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Predigt Hochfest Erscheinung des Herrn

Er kommt in unsere Zeit und unsere Zeit wird Ewigkeit

Zeit_2022.pdf

Liebe Schwestern und Brüder

 

Wir haben sie nicht und vergeuden sie.

Wir jagen ihr nach und sehen sie zwischen den Händen zerrinnen.

Wir nehmen sie uns und wollen sie sparen.

Wir wollen sie gewinnen und sie vergeht manchmal rasend schnell: die ZEIT

 

Benjamin Franklin meinte einmal, dass die Zeit der „Stoff ist, aus dem das Leben besteht.“ Das stimmt sicher, aber es ein rätselhafter Stoff, dessen DNA wir noch nicht entschlüsselt haben. Das Phänomen Zeit bringt uns Menschen des 21. Jahrhunderts regelmäßig an die Grenze des Paradoxen. Gerade in den westlichen Industrieländern erleben wir es besonders intensiv. Wir leben immer länger, arbeiten kürzer, entwickeln Maschinen und Computer, die uns bei den Arbeiten im Haushalt und Beruf entlasten sollen, und dennoch wird das allgemeine Klagen darüber, dass unsere Zeit so knapp bemessen ist und wir andauernd gestresst sind, immer lauter. Ich bezweifle vehement, dass die Entwicklung von Computern uns in irgendeiner Form mehr Zeit verschafft hat.

 

Zeit ist Geld geworden, ja sogar das wertvollste Gut, das wir besitzen. Deshalb muss Zeit gut genutzt werden. Psychologen haben darauf hingewiesen, dass es heute keine natürlichen Pausen mehr gibt. Früher musste man einfach an Bushaltestellen, in Wartezimmern oder im Zug warten und sich die „Zeit“ vertreiben durch Lesen, Dösen oder Meditieren. Heute werden diese Lücken gefüllt mit Smartphones und Notebook, die einen ständig in Kommunikation halten und es ermöglichen, auch noch beim Arztbesuch Bankgeschäfte zu erledigen. Ich bin selbst ein Kind dieser Entwicklung, deshalb will ich nicht zu sehr schimpfen, aber es ist doch auffällig, dass wir rund um die Uhr arbeiten und aktiv sein können. Das Internet erlaubt es uns, auch mitten in der Nacht einzukaufen, mit Freunden zu kommunizieren oder sogar Geschäfte zu machen. Früher gab es einen Ladenschluss, den natürlichen Respekt vor der Nachtruhe der anderen Menschen und das Abwarten auf die Geschäftspost am nächsten Tag. Jetzt sind wir bemüht, Zeit zu managen und bestmöglich auszunützen, auch noch in der Freizeit. Aber auch da gibt es wieder ein so großes Angebot der Freizeitindustrie, dass meine Zeit zu begrenzt ist, jedes Interesse, das ich habe, zu bedienen und so schon wieder zum Stress führt. Rätselhafte Zeit!

 

Sie beherrscht unser Denken und lähmt uns, weil wir sie nicht in den Griff bekommen. Wer kann uns helfen?

Vielleicht die Hauptakteure des heutigen Evangeliums, die (drei) Könige, Sterndeuter, Weisen oder Magier. Sie haben sicher über die Zeit geforscht. Der Wiener Astronom Konradin Ferrari d’Occhieppo, der 2007 im Alter von 100 Jahren verstarb, forschte viele Jahre über den Stern von Bethlehem, erklärte ihn mit der Konjunktion von Jupiter und Saturn im Sternzeichen Fische in den Jahren 6/7 v. Chr. und schloss, dass die von Matthäus als „Magier“ bezeichneten Menschen keine „Zauberer“, sondern „Sternenkundige“ aus Babylon waren. Damit aber waren sie keine isolierten Wissenschaftler, sondern standen in einer langen Tradition von sumerischen und babylonischen Priestern und Wissenschaftlern, die die Sterne erforschte und so die Zeit für den Menschen errechneten. Sie müssen sehr kluge Menschen gewesen sein. Ihre Vorgänger haben die Einteilung der Monate und der Tage anhand der Beobachtung von Sternen vornehmen und die drei wichtigsten Jahreszeiten für die bäuerliche Gesellschaft im Zweistromland errechnen können: Überschwemmung, Aussaat und Ernte, Hitzeperiode. Ihre Forschungen über den Nachthimmel haben die Entwicklung unserer Zeit maßgeblich vorangebracht. Aber sie waren nicht nur Forscher, sie waren auch Suchende nach einem tieferen Sinn von Leben, Welt und allem, was sie wahrnahmen. Sie sind keine Juden, leben nicht in der religiösen Tradition der Hebräischen Bibel. Dennoch haben sie nicht nur das Ereignis am Himmel gesehen, sondern seine Botschaft erkannt.

Papst Benedikt XVI sagt über sie: „Die Weisen aus dem Osten sind ein Anfang. Sie stehen für den Aufbruch der Menschheit auf Christus hin. Sie eröffnen eine Prozession, die durch die ganze Geschichte hindurchzieht. Sie stehen nicht nur für die Menschen, die zu Christus gefunden haben. Sie stehen für die innere Erwartung des menschlichen Geistes, für die Bewegung der Religionen und der menschlichen Vernunft auf Christus zu.“ (Benedikt XVI, Jesus von Nazareth - Prolog: Die Kindheitsgeschichten, in: Joseph Ratzinger Gesammelte Schriften 6/1, S. 105)

 

Diese großen Zeitforscher können uns auch heute noch etwas lehren für unseren Umgang mit der Zeit.

So viele Übersetzungsmöglichkeiten wir für das Wort „Magoi“ auch kennen, in jedem Fall waren es nicht nur kluge, sondern auch weise Menschen, denn sie erforschten nicht nur die Zeit, sie nutzten sie auch in rechter Weise. Sie müssen um Verheißungen gewusst haben, die sich mit bestimmten Konstellationen am Himmel verbindet, denn sie erkennen, dass jetzt die richtige Zeit für den Aufbruch gekommen ist. Viele Forscher konnten die Konjunktion am Nachthimmel sehen, die wir heute den „Stern von Bethlehem“ nennen, aber nur diese „Magoi“ wussten damit mehr anzufangen. Für sie war es nicht nur ein außergewöhnliches Phänomen, sondern ein Signal, dass die Zeit da ist, in der Gott den König der Welt schickt. Wie lange waren sie unterwegs? Wie lange waren sie in Bethlehem? Matthäus schreibt später, dass Herodes alle Kinder bis zu zwei Jahren töten lässt. Dauerte es Wochen? Monate? Vielleicht sogar Jahre? Sicher gab es zuhause genug zu tun, aber sie lassen sich nicht von der Zeit beherrschen, die ihnen sagt, wenn sie jetzt reisen, können sie anderes nicht tun. Sie setzen ihren Schwerpunkt, für den sie bereit sind, alle Zeit der Welt zu opfern. Sie sind souverän im Umgang mit der Zeit, weil sie sie nutzen ohne Angst, dass sie etwas verpassen können.

Wir amüsieren uns manchmal über die gelassene Art von Menschen in Südeuropa, Afrika, Lateinamerika im Umgang mit der Zeit. Ausgemachte Termine erscheinen wie ungefähre Orientierungslinien, nicht wie exakte Fixpunkte, deren Überschreitung um nur wenige Minuten schon ein schlechtes Gewissen abnötigt.

Seit wann gibt es eigentlich den Minutenzeiger an unseren Uhren? Noch nicht allzu lange. Ganz zweifelsohne wären Menschen wie die Weisen fähig gewesen, die Länge perfekt zu errechnen, aber wem nützt es? Der Mensch früherer Zeiten hatte durchaus einen pragmatischen Umgang mit seiner Zeit. Der Zeiger tickte nicht unerbittlich. So gab es bis ins Mittelalter die Praxis, dass Stunden im Sommer 80 Minuten und im Winter 40 Minuten dauerten, so dass am Ende des Tage das Zeitgefühl noch im Einklang mit dem alltäglichen Leben war. Nur an den Tages- und Nachtgleichen hatte man 60 Minuten für eine Stunde. Verabredete man sich, dann galten Vereinbarungen wie der Moment, an dem die Sonne am höchsten steht, oder bei Einbruch der Dämmerung. Zeit war am Rhythmus der Natur und des Lebens orientiert, keine absolute Größe, die gegen uns kämpft. Ich will nicht zur Unpünktlichkeit aufrufen, aber schon dazu, Herr seiner Zeit zu bleiben. Wir können nicht alle Möglichkeiten ergreifen, die sich uns bieten. Dafür wird unsere Zeit nie reichen. Aber wir können durchaus den Plan unseres Lebens verfolgen und uns von Zeit zu Zeit fragen, ob ich noch dem auf der Spur bin, was ich als Ziel meines Lebens erkannt habe.

 

Einen zweiten Rat geben uns die weisen Männer aus dem Osten: Die Zeit füllen! Sie gehen wörtlich in die Tiefe und werfen sich vor Maria und dem Kind auf den Boden. Ihre Geste macht deutlich, dass sie ihn als den König der Welt anerkennen. Das können sie aber nur, weil sie ihn auch erkannt haben. Das aber ist unmöglich, wenn sie in Gedanken schon wieder im Aufbruch sind. Matthäus überliefert uns nicht, wie lange sie bleiben, aber wir können sicher sein, dass in dieser Anbetung der Könige kein Zeitdruck liegt. Keiner schaut auf die Uhr, drängt die anderen, dass es Zeit zum Aufbruch ist, weil er noch einen Termin hat, oder arbeitet in Gedanken schon wieder an der unerledigten Post, die sich in den Wochen ihres Unterwegssein angehäuft hat. Sie sind einfach da mit Leib, Herz und Verstand. Deshalb können Sie über das Kind nachdenken und sich in sein Wesen und seinen Weg vertiefen. Vielleicht deuten die Gaben der Könige diesen Weg des Erkennens an. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie schon beim Aufbruch wussten, was sie erwartet. Das belegt ja ihr versehentlicher Abstecher zum Hof nach Jerusalem. Erst im Stall und im Nachdenken können sie wirklich erfassen, was sie sehen und erleben. Ihre Gaben entfalten, was sie in der Stille und im Gebet entdeckt haben. Sie haben in ihm den König der Welt gehuldigt, sagt das Gold. Sie, die Menschen einer anderen Religion, haben die Enge ihres Bekenntnisses gesprengt und so den Erlöser, den Retter gefunden, sagt der Weihrauch. Schließlich ahnen sie, dass der Weg, den Gott als Herr der Welt geht, kein Triumphzug sein wird, sondern ein Kreuzweg, an dessen Ende die Salbung des Leichnams Jesu mit Myrrhe steht.

Das alles ist kein Geistesblitz, sondern Frucht von Anbetung und Stille. Nur weil sie mit ihrer ganzen Person ganz da waren, können sie den göttlichen König in einer Krippe erkennen. Die Verheißungen und den Stern, die sie einmal auf den Weg geschickt haben, brauchen sie nicht mehr.

 

Eine schöne Fabel, die man je nach religiösem oder weltanschaulichen Standpunkt dem Philosophen Sokrates, einem christlichen Mönch oder einen buddhistischen Zen-Meister zuschreibt, bringt auf den Punkt, was uns die Sterndeuter über die Zeit für dieses Jahr mitgeben können:

Ein ganz auf das innere Leben ausgerichteter Mönch wurde gefragt, warum er trotz seiner vielen Aufgaben immer so gesammelt sein könne: «Wie gestaltest du denn dein Leben, dass du so bist, wie du bist, so gelassen und so in dir ruhend?»
Der Mönch sprach: «Wenn ich stehe, dann stehe ich; wenn ich gehe, dann gehe ich; wenn ich sitze, dann sitze ich; wenn ich schlafe, dann schlafe ich; wenn ich esse, dann esse ich; wenn ich trinke, dann trinke ich; wenn ich schweige, dann schweige ich; wenn ich schaue, dann schaue ich; wenn ich lese, dann lese ich; wenn ich arbeite, dann arbeite ich; wenn ich bete, dann bete ich .. .» Da fielen ihm die Fragesteller ins Wort: «Das tun wir doch auch. Aber was machst du noch, was ist das Geheimnis deines Mensch-seins?»

Der Mönch antwortete den Fragenden wiederum: «Wenn ich stehe, dann stehe ich; wenn ich gehe, dann gehe ich; wenn ich sitze, dann sitze ich; wenn ich schlafe, dann schlafe ich; wenn ich esse, dann esse ich; wenn ich trinke, dann trinke ich; wenn ich spreche, dann spreche ich; wenn ich schweige, dann schweige ich; wenn ich schaue, dann schaue ich; wenn ich höre, dann höre ich; wenn ich lese, dann lese ich; wenn ich arbeite, dann arbeite ich; wenn ich bete, dann bete ich …»
Da sagten die Neugierigen: «Das wissen wir jetzt. Das tun wir alles auch!»

Der Mönch aber sprach zu ihnen: «Nein, eben das tut ihr nicht: Wenn ihr steht, dann lauft ihr schon; wenn ihr geht, seid ihr schon angekommen; wenn ihr sitzt, dann strebt ihr schon weiter; wenn ihr schlaft, dann seid ihr schon beim Erwachen; wenn ihr. esst, dann seid ihr schon fertig; wenn ihr trinkt, dann kostet ihr nicht genug; wenn ihr sprecht, dann antwortet ihr schon auf Einwände; wenn ihr schweigt,: dann seid ihr nicht gesammelt ge-nug; wenn ihr schaut, dann vergleicht ihr alles mit allem; wenn ihr hört, überlegt ihr euch schon wieder Fragen; wenn ihr lest, wollt ihr andauernd wissen; wenn ihr arbeitet, dann sorgt ihr euch ängstlich; wenn ihr betet, dann seid ihr von Gott weit weg .. . » (Überliefert, gefunden: https://www.krakovic.de/die-weisheit-des-monches/)

 

Sven Johannsen, Lohr

 

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