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Wie Schafe ohne Hirten?“ – 11. Sonntag im Jahreskreis A – 14.6.2020

Sven Johannsen, Lohr

11_Sonntag_Haben_wir_versagt_2020.pdf

Liebe Schwestern und Brüder

„Als würde BMW eine Fußgängerpartei gründen“, so hat der Erfolgsautor Peter Hahne, ehemals Chefredakteur des ZDF und bekennender Christ, das Verhalten der großen Kirchen in der Zeit der Corona-Krise beschrieben. Gemeint war das nicht als Lob, sondern als Kopfschütteln über die seiner Meinung nach viel zu hohe Willfährigkeit der großen Kirchen gegenüber der Politik. So fügt er das bittere Urteil an: „Aus Unternehmern der frohen Botschaft sind Unterlassen mit Klageliedern geworden.“ Am lautesten, so Hahne hört man die Bischöfe gehört, wenn sie über ausbleibende Kirchensteuergelder jammern. Das ist sicher viel zu überspitzt, aber doch ein Eindruck, den nicht wenige teilen würden.

Für ihn war vieles nicht notwendig, was die Kirchen in vorauseilendem Gehorsam an Verzicht übten. So kritisiert er, dass Baumärkte offen hatten, während die Kirchen ihre Gottesdienste einstellen mussten. Vor allem ärgert war die fehlende Aufbegehren gegen Maßnahmen, die mitunter von der Politik gar nicht gefordert war. Darauf hat auch der nordrheinwestfälische Ministerpräsident Laschert hingewiesen, der sagte, dass von den Kirchen nicht verlangt wurde, völlig auf das Feiern der öffentlichen Gottesdienste zu verzichten.

Haben die Kirchen versagt? Haben sich die Hirten weggeduckt?

Peter Hahne ist kein aggressiver Kirchenfeind. Er war lange Jahre Mitglied in der Synode der Evangelischen Kirche Deutschlands. Er ist bekennender Christ und heute ein prominenter Vertreter der Evangelikalen in Deutschland. Armin Laschert ist praktizierender Katholik. Also hier geht es nicht um die üblichen Anfeindungen der Kirchen aus einer bestimmten Ecke der Gesellschaft. Es sind unsere Leute, die hier stellvertretend für viele Christen den schmerzlichen Eindruck formulieren, dass die Hirten abgetaucht sind.

Hahne bringt es erneut mit pointierter Schärfe in Worte, wenn er schreibt:

„Die Institution braucht keine Feinde von außen, ihre Religionsbeamten regeln das von innen selbst: Nach der Selbstsäkularisierung folgt nun die Selbstmarginalisierung, die Selbstverzwergung eines Unternehmens, das seit Pfingsten mit einer großen Botschaft die weite Welt evangelisierte.“

Sie sind wie Schafe ohne Hirten“, so sieht Jesus heute im Evangelium die Menschen um sich. Müssen wir uns das vielleicht auch einmal von ihm sagen lassen? Gilt das auch für die vergangenen Wochen für die Menschen in unserer Kirche?

Ganz sicher die Bischöfe haben sich immer zu Wort gemeldet. Aber eher war ihre Erklärungen zu hören, warum man sich wieder mit Einschränkungen abfinden als ihre Zweifel, ob das alles notwendig ist. Gerade die Aussetzung der öffentlichen Feier der Messe war ja ein fundamentaler Einschnitt in die Rechte der mündigen Katholiken.

Ja, wir können viel dagegenhalten. Ich glaube, dass wir gerade in unserer PG deutlich gemacht haben, dass Seelsorge weitergeht. Viele haben mir aber den Eindruck bestätigt, dass es spürbar war, dass die Kirche hier nicht abgetaucht ist. Sicher dürfen wir niemanden in Gefahr bringen, das habe ich immer wieder betont, aber manchmal gehört es zur Hirtenaufgabe einfach, da zu sein, auch der Fels in der Brandung zu sein, nicht zu wanken, wenn als aus Angst ins Schwanken gerät. Treue zur Gemeinde ist kein Schönwettervergnügen. Es verlangt, dass wir auch dann Kraft und Mut geben, wenn wir selbst uns unsicher fühlen oder Angst haben.

Jetzt aufzuzählen, was alles gemacht wurde, klingt wie eine Art nachgeschobene Rechtfertigung, die allzu durchschaubar wirkt, oder wie eine Selbstbeweihräucherung, die sich für die Kirche Jesu nicht ziemt. Ich freue mich, dass viele Menschen die unterschiedlichen Angebote wahrgenommen haben und auch uns immer wieder dankbar und ermutigend Rückmeldungen geben haben. Auf eines möchte ich doch hinweisen: Es waren nicht nur die Hauptamtlichen. Viele sind in ihren Gemeinden ehrenamtlich aktiv geworden, haben Gebetsecken eingerichtet und gepflegt mit Impulsen, Bildern, Büchern zum Aufschrieben der Gedanken, die Menschen eingeladen haben, ihre Trauer und Angst, ihre Freuden und Sorgen vor Gott zu tragen. Wir haben Nachbarschaftshilfe erlebt beim Einkaufen, bei Balkonkonzerten, Verteilen von Hausgottesdiensten u.v.m.

Das entspricht auch unserer Berufung durch Gott. Deutlich sagt die erste Lesung heute: Ihr seid ein Volk von Priestern. In diesem Erbe des Wüstenvolkes Israels stehen auch wir noch. Das Konzil hat aufgezeigt, dass es zwei Arten von Priestertum gibt: Das sakramentale Priestertum, das gekennzeichnet ist durch die Priesterweihe, und das allgemeine Priestertum, das durch die Taufe zur Würde aller wird. Dem sind in diesen Wochen alle gerecht geworden, die nicht unvorsichtig geworden sind, aber dennoch auch aus ihrem Glauben die Kraft geschöpft haben, Zuversicht und Hoffnung auszustrahlen und an andere weiterzugeben. Auch das ist Hirtendienst: Dann, wenn andere Panik machen, Vernunft zu bewahren, der Hoffnung treu zu bleiben und andere aufzurichten. Das ist in unseren Gemeinden auf vielfältige Weise geschehen.

Ich glaube, dass wir sagen können, dass die Hirtensorge in unseren Gemeinden in vielfältiger Weise unter den besonderen Umständen weiterging.

Aber perfekt war nicht alles. Es gibt dunkle Flecken:

Besonders getroffen hat mich die nachdrückliche Kritik der ehemaligen Ministerpräsidentin von Thüringen, Christine Lieberknecht, die den Kirchen Schweigen und Versagen n der Zeit der Krise vorwarf. In einem Interview mit der Welt hat sie massiv Kritik an den Kirchen geübt:

Die Kirche habe in dieser Zeit Hunderttausende Menschen alleingelassen, Kranke, Einsame, Alte, Sterbende, kritisierte Lieberknecht in der Zeitung "Die Welt" (Online-Ausgabe): "Es sind 8.000 Menschen an Covid-19 gestorben, aber seit März auch 150.000 Menschen aus anderen Gründen. Wo war da das Wort der Kirchen?"

Das Schließen der Gotteshäuser sei nicht zwingend erforderlich gewesen, sagte Lieberknecht. Nach dem Infektionsschutzgesetz hätte es ihrer Ansicht nach ein Recht für Geistliche auf die Begleitung von Sterbenden gegeben.

Die Kirche sei "nicht irgendeine zivilgesellschaftliche Organisation", sagte die Christdemokratin, die bis 1990 selbst Gemeindepfarrerin war. Sie melde sich bei gesellschaftlichen und politischen Auseinandersetzungen immer zu Wort: "Aber in der Corona-Krise war dazu nur Schweigen. Viele Seelsorger fühlten sich von ihrer Amtskirche im Stich gelassen." (vgl. Domradio.de v. 19.5.2020)

 

Es gab einen gewaltigen Aufschrei. Es wurden Gegendarstellungen geschrieben, in denen dann in weinerlichen Ton Heldentaten präsentiert wurden und darüber gejammert wurde, dass Krankenhäuser und Altersheime uns den Zutritt untersagt haben, was nicht ganz der Wirklichkeit entspricht. Auch mich bewegt der Vorwurf noch immer. Weniger, weil ich ihn ärgerlich als ungerechtfertigt empfinde, als vielmehr, weil mich die Frage quält, ob sie nicht recht hat?

Haben wir nicht in diesen Wochen gerade da versagt, wo es um das Herz unseres Glaubens ging, die Sakramente?

Wenn wir glauben, was wir an Fronleichnam verkündet haben, dass Jesus das Brot ist, das Menschen das Leben gibt, dann frage ich mich, ob wir nicht mehr hätten unternehmen müssen, um Menschen die Begegnung mit ihm in der Eucharistie zu ermöglichen und ob wir nicht kreativer hätten sein müssen im Umgang mit dem Verbot, mit den Gemeinden öffentlich Eucharistie zu feiern. Hätten wir nicht mehr darauf insistieren müssen, dass der Beistand in Krankenhäusern etwas notwendiges ist. Ich muss ja sagen, dass wir auch in diesen Wochen immer wieder gerufen wurden, wenn Angehörige die Sterbesakramente wünschten, aber das war viel seltener als sonst. Vielleicht hätten wir mehr in der Öffentlichkeit sagen müssen, dass es weiterhin möglich ist.

Wer die Sakramente empfangen wollte und uns, Seelsorger gefragt hat, der konnte sie auch empfangen. Aber viele haben sich nicht getraut zu fragen und sehr darunter gelitten, dass die Kommunion ihnen vorenthalten wurde. Nein, es kann nicht richtig sein, niemals und unter keinen Umständen, Menschen von der Feier der Eucharistie auszuschließen. Aber zugleich glaube ich, dass wir, um gut und vor Gott und den Menschen verantwortlich zu handeln, mitunter tun müssen, was nicht richtig ist. Ja, wir stehen unter dem Auftrag Jesu „Tut dies zu meinem Gedächtnis“ und Menschen die Möglichkeit zu entziehen, daran teilzunehmen, ist nicht richtig und war nicht richtig. Aber es war verantwortlich. Denn Jesus ist gekommen, dass die Menschen das Leben haben, nicht um sie in Gefahr zu bringen. Er ist nicht nur gekommen, dass sie das Leben einmal in der Ewigkeit haben, sondern auch hier leben können. Sonst hätte er mit seiner Menschwerdung das Leben auf dieser Erde nicht geheiligt. Es war nicht richtig, aber es war verantwortlich vor Gott und im Sinne seiner Liebe zu den Menschen, von der Sonntagspflicht zu befreien und sogar die öffentlichen Messen zu untersagen. Aber genauso gilt jetzt, wenn es die Möglichkeit gibt, auch unter eingeschränkten Bedingungen Eucharistie zu feiern, dass sein Wille unser Auftrag ist und wir nicht zu zögern haben, der Welt die Eucharistie zu bringen. Ich habe in meinem Beitrag für das Sonntagsblatt auf die Herz-Jesu-Figur in der Stadtpfarrkirche verwiesen. Dort streckt sich eine müde, verwundete, aber keine selbstmitleidige Kirche nach der Seitenwunde Jesu aus, von der die Sakramente entspringen, um sie der Welt, die am Boden zerstört ist, die Sakramente zu bringen. Auch wenn es pathetisch klingt, ich bleibe dabei, Wir schulden der Welt die Sakramente der Heilung und den seelsorglichen, unsere Treue zu unserem Herrn, der nicht den Untergang, sondern die Rettung der Welt will und sich dafür hingab.  

Ich bin mir als Pfarrer darüber im Klaren, dass wir an diesem Punkt auch unzulänglich geblieben sind oder manches heute im Rückblick hätten anders machen können. Aber ich hoffe auch, dass eine Gemeinde spüren konnte, dass ihre Seelsorger versucht haben, das zu geben, was sie konnten, nämlich ihre Treue zu Christus und den Menschen. Wir haben versucht, das was wir anfangs versprochen haben, durchzuhalten: Wir bleiben ihnen nahe. Jeder auf seinem Posten.

 

Da war ein Pensionär, der treu Sonntag für Sonntag am Altar im Altersheim stand, allein mit seiner Haushälterin und die Messe gefeiert hat, die in die Zimmer übertragen wurde. Jeder hätte verstanden, wenn er sagt, ich warte erstmals ab. Ich bin auch nicht mehr der Jüngste. Aber für die Bewohner des Hauses wurde er zur letzten Brücke zur Kirche und zur Gemeinde.  

Da war unser Diakon, der in seinen Aufgaben am Altar stark beschnitten wurde, aber treu Tag für Tag kam und dann eben den Part der Gemeinde zusammen mit den Küstern übernahm und so stellvertretend die, die sonst hier sind und Antwort gaben, an den Altar brachte.  

Da waren junge Seelsorgerinnen und Seelsorger, Pastoralassistentinnen, Sozialpädagogin und Kaplan, die noch nie mit so einer Krise konfrontiert waren, aber jetzt eben nicht panisch wurden, obwohl ihre ganze Ausbildung gerade aus den Fugen geriet, und Kontakte zu ihren Schülern, Kommunionkindern, Firmlingen gesucht haben. Die angerufen haben bei Senioren, die sie gar nicht kennen und so die Pfarrei doch noch in Kontakt hielten 

Da waren unsere Damen im Pfarrbüro, die jederzeit hätten sich zurückziehen können in Kurzarbeit oder Homeoffice, aber mit Fröhlichkeit und viel guter Laune jetzt eben mehr Dienst am Telefon, aber auch gegenüber denen geleistet haben, die unsicher waren, wie man jetzt weitermacht.  

Und da waren wir, die „Alten“, Pfarrvikare und Pfarrer, Kantor, die einfach gesagt haben „Wir machen unseren Dienst weiter“, das haben wir einmal dem Bischof und en Gemeinden versprochen und wir lassen uns doch nicht von einer solchen Krise aus der Bahn werfen. Wir suchen neue Wege, aber wir bleiben auf dem Posten.

 

Ich möchte nicht vergessen, dass viele, gerade im PGR und auch in der KV uns ermutigt haben, und immer bereit waren zu helfen.  

Nein, nicht alles ist optimal gelaufen, aber ich glaube, dass das Pfarrhaus in diesen Wochen keine Verteidigungsfestung gegen die Welt war, sondern offene Türen hatte und viele bemühen waren, Menschen die Begegnung mit Christus zu ermöglichen.  


Verzeihen sie mir diese Überheblichkeit, die sicher mancher auch anders sieht, aber ich bin mir sicher, dass wir als Menschen, die sich haupt- und ehrenamtlich in der Kirche engagieren, nicht mehr sagen können, als dass wir unseren Dienst als Zeugen Christi an der Welt zu erfüllen gesucht haben. Er sendet uns: Heilt Kranke, weckt Tote auf. Das haben wir nicht hinbekommen. Aber vielleicht ist es uns doch gelungen erkennen zu lassen, was uns als Grundbotschaft Jesu antreibt: Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe! Amen. 

 

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