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Liebe Schwestern und Brüder

„Kreativ“ – das ist das Zauberwort dieser Tage. In der Krise gilt es kreativ zu sein: Politiker, Geschäftsleute, Lehrerinnen und Erzieherinnen. Kreativität verbinden wir mit „Erfindungsreichtum“, „Lust am Ausprobieren und Neuem“, „Überraschung“ oder „Zukunftsorientiert“.

Zurzeit galt es kreativ, das Normale, das im Augenblick nicht mehr möglich ist, auf andere Weise zu ermöglichen. Lehrerinnen, Erzieherinnen versuchen geregelte Abläufe für ihre Kinder zu schaffen, obwohl Gruppengrößen, Abstandsregelungen oder Hygienevorschriften ihnen die bisherigen Betriebsstrukturen unmöglich machen. Auch in der Kirche galt „Kreativität“ als ein hoher Wert, vielleicht das höchste „Lob“, das sich Mitarbeiter von ihren Bistumsleitungen verdienen konnten.

Kreative Formen der Seelsorge sind gefragt. Wie mit den Menschen im Kontakt bleiben, wenn die Hauptamtlichen nicht mehr ins Krankenhaus, ins Altersheim, nachhause kommen können. Wie Katechese mit Kommunionkindern und Firmlingen weiterführen, wenn keine Treffen möglich sind? Wie das Evangelium verkündigen, wenn man in nichtöffentlichen Gottesdiensten vor leeren Kirchen spricht? Wir haben viel Neues ausprobiert: Videos, Live-Streams, Tagesimpulse im Internet, über WhatsApp, Mail. Unsere Seelsorgerinnen haben telefonisch versucht mit Menschen in Kontakt zu bleiben. Seelsorge wurde kreativ, ging also neue Wege.

Auch die finanziellen Einbußen, ausbleibende Kollekten, Spenden, aber auch fehlenden Einnahmen aus Kirchensteuern, zwingen zur Sparsamkeit, aber auch zu kreativen Wegen, Geld für Notwendiges, wie z.B. Seelsorge, Liturgie, aber auch Kirchenmusik, zu requirieren.

Kirchen ist kreativ geworden in der Seelsorge und sie muss es wohl noch lange bleiben. Sie muss richtig kreativ werden, wenn es um die Finanzierung geht.
Jetzt dürfen wir wieder Gottesdienst, ja auch Messen feiern. Für viele gilt es jetzt auch kreativ zu werden? Wie spende ich die Kommunion so, dass jegliche Gefahr der Infizierung vermieden werden kann. Wir haben Erstaunliches in der letzten Woche in einer Zeitung gelesen. Ich will nicht über Mitbrüder urteilen, aber manchmal habe ich den Eindruck, dass nicht die Sorge um das Heil der Menschen immer die einzige Motivation ist, sondern auch der Hintergedanke „Wir wollen anders sein und auffallen“ zumindest die Kreativität beflügelt.

Kreative Gottesdienste? Was heißt das? Ist das möglich? Manchen sträuben sich bei diesem Schlagwort alle Nackenhaare. Für sie klingt das nach Fantasie und viel menschlicher Inszenierung in der Feier, die uns so fest geregelt scheint durch den Willen Gottes, dass es keine Veränderungen geben kann. Zunächst wird man sagen müssen, dass es auch zu allen Zeiten einen „kreativen“ Umgang mit dem Auftrag Jesu „Tut dies zu meinem Gedächtnis“ gegeben hat. Nicht von erstem Augenblick an, hat man sich in Kirchen getroffen, wie wir sie heute kennen. Neben Häuser waren auch Orte im Freien beliebte Plätze für die Eucharistie. Viele Abläufe wurden regional sehr eigen gefüllt. So gibt es bis heute Riten, die verzichten auf die Einsetzungsworte in der Liturgie, und das erscheint uns doch unverzichtbar. Texte, Hymnen, Zelebrationsformen, ob mit Blick zur Gemeinde oder zum Kreuz, Baustile – selbst im so geschlossenen Westen kannte man und kennt man sehr unterschiedliche Formen. Denken wir nur an die Eigenheiten in den jungen Kirchen Afrikas oder in den alten Kirchen wie der von Mailand. Also einen Kreativen Umgang mit dem Gedächtnis des letzten Abendmahls gab es immer. Aber wo sind die Grenzen? Wo gibt es eine Grenze des „No-Go“, das geht nicht?

Ich glaube es ist wichtiger, im positiven Sinn zu beschreiben, was unveränderlich im Verständnis der Eucharistie ist.

  • Sie führt uns über den eigenen Kirchturm hinaus und macht uns im richtigen Sinn „katholisch“ (1. Lesung)

Die Worte der Lesung richten sich nicht an ein Volk in Not und Elend, sondern an ein sattes, sesshaftes Volk, dem es gut geht. Die Worte erinnern sie an die Wüstenzeit, und bewahren es so vor Herzenskälte und Sorglosigkeit. Die Eucharistie muss berühren, solidarisch machen, Weite haben, im besten Sinne katholisch, umfassen.  sein. Es ist nicht unsere Feier, in dem wir unser Wohlbefinden pflegen, eine Art geistliche Wohlfühlkur, bei der es auf nette, besinnliche Texte ankommt. Die Eucharistie macht Hunger nach Gerechtigkeit, Frieden und Einsatz für die Brüder und Schwestern in Verfolgung und Not. Eucharistie muss immer, über den Kirchturm denken, deshalb ist sie nicht die Spielwiese der Ideen einzelner kreativer Köpfe. Es geht nicht darum eine Feier „unserer“ Gemeinde ansprechend für die Besucher zu gestalten, um das eigene Wohlgefühl zu stärken, sondern in ihr wird deutlich, dass wir Teil einer Glaubensgemeinschaft sind, die sich rund um den Erdkreis zu jedem Augenblick des Tages zum Herrenmahl versammelt. In ihr finden sich die unterschiedlichsten Menschen zusammen: satte, bürgerliche Menschen mit vielen Freiheiten, für die Glaube oft nur noch eine sekundäre Rolle spielt und in Gefahr gerät, auf den Entertainment-Moment reduziert zu werden, Menschen in Leid, Armut, Krankheit und Verfolgung, für die die Feier des Herrenmahls, die Quelle der Hoffnung und Ermutigung ist, auszuhalten.
Wer hier bei uns Eucharistie feiert, muss immer auch sich der ganzen Kirchen, v.a. der Leidenden, Armen und Verfolgten verbunden wissen.

  • Die zweite Lesung: Sie ist die Mitte der Gemeinde (2. Lesung Paulus)

Ganz sicher war es für viele ein Segen, dass es in unserer Zeit möglich war, an Gottesdiensten im Livestream oder als Aufzeichnung im Internet teilzunehmen. Als die Feier der heiligen Messe in unseren Gemeinden nicht öffentlich stattfinden konnten, hatte wir beeindruckende Zahlen bei den Teilnehmern im Livestream auf YouTube, oft mehrere Hundert. Ich habe ganz oft gehört, wie dankbar Menschen waren, dass sie so zumindest über dem Bildschirm mit ihrer Gemeinde verbunden sein konnten.

Darüber hinaus glaube ich, dass wir in reichem Maße auch wiederentdeckt haben, wie wichtig das gemeinsame oder einzelne Beten zuhause ist. Viele haben die Angebote von Hausgottesdiensten genutzt, die Tagesimpulse rege gelesen und meditiert, Hausaltäre zum Marienmonat Mai aufgebaut. Es wäre furchtbar, wenn das jetzt alles wieder verlorenging. Ganz sicher stimmt es, dass die Messe nicht die einzige Liturgie der Kirche ist. Es ist ein Segen für eine Gemeinde, wenn viele Formen im Kirchenraum und zuhause gepflegt werden. Wir täten uns selbst weh, wenn wir jetzt sagen, dass war gut in der Zeit, in der die öffentliche Messe nicht möglich war, aber jetzt brauchen wir es nicht mehr.

Aber zugleich gilt: Die Eucharistie ist nicht alles. Aber ohne die Eucharistie ist alles nichts. Sie trägt das Beten, die Liturgieformen und den pastoralen und diakonischen Einsatz der Kirche. Sie ist der Urgrund, auf dem alles steht. Für Paulus heute der Moment, an dem wir eins werden, weil wir Anteil an Christus erhalten. Das ist ihr tiefstes Geheimnis. Sie macht uns aus Besuchern und Zuschauern zu Teilhabern und Mitfeiernden. Das war ja ein wenig das Verräterische bei manchem Livestream von Messen, wenn die Teilnehmer am Bildschirm als Zuschauer begrüßt werden. Die Messe hat nie Zuschauer, sie hat immer nur Mitfeiernde. Sie vermittelt uns, dass wir, ob geweiht oder nicht, Anteil haben am Priestertum Christi durch die Taufe.

Erzbischof Schick hat deshalb zurecht am vergangenen Sonntag betont, dass alles in der Kirche auf die Eucharistie zulaufen muss. In einer Predigt zum Dreifaltigkeitsfest führte er aus:

Jesus Christus hat die heilige Messe eingesetzt mit den Worten "Tut dies zu meinem Gedächtnis", erinnerte der deutsche Weltkirche-Bischof. Andere Gottesdienste sind wichtig und dürfen nicht vernachlässigt werden, aber sie müssen Vorbereitung für den Höhepunkt, die Eucharistie, sein.

In ihr werde Tod und Auferstehung Jesu Christi gefeiert, die Kirche gebildet und die Sendung Christi zum Heil der Welt fortgeführt. Die Feier der Eucharistie verbinde die katholische Kirche auf der ganzen Welt miteinander.

Das verlangt aber auch Einsatz von den Seelsorgern. Wenn Menschen die Messe nicht mehr verstehen, dann können wir nicht nur den Weg einer „Liturgie light“ gehen, also von niederschwelligen Angeboten, mit denen man die Menschen noch immer irgendwie in ihren religiösen Gefühlen erreicht. Vielmehr gilt dann, so der Erzbischof: ". "Wenn manche die heilige Messe nicht mehr verstehen, dann müssen wir sie ihnen erklären und wieder nahebringen"

  • Sie ist Gabe des Herrn, seine geschenkte Gegenwart (Evangelium)

Es wurde in den vergangenen Wochen von Vertretern der Kirche viel Kluges und auch manches weniger Kluges gesagt. Ein Bischof meinte, dass die fehlenden Messfeiern möglicherweise doch ein Luxusproblem seien. Ein andere fühlte sich belästigt vom Drängen der Gläubigen, wieder die Messfeier einzuführen. Und ein dritte wusste zum Besten zu geben, dass er einige Katholiken für eucharistiefixiert hält und fügte die kluge Weisheit an, dass es Zeiten gab, in denen man auf die Eucharistie verzichten musste. Das ist richtig. Aber andererseits gab es längere Zeiten, in denen wir in der Kirche auf Bischöfe verzichten konnten. Was folgern wir daraus?

Manches bischöfliche Wort hat mich zumindest verwundert, wenn nicht sogar geärgert. „Eucharistiefixiert“, das heißt doch letztlich ein ungutes allein auf die Messfeier ausgerichtetes Christsein. Das ist eine Unterstellung. Man kann in vielen Bereich ein Zeugnis christlichen Lebens geben und doch ganz aus der Eucharistie leben. Eigentlich habe ich immer gedacht, dass man das sogar soll.
Denn die Eucharistie ist ja nur von Christus her zu denken. Sie ist nicht unsere Leistung, sondern seine Gabe, ja seine geschenkte Gegenwart. Davon spricht das Evangelium heute.

Auch wenn es uns leichtfällt, schnell von den Worten Jesu heute Verbindungen zu unserem Verständnis von Kommunion zu ziehen, bleibt doch das Provokante in seinen Worten noch immer spürbar. Wie soll das gehen „Jesus essen“? Letztlich übersteigt es menschliche Möglichkeiten und Erklärungen. Es ist nur von ihm aus zu deuten: Er gibt sich an uns. Er will mit uns in so intensiver Weise sich verbinden, dass nur die Begriffe des Essens und Trinkens es uns erschließen können. Es geht darum, mit Jesus identisch zu werden. Wie wir Nahrung aufnehmen, verdauen und so Kraft und Energie für unser Leben gewinnen, so soll die Verbindung mit Jesus in der Eucharistie uns aus dem Innersten heraus stärken und beleben für dieses und für das ewige Leben.

Was die Eucharistie so einzigartig macht und abhebt von allen anderen kirchlichen Feiern: Wir können sie nicht machen. Sie ist nicht unsere Erfindung, nicht Produkt unserer Kreativität. Sie nimmt immer an Christus ihren Ausgangspunkt. Die negativ gemeinte „Fixierung auf die Eucharistie“ birgt dann doch letztlich eine Zentrierung auf Christus, die ja letztlich der eigentliche Sinn unseres Kircheseins ist. Dann aber bin ich gerne Eucharistiefixiert.

Es gibt einen Rahmen für das Verständnis der Feier der Heiligen Messe, der immer und überall erkennbar sein muss:

  • Sie weitet uns über den Kirchturm hinaus und macht uns katholisch
  • Sie ist die Mitte der Gemeinde und kann nur als Feier der Gemeinschaft in rechter Weise erfahren werden
  • Sie ist allein in der Kreativität Jesu begründet und seine geschenkte Gegenwart.

Das dürfen wir, wo immer wir Eucharistie feiern, erfahren. Und wenn es nicht geschieht, dann ist etwas in die Schieflage geraten. Dann überlagert menschliche Kreativität die göttliche Originalität und entleert die Feier.

Und dennoch braucht es immer wieder auch unsere Anstrengung.

Heute ist Fronleichnam. In der Regel ist das das katholische Alleinstellungsmerkmal. Das hat kein anderer. Zu diesem Fest gehören die festlichen Prozessionen, die in diesem Jahr nicht stattfinden können. Also beschränken wir uns auf die Messe. Aber eigentlich reicht das nicht. Die Prozession ist zum einen Demonstration, zum anderen Kontemplation. Also zum einen ein öffentliches Zeugnis vor den Menschen unserer Stadt und unserer Dörfer, dass Christus, das Brot des Lebens hier unter uns zugegen ist, zum anderen ist es Anbetung. Der Glaube, dass Christus uns in der Feier der Heiligen Messe begegnen will, schließt ein, dass er nicht auf Stippvisite, sondern bleibend gegenwärtig. Die Feier braucht die Anbetung, um vollständig zu sein. Dazu lade ich immer wieder ein. Ab Freitag wird die Anbetung wöchentlich in der Stadtpfarrkirche stattfinden.

Papst Benedikt hat es richtig erkannt, wenn er sagt: Die Kommunion und die Kontemplation sind untrennbar miteinander verbunden. Das ist doch das Besondere an Fronleichnam. In herausgehobener Weise macht der Tag uns deutlich, dass mit dem Segen und dem Auszug am Ende der Heiligen Messe die Gegenwart Jesu in unserer Welt, in unserer Kirche, in unserem Leben nicht endet.  Sie setzt sich fort auf unseren Straßen und in unseren Häusern. So sagt der Papst:

Kommunion und Kontemplation können nicht getrennt werden, sie gehören zusammen. Um mit einer anderen Person zu kommunizieren, muss ich sie kennen, muss ich in Stille bei ihr bleiben können, auf sie hören und in Liebe anschauen können. Die wahre Liebe und die wahre Freundschaft leben immer von diesem wechselseitigen Blick, von intensivem Schweigen, das zugleich beredt ist und mit großem Respekt und in Verehrung, sodass die Begegnung in tiefgehender Weise erlebt werden kann, persönlich und nicht oberflächlich.

Dazu lädt uns die Prozession Jahr für Jahr ein. Wenn sie in diesem Jahr nicht stattfinden kann, dann ist unsere Kreativität gefragt, wie wir z.B. in der Anbetung mit Jesus immer intensiver kommunizieren können. Amen

 2020_Kreativ_sein.pdf

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