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Verhüllen, um zu enthüllen (Dreifaltigkeit 2020)

Dreifaltigkeit_2020.pdf

Der „große Enthüller“, so ist der Nachruf auf den Künstler „Christo“, eigentlich Christo Wladimirow Jawaschew, überschrieben. Das lässt aufhorchen. Allgemein sind Christo und seine Frau Jeanne Claude, die vor elf Jahren gestorben ist, als Verhüllungskünstler bekannt. Wir in Deutschland erinnern uns daran, dass das Künstlerehepaar 1995 den Reichstag verhüllten, gleichsam als eine Art Geschenk zur Einheit. 100.000 qm Polypropylengewebe und 15.000 Meter Seile haben dann für Wochen das deutsche Parlament verhüllt. 2005 haben sie mehr als 7.500 Tore, mehr als 5 Meter hoch, im Central Park in New York aufgestellt, umhüllt von 100.000 m2 safrangelber Stoff. Jetzt stand als nächste Projekt die Verhüllung des Triumphbogens in Paris auf der Agenda, dessen Verhüllung nun im nächsten Jahr ohne ihn geschehen wird. Christo hat immer bestritten, dass seine Kunst einen tieferen Sinn verfolge, aber immer hat er auch gewollt, dass durch das Verhüllen von dem, was sonst auf den ersten Blick sichtbar war und die Augen auch anzog, Neues und Unentdecktes vom Betrachter erkannt werden soll.

Vielleicht eine Brücke zum heutigen Fest. Das älteste Ideenfest der Kirche. Seit … Es scheint schon sehr kompliziert, was wir heute aussagen: Wir glauben an einen Gott in drei Personen. Die vier ersten Konzilien haben darum gerungen, hier eine Klärung herzuführen, und haben dabei Begriffe eingeführt, die manchem das, was wir heute feiern, noch geheimnisvoller erscheinen zu lassen als der Titel „Dreieinigkeit“ oder „Dreifaltigkeit“ erahnen lassen. Da gilt es Wesen und Personen zu unterscheiden, Hypostasen, Naturen, Adoptianismus , Subordination, Monophysitismus. Miaphysitismus und vieles mehr. Eher eine Ebene für Fachleute, durch die sich auch ein normaler Theologe erst einmal im Studium durch quälen muss, aber für die meisten Gläubigen kein Thema. Obwohl es Zeiten gab, da hat man wirklich auch in Familien, an Stammtischen und auf den Marktplätzen darüber gestritten, wer Jesus und der Heilige Geist sind, ob sie Gott sind oder nur eine Art Engel? Ein Bischof des vierten Jahrhunderts stöhnt darüber, dass er auf den Markt geht, um einzukaufen, und schon vom Bäcker in eine hoch-theologische Diskussion über das Wesen Jesu verwickelt wird. Stellen Sie sich das heute einmal vor. Sie fragen beim Bäcker nach Dinkelbrot und bekommen zur Antwort, dass Jesus nicht wesensgleich sein kann mit dem Vater, sondern höchsten wesensähnlich. Da haben Sie daran zu knabbern. Aber es ist eine grundlegende Kritik an unserem Glauben, dass wir sagen, anders kann man es gar nicht richtig von Gott sprechen als vom „einen Wesen in drei Personen“, andere aber uns vorwerfen, dass dahinter irgendwie verschleiert nur der Glaube an drei Götter, manchmal vier, wenn man Maria noch als Muttergottheit einrechnen will, kultiviert wird. Unser Glaubensbekenntnis klingt kompliziert. Haben wir drei Götter oder einen Gott. Und wer ist dann Jesus und wer ist der Heilige Geist? Alles für einen Außenstehenden mysteriös und verschleiert. Dem Vorwurf müssen wir uns stellen. Aber vielleicht gilt für dieses Fest auch der Titel „großer Enthüller“. Was, so verhüllt scheint von theologischen Reflexionen und Begriffen, soll eigentlich mehr enthüllen, wer Gott für uns ist. Wer er überhaupt ist, werden Menschen nie ergründen können. Verhüllen, um zu enthüllen.

Warum verhüllen wir etwas? Schauen wir in die menschliche Praxis

Wenn ich in Lohr etwas verhüllen könnte, dann müsste ich nicht weit gehen. Direkt vor dem Hauptportal steht das sog. Fischerhaus, das für mich nicht nur den Blick von der Stadtpfarrkirche verstellt, sondern auch das Ensemble des Kirchplatzes stört. Verhüllen, damit man es nicht mehr sieht. Es verschwindet aus unserem Blick, und ist doch da. Ähnliches kennen wir im Alltag, wenn wir Probleme unter den Teppich kehren oder schönreden, dass alles gut ist. Wir möchten ein Problem, eine Sorge verschwinden lassen vor den Augen der Andren, und bekommen sie doch nicht los.

Wir verhüllen etwas, um es spannend zu machen: z.B. ein Geschenk. Kinder lieben Überraschungseier. Ganz klar, könnten wir die Dinge auch ohne Verpackung weitergeben, aber wir wissen, dass das Geschenkpapier die Vorfreude erhöht und das Geschenk noch schöner macht. Manchmal heben wir die Verpackung sogar extra auf. Es gab Zeiten, da war unser Glaube spannend. Da war nicht alles nachlesbar, da hat Menschen in den Glauben eingeführt. Da waren Menschen gespannt auf das, was Christen feierten, glaubten und beteten.

Schließlich verhüllen wir, um zu enthüllen. Genau, das hat Christo bewegt. Christo sagte einmal: „5000 Jahren haben Künstler die Welt mit ihrem Kram zugestellt. Wir räumen alles weg.“ Sie haben Häuser und Räume, ganze Seen, für Wochen der Öffentlichkeit zurückgegeben und so neue Einblicke eröffnet. Verhüllen, um zu enthüllen, das war letztlich ein Erfolg dieser außergewöhnlichen Kunstobjekte. Sie haben nicht eine eigene Welt auf Leinwand entworfen, sondern die Welt mit ihrer Leinwand umwoben, so der Nachruf der ZEIT.

Vielleicht könnten wir diese dritte Motivation als Schlüssel für das heutige Fest verstehen: Die Lesungen wollen uns Gott offenbaren, nicht verschleiern und entziehen.

Er ist der Gott, dessen Angesicht wir suchen sollen wie Mose, als nach dem wir fragen dürfen, der in uns Sehnsucht erwecken soll.

Er ist der Gott des Friedens und der Liebe, dessen Wesen zum Vorbild jeder menschlichen Gemeinschaft wird

Er ist kein grausamer Sadist, der seinen Sohn in den Tod und ins Leiden schickt. Er leidet in seinem Sohn für uns.

Die Lesungen enthüllen uns Gott als Gott mit uns, vor allem als Gott, der lebendig ist, in Beziehung tritt und offen für uns sein will.

Die Rede vom Dreieinigen Gott warnt uns davor, Gott ein Denkmal zu errichten. Denkmäler gehören zu toten Personen oder abgeschlossenen Ereignissen der Geschichte. Unser Gott hat sich nicht ereignet, er ereignet sich, ist immer offen. Davon redet Dreifaltigkeit: Unser Gott ist offen für uns: Auch wenn er immer Geheimnis bleibt, wir reden von ihm nicht abstrakt. Vielmehr glauben wir an einen Gott, der sich nicht in den Himmel zurückgezogen hat und für sich allein leben, sondern den wir erfahren können, weil er sich h auf uns hin öffnet in unterschiedlichen Orten der Erfahrung

Ihm begegnen wir in der Schöpfung, in jedem Sein, das von ihm geschaffen und getragen ist.

Ihm begegnen wir in seinem Wort, das Fleisch wurde in Jesus Christus, der uns gezeigt, wie wir in unserem Leben offen sein können für den Willen Gottes und das Rechte tun.

Ihm begegnen wir in unseren Herzen, in die der Heilige Geist ausgegossen ist, und im Beispiel so vieler Menschen, die ganz anders handeln als es die Gesetze der Welt vorschreiben möchten. Letztlich kann von Gott nur der Mensch berührt werden, der noch Hoffnung, Sehnsucht, Solidarität in sich spürt. Das will der sperrige Begriff „Dreifaltigkeit“ andeuten.

Nein, heute wird uns nicht etwas erklärt, letzte Fragen gelöst, eine komplizierte Aufgabe entschlüsselt wie eine mathematische Formel, Gott bleibt ein unergründliches Geheimnis. Deswegen haben die Zisterzienser im 14. Jahrhundert eigentlich verboten, am heutigen Fest zu predigen. Habe ich ein Glück, dass sie sich nicht durchgesetzt haben. Nein, es geht heute nicht um Lehren und Beweisen, die wir belegen oder widerlegen, sondern um das, was uns Gott von sich enthüllen will und wo er uns berühren will.

Pater Anselm Grün deutet die Erfahrung des dreifaltigen Gottes im Blick auf den Menschen so:

„So ist das Bild des dreifaltigen Gottes immer auch ein Bild für uns Menschen. Es handelt sich nicht um abstrakte Spekulation über das Wesen Gottes, sondern um eine Beschreibung für unser Leben, wie wir uns selbst erleben und verstehen können als Menschen, die von Gott kommen (Vater), von Gott berührt sind (Sohn), und die manchmal in Augenblicken der Kontemplation klar sehen, den Grund allen Seins sehen und begreifen (Heiliger Geist).“ (A. Grün; Bilder der Seele, Münsterschwarzach 2016, 89)

Das heutige Fest verschleiert nicht, sondern hält das Geheimnis offen, damit wir angetrieben werden, uns nach ihm auszustrecken, nach Gott, den wir nicht definieren und festlegen, sondern immer nur in neuer Weise erfahren können. Amen.

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