgeschickt entwickeln die Fake-News eine eigene Dynamik, die in der Regel nicht zu bremsen ist. Ist das die alleinige Schuld des Internets?

Ein Foto, das die Umweltaktivistin Greta Thunberg mit einem Plakat zeigt, auf dem steht „Ich verdiene mich an eurer Blödheit dumm und dämlich“, wurde zehntausendfach geteilt. Natürlich war es manipuliert, das braucht keine großen Nachforschungen oder kriminalistische Analyse. Eigentlich stand auf dem Plakat ein in englischer Sprache verfasster Aufruf zu einem Klimastreik in Russland. Ein kurzer Blick, man hätte es gewusst. Die Manipulationen sind eigentlich in der Regel schnell durchschaubar. Warum aber wird das nicht getan?

Ich kann mir vorstellen, dass das etwas mit dem heutigen Fest zu tun hat und den Lesungen. Im Epheserbrief bittet Paulus Gott heute:

Er erleuchte die Augen eures Herzens, damit ihr versteht, zu welcher Hoffnung ihr durch ihn berufen seid, welchen Reichtum die Herrlichkeit seines Erbes den Heiligen schenkt.“

Vieles, was heute zu Streit und Eskalation führt, hat mit der Betrachtungsweise zu tun, nicht nur der äußeren Dinge, sondern unseres eigenen Lebens.
Paulus sagt uns, dass unsere eigentliche Blickrichtung auf Hoffnung ausgerichtet ist. Wenn er sagt, dass wir dazu berufen sind, dann will er uns erinnern, was unsere ursprüngliche Sehfähigkeit ist, nämlich das Gute und Hoffnungsvolle.

Es ist in unserer Vorstellung so, dass unser erster Blick ungetrübt ist vom Bösen. Erst der graue Star des Neids trübt ihn und lässt uns nicht mehr klar erkennen, was wirklich gilt. Diese Trübung birgt zwei Gefahren:

  • Zum einen, dass sich unser Blick enttäuscht und sehnsüchtig im Himmel verliert,
  • zum anderen, dass wir nur noch das Haar in der Suppe suchen und es auch dann sehen, wenn es gar nicht da ist.

Die erste Lesung aus der Apostelgeschichte verwehrt uns jede sentimentale Verklärung der Vergangenheit oder der Zukunft. Ihr Blick geht nach oben, in den Himmel. Sie blicken wie gebannt dem Herrn nach, der in den Himmel erhoben wird. In Wirklichkeit aber wird ihr Blick jetzt bestimmt von dem, was sie in den letzten vierzig Tagen erlebt haben. Alles, was jetzt kommt, hat einen Knick in der  Optik: Der, der ihnen die Augen geöffnet, ist nicht mehr da. Das trübt den Blick. Sie trauern der guten alten Zeit nach und verlieren sich gleichzeitig in der Sehnsucht nach dem Himmel. Aber genau, das lässt der erhöhte Herr nicht zu. Er weist sie durch die beiden Männer zurecht: „Schaut nicht verloren in den Himmel, sondern packt hier auf Erden an, was zu tun ist.“ Christen legen nicht die Hände in den Schoß und träumen vom Himmel, sie lassen sich vom Himmel her erleuchten und suchen hier nach den richtigen Wegen, den geöffneten Himmel auf Erden erkennen zu können. Unser Blick ist nicht verstellt durch die Abwertung der Erde als Jammertal, auch sie ist von Gott gut geschaffen und durch Tod und die Auferstehung seines Sohnes geheiligt wurde. Sein Grab, in dem er lag und aus dem er auferstand, schweben nicht im luftleeren Raum, sondern zeugen davon, dass er das Dunkel der Welt erleuchtet hat.

Dazu braucht es aber ein Augenuntersuchung und gegebenenfalls eine Schärfung unserer Sehfähigkeit, wie Paulus am Beginn des Epheserbriefes in seinem wunderbaren Hymnus formuliert. In unserer Sichtweise ist diese Erde, das Leben der Mensch und unser Alltag nicht hoffnungslos, sondern immer der Ort, den Gott gut gewollt hat und den Menschen befähigt hat, das Gute zu bewirken. Menschen, die zur Kirche gehören, übersehen das Fehlerhafte nicht, aber sie erkennen immer zuerst das Gute. Das gilt nicht nur in der Außenwahrnehmung, sondern auch im Blick auf die Kirche.

Wir sehen gerne die Fehler, die Vertreter der Kirche heute machen. Das Bild der Kirche in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit ist katastrophal. Ich gebe zu, dass ich auch öfters den Finger in die Wunden lege. Das ist auch richtig. Man darf nicht die Augen zu machen, wenn in der Kirche Dinge nicht richtig laufen. Aber Paulus mahnt uns heute, dass der erste Blick auf die Kirche nicht die Suche nach den Fehlern sein darf, sondern das Erkennen, was Gott mit der Kirche anfangs gewollt hat. Die Kirche ist letztlich ein Ergebnis seiner Zuwendung zu uns Menschen in seinem Sohn Jesus Christus. Sie ist von ihm befähigt und bestimmt, Menschen auf ihrem Weg zu Gott zu helfen und sie zu Christus zu führen. Das, was wir als erstes sehen dürfen, wenn wir auf die Kirche blicken, ist ihre Berufung, der Raum zu sein, in dem Christus in dieser Welt lebt und erlebbar ist.  Immer aber, wo sie Christus, der über ihr steht, aus dem Blick verliert, verdunkelt sie auch die Sicht der Menschen auf ihn und muss sich selbst anprangern lassen für ihre Fehler. Das ändert aber nichts an ihrer ursprünglichen Bestimmung, in der Welt als Zeichen der Hoffnung wahrgenommen zu werden.

Kritische Berichte über die Kirche sind nicht per se Diffamierungen oder Fake-News. Vertreter der Kirche müssen sich vorhalten lassen, wo sie ihrem Auftrag nicht gerecht werden. Zugleich aber ist es auch Aufgabe jedes Christen sich den Blick auf die Kirche zu eigen zu machen, den auch Gott auf sie hat. Er übersieht das Dunkel nicht, will sie aber auch weiterhin als Ort, in dem Menschen ihm begegnen, eine Heimat für ihre Seele finden, Schutz und Annahme finden, ohne es sich verdienen zu müssen.

V.a. ist die Kirche berufen, die gute Nachricht zu verkünden und von der Hoffnung zu erzählen, die im Menschen verborgen ist, damit die Augen des Herzens neu erleuchtet werden, wir Durchblick gewinnen und nicht auf die Verlockung des Schlechtmachens und -redens hereinfallen, die in dieser Welt grassieren wie eine Seuche.               

Es wird der Kirche nur gerecht, wenn wir auch bei aller Kritik das Gute sehen, das in der Kirche geschieht durch Menschen, die selbstlos helfen, Anwalt der Schwachen sind und Hoffnung in die Welt tragen.                                                                                                    

Wenn wir heute Christi Himmelfahrt feiern, dann verlieren wir uns nicht sehnsüchtig seufzend in der himmlischen Zukunft, und werden auch nicht zu Daueranklägern der Welt, die begierig auf schlechte Nachrichten warten, sondern sehen den Ort, wo wir leben, in der größeren Perspektive seiner Vollendung durch den Herrn, der alles geschaffen hat.

Christen sind Faktenfüchse. Sie stehen ein für die Tatsache, dass das Leben lebenswert ist und dass diese Welt der Ort ist, denn Gott am Anfang der Schöpfung als Lebensraum für alle gut geschaffen hat. Sie wehren sich gegen die Flut der schlechten Nachrichten, die alles verdunkeln und lähmen, Menschen misstrauisch machen und gegen andere aufbringen. Wir sehen immer die Möglichkeit, auch heute, die Frohe Botschaft bis an die Enden der Erde zu tragen, wie es Jesus im Evangelium seinen Jüngern aufträgt. Amen.

Sven Johannsen, Pfarre

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