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Predigt „Geht’s auch ohne?“

Epiphanie 2021

(Lohr St. Michael; Sven Johannsen)

2021_HP.pdf

Können Menschen, die nicht an Gott glauben, wirklich Weihnachten feiern? Dass sie sicher diese Feiertage schön gestalten und mit Freude erleben, ist wohl kaum zu bestreiten. Aber können sie Weihnachten wirklich mit einem tieferen Verständnis für den Sinnen des Festes feiern oder feiern sie z.B. ein abstraktes Fest der Liebe und des Friedens? Das ist nicht der typische Vorwurf der Oberflächlichkeit oder gar eine versteckte Hetze, dass doch die, die nicht an Jesus glauben, bitte schön auch keine freien Tage haben sollten, wie man sie manchmal hört. Die Frage kommt auch gar nicht von mir als einem offiziellen Vertreter der Kirche, sondern von einer Atheistin selbst. In einem Beitrag für die ZEIT hat schon 2018 die junge Autorin Valerie Schönian gefragt „Geht’s auch ohne?“ Gemeint war „geht Weihnachten auch ohne Jesus.“ Die junge Frau ist in Magdeburg aufgewachsen;.sie ist ungetauft, war aber in einer kirchlichen Schule. Somit hatte sie Kontakt mit Menschen, v.a. Ordensschwestern, die fest im Glauben stehen, aber in ihrer Familie war Glaube kein Thema. Mancher hat den Namen Valerie Schönian schon einmal in einem anderen Zusammenhang gehört. Vor einiger Zeit wurde sie in verschiedenen Medien mit ihrer Serie „Valerie und der Priester“ bekannt, in dem sie als ungetaufte junge Frau Erfahrungen und Erlebnisse mit dem katholischen Kaplan Franziskus von Boeselager schildert, den sie ein Jahr lang begleitet hatte. In diesem Zusammenhang stellte sich für sie auch die Frage, ob Weihnachten funktioniert ohne den, um den es ursprünglich ging? Oder fehlt ohne Jesus etwas? (Valerie Schönian; Geht's auch ohne?, in: Die ZEIT v. 14.12.2018 52/2018)

Das Dilemma eines Menschen, der nicht an Gott glaubt, an Weihnachten beschreibt sie pointiert in einer besonderen Spannung:

Wenn Atheisten Weihnachten feiern, ist das gleichermaßen einleuchtend wie bescheuert. Einleuchtend, weil Menschen fast nichts ohne einen Anlass tun – und sei es, mit der Familie zusammenzusitzen. Bescheuert ist es, weil Weihnachten eben der Geburtstag des Sohnes Gottes ist. Man schmeißt ja auch keine vierwöchige Party für fremde Kinder, vor allem, wenn man dem Vater nicht recht über den Weg traut.“

Wir sollten Menschen ohne Glauben nicht für oberflächlich halten. Ich bin überzeugt, dass die meisten Menschen nach einem tieferen Sinn in diesen Festtagen suchen und nicht wirklich zufrieden sind mit abstrakten Begriffen wie „Liebe, Friede, Glück, Beschenken…“ , die in einer säkularen Welt zu Deutungsschlüsseln für das Weihnachtsfest geworden sind.

Ihre Frage passt besonders zum heutigen Fest. Denn heute treten die an die Krippe, die nicht zum engeren Kreis der Glaubenden gehören. Vor den Weisen und nach ihnen werden Menschen dem Kind begegnen, die mehr oder weniger fest verwurzelt sind in der gläubigen Tradition des Volkes Israel: Die Ersten, die kommen, sind Hirten. Sie genießen zwar nicht unbedingt höchstes Ansehen in der jüdischen Glaubensgemeinschaft, aber vertreten dennoch den Stand, aus dem der Idealkönig David kommt. Sie sind so etwas wie die Vertreter der Volksfrömmigkeit zurzeit Jesu. Ihnen folgen später natürlich Simeon und Hanna, die beiden Alten, die ihr Zuhause im Tempel gefunden haben und für den Teil des Volkes stehen, der entschieden den Glauben an Gott lebt. Dazwischen treten heute die Weisen aus dem Morgenland an die Krippe. Wir wissen nicht, ob es sehr gläubige Menschen waren. Sie stehen für die Wissenschaftler der damaligen Zeit, Menschen, die kundig waren im Lauf der Sterne und der Planeten, aber auch wussten, dass alles im Kosmos zusammenhängt und einen tieferen Sinn offenbart. Das lässt sie ahnen, dass mit der außerordentlichen Konjunktion von Saturn und Jupiter ein herausragendes, historisches Ereignis verbunden ist. Es lässt sich nicht sagen, ob sie das religiös im Sinne des jüdischen Glaubens deuten. Sie kommen aus dem Osten. Sie kennen Religionen und ihre Prophezeiungen, aber ob das, was sie antreibt, wirklich Glaube ist oder wissenschaftliche Neugier, schreibt Matthäus nicht. Wir dürfen sie nicht vorschnell vereinnahmen. So weit sie das Evangelium charakterisiert, erscheinen Menschen vor uns, die offen sind für religiöse Phänomene, die aber v.a. aus wissenschaftlichem Interesse geleitet werden. Glaube und Wissen sind zur Zeit der Geburt Jesu nicht im gleichen Maße getrennt, wie das heute oft erscheint. Was aber auffällt: Am Ende steht der Glaube. Was entdecken sie im Kind, wenn es doch die Erwartung eines neuen Stars am royalen Zirkushimmel enttäuscht? Ich glaube nicht, dass es ein plötzlicher Moment der Bekehrung ist. Sie ahnen wohl schon länger auf ihrem Weg, dass der, der sie erwartet, ganz anders und größer ist als der Thronfolger des politischen Ränkeschmieds Herodes. Wahrscheinlich war eine unbestimmte Sehnsucht danach schon vorhanden als sie den Stern entdeckten, denn ein neuer Königssohn am Hofe des Herodes wäre keine wirklich umwerfende Neuigkeit gewesen. Davon liefen schon einige herum. Sie waren offen für Gott, vielleicht sogar Gottesfürchtige, aber sie war wohl keine Glaubenden. Irgendeine unbestimmte Sehnsucht muss sie getrieben haben, die in einem bestimmten Moment sie endgültig zu Glaubenden werden lässt. Matthäus schildert den Augenblick sehr nüchtern: „Sie gingen in das Haus und sahen das Kind und Maria, seine Mutter; da fielen sie nieder und huldigten ihm.“

Was ihnen in diesem Augenblick offenbar wurde, dass benennt Paulus im Epheserbrief: „dass nämlich die Heiden Miterben sind, zu demselben Leib gehören und mit teilhaben an der Verheißung in Christus Jesus durch das Evangelium.“

Die Menschen des heutigen Festes, an dem wir die Offenbarung des neugeborenen Königs vor der Welt feiern, zeigen uns, dass es nicht nur Glaubende und Nichtglaubende gibt, sondern eine große Grauzone. Wir leben in einer Welt mit fanatischen Glaubenden, die einem Angst machen, mit Menschen, die selbstverständlich den Glauben als Kraft für ihr Leben brauchen, Menschen, die zwar getauft sind, aber nicht wirklich den Glauben leben, Menschen, die nie mit Gott in Berührung kommen und alles ablehnen, was mit ihm zu tun hat. Und es gibt Menschen ohne konkreten Glauben, die dennoch dem, was uns erfüllt, sehr nahe sind und auch das leben, was wir christlich nennen. Karl Rahner hat sie einmal „Anonyme Christen genannt“.
Nehmen wir das nun nur zur Kenntnis oder fordert uns diese Offenheit für Gott bei Menschen ohne Religion zu einer Reaktion heraus?

Valerie Schönian berichtet von einer eigentümlichen Erfahrung, die ihr zeigte, was der Unterschied sein kann zwischen Glaubenden und Nichtglaubenden an Weihnachten. Für die ZEIT besuchte sie in Münster mehrere Feiern am Heiligen Abend, eine Kinderkrippenfeier, eine volle Familienmette am Nachmittag und eine Christmette am Abend. Hier erlebte sie etwas, das sie in Bann zog. In ihren Worten klingt das so:

Ich schaute mich um, ging in der Kirche umher, beobachtete die Leute, die Szenerie am Altar. Lichter, Orgelmusik, Weihrauch. Satte rote Adventssterne, grüne Tannen. Andächtige Blicke, hohe Stimmen. Sie besangen etwas, was außerhalb des Fassbaren liegt, aber in dem Moment fühlte es sich fast greifbar an. Dieser Glaube, dieses Vertrauen, dass alles gut wird.“ (52/2018) Es fühlte sich für sie an wie richtiges Weihnachten.

Für sie war es ein Schlüsselerlebnis, das ihr den Unterschied zwischen Glauben und Nichtglauben an Weihnachten klar machte. So schreibt sie:

Was Atheisten ein bisschen fehlt, zumindest mir immer ein bisschen fehlen wird, ist die Freude, die Christen mit Weihnachten, mit der geweihten Nacht verbinden. Die Freude, die nicht am Drumherum hängt, nicht an den Glühweinständen, nicht an der Art, wie im Kapitalismus damit umgegangen wird, nicht an der Frage, ob Onkel und Kind es rechtzeitig nach Hause schaffen und das Gänseessen nicht doch im Streit endet. Sondern die aus dem Umstand resultiert, dass ihnen der Sohn Gottes geboren ist. Ich habe an Weihnachten vor allem eben immer die Jetzt-und-hier-Liebe gefeiert. Christen feiern mehr als das. Sie feiern die Rettung in der Vergangenheit und die Hoffnung auf die Zukunft.“

Schon immer haben Menschen sich faszinieren lassen von Liturgie, Kirchenmusik und Kunst. Wie viel Faszination geht von den uralten Ritualen aus, die unseren Gottesdienst prägen, wenn sie nicht abgespult, sondern mit Andacht gefeiert werden. Wie viele Menschen haben die Musik Bachs gehört und letztlich verstanden, dass man nur wirklich Zugang zu ihr findet, wenn man sich auch seiner tiefen Glaubensgewissheit, die er als fünfter Evangelist vertont hat, öffnet. Und wie viele Menschen haben mit Ergriffenheit vor Kunstwerken von Michelangelo, Raffael oder Giotto gestanden und waren davon so berührt, dass sie nicht mehr die künstlerische Fertigkeit, sondern die Heiligkeit des Dargestellten in Bann zog. Aber auch der einfache Glaube von Menschen in unseren Gemeinden hat oft große Wirkung gezeigt, um Menschen mit Jesus in Berührung zu bringen.

Menschen glauben nicht an uns, sie glauben noch nicht einmal wegen uns, nicht einmal die eigenen Kinder tun das, aber unser Glaube kann ihnen helfen, selbst zum Glauben zu finden. Es ist nicht blinder, missionarischer Eifer, sondern die unaufdringliche Art wie wir leben. Wenn Nichtglaubende spüren, dass wir an das „Mehr“ im Leben glauben, an Rettung der Vergangenheit und Hoffnung auf Zukunft, wie Schönian schreibt, dann brauchen wir gar nicht mehr große Predigten darüber halten, dann wird man es an der Freude merken, die uns erfüllt und von uns ausstrahlt.

Das heutige Fest lädt uns zur Außenperspektive auf unseren Glauben ein. Menschen nehmen ihn wahr und fragen nach dem, was uns prägt. So ermutigt uns dieses Fest auch zu einem selbstbewussten, aber unaufdringlichen Glauben, der unser Leben durchformt und so ausstrahlt, so dass Menschen, die uns erleben wirklich spüren, dass wir glauben, was wir beten und singen:

 

O du fröhliche, o du selige gnadenbringende Weihnachtszeit. Welt ging verloren, Christ ist geboren. Freue dich, freue dich o Christenheit.

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