headeroben

Liebe Schwestern und Brüder,

„Es wäre vermessen, Gott mit absoluter Sicherheit auszuschließen“, so verhalten, aber dennoch entschieden äußert sich der Physiker Alexander Blum auf die Frage „Herr Blum, gibt es einen Gott?“

Alexander Blum arbeitet am Berliner Max-Plank-Institut für Wissenschaftsgeschichte und forscht v.a. im Bereich Quantengravitation und Allgemeine Relativitätstheorie. Er ist also wissenschaftlich gesehen ein „Jünger“ von Albert Einstein. Am Weihnachtstag wurde er von der ZEIT in einem großen Interview  zum Verhältnis „Gott und Wissenschaft“ bzw. „Glaube und Vernunft“ befragt. Können Physikerinnen und Physiker an Gott als Schöpfer glauben? Blum gesteht ein, dass es unter ihnen radikale Atheisten gibt, aber auch viele Menschen, die sagen: „Meine wissenschaftliche Forschung lässt sich problemlos mit meinem religiösen Glauben vereinen.“ (https://www.zeit.de/wissen/2022-12/physik-erkenntnis-grenzen-universum-ursprung)

Physiker sind nicht qua „Amt“ oder „Beruf“ gottlos. Dennoch unterscheidet sich der Gottesglaube von Naturwissenschaftler deutlich von dem in dogmatischen Lehrsätzen zusammengefassten Glauben des Katechismus. Stephen Hawking, der wohl bekannteste theoretische Physiker der vergangenen Jahrzehnte, war als bekennender Atheist über viele Jahrzehnte bis zu seinem Tod 2018 Mitglied der päpstlichen Akademie der Wissenschaften. Der Glaube an einen persönlichen Gott, wie ihn die großen monotheistischen Religionen lehren, war ihm fremd, aber er konnte sich problemlos Gott als Verkörperung der physikalischen Gesetze vorstellen. Diese Haltung vieler Wissenschaftler wird pointiert in einem oft zitierten Wort von Albert Einstein zusammengefasst, der mit Blick auf Gott einmal geschrieben hatte: „Die Quantenmechanik ist sehr achtunggebietend. Aber eine innere Stimme sagt mir, daß das noch nicht der wahre Jakob ist. Die Theorie liefert viel, aber dem Geheimnis des Alten bringt sie uns kaum näher. Jedenfalls bin ich überzeugt, daß der nicht würfelt.“ (Brief an Max Born vom 4.12.1926)

„Das Geheimnis des Alten“, so könnte man Einstein verstehen, könnte wohl am ehesten in der polaren Struktur des Ganzen der Natur und zugleich eines aktiven Prinzips in der Natur sein. Beides ist Gott, die Natur und das Gesetz. Eigentlich war seine Äußerung nicht als Abhandlung über den Zusammenhang zwischen Gott und Natur gedacht, sondern als ein Bonmot zum Stand der Forschungen im Bereich der Quantenmechanik. Aber manchmal erfährt man tatsächlich in Nebensätzen mehr über das Denken eines Menschen als in den klug formulierten Erörterungen. Physikerinnen und Physiker können ganz selbstverständlich von Gott ausgehen, ohne ständig ihren Glauben begründen zu müssen. Dennoch wird dieser Glaube eigene Akzente setzen. Natürlich muss er sich in Beziehung setzen lassen zu ihrem Wissen über den Anfang des Universums, aber Alexander Blum warnt vor voreiligen Schlüssen. Wir sind ja oft versucht, Gott da seinen Platz zu geben, wo die Wissenschaft an das Geheimnis stößt, also konkret der Moment vor dem sog. „Urknall“, wenn ich nicht so fundamentalistisch denke, dass ich diese Theorie per se ablehne. Aber genau da sieht Blum Gott nicht, denn dann wäre er immer ein Gott auf dem Rückzug. Je mehr Erkenntnisse die Forschung macht, umso weiter wird Gott dann vom Platz verwiesen. Er kann sich dabei auch auf den größten Theologen des Mittelalters, Thomas von Aquin, berufen, der Gott nicht nur als den Schöpfer sieht, der alles am Anfang anstößt und dann laufen lässt, sondern als den Träger der Schöpfung, der als Begründung der Welt immer da ist und erkennbar ist. Sein Vordenker Aristoteles kannte keinen Gott, der alles geschaffen hat, aber wohl einen „unbewegten Beweger“, der letztlich der Grund ist für alles. Das klingt jetzt sehr theoretisch, aber m.E. gibt es uns eine Perspektive nach vorne. Wir verteidigen meist Gott als den Schöpfer am Anfang. Diese Strategie hat uns im Laufe der Jahrhunderte sehr an die Wand gedrängt, weil die Erkenntnisse über das Universum immer mehr Glaubenssätze widerlegt haben. Das können wir als Christen nicht leugnen oder gar in die kruden Ideen des pseudo-wissenschaftlichen Kreationismus flüchten, Ohne böse Absichten haben Denker wie Isaak Newton mit seiner Gravitationstheorie und der belgische Priester Georges Lemaitre, der Begründer der Urknall-Theorie, die Notwendigkeit von Gott als Erschaffer von allem, was lebt, immer mehr beseitigt. Es wäre die völlig falsche Strategie, Gott in die Lücken der wissenschaftlichen Fehlstellen abzuschieben, denn dann steckt unser Glaube in der Falle.

Heute treten Wissenschaftler zum neugeborenen Kind an die Krippe, fallen vor ihm auf die Knie und huldigen ihm als Gott und König. Sie wissen genau, vor wem sie sich niederwerfen. Mag am Anfang ein wissenschaftliches Phänomen, eine ungewöhnliche Konstellation am Himmel, stehen, spätestens am Hof des Herodes müssen sie gewusst haben, dass sie nicht nur einen weltlichen Thronfolger suchen, sondern auf dem Weg sind zum Messias, dem Erlöser, der sie ganz persönlich zum Bekenntnis herausfordert. Es kommen Weise, Denker, persische Priester, die schon viele Kinder gesehen haben und wohl bestens Bescheid wissen über Schwangerschaft und Geburt. Dennoch entdecken sie im Leben noch ein göttliches Geheimnis, das sie in die Knie zwingt. Sicher kennen sie noch nicht die Vererbungslehre von Georg Mendel, übrigens auch ein katholischer Priester, aber sie waren sich im Klaren, dass Zeugung und Geburt natürlichen Gesetzen folgen. Dennoch können sie, die objektiven Forscher und Wissenschaftler, tiefer sehen. Sie sind in unserem Sprachgebrauch „Heiden“, also nicht geprägt vom biblischen Gottesglauben. Es ist anzunehmen, dass ihnen der jüdische Monotheismus etwas skurril vorkam, aber sie haben die Fähigkeit, im Leben des Menschen und in der Natur Gott zu erkennen. In diesem Kind, zu dem sie der Stern führt, gewinnt dann ihre Sehnsucht nach der Begegnung mit Gott endgültig die Oberhand über das Streben nach natürlichen Erklärungen. Sie sind nicht gespaltene Persönlichkeiten, einmal vernünftige Denker und im nächsten Moment fromme Glaubende. Sie können beides vereinen: Das Denken führt sie dazu, anzuerkennen, dass es ein letztes Geheimnis geben muss, das alles Leben trägt und ihm erst Sinn gibt, auch ihrem eigenen.

Wir sind manchmal schnell dabei zu sagen, dass Glaube und Wissen sich deshalb nicht ausschließen, weil sie auf unterschiedlichen Ebenen greifen. Die Vernunft will erklären, der Glaube will deuten und Sinn stiften. Aber wenn sie nur nebeneinanderstehen, reicht das für das, was wir heute feiern nicht als Begründung. Jede Haltung, der Glaube und das Denken, haben ihren Platz und ihre Zeit, aber sie müssen sich immer gegenseitig befruchten. Auch der glaubende Mensch muss fragen, woher und wie alles kommt. Auch der denkende Mensch muss fragen, welcher tiefere Sinn steckt hinter allem.

Unser verstorbener Papst Benedikt hat es zu seiner Lebensaufgabe gemacht, Glauben und Wissen zu versöhnen. Glauben ohne die Fähigkeit zum Denken ist naiv und wird in Krisen schnell erschüttert oder blind. Denken ohne die Fähigkeit zum Staunen und Ahnen, dass es Größeres gibt, als meine Vernunft fasst, wird an Grenzen stoßen und verzweifeln müssen. Beide haben ihren Platz im Menschen als besondere Fähigkeiten, die uns eine königliche Würde geben, wie wir ja auch die Männer (und Frauen) im heutigen Evangelium ehren. Papst Benedikt hat in einer Generalaudienz 2012 einmal für mich treffend beschrieben, wie Glaube und Vernunft, Bekennen und Denken, ineinandergreifen: „Gott ist nicht etwas Unvernünftiges, sondern allenfalls Geheimnis. Das Geheimnis wiederum ist nicht irrational, sondern Überfülle an Sinn, an Bedeutung, an Wahrheit. Wenn der Vernunft das Geheimnis dunkel erscheint, dann nicht, weil es im Geheimnis kein Licht gibt, sondern weil es vielmehr zu viel davon gibt.“ (https://www.vaticannews.va/de/papst/news/2023-01/papst-em-benedikt-xvi-glaube-vernunft-theologie-tod.html) Im Weiteren argumentiert er, dass der Menschen wenn er in die Sonne schaut nur Finsternis sieht, aber doch niemals bestreiten würde, dass das Licht und die Sonne da sind. Wenn die Augen unseres Verstandes auf das Dunkel stoßen, dann können die Augen unseres Herzens das Licht der Wahrheit erkennen. Gleichzeitig aber füllt Gott unsere Vernunft mit seiner Gnade an, dass wir ihn erkennen. Die Versöhnung von Glaube und Vernunft ist nicht nur die Heilung eines Bruchs in der europäischen Kulturgeschichte, sondern erschließt uns unser Menschsein erst vollkommen. Die Sterndeuter haben es uns vorgemacht. Sie setzten ihren Verstand ein, sehen ein Kind, entdecken das Geheimnis des Lebens und fallen vor Gott nieder. Das kann nur der Mensch, der zu beiden Haltungen fähig ist: denken und glauben. Sie rufen uns zur Krippe und fordern uns auf, nachzudenken, Gott im Kind zu sehen und niederzufallen: „Kommt, lasset uns anbeten, den König, den Herrn.“ Amen.

Sven Johannsen, Lohr

2023_Der_Gott_der_Wissenschaft.pdf

­