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Predigt Christkönig „Was ist barmherzig?“

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 Liebe Schwestern und Brüder

Haben Sie es gesehen? Am Freitag war das Bild in allen Zeitungen: Queen Elisabeth, 94 Jahren, und Prinz Philipp, 99 Jahre, sitzen zusammen auf einem grauen Cord-Sofa, wie man es wohl bei älteren Herrschaften in England häufig findet, und schauen erfreut in eine Glückwunschkarte, die ihre drei Urenkel, George, Charlotte und Louis, absolut perfekt zum ihrem 73. Hochzeitstag am 20.11. gebastelt haben. Ein rührendes Bild vom Glück eines Ehepaars, das miteinander alt geworden ist. Mehr Idylle geht wirklich nicht. Wunderbar wenn ein Ehepaar so lange gesund und selbständig miteinander leben kann. Wir können getrost annehmen, dass eine gute medizinische Versorgung den beiden Senioren helfen wird, ihr Leben noch einige Zeit in Selbständigkeit und Fitness zu genießen. Nicht alle Ehepaare haben dieses Glück so gut von Medizinern gesund gehalten werden zu können. Viele Ehefrauen, aber auch Ehemänner, sehen sich irgendwann mit der Herausforderung konfrontiert, den geliebten Menschen zu pflegen, weil er / sie bettlägerig oder dement geworden ist. Oft zieht sich über Jahre hin. Was Menschen da im fortgeschrittenen Alter an Betreuung, Pflege und Fürsorge mit Einsatz aller körperlicher Kräfte leisten, ist wahrlich ein Wunder an Menschlichkeit. Natürlich helfen oft Familienangehörige oder Frauen aus Osteuropa, aber dennoch stehen meist die Ehepartner mit allen körperlichen und geistigen Kräften in vorderster Linie, um dem pflegebedürftigen Menschen den oft sehnlichen Wunsch zu erfüllen, daheim bleiben zu können bis zum Ende. Oft gelingt es. Was aber, wenn die Kräfte beim Pflegenden erschöpft sind? Viele Pflegende kommen an den Punkt, an dem sie spüren, dass nichts mehr geht. Manchmal kämpft man dann noch aus Hingebung gegen die Kraftlosigkeit an und schafft es sogar, eine Zeit lang durchzuhalten, aber es gibt auch die Momente, wo Menschen wirklich nicht mehr können. Mitunter kann es dann zu Taten der Verzweiflung kommen: Ehepartner töten den Menschen, den sie lieben und als Tatmotiv nennen sie Barmherzigkeit und Liebe. Kann man aus Liebe töten? Nicht aus einer blinden, fanatisierten Liebe, die fehlgeleitet ist, wie wir es manchmal im Fernsehen bei Beziehungsdramen gezeigt bekommen, sondern aus wirklicher, reiner Liebe? Kann es sogar sein, dass der Mensch, der gepflegt wird, ohne dass er es noch äußern kann, diese Tat der Liebe vom anderen erhofft oder sogar erwartet. Manche Ehepartner, die den anderen pflegen, erzählen mir, dass sie ihrem Mann oder ihrer Frau versprochen haben, ihn / sie nicht leiden zu lassen. Gerade für sehr selbstbewusste, aktive Menschen ist die Vorstellung unerträglich, im Alter dement oder pflegebedürftig zu werden. Immer mehr steigt der Wunsch in unserer Gesellschaft, Wege freizugeben, die einem Menschen das selbstgewollte Sterben ermöglichen. Manchmal aber ist das Ende gar nicht so vernunftmäßig planbar, sondern wirklich ein Akt purer Verzweiflung. Daran wurden wir in den letzten Wochen erinnert, als im Fall eines über 90jährigen Mannes aus Gemünden, der seine demente Ehefrau über viele Jahre pflegte und schließlich mit dem Kopfkissen erstickte, das Urteil gesprochen wurden. Nicht nur die lokale Presse hat den Fall aufgegriffen, auch in der Boulevardpresse und in seriösen Tageszeitungen wie der Süddeutschen Zeitung wurde der Fall ausgebreitet. Sie kennen vielleicht die Umstände. Der Bayerische Rundfunk berichtet:

„Jahrzehntelang kümmert sich ein Mann jenseits der 80 nahezu allein um seine demente Frau. Kinder hat das Paar keine. Unterstützung kommt nur zweimal in der Woche von einer Sozialstation. Ende 2019 ist der zupackend wirkende Rentner aus dem unterfränkischen Gemünden am Main nach eigener Aussage körperlich und seelisch am Ende. Nach fast 70 Jahren Ehe soll die schwer kranke 91-Jährige in ein Heim, weil die Rundumbetreuung ihn auslaugt - doch der 92-Jährige ist verzweifelt und will sich nicht von der Liebe seines Lebens trennen.
So fasst der offensichtlich hoffnungslose Mann einen weitreichenden Entschluss. Am Abend des 3. November 2019 erstickt er seine Frau, die ihn nach eigener Angabe kaum noch erkennt, im Bett. Danach wählt er den Notruf, legt sich mit einem Föhn in eine Wanne voll Wasser und schaltet ihn an. Doch der Suizidversuch misslingt.“ (https://www.br.de/nachrichten/bayern/mit-p)

Nun sprach das Landgericht Würzburg am Donnerstag vor einer Woche das Urteil: Zwei Jahre Haft, die zur Bewährung ausgesetzt werden, in einem minderschweren Fall von Totschlag. Ein, das muss man zugeben kluges Urteil. Es berücksichtigt die einmaligen Umstände des Falls und hält doch am Grundsatz fest, dass die Tat nicht erlaubt war. Da die Verteidigung das Urteil gleich angenommen hatte und die Staatsanwaltschaft keine Rechtsmittel einlegen will, ist die Tat damit juristisch abgeschlossen.

Die moralische und ethische Klärung ist noch nicht abgeschlossen. Was bedeutet diese Tat? Wie kann man sie einordnen?

Es ist unbestreitbar, dass der Mann keinen Mord begangen hatte, der durch „böse Absicht“ qualifiziert wird, und dass er seine Frau geliebt hat, kann man nach allem, was die Zeitungen über ihre Ehe schreiben, annehmen. Ob aber die Tat als ein Werk der Barmherzigkeit anzusehen ist, das aus der Liebe begründbar wird, ist hinterfragbar. Ganz sicher hat der Mann viel für seine Frau getan: Sie war lange schon dement, erkannte ihn oft nicht, hat Wahnvorstellung, eine schmerzhafte Arthrose machte ihr das Leben manchmal unerträglich. Sie ist inkontinent. Die Entscheidung, selbst aus dem Leben zu scheiden, kann sie nicht mehr treffen. Beide wollen nie in ein Heim. Das aber wäre jetzt der nächste Schritt gewesen, vor dem er seine Frau und sich durch die Tötung und den Selbstmord bewahren wollte. Viele werden großes Verständnis für das Handeln des 92jährigen haben.

Dagegen steht, was der Staatsanwalt dem Rentner vorwirft, die Ablehnung jeglicher Hilfe von außen. Der Mann pflegt seine Frau, aufopferungsvoll, aber völlig ohne Unterstützung durch andere. Lediglich die Sozialstation kommt zweimal die Woche. Muss man nicht auch sagen, dass die Tat vermeidbar gewesen wäre, wenn er seine Frau in einem Altenheim dauerhaft untergebracht hätte. Dort wäre sie gut gepflegt und in der Regel auch liebevoll betreut worden. Möglicherweise aber wären sie getrennt worden, wenn er selbst noch nicht pflegebedürftig ist und somit zuhause bleiben muss. Ein moralisches Urteil ist sicher nicht einfach. Wir spüren, dass das Tötungsverbot mitunter an seine Grenzen kommt, nicht nur in diesem Fall. Gottes Gebot „Du sollst nicht töten“ ist wohl eher ein striktes Verbot für Mord in böser Absicht. In anderen Fällen denken wir nur an die Entscheidung, lebensverlängernde Maßnahmen in bestimmten Fällen abzulehnen, halten wir es für ein Recht von menschlicher Würde, dass Leben nicht unter allen Umständen bewahrt wird. Es gibt viel mehr Grau als Schwarz und Weiß, wenn es um die Frage von Gut und Böse geht. Das zeigen solche dramatischen Fälle, aber Ähnliches erleben wir im Alltag in vielen Situationen:

Soll ich in diesen Tagen den Nachbarn anzeigen, den seine drei Kinder und einige Freunde zum runden Geburtstag besuchen, obwohl sie in verschiedenen Haushalten leben? Natürlich wissen wir um die Gefahren für die Gesundheit, die von privaten Feiern ausgehen. Aber welche Gefahren für den gesellschaftlichen Zusammenhalt ergeben sich aus unmoralischen Aufforderungen der Regierenden, die Nachbarn zu bespitzeln?

Kinder, die in der Schule mitbekommen, dass ein Klassenkamerad etwas beschädigt, stehen vor der Frage, ob sie den Freund / die Freundin verraten, wenn der Lehrer / die Lehrerin nach dem Schuldigen sucht. Halte ich mich an Recht und Ordnung, oder ist mir die Freundschaft wichtiger?

Ist es gut, dem Bettler, der in Hauptstraße sitzt, einen Euro zu geben, obwohl ich weiß, dass er zu einer organisierten Gruppe gehört und er das Geld gar nicht behalten kann, sondern an die „Capos“ abgeben muss, die solche Bettlergruppen organisieren wie ein Unternehmen.

Was gutes Verhalten ist, ist in der Regel nicht so leicht nachprüfbar wie die richtige Antwort auf die Lösung einer Matheaufgabe. Aber heute scheint das Evangelium uns klare Vorgaben zu geben. Wir hören die sog. Weltgerichtsrede Jesu vor dem Weg nach Jerusalem. Schnell wird einsichtig, dass Jesus diese Werke der leiblichen Barmherzigkeit so allgemein formuliert, dass die einzelnen benannten Taten nicht zum ausschließlichen Kriterium des Gerichts werden: Kranke pflegen, Durstigen zu trinken geben, Nackte bekleiden, Hungrige speisen, Fremde aufnehmen, Gefangene besuchen, Tote bestatten. Sie nennen Herausforderungen wahren und gelingenden Menschseins, die mal mehr mal weniger Aktualität im Laufe der Geschichte hatten: Z.B. bekommt das „Werk Tote bestatten“ nach vielen hundert Jahren der Selbstverständlichkeit von christlicher Bestattungskultur in einer Zeit der zunehmenden Vereinzelung wieder eine ganz neue Bedeutung. Keinesfalls decken sie alle Bereiche ab, in denen unser barmherziges Handeln gefordert ist. Sie beschreiben eher einen ein Grundkriterium für gelingendes Leben in den Augen Gottes: Die, die ihren Mitmenschen beistehen, dürfen sich der Nähe Gottes sicher sein. Die, die ihren Mitmenschen nicht beistehen, leben schon in der Gottesferne, die sich in der Endzeit endgültig manifestiert. Matthäus konkretisiert in seinem Evangelium Jesu Grundgedanken von der Gottes- und Nächstenliebe. Wer dem Nächsten beisteht, hat Gott erkannt. Wer den Nächsten liebt, liebt Gott. Da geht es weniger um einzelne Taten als vielmehr um eine Grundausrichtung.

Ich glaube, dass wir Fehler machen können, die wir bereuen, und dennoch vor Gott bestehen können, sogar in solchen dramatischen Fällen wie dem eingangs beschriebenen.

Das Evangelium am heutigen Christkönigssonntag erinnert mich daran, dass Gott am Ende von uns will, dass wir Verantwortung für unser Leben und unser Tun übernehmen.

Es ermutigt mich aber auch zu glauben, dass er uns nicht einzelnen Taten oder Versäumisse vorhalten und uns allein an ihnen messen wird. Er wird uns vielmehr fragen, an welchen Prinzipien wir unser Leben ausgerichtet haben? Welche Einstellung und Werte uns geleitet haben in unserem Handeln und Verhalten?

Zu einer christlichen Gesinnung gehört sicher mehr als nur der Willen zum Guten, es gehören auch die Taten dazu, in denen sich unsere Lebenseinstellung ausdrücken. Wir werden dann immer auch den Ansprüchen, die unser Glaube und wir selbst an uns stellen, nicht genügen. Aber es wird auch in unserem Tun erkennbar sein, wie wir leben wollen.

Immer wieder kommt mir beim Hören des Evangeliums vom Weltgericht der Erfurter Altbischof Joachim Wanke in den Sinn, der zum Elisabethjahr 2007 mit der Caritas sieben Werke der Barmherzigkeit für heute formulierte. In einer zunehmend kälter werdenden Welt und einer Gesellschaft, in der Menschen überfordert sind, sich vergessen fühlen oder an den Rand gedrängt werden, ist es das Merkmal der christlichen Barmherzigkeit, das Signal zu senden „Du bist kein Außenseiter und du gehörst zu uns“. Einem Menschen zu vermitteln, dass er nicht wertlos, übersehen und nutzlos ist, ist die Quintessenz der Forderung des Weltenrichters nach gelebter Barmherzigkeit.

In einem neuen geistlichen Lied von Alois Albrecht, das heute schon zu den Klassikern zählt, werden wir gemahnt: „Jetzt ist die Zeit. Jetzt ist die Stunde. Heute wird getan oder auch vertan worauf es ankommt, wenn er kommt. Der Herr wird nicht fragen: Was hast Du erreicht, / was hast Du Großes gegolten? / Seine Frage wird lauten: / Hast du mich erkannt? / Ich war dein Bruder um deinetwillen!“

Ich glaube, dass wir, wenn wir uns an dieser Leitfrage ausrichten, ganz gut durchs Leben kommen. Wir werden nicht immer alles richtig machen, aber wir gehen in die richtige Richtung. Und dann wird Gott viel großzügiger zu uns sein, als wir selbst, wenn wir mit uns ins Gericht gehen. Amen.

 

Sven Johannsen, Lohr

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