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Predigt Fronleichnam 2022

„Mit Christus können wir uns noch sehen lassen“

Liebe Schwestern und Brüder

„Das die sich überhaupt noch vor die Tür trauen…“, wahrscheinlich werden das heute manche Anwohner denken, wenn Sie unsere Lieder und Gebet hören und möglicherweise aus den Betten geholt werden.

Für einige Zeitgenossen waren Prozessionen schon in guten Tagen „Lärmbelästigung“, über die sie sich geärgert haben. In diesen Tagen haben nun auch viele von uns große Beklemmungen, sich als Katholiken in der Öffentlichkeit zu zeigen. Kann man sich noch sehen lassen als Mitglied einer Kirche, die in so viele Skandal verstrickt ist, als getaufter Christ, während Patriarch Kyrill in Russland voller Menschenverachtung einen Krieg als Willen Gottes erklärt, als religiöser Mensch in einer Welt, die von den Wissenschaften entzaubert wurde und immer mehr dazu neigt, Religion als Quelle von Hass und Gewalt zu brandmarken. Ich gebe zu, dass ich mir schwer tue mit dem Gedanken, dass ich den gleichen Glauben haben soll wie der Patriarch von Moskau. Viele Katholiken, Christen, Gläubige ziehen sich unter den augenblicklichen Bedingungen lieber zurück in ihre Gotteshäuser, wo man sie kaum wahrnimmt, oder gehen ganz auf Distanz, selbst wenn sie sich innerlich noch Gott verbunden fühlen. Dann wird Glaube eben gänzlich Privatsache.

Aber Fronleichnam ist ein Fest, das ins Freie drängt, an dem man sich sehen lassen muss von aller Welt, die zu dieser Uhrzeit schon wach ist. Das schafft bei vielen Katholiken Unbehagen. In der Öffentlichkeit fühlt man sich nicht mehr wohl. Das ist auch gut zu verstehen. Gehe ich in die Kirche, dann werde ich vielleicht von Kindern, Enkeln, Freunden hinterfragt. Daran haben wir uns gewöhnt. Zeige ich mein Christsein als Katholik und damit auch meine Verbindung mit meiner Kirche in der Öffentlichkeit, erwarten mich heftige und ermüdende Debatten, Angriffe und mitunter verletzende Beleidigungen. Und ich selbst muss mich fragen, ob ich wirklich noch in einer Prozession gesehen werden möchte, die ja als Symbol von kirchlicher Tradition gilt. Es gibt einige in unsere Kirche, die drängen beständig in die Öffentlichkeit und können sich sehen lassen, weil sie mit ihren Ansichten über Kirchenaustritte, Reformstau und Skandal den Geschmack der öffentlichen Meinung treffen und unter Applaus kundtun können, was unsere Kirche noch allein retten kann. Einige kirchensteuerbezahlten Berufskritiker können auch den engagiertesten Seelsorger und gutmeinenden Ehrenamtlichen endgültig resignieren lassen. Da ist kein Wohlwollen mehr für Kirche und Traditionen, aber viel Selbstdarstellung und Liebe zu sich selbst, die sich als Verständnis für die Menschen tarnt. Ich glaube, dass sich die meisten Katholiken dagegen zerrissener fühlen: Sie sehen den Reformbedarf und die Notwendigkeit, Glaubwürdigkeit nicht durch Worte, sondern durch Handeln wiederzugewinnen, aber gleichzeitig haben sie nicht im Sinn, alles über Bord zu werfen, was diese Kirche prägt in ihren Riten, Traditionen und Glaubens-vorstellungen. Ich folge den Gedanken von Papst Franziskus und bin auch überzeugt, dass wir keine Kopie der evangelischen Kirche werden müssen, sondern als katholische Kirche einen Schatz des Glaubens bergen, der die Menschen reich macht. Aber: Wie kann ich mich heute noch in der Öffentlichkeit als katholischer Christ sehen lassen, ohne in den Verdacht zu geraten, ein Betonkopf zu sein, der nur das „System“ am Leben erhalten will, oder andererseits sich als radikaler Reformer zu outen, der alles verändern will?

Fronleichnam bietet die Lösung: Wir können uns mit Jesus, dem Brot des Lebens, noch in der Öffentlichkeit sehen lassen. Das ist der Grundgedanke des heutigen Festes.
Ein Hochfest der Eucharistie gibt es bereits: Gründonnerstag. Aber er stellt die Innenperspektive der Verbindung mit dem Herrn im letzten Abendmahl dar. Fronleichnam trägt die Erfahrung der Eucharistie nach außen. Die Wahl des Donnerstages als Festtag für das Hochfestes des Leibes und Blutes Christi schlägt augenscheinlich die Brücke zur Feier des Letzten Abendmahles am Abend vor dem Karfreitag. Das Sakramentsfest, das wir heute feiern, lebt von der Wahrnehmung durch die Menschen. Die, die mitfeiern, müssen bereit sein, sich der Öffentlichkeit zu stellen. Das ist aus zwei Gründen unangenehm: Zum einen weil man sich selbst nicht gerne so prominent zeigt. Zum anderen weil man in Verbindung gebracht wird mit einer Institution, die im Augenblick sehr kritisch beobachtet wird. Mit Jesus können wir uns aber sehen lassen. Wir gehen nicht als Demonstranten für Reformen oder für Bewahrung des Status Quo in der Kirche auf die Straße. Wir sind nicht aus Trotz, zur Provokation oder „gegen“ irgendwen unterwegs, sondern weil wir uns mit dem österlichen Herrn auf allen Straßen des Lebens verbunden wissen. Gott kann man nicht in den goldenen Käfig sperren, er ist immer da, wo Menschen leben, lieben und leiden, also auf unseren Straßen und in unseren Häusern. Von dieser Gewissheit geben wir heute Zeugnis.

Mit dem Allerheiligsten in unserer Mitte lässt es sich gut gehen, weil der österliche Herr ermutigt, stärkt, sammelt und Hoffnung schenkt.  Mit ihm müssen wir uns nicht verstecken, weil wir eine frohe Botschaft in die Welt tragen, sein Evangelium.

Wir gehen mit Jesus, dem Brot des Lebens, weil wir überzeugt sind, dass die Menschheit Sehnsucht nach mehr hat. Wenn wir nicht mehr in die Öffentlichkeit gehen, wem überlassen wir dann die Straße: Querdenkern und politischen Marktschreiern, die Hass und Streit säen? Die Kirche ist trotz allem Verlust an Glaubwürdigkeit noch immer ein Garant von Werten, die dieses Land braucht. Heribert Prantl erinnert in einer Kolumne für die SZ vom 10. Juni 2022 daran, dass Werte auf einen Glauben angewiesen sind, auf etwas, das bedingungslos und unverfügbar ist, also vor jedem Recht und jeder menschlichen Überlegung  bereits unangreifbar stehen. Wenn nicht die Kirche in der Öffentlichkeit eintritt für Lebensschutz, für die Bewahrung der Schöpfung und für den Frieden, dann überlassen wir die Verkündigung von Werten allein den Meinungsmachern. Natürlich können wir nicht für Gerechtigkeit, Liebe und Hoffnung als Botschaft Jesu auf die Straße gehen, wenn wir nicht versuchen, sie auch in der Kirche zu leben. Das geht oft schief, aber es gelingt auch: in den Kitas, in denen Erzieherinnen mit christlicher Prägung Kindern helfen, stark fürs Leben zu werden, in den sozialen Einrichtungen, die Menschen in Krankheit und am Ende des Lebens helfen, Würde zu erfahren, in den Gemeinden, in denen sich Ehrenamtliche mit unterschiedlichen Lebensgeschichten sammeln, um gemeinsam einen Ort der Geborgenheit und Beheimatung für die Seele zu schaffen. Die Kirche, die sich gerne verstecken möchte, muss heute auf die Straße, weil Menschen eine Sehnsucht nach dem Größeren und dem Mehr im Leben haben, die nur der Auferstandene, der alle Grenzen gesprengt hat, sättigen kann. Das ist unsere Botschaft heute.

Eine junge Schriftstellerin, Nora Bossong, die zu den anerkanntesten Autorinnen unseres Landes gehört und u.a. den Thomas-Mann-Preis erhalten hat, hat vor kurzem ihre Erstkommunion gefeiert, in einer Zeit, in der junge Frauen Schlange stehen vor den Standesämtern, um aus der Kirche auszutreten. Obwohl getauft hat es dreißig Jahre gedauert, bis sie ihre Erstkommunionfeier nachgeholt und erstmals an den Tisch Jesu getreten ist. In einem  Interview mit dem Magazin der Süddeutschen Zeitung spricht sie über ihre Beweggründe und warum sie nicht aus der Kirche ausgetreten ist. Für sie war der Tod ihres Vaters der auslösende Moment, sich wieder ernsthaft mit dem Glauben zu beschäftigen. Sie erlebt, dass in dem Moment, in dem der familiäre Halt durch den Vater wegfiel, der Halt im Glauben stärker wurde. Auf die Bitte, den Halt zu beschreiben, den sie im Glauben gefunden hat, antwortet sie:

Die Liturgie ist wichtig, vor allem die Eucharistie, die Vergegenwärtigung des Todes und der Auferstehung Jesu Christi. Ich erlebe die Wandlung immer wieder als Wunder und fühle mich in einen Zusammenhang eingebunden, der das Hier und Jetzt übersteigt. Ich war schon als Mädchen versessen auf den Moment, wenn die Glocke ertönt und die Prozession hereinkommt, der Priester, die Ministranten, der Weihrauch, für mich war das ein ästhetisches Erlebnis, das mir Halt gegeben hat, und daran hat sich bis heute nichts geändert: Wenn ich verzweifelt bin, fühle ich mich in einer Kirche aufgehoben.“ (SZ-Magazin 18/2022 v. 5. Mai 2022)

In der Feier der Eucharistie können wir eine besondere Erfahrung machen: Sie führt in eine Dimension, die das Alltägliche überschreitet. „Sie baut eine Distanz zum Hier und Jetzt auf, aus der ich meine weltlichen Angelegenheiten präziser betrachten kann“ (Nora Bossong ebd.)

Liebe Schwestern und Brüder

Ich bin überzeugt, dass viele Menschen die Sehnsucht in sich tragen, sich und die Welt mit ihren Problemen zu überschreiten und alles aus einer größeren Perspektive zu sehen. Der Mensch ist zwar immer mehr auf sich selbst konzentriert, aber er spürt, dass ihn das nicht wirklich glücklich macht, sondern letztlich vereinzelt. Die Leere, die sie dabei empfinden, ruft nach Fülle und Trost, nicht nur nach Ablenkung, wie sie Kultur, Arbeit und Freizeit anbieten können. Das ist das Geschenk des Glaubens, den wir heute bekennen.

Er wird lebendig in der Gastfreundschaft einer Gemeinde gegenüber den Müden und Suchenden unserer Tage, wie sie Abraham durch Melchisedek erfährt, der ihn heute mit Brot empfängt.

Er ist die Sicherheit der Gegenwart Jesu, die uns wie den Christen in Korinth in Brot und Wein geschenkt wird.

Und er vermittelt die Erfahrung, dass der, der auf Jesus vertraut, wirklich satt wird in seinem Hunger und Durst nach wahrem Leben, wie die Menschen, die sich heute im Evangelium um ihn versammeln.

Wir gehen nicht auf einen Triumphzug einer überheblichen Kirche, die trotzig und verblendet die Wirklichkeit ignoriert, aber wir gehen für unseren Glauben auf die Straße, weil wir uns mit Jesus, dem Brot des Lebens, noch immer sehen lassen können im großen Hunger der Menschheit nach dem Leben in Fülle. Für diese Botschaft dürfen wir uns mutig und froh vor die Tür trauen. Amen.2022_Sich_sehen_lassen.pdf

Sven Johannsen, Pfarrer

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