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Predigt Gründonnerstag 2021

Vergangenheit wird Gegenwart“

- Eucharistie und Fußwaschung

(Sven Johannsen, Pfarrer Lohr)

2021_Gründonnerstag_Heute.pdf

Liebe Schwestern und Brüder

Zugegeben es ist ein verstörendes Bild, das ich Ihnen heute als Impuls für den Gründonnerstag mitgebracht habe. Mancher mag es sogar als blasphemisch verurteilen. Es ist das bekannteste Werk des israelischen Fotografen Adi Nes und trägt den Titel „Das Letzte Abendmahl“ (1999). Die Vorlage ist schnell erkannt: Leonardo da Vincis Wandgemälde „Das Letzte Abendmahl“ im Refektorium des Dominikanerklosters Santa Maria delle Grazie in Mailand. Schon das Original ist ja geheimnisumwittert. Mancher Schriftsteller hat daraus eine sehr phantasievolle Geschichte von Mordabsichten, Weltverschwörung und Freimaurertum konstruiert, die viele Menschen bis heute glauben. Die Umsetzung von Adi Nes provoziert nicht weniger. Ein jüdischer Fotograf setzt israelische Soldaten in Szene wie da Vinci Jesus und die Jünger bei Letzten Abendmahl. Ist das nicht eine Grenzüberschreitung? Darf ein Jude so mit dem umgehen, was für Christen zum Kern ihres Glaubens gehört? Ich möchte daran erinnern, dass christliche Künstler zu allen Zeiten Themen der hebräischen Bibel so ausgedeutet haben, dass eigenständige Erzählungen zu Verweisen auf Christus wurden. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass auf zahlreichen Kreuzwegdarstellungen Juden oft sehr klischeehaft und beleidigend karikiert werden. Wichtiger aber scheint mir, dass Nes mit dem Bild nicht das israelische Militär verherrlichen will. Er hat ein eher kritisch-distanziertes Verhältnis zu einer Institution, die in Israel seit den Tagen von Ben Gurion und den ersten Kriegen gegen die Nachbarn mythisch verehrt wird. Deutlich erkennbar wird diese Infragestellung in der mittleren Person. Adi Nes wollte sicher keine Christuskopie schaffen. Der junge Soldat in der Mitte nimmt aber tatsächlich sein letztes Mahl ein. Er ist völlig isoliert von den anderen Soldaten, die ihn nicht beachten. Erinnern Sie sich an Leonardos Bild, in dem alle Blicke auf die Person in der Mitte, Christus, fixiert sind, voller Entsetzen, Ratlosigkeit und Verwirrung. Hier sitzt ein junger Soldat, der eigentlich gar nicht mehr da ist für die anderen.

Walter Homolka, Rabbiner und Rektor des Abraham-Geiger-Kollegs, beschreibt das Bild treffend: „Das Werk entstand 1999, vier Jahre nach der Ermordung Yitzhak Rabins, drei Jahre nach der Wahl Benjamin Netanjahus zum Ministerpräsidenten und ein Jahr vor dem Ausbruch der Zweiten Intifada. Adi Nes greift den Moment vor fatalem Verrat in der Abendmahlsszene auf und deutet damit das Lebensgefühl einer Generation junger israelischer Soldaten, die ihr letztes Mahl einnehmen, bevor sie von ihrer Regierung in den Kampf geschickt werden. Der Soldat im Zentrum sei deshalb isoliert dargestellt, so die in Berlin lebende israelische Kunsthistorikerin Doreet LeVitte-Harten, weil sein Schicksal bereits besiegelt sei: der Tod. Die ihn Umgebenden haben ihn bereits aus ihrem Gedächtnis gelöscht. Diese israelischen Soldaten, der Stolz der Nation, wirken orientierungslos und verloren.“ (Homolka, Walter. Der Jude Jesus – Eine Heimholung (German Edition) (S.15-16). Verlag Herder. Kindle-Version.)

Ist es erlaubt, eine biblisch so dichte Erzählung wie die vom „Letzten Abendmahl“ auf die aktuelle Situation zu übertragen? Ich gebe zu, dass die Fragestellung schon unterstellt, dass ich sie bejahe. Über den künstlerisch-kritischen Aspekt hinaus erkenne ich darin aber auch einen Zug jüdischen Glaubens, der für unser Verständnis des heutigen Tags zentral ist: Kein biblisches Ereignis ist nur Geschichte, es greift immer hinein in die Gegenwart. Das wird in besonderer Weise deutlich im Blick auf das Pessachfest, die Feier vom Auszug aus Ägypten, die ja die Schablone für unser Verständnis vom Letzten Abendmahls ist. Natürlich wird die Geschichte feierlich in der Familie und in den Gotteshäusern verlesen. Aber es bleibt nicht beim einmaligen Vortragen. Im Judentum gibt es den Auftrag, die Geschichte vom Auszug aus Ägypten möglichst oft zu erzählen und lange zu diskutieren, fast wie der Pfarrer in seinen Predigten. Dahinter steckt der Wunsch, dass durch das beständige Reden über die Ereignisse vor 3500 Jahren eine Brücke in die Gegenwart geschlagen wird. Das Erinnern soll zum Erleben werden. Alles wird in der Gegenwart und in der ersten Person Singular oder Plural erzählt, also als „Ich“ oder „Wir“. Der verstorbene Großrabbiner von Zürich, Michael Goldberger sagt: „Wir müssen die Geschichte so erzählen, als wären wir selbst in Ägypten, als würden wir selber versklavt. Wenn wir uns nicht als Knechte fühlen, haben wir die Mizwa nicht richtig erfüllt. Im Laufe der Erzählung befreien wir uns dann von all dem, was uns bedrängt.“

Jüdisches Gedächtnis ist etwas wesentlich anderes als unser allgemein gebräuchliches Gedenken. Juden erinnern sich nicht an ein Ereignis, das vor vielen tausend Jahren stattfand, sondern erleben mit, wie Gott sie heute in die Freiheit führt aus der Sklaverei all dessen, was sie quält, unfrei macht und ihnen das Leben raubt, aus ihren Kämpfen und dem persönlichen Ringen, den Sinn des Lebens nicht zu verlieren und aus der Angst, dass mein Leben wertlos war, weil ich etwas versäumt habe. Diese Art des Gedächtnis, das ganz Gegenwart ist, hat auch den „Juden“ Jesus von Nazareth in seinem letzten Mahl durchdrungen. Er feiert nicht nur die Erinnerung daran, dass vor dem Auszug Lämmer geschlachtet und ein Mahl gefeiert wurden, er geht noch weiter als jüdisches Gedenken, das den Mitfeiernden die Teilhabe ermöglicht, und macht sich selbst zum Paschalamm, das Schutz und Freiheit ermöglicht. Unsere beiden Religionen verbindet ein großes Geschichtsbewusstsein. Wir haben eine tiefe Quelle für unseren Glauben, die aber hier und jetzt sprudelt, also alles immer in die Gegenwart holt. Der Gott, für den tausend Jahre wie ein Tag sind, ist gleichzeitig mit Abraham unterwegs, führt sein Volk aus Ägypten, gibt sich hin am Kreuz und hält jetzt mit uns Mahl. Der Gedanke vom Bund, den Gott mit seinem Volk schließt, ist also eine Art „Zeitumstellung“: Die Vergangenheit wird vorgestellt auf die Gegenwart. Im ersten Gebet der Osternacht nach der Lesung vom Zug durch das rote Meer heißt es am Beginn: „Gott, deine uralten Wunder leuchten noch in unseren Tagen.“ Nicht das „Einst“ der großen Ereignisse steht im Zentrum, sondern das „Jetzt“ unseres Erlebens. Wenn wir heute nicht das Gedenken, sondern das Gedächtnis des Letzten Abendmahls feiern, erinnern wir uns nicht nur an ein historisches Datum, sondern erleben es mit. Das wird in dieser Liturgie deutlich, wenn in den Einsetzungsworten ein kleiner Hinweis eingefügt wird. Am Gründonnerstag beten wir: „Denn in der Nacht, da er verraten wurde“ und fügen hinzu „das ist heute“, nicht „heute vor 1990 Jahren“, sondern wirklich jetzt und hier. Eucharistie lebt von Ritualen, die an etwas erinnern, und wie das Erzählen am Sederabend uns teilhaben lassen Sie machen uns zu Jüngern, die mit im Abendmahlsaal sitzen.
Weil also Gott immer Gegenwart, nie nur Geschichte ist, kann sein Handeln auch nicht in chronologischen Reihenfolgen gedacht werden, also in dieser bösen Abwertung von „altem“ gegenüber „neuem“ Bund. Für Gott ist sein Bund immer gültig, auch wenn er sich in verschiedener Weise ausgestaltet. Der Bund nimmt die Menschen aller Generationen hinein in das Versprechen der liebenden Fürsorge Gottes, der sich dem Mose als „Ich bin der ich bin“ offenbart, und seiner Hingabe im Kreuzesopfer Jesu.

Wir wissen es, aber oft fällt es uns schwer, wirklich dabei zu sein. Darum bietet uns Johannes die Brücke, mit der diese „Aktualisierung“ im Leben gelingt: Die Fußwaschung. Natürlich führt uns Johannes auch in den Abendmahlsaal. Seine Einsetzung der Eucharistie hat er aber schon in der Brotrede Jesu in Kafarnaum dokumentiert, so dass für ihn die Schilderung des Brotteilens und der Kelchsegnung nicht mehr so entscheidend sind. Lange Kapitel wird Jesus in seinem Evangelium in den Abschiedsreden deuten, was seine Zusage „Ich bin das lebendige Brot“ für das Leben seiner Jünger bzw. seiner Jüngerinnen bedeutet. Jetzt kann Johannes sich beschränken, darauf zu verweisen, dass ein Mahl stattfindet. Wichtig ist ihm, dieses Mahl aus der Sondersituation einer Privatfeier herauszuholen und in das Leben seiner Gemeinde und damit der ganzen Kirche zu holen. Die Fußwaschung braucht nicht die einmalige Erfahrung des Abschieds, sie wird täglich gelebt. Letztlich aktualisiert sie die Hingabe Jesu in unser Leben hinein. Die Einheitsübersetzung schreibt sehr schwach: „Ich habe euch ein Beispiel gegeben.“ Besser könnte man es übertragen „Ich habe für euch ein Zeichen gesetzt“, also eine vorgelebte Anweisung, wie die Jüngerschaft zu allen Zeiten gelingt. Die Fußwaschung nimmt damit quasi die Bedeutung eines Sakraments ein, also einer irdisch-menschlichen Erfahrung, die in einer bestimmten Lebenssituation die Nähe Gottes vermittelt.

In jeder Eucharistiefeier reicht uns Christus nicht nur seinen Leib und sein Blut, sondern beugt sich zu uns nieder und wäscht uns die Füße, erweist uns einen spürbaren Liebesdienst, der uns gut tut. Manchmal erleben wir es, dass die Feier der Heiligen Messe unseren müden und verletzten Herzen wirklich neue Kraft gibt, dass sie gleichsam Balsam für die Seele ist. Manchmal wehren wir wie Petrus ab, weil wir uns nicht helfen lassen wollen. „Ich bekomme meine Probleme allein in den Griff. Ich brauche niemand.“ Immer aber spüren wir, dass die Messe mehr ist als eine Übung privater Frömmigkeit, nämlich Verpflichtung. Dieses Zeichen bewahrt uns davor, die Wandlung magisch misszuverstehen. Sie lässt uns am Tisch sitzen mit dem Lehrer und Meister und schickt uns zur gleichen Zeit hinaus, den Schwestern und Brüdern die Füße zu waschen. Beides gemeinsam, Eucharistie und Fußwaschung, sind Ausdruck der Liebe, die Jesus den Seinen, die in der Welt sind, bis zur Vollendung erweist, wie es Johannes im Eingang des heutigen Evangeliums schreibt. „Welt“ steht für die Ordnung der Wirklichkeit, in der Unschuldige unter die Räder kommen, in der Menschen gegeneinander kämpfen, um das eigene Überleben zu sichern, in der Zerstörung und Leid zur Tagesordnung gehören, an die wir uns gewöhnt haben wie z.B. an die Not der Menschen in Syrien, die seit genau zehn Jahren durch einen Krieg in Hunger und Elend getrieben werden und aus Angst um ihre Leben fliehen müssen. Gegen diese Weltordnung setzt das Abendmahl Jesu eine neue Ordnung, in der die Liebe nicht ein Allerweltsding ist, sondern gelebte Solidarität, gerade auch dann, wenn die Helfer selbst in Bedrängnis geraten sind. Fußwaschung geschieht durch verwundete Helfer, nicht weil ich Abwechslung in meinem routinierten Leben brauche. Die Füße im Sinne Jesu wäscht der den anderen, der weiß, dass er es selbst nötig hat. Alles andere ist Mitleid.

Das werden wir heute in der Liturgie deutlich machen. Unsere Sozialpädagogin, Frau Peper, hat auf die vergangenen Monate zurückgeblickt und gefragt, wo dieser Dienst der Fußwaschung, gerade in diesen schwierigen Zeiten erlebbar wurde. Ihr sind viele verschiedene Berufe, Beziehungskreise und Personengruppen in den Sinn gekommen: Solche, die man erwartet, wie Ehrenamtliche in den Hilfsdiensten, Flüchtlingseinrichtungen und der Gemeinde, Mitarbeiterinnen in Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen, Hospizen, aber auch natürlich der engste Kreis im eigenen Leben, Familien, die eine immense Last in dieser Zeit getragen haben und noch tragen, Nachbarn, Besuchsdienste, aber auch Verkäuferinnen und Mitarbeiter im Logistikunternehmen, aber auch Bestatter, die in dieser Sondersituation viel Trost und Beistand leisten mussten.

In diesem Jahr muss der Ritus der Fußwaschung in unserer Liturgie entfallen. Das ist schade, weil es jedes Jahr ein sehr eindrückliches Zeichen ist, wenn der Pfarrer sein teures Messgewand ablegen und sich hinunterbeugen muss, um Menschen, denen es in der Regel unangenehm ist, die Füße zu waschen. Beide müssen sich überwinden, aber nach ein paar Minuten ist es vorbei. Um so mehr kann in diesem Jahr deutlich werden, dass die Fußwaschung als Zeichen ein alltäglicher Auftrag und ein Stachel im Fleisch einer Kirche ist, die noch immer von oben nach unten strukturiert ist. In unserer Kirche gewährt man gerne Hilfe, gibt Almosen und hat Mitleid, das ist ein Zeichen von Größe und Erhabenheit. Petrus aber muss erfahren, dass er anderen gegenüber nicht als Zeichen seiner hohen Stellung zur Fußwaschung verpflichtet ist, sondern weil er selbst hilfsbedürftig ist. Es ist nicht leicht für ihn, sich die Füße waschen zu lassen, denn damit muss er gestehen, dass er es nötig hat. Aber nur so kann er auch glaubwürdig anderen die Füße waschen.
Vielleicht ist uns das in diesem Jahr wirklich bewusst geworden: Die, die jetzt anderen zur Hilfe eilen, sind keine Supermänner und -frauen. Sie sind selbst angegriffen, verwundet und verängstigt.

Ob Helfer beim Roten Kreuz, THW, Maltesern, Feuerwehr oder die Polizistinnen und Polizisten – sie, die in diesen Monaten zur Hilfseinsätzen ausgerückt sind, wussten immer auch um die Gefahr für ihr eigenes Leben.
Die Krankenschwestern, Pfleger, Ärzte und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Sozialstationen, Krankenhäusern, Behinderteneinrichtungen und Altenheimen waren zu jeder Zeit genauso bedroht von der Pandemie wie die Bewohner und Patienten. Sie litten unter den gleichen Ängsten, quälenden Gefühlen der Endlosschleife und der niederschlagenden Erfahrung von Einsamkeit und Einschränkung ihrer Freiheit.

Alle Eltern, die in dieser Zeit tröstend ihre Kinder in den Arm genommen haben, ihre jugendlichen Söhne und Töchter, die nicht in die Schule oder zur Uni konnten, aufgerichtet haben oder versucht haben, den eigenen Eltern nahe zu sein, zu denen wir auf Distanz gehen sollten, haben nicht weniger unter Zermürbung, Frustration, Zukunftsangst und Belastungsproben für die eigene Partnerschaft gelitten als die, für die sie da waren.

Die Fußwaschung führt uns nicht Idealisten der Liebe vor Augen, die furchtlos und jede Gefahr verachtend Heldentaten vollbracht haben, sondern Menschen, dich und mich, die um ihre eigene Verletzlichkeit und Hilfsbedürftigkeit wissen und dennoch tun, was nötig ist.

Fußwaschung und eucharistische Lebenshingabe sind keine Geschichte von „einst“, sondern erfahrbare Gegenwart. Wir können auf das Ritual verzichten, wenn uns bewusst bleibt, wie vielen Menschen Christus nahe bleibt, weil andere bereit sind trotz aller Begrenzungen seine Hingabe ihnen gegenüber zu leben. „Ich habe euch ein Beispiel gegeben. Handelt ebenso“. Wenn ich zuhöre, weil ich weiß, dass man mir zuhört, wenn ich hinschaue, weil ich weiß, dass man mich beachtet, wenn ich helfe, weil ich weiß, dass ich Hilfe bekomme, dann wird die Gegenwart Jesu, die großen Wundertaten Gottes von einst auch heute für Menschen erlebbar. Amen.

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