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Predigt „House of One“

Dreifaltigkeitssonntag 29.5.2021

Sven Johannsen, Pfarrer

Dreifaltigkeit_2021_House_of_One.pdf

Liebe Schwestern und Brüder

am vergangenen Donnerstag wurde in Berlin der Grundstein zu einem historischen Bauprojekt gelegt. Auf dem Petriplatz in der Berliner Mitte, dort wo 1964 der Ostberliner Magistrat die vom Krieg schwer beschädigtet alte Petrikirche abreißen ließ, entsteht in den kommenden Jahren ein neues Gotteshaus, das House of One, das Haus des Einzigen. Auf den Ausgrabungen der alten Kirche, die dort seit 1230 als Stadtpfarrkirche von Kölln stand, wird ein Lehr- und Bethaus errichtet, in dem Juden, Christen und Muslime eine Heimat finden sollen. Um einen zentralen Kuppelraum als Begegnungsstätte gruppieren sich dann eine Synagoge, eine Kirche und eine Moschee. Unter einem Dach werden dann die drei großen abrahamitischen Religionen in Berlin ihre Gottesdienste feiern. Das Haus ermöglicht es gleichermaßen, sich zurückzuziehen und in der je eigenen Tradition zu beten wie einander zu begegnen, von einander zu lernen und das Verbindende zu suchen.

Eine bemerkenswerte Vision trägt also das Projekt: In der Hauptstadt Deutschlands, wohl der Ort in unserem Land, in dem Religion am wenigsten noch wahrgenommen wird, entsteht ein wegweisendes Projekt für die künftige Präsenz von Religion. Religionen begegnen einander und heißen miteinander Menschen willkommen, die oft in keiner Religion mehr verwurzelt sind, aber dennoch nach Sinn im Leben und nach Gott fragen.

Man muss aufpassen, dass man jetzt nicht in die gefährliche Utopie einer Gleichmacherei gerät, die oft mit der Aussage „Wir haben doch alle den gleichen Gott“ verbunden ist. Die Religionen behalten auch ihrer Wohngemeinschaft in Berlin ihr Profil, bekennen sich aber zur gemeinsamen Überzeugung, dass es nur einen einzigen Gott gibt, das Erbe Abrahams, des Urvaters im Glauben.

Das Projekt ist nicht unumstritten. Die Kritik hängt mit den beteiligten Vertretern der Religionen zusammen. Alle großen muslimischen Verbänden haben ablehnend auf die Einladung zur Mitarbeit reagiert, so dass letztlich nur ein 100 Mitglieder zählender, sehr modern orientierter Verein, der der sog. Gülen-Bewegung nahe steht, beteiligt ist. Die katholische Kirche wurde zur Teilnahme gar nicht erst angefragt. Es ist von christlicher Seite also nur ein Projekt der evangelischen St. Petri- und St. Marien-Gemeinde. Der jüdische Rabbiner, Andreas Nachama, vertritt die liberale Rabbiner-Konferenz in Deutschland, während das stärkere orthodoxe Judentum außen vor bleibt. Es kann also nicht übersehen werden, dass das Projekt des Dialogs zwischen den Religionen nur von Gruppen getragen wird, die nicht stellvertretend, sondern nur beispielhaft für ihre jeweilige Religion agieren.

Dennoch ist es ein Impuls zum Gespräch, der Aufmerksamkeit erregen wird.

Die Präambel der Charta für das Miteinander von Juden, Christen und Muslimen im House of one, kann man als Zielsetzung eröffnet mit den prophetischen Sätzen:

Auf dem Petriplatz, dem Gründungsort der mittelalterlichen Doppelstadt Berlin-Cölln, entsteht etwas Neues: ein neues Bauwerk, ein Bet- und Lehrhaus, in dem öffentlich und für jeden frei zugänglich Juden, Muslime und Christen ihre Gottesdienste feiern und unter Einbeziehung der mehrheitlich säkularen Stadtgesellschaft einander kennenlernen, den Dialog und Diskurs miteinander suchen: ein Haus des Gebets und zugleich ein Haus der interdisziplinären Lehre über die Religionen, ihre Geschichte und ihre gegenwärtige Rolle in Berlin und im Land.“(https://house-of-one.org/sites/default/files/downloads/houseofonechartadt.pdf?t=1BfFc5)

Hier wird versucht, die wegweisenden Sätze, die Hans Küng wie eine Vision bereits 1990 über das Projekt „Weltethos“ geschrieben hat, in die Wirklichkeit zu übersetzen:

Kein Frieden unter den Nationen ohne Frieden unter den Religionen.

Kein Frieden unter den Religionen ohne Dialog zwischen den Religionen.

Kein Dialog zwischen den Religionen ohne Grundlagenforschung in den Religionen.“

Küng hat mit Leidenschaft die Überzeugung vertreten, dass es einen Grundkonsens aller Religionen und auch der nichtreligiösen Menschen gibt, die gemeinsame Werte im Blick auf den Menschen vertreten. Für ihn sind das die Idee der Menschlichkeit, die Goldene Regel, die in allen großen Religionen zu finden ist, und die Verpflichtung auf Gewaltlosigkeit, Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit, ökologische Verantwortung und die Gleichberechtigung und Partnerschaft.

Um das nicht nur als Hoffnung schöner Sonntagsreden im Wind des Zeitgeistes verschweben zu lassen, braucht es die harte Arbeit des Gesprächs zwischen den Religionen und die Forschung über die Grundlagen der Religionen, also über den Glauben, den sie bezeugen. Dafür kann das Projekt „House of One“ in Berlin ein Meilenstein sein.

Aber können wir da überhaupt mitmachen? Hat Jesus uns nicht den Auftrag gegeben, alle Menschen zu seinen Jüngern zu machen, ja sie sogar zu taufen? Wir können nicht so einfach über das hinweggehen, was wir heute im Evangelium als Auftrag des Auferstandenen an seine Jünger hören. Die Taufe ist das Band zwischen Gott und uns, so die christliche Urerfahrung. In der Taufe werden wir in den Machtbereich Gottes gestellt. In der Taufe bekennen wir uns zum Vater als dem Schöpfer des Lebens, dem Sohn als der unzerstörbaren Lebensmacht Gottes, die den Tod besiegt, und zum Heiligen Geist, der uns in dieser unfertigen Welt bereits das Reich Gottes erfahren lässt. Diese Spur göttlicher Gegenwart in unserer Welt sollen alle Menschen, die Gott suchen, in christlichen Gemeinschaftrn finden können. Wir stehen in der Pflicht gegenüber unserem Herrn, von unserer Hoffnung zu reden, aber nicht Menschen zur Taufe zur überreden oder gar zu zwingen. Jüngerschaft misst sich nicht am Erfolg der Konversionen, die wir bewirken, sondern an der Glaubwürdigkeit unseres eigenen Lebens aus der Verbindung mit Gott. Wir sollen zu unserem Glauben stehen, aber wir sind nicht aufgefordert, den Glauben des anderen Menschen zu bekämpfen.

In Nostra Aetate, der Erklärung des II. Vatikanischen Konzils zu den nichtchristlichen Religionen, haben die Bischöfe diese Haltung begründet:

Die katholische Kirche lehnt nichts von alledem ab, was in diesen Religionen wahr und heilig ist. Mit aufrichtigem Ernst betrachtet sie jene Handlungs- und Lebensweisen, jene Vorschriften und Lehren, die zwar in manchem von dem abweichen, was sie selber für wahr hält und lehrt, doch nicht selten einen Strahl jener Wahrheit erkennen lassen, die alle Menschen erleuchtet…“ (NA 2)

Es ist nicht christlicher Auftrag, anderen Religionen die Gläubigen abzuwerben, sondern Menschen für die Botschaft Jesu zu gewinnen. Papst Benedikt hat oft vom sog. „Vorhof der Heiden“ gesprochen als Bild für den Platz der Verkündigung der Kirche in unserer Zeit. Der Vorhof der Heiden umgab den Tempel in Jerusalem. Während zu den innersten Gebäuden nur die gläubigen Juden Zutritt hatten, konnten sich hier auch Menschen aufhalten, die nicht der jüdischen Religion angehörten, aber dennoch beten und etwas von der besonderen Atmosphäre des Heiligtums erfahren wollten. Es war also nicht nur eine Grenze, sondern auch eine Art Schwelle zum eigentlichen Kern des Glaubens. Papst Benedikt hat die Verkündigung an der Schwelle in einer Welt, in der immer mehr Menschen auf Distanz zur Kirche gehen, als den wesentlichen Auftrag von Kirche gesehen. Heute ruft uns diese Formel auch in Erinnerung, dass nicht jeder, der sich von der Kirche distanziert, auch die Verbindung mit Christus abbricht. Wir haben kein Monopol mehr auf Christus. Auch gehört uns das Attribut „Gläubige“ nicht allein.

Natürlich gibt es einen christlichen Glauben, bewahrt in Lehrsätzen, Liturgien und v.a. auch Gebetstraditionen, der uns erst das Profil gibt, mit dem wir glaubwürdig das Evangelium verkünden können.

Aber der Glaube beginnt noch eine Stufe darunter. Glaube ist nicht allein das Für-wahr-halten von Dogmen und Inhalten, er ist ein Akt des Herzens.

Unser Glaubensbekenntnis beginnt nicht mit der Formel „Das sind die Glaubenssätze und Behauptungen der Kirche“, sondern mit dem kurzen Wort „credo“, „ich glaube“ bzw. „ich gebe mein Herz“. Am Anfang steht das „Ich“, nicht im Sinne einer egozentrischen und subjektiven Sicht von „meinen Wahrheiten“, sondern als Bekenntnis meines tiefen und wagemutigen Vertrauens. Ich habe nicht die Erkenntnis aller Zusammenhängen, Wahrheiten und Geheimnissen des Lebens, der Welt und der ganzen Schöpfung. Das übersteigt meine denkerischen Fähigkeiten. Ich kann nicht letzte Wahrheiten belegen und endgültig beweisen, aber ich kann jemanden vorbehaltlos vertrauen. Es fällt mir manchmal schwer, Theorien und Erkenntnissen der Naturwissenschaften zu bejahen, weil sie meinem Verstand unglaublich erscheinen, aber ich kann einem „Du“ glauben, weil ich ihm mein Herz schenke. Genau das ist der grundlegende Akt des Glaubens. Paulus wird im Brief an die Galater in unübertroffenen Worten formulieren, was den Glauben ausmacht: „Ich lebe, doch jetzt nicht ich, sondern Christus lebt in mir.“ (Gal 2,20)

Die Grundlage des Glaubens ist dieses Urvertrauen gegenüber einem göttlichen „Du“, das mich übersteigt und doch zugleich fest in meinem Herzen Wohnung genommen hat. Glaubender ist nicht, wer alle Lehrsätze des Katechismus aufsagen kann, das kann auch ein interessierter Atheist, sondern wer dieses Ja zu Gott im Herzen spürt. Bruder David Steindl-Rast kann über den Glauben als Vertrauen sagen: „Sein Gegenteil ist nicht Zweifel, sondern Furchtsamkeit. Angst und Furchtsamkeit aber sind das Lebenselement des Ego, das der Selbsttäuschung des Abgetrenntseins vom Ganzen sein Scheindasein verdankt.“ (Br. David Steindl-Rast, Credo, Freiburg i. Br. 2012, S. 18). Der Glaubende ist sich nicht immer sicher, aber er ergibt sich nicht der Angst. Glaube kennt auch die „Gottesfurcht“, das Staunen über die überwältigende Größe Gottes, die sich in der Schöpfung, in der Geschichte und im eigenen Leben offenbart, aber er wird nicht zum Sklaven einer Schicksalsmacht, der er sich ohnmächtig ausgeliefert fühlt. Glaube beginnt mit dem Wagnis des Vertrauens. Das gilt nicht allein für Christen, sondern verbindet uns mit allen Menschen, die ernsthaft nach Gott suchen.

Wenn Religionen miteinander über diese Grundlage des Menschseins ins Gespräch kommen, dann geben sie nichts auf von ihrem Profil oder ihrer Identität, aber sie helfen suchenden Menschen guten Willens auf ihrem Weg in die Tiefe, in der sie Gott begegnen können. Das ist ihre erste Berufung im Dienst für Gott an der Welt.

Rabbiner Leo Baeck, einer der klügsten Vertreter des Judentums in unserem Land beschrieb in einer Rede 1956 die Vision von der Frucht des Miteinanders von Religionen in unserer Zeit mit den Worten:

Menschen und Gemeinschaften, Völker und Religionen sollen einander verstehen. ... Verstehen bedeutet zugleich, voreinander Respekt zu haben, und vor dem anderen kann nur der Respekt haben, der vor sich selber Respekt hat. … Dann werden gute Tage kommen. Menschen und Völker und Bekenntnisse werden geschieden bleiben, werden in ihrer Besonderheit weiter leben, aber sie werden wissen, dass sie zusammen gehören, Teil der einen Menschheit sind, zusammenleben sollen auf dieser unserer Erde, einander sehen und einander verstehend, und, wenn es Not tut, einander helfend."

(Leo Baeck Werke, Bd. 5, S. 488 f. )

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